Autor Thema: Curveball - Wir machen die Wahrheit  (Gelesen 234 mal)

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Online First Orko

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Curveball - Wir machen die Wahrheit
« am: 5.10.2020 | 11:23 »
Ich hatte letzte Woche die Gelegenheit, auf den Hamburger Filmtagen Curveball - Wir machen die Wahrheit zu sehen - eine bitterböse Groteske über die Verwicklungen des BND in den Ermittlungen um iranische Anthrax-Fabriken zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Ein sperriges Thema, welches der Film auf mehrere Arten ebenso unterhaltsam wie erschreckend zu vermitteln mag.
Da wäre zunächst das Spiel mit der Wahrheit: Schon vor der ersten Szene wird klargemacht, dass hier eine "wahre Geschichte" verfilmt wird - was insofern stimmt, dass die Rolle von Rafid Ahmed Alwan im Film so ziemlich der Realität entsprechen dürfte, auch wenn das im Detail Gezeigte sich höchstwahrscheinlich eher nicht genau so dargestellt haben wird. Das machen diverse überzogenen und an den Grenzen zur Albernheit grenzenden Szenen klar, wobei sich Curveball niemals dem Komödiantischen ergibt: Die Überziehung dient als Stilmittel um zu verdeutlichen, dass egal was hier gerade gezeigt wird, die Absurdität der Realität niemals eingeholt werden kann.
Denn diese - und das macht die gesamte Art, wie der Film gedreht wurde - liegt hauptsächlich in den Sachzwängen deutscher Bürokratie, welche in Kombination mit skrupelloser Karrieregeilheit und internationalen Verwicklungen in ihrer Absurdität und den Auswirkungen (Irak-Krieg!) unübertroffen bleibt.

Und so ist auch nur folgerichtig, wenn sich Curveball den typischen Klischees deutscher Filmemacherei bedient und diese gezielt einsetzt: Da wird eine profane Einstellung gerade diesen kleinen Moment zu lang gehalten, um einerseits klarzumachen "Hallo, Deutscher Film hier!" aber einen nicht wirklich ernsthaft zu nerven. Da werden die großartigen Dialoge immer mal wieder von Phrasen durchsetzt, die man in Vorabendserien der 90er zu Hauf fand - nur hier passt sie in das Kleinkarierte des institutionellen Alltags wie die Faust aufs Auge.

Zu guter Letzt findet der Film in den verschiedenen Zeitebenen (es gibt mehrere Sprünge von den frühen 90ern bis in die Zeit des Irakkriegs) vor einer, in ihrem Detailgrad ebenso verblüffenden wie überzeugenden Kulisse statt: Von dem VHS-Fernseher im Besprechungsraum über Kleidung, Einrichtung und TV-Ausschnitten aus den jeweiligen Epochen: Da werden mal eben 20 Jahre Bundesrepublik aus diesem speziellen Blickwinkel sehr gekonnt durchreist. Überhaupt: Die Melange aus Zeitgeschehen und Fiktion ist hier auf dem Punkt gelungen.

Curveball ist kein deutscher Betroffenheitsfilm, sondern das Zeitdokukment eines unzuverlässigen Erzählers, dass auf die Frage "Wie konnte das passieren?" eine Antwort gibt, die diese Frage gleichermaßen beantwort und direkt nochmal neu stellt, diesmal aber anders betont: "Wie konnte DAS passieren?!"
« Letzte Änderung: 5.10.2020 | 11:26 von First Orko »
It's repetitive.
And redundant.

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