Autor Thema: [AD&D 2.5E] Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea  (Gelesen 72297 mal)

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Offline Jenseher

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Sitzung 170 - Der Turm Fengirsbann - Teil II
« Antwort #200 am: 4.06.2026 | 23:14 »
Als wir unsere Füße auf den hölzernen Boden des Dachgeschosses setzten knirschte es darunter. Überall lagen Reste von Körnern verstreut. Kleine Riedkäfige stapelten sich an den Wänden, von denen wir das Gurren von Tauben hören konnten. Dicke Kleckse weißen Vogelkotes waren überall und teils schon längst Eins mit dem Boden geworden. Beunruhigt schaute ich auf die Tauben die noch größtenteils schlafen zu schienen. Hoffentlich machte keiner von den anderen jetzt eine unvorsichtige Bewegung. Bis jetzt blieben wir unentdeckt, doch wenn die Vögel hier anfingen würden zu kreischen und flattern, würde es nicht lange dauern. Eine schwere Holztüre mit eisernen Beschlägen und einem Schlüsselloch waren der einzige Ausgang. Bargh zog Belkor in die Richtung, so leise, wie es nun mal den beiden Kriegern möglich war. Halbohr machte sich schon derweil an dem Schloss zu schaffen. In einer betäubenden Langsamkeit öffnete er das Schloss und zog die Türe auf. Ich schaute währenddessen aus den anderen Gattern. Ich konnte Teile der Stadtmauer erkennen, hier und dort kleine Lichtpunkte die sich darauf bewegten. Bestimmt Soldaten die das Pech hatten, das Los der Nachtwache zu ziehen. Verschwommen konnte ich sie durch den strömenden Regen betrachten. Noch war keine Spur von Tageslicht zu sehen aber die Nacht würde nicht ewig dauern. Bald müsste Halbohr sich etwas beeilen.

Als der einstige elfische Söldner die Türe öffnete, strahlte Licht von Ölfackeln zu uns. Das Licht musste für Belkor eine Erlösung sein. Endlich konnte er wieder sehen was um ihn herum geschah. Eine Wendeltreppe führte nach unten, in einen ebenfalls mit Ölfackeln beschienenen gewölbeartigen Raum. Kein Holz mehr, sondern Steine aus rötlichem Sandstein. Drei Türen führten heraus und aus einer konnten wir Stimmen hören. Eine jüngere und eine ältere, die irgendetwas oder besser irgendjemanden in Listen zu suchen schienen. Jemanden mit dem Namen Welvea. Es schien ihnen wichtig zu sein, sie wollten die ganze Nacht damit verbringen, wenn es notwendig wäre. Halbohr führte uns zu einer anderen Türe, die kein Schlüsselloch besaß. Er öffnete sie leise und offenbarte uns einen dunklen Gang. Wir folgten vorsichtig, und dieses Mal war es wieder Belkor der uns fast verriet. Seine Panzerstiefel schabten über den blanken Stein. Wie erstarrt lauschten wir den Stimmen hinter der Türe: „Meister,“ sprach die jüngere Stimme, „habt ihr das gehört? Bekommen wir Besuch? Vielleicht ist es ja der Herr Meister Arrandur, oder der Herr Meister Birkener?“ Die andere Stimme zögerte etwas mit der Antwort: „Ich habe nichts gehört. Ihr habt sehr gute Ohren. Aber wir haben hier noch viel zu tun, also lasst euch nicht ablenken. Ihr wisst doch, dass sie ihre Gemächer auf der Ebene der Bibliothek haben.“ „Jawohl, Meister!“ war die Antwort und wir wagten es wieder zu atmen. So schnell es die Vorsicht zuließ huschten wir in den Gang und verschlossen die Türe. Die Dunkelheit und Jiarliraes Schatten umarmten uns wie ein schützender Umhang. Auch hier sahen wir Türen und Halbohr hörte Schlafgeräusche. Zumindest glaubte ich, dass er das mit seiner Handgeste darstellen wollte. Leise ließen wir die Türen hinter uns. Jetzt war nicht die Zeit für die Art des Spiels, jetzt hieß das Spiel leise sein und nicht gesehen zu werden.

