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Hexxen 1733 Soundtrack, aber zeitgenössisch

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felixs:

--- Zitat von: Derjayger am 25.10.2018 | 23:34 ---Jo, das stimmt. Da gab's richtig Randale.

--- Ende Zitat ---

Kann ich irgendwie verstehen  :)

Ich wäre auch sauer, wenn ich Konzertkarten hätte und dann kommt sowas. (Außer natürlich, man hätte mir das vorher gesagt. Dann wäre ich nicht hingegangen).

Zusatz: Und Meshuggah ist ja grausam. Habe das ca. 30 Sekunden ertragen. Reicht dann aber auch. Habe natürlich nichts dagegen, wenn andere das Hören.

Derjayger:

--- Zitat von: felixs am 25.10.2018 | 23:39 ---Kann ich irgendwie verstehen  :)

Ich wäre auch sauer, wenn ich Konzertkarten hätte und dann kommt sowas. (Außer natürlich, man hätte mir das vorher gesagt. Dann wäre ich nicht hingegangen).

--- Ende Zitat ---

Jo. Interessant ist, dass es doch ein sehr beliebtes Stück ist, auch bei jungen Leuten und auch bei z.B. Metallern. Ist vielleicht nicht so ausschlaggebend, aber dieses Sacre-Video (https://www.youtube.com/watch?v=5UJOaGIhG7A) hat 2,5mio Aufrufe, während Blind Guardians Bard's Song (ihr größter Hit - https://www.youtube.com/watch?v=n63UbX5kzAc) 3,3mio hat, also gar nicht so viel mehr (beide 2010 hochgeladen).

First Orko:
Bezüglich des Einsatzes klassischer Musik zum Rollenspiel bin ich ein wenig zwiegespalten. Einerseits kann ich korknadel verstehen: Speziell im Fantasybereich tummeln sich auf YT und Spotify aberdutzende an Playlists mit generisch-pompösen Atmo-Soundtracks für den Random-Button am Rollenspieltisch. Stört nicht, ist aber auch irgendwie immer dasselbe.
Schwierig wird es dann, wenn es konkreter wird: Musik für Cthulhu in Deutschland, 1930? Viktorianisches England? Wenn man selbst nicht tiiief in Klassik drinsteckt, kann man da sehr lange suchen.

Neben passender Szenenmusik (die ich nur seeehr nuanciert einsetze!) muss Musik fürs Rollenspiel für mich folgende Kriterien erfüllen:
1) Stimmung einfangen: Falls es im Hintergrund läuft soll eher ein gewisses akustisches Bild der Zeit gemalt werden, statt explizit Emotionen zu wecken - denn die passen seltenst zur Szene
2) Kein Gesang! Wirklich, ich habs versucht aber: Gesang nervt. Geht nicht ,wenn man nebenbei reden will. Punkt.
3) keine krassen Wechsel in Melodie, Lautstärke usw.: Jeder wahrgenommene Wechsel führt am Spieltisch zu Irritationen, spätestens nach dem 3. lauten Solo ist dann meist der Wunsch, doch mal zu wechseln da

Speziell aufgrund von (1) empfinde ich eigentlich nur die ersten beide Stücke (im Startbeitrag) als entfernt geeignet. Der Rest ist aufdringlich, will Emotionen wecken und hat zu viel Entwicklung im Stück.
Dazu kommen noch jeweils entweder 2 oder 3 , die die Stücke für mich leider völlig ungeeignet machen.

Mir erscheint es paradox, Musik die heutzutage doch eine gewisse Einstiegshürde (ob der kulturellen Prägung, Zeit usw -> sieh felix ' beitrag) erfordert und auch als allgemein komplexer als üblich gilt, ausgerechnet zum Rollenspiel zu nutzen  wtf?

Gerade da soll es eine Untermalung sein, ergänzend aber nicht störend, gerade so wie eine dekorative Anrichte..ein Möbelstück. Hm... Möbel.. Möbelmusik, war da nicht was?
Richtig! Eric Satie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, genau so eine Art von Musik (böse Zungen sollten sie später "Fahrstulmusik" nennen!) zu schaffen. Und ich finde, das ist im vortrefflich gelungen. Once Upon A Time In Paris ist herrlich unaufgeregt, dabei melancholisch-getragen und hat sich als Hintergrund für klassisches Cthulhu bewährt.

