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Eskapismus-Debatte und der Stand von Fantasy in Deutschland
Infernal Teddy:
Literatur SOLL unterhalten. "Anspruch" ist nur eine nette nebenwirkung.
6:
Weil wir von der Gruppe 47 gesprochen haben:
Es gab in der FAZ wohl 2007 eine Möglichkeit bestimmten Persönlichkeiten direkt Fragen zu stellen. Dabei wurde auch Marcel Reich-Ranicki eine kurze Fragerunde gegönnt:
Fragen Sie Reich-Ranicki
Ich fand seine Antwort in Bezug auf Fantasy-Literatur damals bezeichnend:
--- Zitat ---Wie schätzen Sie die Bedeutung von Fantasy-Literatur - besonders Tolkiens „Der Herr der Ringe“ - im Vergleich zu der als „bedeutend“ angesehenen Literatur (Shakespeare, Goethe Schiller, Thomas Mann, Brecht) ein? Tobias Hock
Reich-Ranicki: Ich weiß es, ich werde Sie enttäuschen: Fantasy-Literatur, Science-Fiction und dergleichen mehr interessierte mich ein wenig in meiner Jugend. Von Tucholsky angeregt, las ich den Amerikaner Edward Bellamy, dann einige Romane von Jules Verne, dann einen in der Nachfolge von Verne schreibenden populären deutschen Autor Hans Dominik, der längst vergessen ist - und dann hatte ich von dieser Literatur genug. Sie amüsierte mich nicht. Wozu sollte ich sie dann lesen? Um mich über dies und das belehren zu lassen?
Für solche, vielleicht höchst lobenswerte Bemühungen sollte man die Kunst nicht missbrauchen. Und sie wird immer missbraucht, wenn sie ausdrücken will, was populärwissenschaftliche Schriften besser und auch überzeugender ausdrücken können.
--- Ende Zitat ---
EDIT:
Und um nochmal nachzulegen:
Fragen Sie Reich-Ranicki(die 2.te):
--- Zitat ---Es trifft schon zu, dass die Science-Fiction-Werke, so erfolgreich sie auch sind, in der Literaturkritik nur ein dürftiges Echo finden. Natürlich ist das kein Zufall. Der wichtigste Grund mag sein, dass die unzweifelhaften Vorzüge dieser Prosa mit Kunst nichts zu tun haben.
--- Ende Zitat ---
AngusMacLeod:
Zum Thema, warum bei unserer Elterngeneration Fantasy weniger auf Akzeptanz stößt als SciFi, mag es vielleicht auch daran liegen, was in deren Kindheit und Jugend die dominante phantastische Literaturform war. Ich habe jetzt keine Fakten dazu, aber basierend auf den Erzählungen der "Zeitzeugen der 50er und 60er" (meine Elterngeneration), hatte in der Zeit die SciFi einen deutlich gewichtigeren Anteil im Mainstream als z.B. die Tolkiensche Fantasy, die ja auch erst 1970 das erste Mal in einer deutschen Version erschien.
Wir sehen uns immer noch als die "Jungen Leute" an und die Wirtschafts- und Politik-Granden als "die Älteren", die definieren, was anerkannt ist und was nicht auf einem Business-Meeting erzählt wird.
Aber warten wir nochmal 10 Jahre, dann sind die Chefetagen durchdrungen von rollenspielenden und Fantasy-Literatur-lesenden Wirtschafts- und Politik-Lenkern und dann sieht das alles wieder anders aus.
Jetzt ist es doch schon so, dass sich hier bestimmt auch einige rumtreiben, die als nerdige RPG-ler im "wahren Leben" in Managementpositionen sitzen und seriös mit Anzug und Krawatte Teams leiten und über die Geschicke von Firmen entscheiden. Und da merke ich bereits, dass man viel offener über Fantasyliteratur, RPG oder auch Metal-Festivals spricht, als man das mit Businessleiten aus der Elterngeneration (s. oben) machen würde.
Huhn:
"Elterngeneration" ist ja sone Sache. Mein Vater hat ein ganzes Regal SciFi-Literatur, meine Mutter liebt Fantasy. Entsprechend konditioniert und ausgestattet wurde ich da halt auch. Das Lesen dieser Bücher hatte bei mir weder was Neuartiges noch Rebellisches. Da ich aber auch jünger als der Forendurchschnitt hier bin, ist das wohl schlicht eine Generation weiter als bei euch (meine Eltern hatten ihre Kindheit/Jugend in den 70ern/80ern). Allerdings: Mein Opa ist auch ein großer Herr der Ringe Fan und hat Moers mit großer Freude gelesen.
Zur Frage, was (nicht nur fantastische) Literatur leisten sollte. Ich seh das wie Infernal Teddy: Der Zweck von Unterhaltungs-Literatur ist es, naja, eben zu unterhalten. Alles andere ist netter Nebeneffekt und für mich zweitrangig. Ich hab in dem Zusammenhang neulich auf der Drachenzwinge auch schon eine Lanze für sone Vampir-Buchreihe gebrochen. Natürlich ist die Schund. Na und?
Ich halt mich da an eines meiner Rechte als Leseratte, nämlich das Recht, irgendwas zu lesen. Ich bin nicht verpflichtet nur das zu konsumieren, was andere für toll halten. Es soll ja mir gefallen und nicht anderen. Wenn es mir darum ginge, die Bücher im Regal zu haben um andere mit meinem belesenen Intellekt zu beeindrucken, würde ich diese Baumarkt-Deko-Bücher von Reader's Digest bestellen. Es zeigt mir persönlich auch nichts mehr, wie unbelesen Menschen sind, die als ihre Lieblingsbücher großspurig die Dinger angeben, die zum Schullehrplan gehören. ("Also mir haben ja Effie Briest und Der Schimmelreiter unglaublich gut gefallen!") Das zeigt mir doch bloß, dass die, selbst wenn ihnen der Krempel wirklich Freude bereitet haben sollte, und sie mir das nicht nur erzählen, um klug zu wirken, danach nie auf die Idee kamen, noch weitere Bücher dieser Epoche/dieses Genres/dieser Person zu lesen.
Naja und dass der Reich-Ranicki sich gern selbst klug vorkam, wussten wir ja auch alle vorher schon. Ich kenne aber auch persönlich Leute, die gern die Ansicht verbreiten, Lesen müsse irgendwie schmerzhaft und elend sein, sonst wärs kein gutes Buch gewesen. Ich muss da immer an Oma Slättberg aus den Wilden Hühnern denken: "Das Leben muss hart und freudlos sein und wenn es doch einmal Spaß macht, hast du etwas falsch gemacht." Oder so ähnlich. ;D
Achamanian:
--- Zitat von: 6 am 22.11.2016 | 06:47 ---Weil wir von der Gruppe 47 gesprochen haben:
Es gab in der FAZ wohl 2007 eine Möglichkeit bestimmten Persönlichkeiten direkt Fragen zu stellen. Dabei wurde auch Marcel Reich-Ranicki eine kurze Fragerunde gegönnt:
Fragen Sie Reich-Ranicki
--- Ende Zitat ---
;D
Mensch, von Bellamy zu Verne zu Dominik ... da hat der gute Mann sich ja auch konsequent von oben nach unten vorgelesen - kein Wunder, dass er dann keine Lust mehr hatte. Hätte er nicht mal jemand fragen können, der sich mit sowas auskennt?
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