Eine weitere Treppe führte nach unten und endete an einer Türe. Halbohr legte sein eines Ohr an das eisenbeschlagene Holz und hieß uns zu warten. Eine Zeit lang rührte er sich nicht, dann konnte auch ich den Schlag einer schweren Türe hören, die zugezogen wurde. Halbohr nickte und öffnete auch diese Türe. Dahinter lag eine Art ovale Halle, wobei es eher aussah wie ein Gewölbe mit einer rund zulaufenden Decke. Was aber meinen Blick direkt fasste war die brusthohe Säule aus purem Ne'ilurum. Sie war kreisrund, hatte jedoch eine kleine Mulde auf der Oberseite. Auch hier führten einige Türen heraus, wobei keine der Türen so aussah als ob sie ein Geräusch machen könnten, wie das was wir gehört hatten. Und in den Wänden waren Aussparungen im Stein. Die sahen fast so aus, als ob dort eigentlich Bilder hineingehören würden. Es war sonderbar und ich konnte auch noch deutlich die magischen Strömungen im Ne'ilurum spüren. Zumindest Reste davon. Irgendeine Macht lag früher mal darin. Ich spürte es. Es lag auf meiner Zunge, es nagte in meinem Kopf. Doch ich kam einfach nicht darauf.

Belkor lenkte mich ab. Er machte ein Zischen und deutete auf eine leere Stelle an der Wand. Halbohr trat an seine Seite und starrte den Stein an. Dann fuhr er mit seinen Händen die Wand entlang und plötzlich verschwanden sie in einem kleinen Spalt. Ein Klicken folgte und die Wand setzte sich ein kleines Stück ab. Diese geheime Türe musste gut gepflegt sein, denn als Halbohr sie aufdrückte gab es kein Quietschen und kein Schaben. Ein dunkler Tunnel führte in einen kleinen Raum. Ein Bett stand dort und ein kleiner Tisch mit etlichen Papyrus Rollen die darauf verteilt waren. Auch Münzen, einige Fläschchen und einen Rucksack, der an einem Stuhl hing, konnten wir sehen. Da war zudem eine hölzerne Treppe, die in eine Art Dachgeschoss zu führen schien. Wenn mich mein Orientierungssinn nicht täuschte, befand sich dieser Raum in einem der Seitentürme. Vielleicht führte die Treppe in das Gebälk des Seitenturmes hinein. Halbohr schüttelte den Kopf und schlich wieder zurück. Richtig, denn unser Ziel war keine Schatzsuche. Wir suchten den Getreuen Jiarliraes der hier eingekerkert wurde. Und Kerker waren niemals oben, sondern immer unten. Jeder wusste das. Auch unser Weg musste nach unten führen. Wir untersuchten eine weitere Türe, doch auch hier schien kein Weg weiter nach unten zu führen. Nur ein altes muffiges Gemach.

Fragen formten sich in meinem Kopf. Was war diese Säule aus Ne'Ilurum? Und woher kam sie? Gab es noch anderswo Quellen dieses Erzes? Ich wusste nur, dass diese Weißschwertritter Geheimnisse hatten. Aber das Licht von Jiarliraes Flammen würde alle Geheimnisse erleuchten und aufdecken.

Und dann würden sie brennen, allesamt.

Offline Jenseher

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Sitzung 171 - Entdeckt! - Teil I
« Antwort #201 am: 21.06.2026 | 22:48 »
Zusammen verließen wir die Halle, in deren Mitte die mysteriöse Säule aus Ne’ilurum stand. Der Krieger Belkor hatte in der Mulde einige winzige Glassplitter entdeckt, doch keine Spur für deren Ursprung. Auch die Einlassungen, die sich ringsherum in den Wänden befanden, brachten uns nicht weiter. Vielleicht hingen dort irgendwann einmal Bilder. Halbohr fand kleine Löcher, als ob sich dort Haken befunden hätten. Aber alles war schon seit längerem mit einer dicken Schicht Staub bedeckt. Wer weiß, ob die Weißschwert-Ritter selbst überhaupt wussten wofür diese Säule mal gut war.