Daneben wird es aber dünn und meist ende ich dann auch bei mehr oder weniger generischer Ambientmusik

Die Idee, sich bei historischen Settings auf zeitgenössische Musik zu beziehen ist also grundsätzlich ein herer Gedanke, scheitert aber vermutlich meistens an den Hörgewohnheiten der Mehrheit und des doch recht spezifischen Anspruchs, den Hintergrundmusik fürs RPG mit sich bringt.

Chiarina:
Geht ja ganz schön ab in diesem Strang!

Eben waren wir noch im Barock, jetzt bei Strawinsky.

Strawinsky und die anderen Jungs seiner Zeit hatten den Bonus, dass sie Vorreiter waren. Sie haben Dinge komponiert, die zuvor unerhört waren. Deshalb erzeugten sie Skandale... andere Skandale allerdings, als sie sich heute ereignen! Und zwar schlicht und einfach deshalb, weil einigen Leuten bewusst wurde, dass sie nicht mitkamen. Heute glaubt jeder mitzukommen und seine wertvolle Meinung kundtun zu können. Die Leute damals waren sprachlos, weil sie einer Kunst gegenüber standen, die sie so noch nie erlebt hatten.

"Le sacre du printemps" ist eine Ballettmusik. Das Neuartige war, dass Strawinsky sein Orchester streckenweise wie ein Schlaginstrument behandelt hat. In einigen Passagen hacken Streicher takteweise in schwierigen Rhythmen auf demselben schrägen Akkord herum und erzeugen keine Melodie, keine Begleitung, sondern stattdessen einen torkelnden, aggressiven Schlingerrhythmus, wie er bis zu dieser Zeit unerhört war. Es war auch die Zeit der Collage. Strawinsky war nicht daran interessiert musikalische Themen wie in der Vergangenheit auf möglichst intellektuelle Art und Weise zu verarbeiten - er hat stattdessen einfach einige Motive immer wieder neu arrangiert und zusammengestellt. Dazu kommt, dass Strawinskys Choreograph Nijinsky mit dem klassischen Ballett gebrochen hat. Statt Spitzentanz im Tütü bekamen die Zuschauer Russen aus heidnischer Zeit zu sehen, die zu Strawinskys vertrackten Rhythmen stampften. Am Ende wurde dann sogar noch eine Jungfrau geopfert.

Das war damals ein Skandal, ja! Aber es war ein anderer Skandal, als der mögliche Shitstorm, der heute erzeugt wird, wenn irgendwelche bequemen Casual Listener sich bemüßigt fühlen, über kulturelle Höchstleistungen ihre völlig unmaßgebliche Meinung zu verkünden... und oft genug nur die "thumb down" Taste drücken. Es ist heute sehr einfach, sich auszukotzen und einfach mal "Ist das Scheiße!" in den Raum zu stellen... meine Meinung.

Die Empörer von damals sind immerhin ins Konzert gegangen! Sie haben etwas Mühe aufgewendet, weil sie beim zeitgenössischen Kunstgeschehen nicht den Anschluss verlieren wollten. Sie waren interessiert! Im Konzertsaal trafen sie dann allerdings auf die Avantgarde. Diese Konfrontation war qualitativ völlig anders, als die zwischen Künstlern und reaktionären Meckerern von heute. Und zwar schon allein deshalb, weil das Publikum damals bewegt war. Dieses kalte Abqualifizieren von Kunst, wie wir es heute oft genug erleben, scheint mir damals seltener gewesener zu sein. Die Leute waren aufgerüttelt, weil ihnen ihr bisheriges Weltbild in Gefahr zu sein schien. Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.

Im Folgenden zitiere ich eine interessante Passage aus einem Bericht Carl van Vechtens, einem Besucher der Uraufführung von Strawinskys "Sacre du Printemps":

Ein Mann, der hinter van Vechtens saß, hatte sich während der Aufführung erhoben. Van Vechtens berichtet: "Die ungeheure Erregung, die die alles niederzwingende Macht der Musik in ihm ausgelöst hatte, brach sich plötzlich Bahn, als er mit den bloßen Fäusten rhythmisch auf meinen Schädel einzuschlagen begann. Meine eigene Erregung war so stark, dass ich die Schläge einige Zeit überhaupt nicht wahrnahm."

