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Eskapismus-Debatte und der Stand von Fantasy in Deutschland

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Achamanian:

--- Zitat von: Crimson King am 21.11.2016 | 22:22 ---Auf der anderen Seite finde ich es immer wieder interessant, zu sehen, wie Phantastik-Autoren in Deutschland direkt der Science Fiction zugerechnet werden, sobald sie nicht die gängigen Klischees erfüllen. China Miéville lässt grüßen. Matt Ruff wäre noch so ein Kandidat.

--- Ende Zitat ---

Das finde ich übrigens interessant, weil bei uns im Buchladen Ruff und Mieville auch bei der SF und nicht bei der Fantasy stehen ... der Grund ist gar nicht, dass wir da irgendwelche auf inhaltlichen Kriterien basierende Genre-Zuteilungen vornehmen, sondern dass Mieville und Ruff bei den Kunden beliebt sind, die vorrangig SF lesen, während diejenigen, die vorrangig Fantasy lesen, sich meistens nicht für sie interessieren.
Denke, das hat mit der extremen Elfen-Zwerge-Meuchelmörder-Dominanz zu tun, die sich in der deutschsprachigen (Erwachsenen-)Fantasy herausgebildet hat. Die Fantasy- und SF-Leser scheinen sich manchmal schon sehr klar zu scheiden in "ich möchte gefordert werden"(SF) und "ich möchte was Vertrautes zum Schmökern" (Fantasy). Mieville und Ruff passen dann natürlich eher in die SF. Dazu kommt, dass es in der SF ja auch wieder starke Überschneidungen mit der "High Brow"-Literatur gibt (von Orwell bis zu aktuellen deutschsprachigen Autoren wie Reinhard Jirgl, Georg Klein und Dietmar Dath). Auch da finde ich, dass die Unterschiede oft gar nicht mal so stark inhaltlich begründet sind, sondern eine Frage der Vermarktung. Dietmar Daths "Pulsarnacht" ist waschechte Space Opera ...
Jedenfalls scheinen die SF-Leser oft eher geneigt, einfach mal was mit einem "seriösen" Cover zu nehmen oder einfach mal was schräges, was eigentlich eher Fantasy oder Phantastik ist (wie Mievilles Bas-Lag-Romane), solange eine interessante Idee dahinterzustecken scheint, während viele Fantasy-Leser oft in dem Moment abwinken, wo ein bestimmtes Inhaltselement, das ihnen nicht gefällt, vorkommt, oder eines, auf das sie Wert legen, fehlt ("Fantasy ohne Elfen interessiert mich nicht.)
Das sind jetzt natürlich sehr böse Verallgemeinerungen, aber sie stellen ehrlich gesagt den Grund dafür dar, dass bei den deutschsprachigen Büchern die abgefahrenen Sachen bei uns in aller Regel entweder ins SF- oder ins Horror-Regal wandern, aber nur sehr selten in die Fantasy. (Bei den englischsprachigen Büchern ist es übrigens wieder anders, da ist die Fantasy derzeit ein viel weiteres Feld - aus dem gerade die ausgefalleneren Sachen leider nur selten übersetzt werden. Das scheinen die Kunden bei uns dann wieder auch so wahrzunehmen, in der englischsprachigen Fantasy sortieren wir jedenfalls auch das abgedrehte Zeug mit ein, und die Kunden finden es dort dann auch.)

Dr. Evil:
Eskapismus...

Hmm, auf jeden Fall. Sonst würde ich ja auch kein Rollenspiel machen, wo ich mich mittels Kopfkino in eine ganz andere Welt bzw. in einen anderen Charakter begegen kann. Ähnlich ist es da auch mit den "Büchern" des Genres, egal ob Phantastik, Fantasy oder SF etc.

Vornehmlich möchte ich beim lesen unterhalten werden - da kann ich den anderen Beiträgen nur beipflichten. Das funktioniert bei einem Autor, der den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat ebenso wie bei einem billig runtergeschriebenen bzw. übersetzten Warhammer-Roman. Ob ich mich dann damit auseinandersetze, ob Tolkien die Erlebnisse des 2. Weltkrieges und die Nazis in "Herr der Ringe" verarbeitet hat oder ob er als Eigenbrötler einfach nur Spass an seinem eigenen Kosmos hatte, ist mir erstmal gleichgültig.

Da ich nun schon einige Jahre auf dem Buckel habe, bin ich zunächst mit den Klassikern der Phantastik in Berührung gekommen (z.B. E.A. Poe) um dann später die Erzählungen der deutschen Romantik und ähnliches zu verschlingen. Natürlich gehörten auch die Geschichten von Preußler und Konsorten zum allgemein anerkannten Kanon der Bücher, die man als Kind bzw. Jugendlicher gelesen haben sollte.

Mit Büchern wie der "Name der Rose" oder "Das Parfum" geschah dann auf einmal etwas seltsames in den deutschen Buchläden. Auf einmal wurde historisches bzw. "phantastisches" en vogue. Man legte alte Klassiker wieder neu auf, hatte aber irgendwie keine neuen deutschen Autoren um das Genre zu bedienen. Also übersetzte man auf Teufel komm ´raus ... und es folgte in diesem Sog dann auch die Einkehr der lustigen Paperbacks, die uns in 1000 lustigen Hochglanzbildern spannende Abenteuer historische Abenteuer servieren.