Unser Weg führte uns weiter nach unten. Man konnte einige Stimmen hören. Arbeitende Insassen des Gefängnisses mussten wohl ein Frühstück vorbereiten. Die Wärter, oder zumindest deren Anführer, ließen es sich wohl ganz gut ergehen. Es war die Rede von geräuchertem Fisch und von Brombeeren. Herge hatte wohl Recht gehabt, dass sie einen großen Teil des Essens für sich selbst nehmen. Ich konnte nur hier und dort kleine Fetzen von Stimmen hören, aber Halbohr wartete stoisch hinter der beschlagenen Türe. Dann blickte er auf. War dort eine Türe zugeschlagen worden? Halbohr nickte und machte sich mit seinen Pinzetten sowie kleinen Zangen an dem Schloss zu schaffen. Wieder dauerte es eine Ewigkeit. Halbohr zuzuschauen, wie er sich so langsam bewegte, machte mich nervös. Es wäre bestimmt viel einfacher und auch viel schneller, wenn Bargh einfach diese Türe einrammen würde. Aber gut, Jiarliraes Wille würde geschehen, entweder leise und langsam oder laut und schnell.

Irgendwann war Halbohr fertig und öffnete die Türe. Wir sahen in eine weitere Halle an deren Wänden Säulen eine gewölbte Decke hielten. Wie auch in den anderen Räumen war es hier sauber, als ob der Boden immer wieder geschrubbt werden würde. Dennoch konnte man deutlich die muffige Luft riechen. Je tiefer wir kamen, desto näher kamen wir auch dem sumpfigen Wasser des Stadtteils. Einige Türen führten aus dem Raum heraus, sowohl nach links als auch nach rechts. Halbohr schien sich für die Türen an der rechten Seite überhaupt nicht zu interessieren, sondern schlich direkt auf eine Türe gegenüber zu. Wir anderen blieben an Ort und Stelle, während er sie öffnete. Quer durch die Halle blickend, war es nur schwer zu erkennen, was oder wer sich dort hinter verbarg. Auf jeden Fall lag der Raum im Dunkeln. Schemenhaft konnte man hier und dort einige Felle auf dem Boden erkennen. Weiter hinten war etwas, das wie ein Himmelbett aussah. Dann aber erstarrte Halbohr, als er seinen Kopf in eine Richtung drehte. Im nächsten Moment wedelte er hektisch mit seinen Händen und winkte uns zu uns herüber. Ich verstand nicht ganz was los war, doch irgendetwas hatte er vielleicht gehört. Belkor und Bargh waren schon unterwegs. Sie gingen sogar ziemlich leise, soweit es bei den großen und schweren Kriegern überhaupt möglich war. Ich folgte den beiden und wir kamen in dem Raum an. Halbohr zog langsam die Türe zu und Dunkelheit umfing uns. Doch das Geschenk von Jiarlirae erlaubte mir die Schatten der Dunkelheit zu durchdringen. Ein altes Gemach, dass in eine dicke Staubschicht gelegt war und in dessen Einrichtung sich der Schimmel schon hineingefressen hatte. Aber davon abgesehen hatte der Raum sicher mal eine noble Einrichtung gehabt. Dann konnte auch ich die Schritte und Stimmen hören, die Halbohrs feinen Ohren aufgefallen waren. Die Wachen waren wieder zurückgekehrt und fast direkt hinter unserer Türe. Ich hielt die Luft an. Das Pochen meines Herzens schlug in meinen Ohren. Hoffentlich konnten sie es nicht hören.