Wenn ich´s mal provozierend formulieren darf: Vergesst doch eure zweit- oder drittklassigen Metal-Zeremonienmeister! Ich halte Wacken im Vergleich zu diesem Event für nicht mehr als Kasperletheater! (Ja klar... ist eben meine Meinung).

Und dann bleibt vielleicht noch Folgendes zu erwähnen: Der Sacre ist heute durchaus populär und zieht Publikum an... Er toppt dabei keine Charts, ist aber immerhin auch schon über hundert Jahre am scoren. Wer´s noch nicht kennt: Einfach mal Rhythm is it anschauen. Der Link verweist auf ein paar Ausschnitte aus dem Film, der komplette Film ist leider kostenpflichtig. Deutlich wird aber vielleicht, was das für ein tolles Projekt ist, wenn Schüler, begleitet von einem Weltklasseorchester, als Tänzer dieses Stück einstudieren.

felixs:
Soweit abgestreift ist die Diskusssion gar nicht - es geht ja im Kern immer noch um die Frage der Verdaubarkeit von Musik.

Abgestreift sind wir insofern, als dass es wohl keinen Zweifel darüber gibt, dass wir nicht mehr über als Hintergrundmusik geeignete Musik sprechen.

Für das Thema ist vermutlich auch alles gesagt und bestätigt sich gerade wieder: Hörgewohnheiten und Reaktionen auf Musik sind unterschiedlich.
Eine Anekdote dazu noch: Wir haben mal ein paar Wochen lang in einer regelmäßigen Runde verschiedene Hintergrundmusiken (hauptsächlich Ambient-Sachen) probiert. Nichts davon ging, immer fühlte sich jemand gestört (übrigens selten ich). Und das schon bei Leuten, die sich eigentlich nicht grundsätzlich durch Hintergrundmusik gestört zu fühlen meinen.


--- Zitat von: Chiarina am 26.10.2018 | 07:40 ---Die Leute damals waren sprachlos, weil sie einer Kunst gegenüber standen, die sie so noch nie erlebt hatten.

--- Ende Zitat ---

Naja - ich glaube, man darf trotzdem den Faktor nicht außer acht lassen, dass es ihnen halt auch nicht gefallen hat. Was ich, wie geschrieben, sehr gut nachvollziehen kann.

[quote author=Chiarina link=topic=108506.msg134680402#msg134680402 date=1540532432
Die Empörer von damals sind immerhin ins Konzert gegangen! Sie haben etwas Mühe aufgewendet, weil sie beim zeitgenössischen Kunstgeschehen nicht den Anschluss verlieren wollten. Sie waren interessiert! Im Konzertsaal trafen sie dann allerdings auf die Avantgarde.
[/quote]

Die Empörer von damals hatten - mangels verfügbarer Tonträger irgendeiner Art - auch gar keine anderen Möglichkeiten, sich zu informieren. Und Konzerte hatten eben durchaus auch andere Funktionen. Man ging da keineswegs (nur) aus Interesse an der Kunst hin, sondern weil man einen gewissen habitus zu pflegen hatte.

Und dieser dünkelhafte habitus der Avantgarde (ob das Label nun passt oder nicht und was auch immer es bedeutet) ist ja gerade das ärgerliche.


--- Zitat von: Chiarina am 26.10.2018 | 07:40 ---Wenn ich´s mal provozierend formulieren darf: Vergesst doch eure zweit- oder drittklassigen Metal-Zeremonienmeister! Ich halte Wacken im Vergleich zu diesem Event für nicht mehr als Kasperletheater! (Ja klar... ist eben meine Meinung).

--- Ende Zitat ---

Ich halte Wacken generell für eine Art Kasperletheater. Soweit meine Meinung (gehe aber auch so gut wie nie auf Konzerte, gibt mir generell nichts).
Ist halt eine andere Kasperei als Aufführungen klassischer Musik.

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