Wer sein Tolkien gelesen hatte oder die Sehnsucht nach der heilen und überschaubaren Welt eines Jim Knopf antrieb, der hatte auf einmal die Gelegenheit Nachschub zu bekommen. Und auch für diesen gilt - es gibt tolle Sachen oder einfach nur platte Versatzstücke aus zigmal gelesenen Plots.

Was das alles soll? Ich bin froh ruhigen Gewissens in die Kinder- und Jugendecke zu gehen, um zu schauen, was es neues auf dem Fantasymarkt gibt. Selbst wenn man mit Bekannten unterwegs ist, gilt es nicht mehr als "Schande" zu sagen, man lese einen Fantasy-Roman (oder SF...).

Lang lebe der neue Eskapismus. Zumindest lesen wir ja noch, auch  wenn viele behaupten, das Medium Buch sei Geschichte.

Huhn:

--- Zitat von: Rumpel am 22.11.2016 | 10:04 ---Die Fantasy- und SF-Leser scheinen sich manchmal schon sehr klar zu scheiden in "ich möchte gefordert werden"(SF) und "ich möchte was Vertrautes zum Schmökern" (Fantasy).

--- Ende Zitat ---
Und in die "Ich würd so gern innovative Fantasy lesen, die mich mal wieder so richtig flasht". Und die stehen dann hilflos vorm Fantasy-Regal und röcheln leise ob des immerselben Mülls, der sich da stapelt. Gut, dass ich jetzt weiß, dass der Trick für gute Fantasy ist, sie in einem völlig anderen Regal zu suchen. Was ich nicht alles verpasse, weil Buchläden und Bibliotheken eigenartige Sortierkonzepte anwenden. :o

Infernal Teddy:

--- Zitat von: Huhn am 22.11.2016 | 10:28 ---Und in die "Ich würd so gern innovative Fantasy lesen, die mich mal wieder so richtig flasht". Und die stehen dann hilflos vorm Fantasy-Regal und röcheln leise ob des immerselben Mülls, der sich da stapelt. Gut, dass ich jetzt weiß, dass der Trick für gute Fantasy ist, sie in einem völlig anderen Regal zu suchen. Was ich nicht alles verpasse, weil Buchläden und Bibliotheken eigenartige Sortierkonzepte anwenden. :o

--- Ende Zitat ---

Same here

Achamanian:

--- Zitat von: Huhn am 22.11.2016 | 10:28 ---Und in die "Ich würd so gern innovative Fantasy lesen, die mich mal wieder so richtig flasht". Und die stehen dann hilflos vorm Fantasy-Regal und röcheln leise ob des immerselben Mülls, der sich da stapelt. Gut, dass ich jetzt weiß, dass der Trick für gute Fantasy ist, sie in einem völlig anderen Regal zu suchen. Was ich nicht alles verpasse, weil Buchläden und Bibliotheken eigenartige Sortierkonzepte anwenden. :o

--- Ende Zitat ---

Ich habe vollstes Verständnis für das Problem ... aber wir müssen uns da natürlich schon ein bisschen an die Erfahrungswerte halten, und da wird SF von den meisten eben als das Genre wahrgenommen, in dem die "Crossovers" verortet sind und sie nach ausgefallenen Büchern suchen, während die Fantasy für viele eher enger gefasst ist und dann entweder abgelehnt oder eben genau und nur in dieser eng gefassten Weise gewünscht wird.
Als anderes Beispiel nehme ich mal Jeff Vandermeer: Sein "Stadt der Heiligen & Verrückten" steht bei der Fantasy, und obwohl das einer unserer absoluten Dauertipps ist, verkaufen wir nicht viel davon ... Vandermeers "Southern Reach Trilogy" steht dagegen bei der SF, wird auch viel von uns empfohlen und geht richtig gut weg.
Und ich vermute mal stark, dass du, wenn du in eine SF/Fantasy-Buchhandlung kommst und auf der Suche nach innovativem Zeug bist, sowieso quer durch alle Auslagen schauen wirst, ohne groß auf die Genre-Überschriften über den Regalen zu achten. Außerdem sind wir sehr beratungsfreudig. Ich glaube also nicht, dass der Mieville irgendjemandem, der verrückte Fantasy sucht, bei uns durch die Lappen geht. Ist ja nicht so, dass die Leute vor dem Fantasy-Regal festgekettet werden ...

Okay, und noch ein Zugeständnis: Neil Gaiman steht bei uns bei der Fantasy - und Simon Weinert auch  ;) ... und ich muss hinzufügen, dass Mieville bei uns auch deshalb bei der SF steht, weil wir Autoren ungern "zerreißen" und es eben auch mindestens zwei Romane von Mieville ("Embassytown" und "The City & the City") gibt, die eindeutig in die SF gehören.

EDIT: Ach ja, persönlich halte ich eh nicht viel vom Genre-Sortieren und hätte am liebsten ein großes Regal für Bücher auf Deutsch und eines für Bücher auf Englisch, wie bei mir zuhause. Denn die tollsten Bücher sind ja bekanntermaßen meistens die, bei denen man Schwierigkeiten hat, sie klar einem Genre zuzuordnen ... Bei der Fantasy-SF-Horror-Frage geht es ohnehin in erster Linie darum, was man mit welcher Sortierung am besten verkauft bekommt.

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