Dann kam es wie es kommen müsste. Unsere Vorsicht hat nicht ausgereicht. Und eigentlich war es Halbohrs Schuld, denn er hatte nicht nachgedacht. Wenn er schon den König, Meister und Hauptmann und alles andere gibt, dann ist es sicher seine Schuld, wenn Fehler passieren. Eine raue Stimme wurde laut: „Wer hat die Türe zu den Gemächern der Offiziere offengelassen? Sie muss verschlossen sein!“ Ja, er hatte Recht, die Türe durch die wir gekommen waren, hatte niemand von uns wieder geschlossen. Halbohr hatte schließlich nicht gesagt, dass wir das machen sollten. Eine andere Stimme, wesentlich verschlafener, antwortete: „Ist mir egal, lass uns doch einfach schlafen, Ragwin. Vielleicht war es ja ein anderer Offizier.“ Ein Funken von Hoffnung flackerte kurz auf, doch Ragwin ließ ihn direkt wieder erlöschen: „Die Türe muss geschlossen bleiben, habt ihr gehört? Ihr werdet jetzt nicht schlafen gehen, das ist ein Befehl! Nur wir haben die Schlüssel und Türen müssen verschlossen bleiben. Das sind die Regeln von Fengirsbann. Wo ist Hauptmann Eggert?“ Wieder ein Murren, das ich nicht verstand, dann eine lautere Stimme: „Ich glaube er ist hochgegangen in die Bibliothek.“ Ragwin entschied: „Ihr beide bleibt hier und haltet Wache. Ich gehe hoch und hole ihn. Die Sache muss geklärt werden.“ Die beiden angesprochenen schienen sich über den Befehl von Ragwin nicht zu freuen, dennoch konnte sogar ich deutlich nur ein einzelnes Stiefelpaar hören was sich zügig Treppenstufen heraufbewegte und schon bald darauf mit einem anderen Stiefelpaar wieder zurückkam. Die Stimme erkannte ich wieder, es war die gleiche die wir weiter oben gehört hatten: „Ihr sagtet die Türe stand auf? Deswegen habt ihr mich von meiner Arbeit abgehalten?“ Ragwin antwortete unterwürfig: „Jawohl Herr Hauptmann. Wir kamen vom Küchendienst und waren auf dem Weg nach oben. Da stand die Türe offen.“ Die Stimme von dem Hauptmann wurde scharf: „Ihr kennt die Regeln von Fengirsbann, oder? Wir sind ein Gefängnis, da stehen nicht einfach so Türen offen. Ragwin, geht runter und stellt Alarmbereitschaft her, bis das geklärt ist. Ich sage den anderen Offizieren Bescheid.“ Ein knappes „Jawohl Herr Hauptmann!“ quittierte den Befehl und die Stiefel bewegten sich wieder, ein paar nach unten, ein paar nach oben. Die beiden Soldaten mussten noch immer hinter der Türe stehen. Wir schauten uns an, was zu tun war. Sollten wir abwarten? Vielleicht würde sich ja alles wieder beruhigen. Aber Halbohr murmelte etwas von den Gattern im Dachstuhl. Und ja, er hatte Recht. Sie würden früher oder später die verbogenen Gitterstäbe finden und wir hätten nichts gewonnen. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, zogen wir unsere Waffen. Die Heimlichkeit war vorbei, jetzt würde Blut fließen.

Halbohr zog mit einer Hand leise die Türe auf, während in seiner anderen schon ein Dolch wartete den er mit einem tödlichen Gift bestrichen hatte. Zweimal ein kurzes Surren als erst der eine dann noch ein anderer Dolch durch die Luft flogen und in jeder der mit Kettenhemden berüsteten Gestalten stecken blieb. In den Mündern der jungen Soldaten trat Schaum hervor als das Gift seine Wirkung tat. Einer sah noch, was ihn traf und hob einen Streitkolben, als auch bei ihm das Leben wich. Seine Waffe fiel mit einem kurzen Scheppern auf den steinernen Boden, doch schien dies keiner gehört zu haben. Von weiter unten konnte ich einige Stimmen hören. Eine davon war die laute Stimme von Ragwin, der seine Befehle rief. Leisere Stimmen folgten, die lieber andere Sachen machen wollten, sich aber dennoch fügten. Wir zogen die Leichen schnell in das Gästegemach und ich schloss die Türe, auch wenn es nicht viel bringen würde. Auf dem sauberen Boden befand sich jetzt eine Spur von Blut, die wir auch nicht so schnell beseitigen konnten. Jetzt musste es schnell gehen.

Zügig schritten wir weitere Treppen hinab. Zwar immer noch darauf bedacht nicht zu laut zu sein, aber dennoch so schnell es eben ging. Weiter unten kamen wir auf einen größeren Gang. Links und rechts waren Türen, aus denen Schlaf und Trinkgeräusche zu hören waren. Der Boden hier war nass, wie von nassen Stiefeln. Die Türen ließen wir hinter uns. Vor uns zweigte ein weiterer Gang ab und am Ende des Ganges sahen wir eine Treppe, die weiter nach unten führte. Unser Weg führte dort hinab, dennoch blickten wir kurz in den Seitengang. Der endete schon bald an einer jener eisenbeschlagenen Türen, wobei diese noch schwerer schien. Der Geruch von dem Sumpf waberte aus dieser Richtung an unsere Nase. Dann sahen wir wie die Klinke eben dieser Türe sich herab bewegte. Ein weiteres Mal war ich wie eingefroren. Instinktiv hob ich meinen Säbel, bereit zum Angriff. Doch auch jetzt wachte Jiarlirae über uns. Die Klinke bewegte sich einige Male, doch die Tür öffnete sich nicht. Dann die mürrische Stimme von Ragwin: „Hatte ich die Türe abgeschlossen?“ Dann das Geräusch eines Schlüssels im Schloss. Schnell huschten wir weiter die Treppe nach unten. Einige Schritte, dann hielt Halbohr kurz inne und hielt sein gesundes Ohr nach oben. Nur kurz, dann nickte er und wies uns an weiter zu schreiten. Ich konnte die Stimme Ragwins auch hören, wie er Türen aufriss und die Soldaten zusammenrief. Noch schienen sie das Blut nicht gefunden zu haben. Noch sammelten sie sich nur. Doch ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde.

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Sitzung 171 - Entdeckt! - Teil II
« Antwort #202 am: 5.07.2026 | 22:06 »
Die Treppe war anders. Zum einem war sie viel länger. Wir mussten inzwischen schon längst tiefer sein, als der Sumpf von Myregorm. Die Treppe war auch nicht mehr aus den rötlichen Sandsteinblöcken gefertigt, sondern direkt aus dem Stein herausgehauen worden. Je tiefer wir kamen desto stärker wurde auch der Gestank. Nicht mehr nach Sumpf, sondern nach Moder oder Fäulnis. Hier und dort waren die Sandsteinwände mit feinen Rissen durchzogen aus denen Wasser sickerte. Die Treppe führte in einen Gang, aus dem Licht von Ölfackeln schimmerte - sehr zu Freuden von Belkor, der endlich wieder etwas sehen konnte. Auch hier waren wieder einige hölzerne Türen, wobei diese morsch und halb verfallen waren. Sie wurden nur noch zusammen gehalten durch die metallenen Beschläge. Hinter einer Türe konnten wir alle deutlich das Schlagen eines Hammers hören; es klang irgendwie wie ein Schmiedehammer. Weiter vorne waren dicke Gitterstäbe eines nach oben gezogenen Gatters und dahinter endete der Gang an einem breiten Schlund. Aus diesem Schlund waberte auch der Gestank. Es war so, als ob dort eine Wolke lag, die ab und zu in unseren Gang schwappte. Halbohr horchte weiter und sagte, dass er aus dem Schlund viele Stimmen hörte, die ein Lied des Leides klagten. Dann, plötzlich von der Treppe, konnten wir alle die Stimme hören: „Blutspuren! Alarm! Alarm! Wir werden angegriffen!“ Bargh achtete nicht mehr auf mögliche Fallen, sondern rannte nach vorne zu dem Schlund, blieb jedoch unvermittelt wieder stehen und machte einige Schritte rückwärts. Er zeigt abwärts und dann sahen wir, dass entlang des Schlundes eine Treppe weiter nach unten führte. Was unten war, konnten wir noch nicht sehen. Wir erkannten, dass auf dem Weg nach unten einige Gänge von der Treppe wegführten. Und gerade in diesem Moment bewegten sich auf der Treppe zwei Soldaten mit einer Öllampe nach oben. Sie hatten uns noch nicht gesehen und wussten offenbar auch noch nichts von dem Alarm. In aller Ruhe schritten sie nach oben. Einer spielte dabei mit einem großen Schlüsselbund. Belkor und Bargh wussten, was zu tun war. Zusammen legten sie ihre Armbrust und Bogen an. Nur ein kurzes Zischen als die Geschosse die Waffen verließen war zu hören. Der Pfeil von Belkor traf das Bein des einen, der Bolzen von Bargh die Brust des anderen. Der Wächter strauchelte und kippte nach vorne über, hatte doch auch der Bolzen das Gift auf seiner Spitze. Der andere Soldat lebte noch und blickte überrascht zu seinem Kameraden als Bargh ein zweites Mal schoss. Auch dieser Bolzen traf und das Gift lähmte das Herz und die Lunge des Soldaten. Er schwankte erst noch und kippte dann auf die Stufen.

Unten sahen wir nichts weiter, doch von oben konnten wir entfernt die Stiefel und die Waffen hören. Wir mussten uns beeilen. Also rannten wir die Stufen herab, wohl wissend, dass der Rückweg vermutlich abgeschnitten war. Aber Jiarlirae sei Dank würden wir auch aus dieser Lage wieder herausfinden. Wir schritten die Treppe herunter und hinein in den ersten Gang. Morsche Türen mit rostigen Eisen waren links und rechts, jede Türe mit einer vergitterten kleinen Öffnung. Vielleicht war hier ja der Anhänger, für den wir diese ganzen Strapazen durchlebten. Schnell schauten wir durch die Zellen. Belkor rezitierte das Gebet von Neire und pries die schwarze Natter, in der Hoffnung die richtige Person würde sich zu erkennen geben. Doch nur ein kleines Mädchen das zitternd in ihrer Zelle hockte, reagierte. Sie fing dann an die schwarze Natter in den Sümpfen zu suchen. Nein, sie wusste nichts von Jiarlirae und plapperte einfach nur die Worte von Belkor nach. Auch bei den anderen Gefangenen war es nicht anders. Hier vegetierten Männer und Frauen und Kinder, für die der Tod wohl eine Erlösung wäre. Alle waren sie abgemagert und trugen Spuren der Folter. Einigen wurden die Augen ausgebrannt und andere siechten mit irgendeiner Krankheit dahin. Auch der zweite Zellentrank weiter unten war nicht anders. Blieb nur noch der Boden dieses Schachtes. Als wir uns weiter nach unten begaben, hörten wir von oben das Krachen des Gatters. Jetzt war es klar, es würde keinen Weg zurückgeben, jedenfalls keinen einfachen.

Wir schritten die Treppe bis ganz nach unten. Der Gestank wurde immer stärker und mein Magen begann zu rebellieren. Es stank nach Müll und Fäkalien, aber auch nach verfaultem altem Fleisch. Die Wände hier unten glitzerten von nassem Schimmel und Pfützen mit üblem Wasser hatten sich gebildet. Hier unten führten vier Gänge in alle Himmels¬richtungen. Alle waren mit einem Gatter versehen. Allerdings waren alle Gatter bis auf eines nach oben gezogen. Die Tunnel waren groß, bestimmt vier Schritt breit und hoch, jedoch in pechschwarze  Dunkelheit gehüllt. Während Halbohr das runter gelassene Gatter untersuchte, schauten wir uns die anderen Gänge an. Belkor tastete sich dabei an den Wänden nach vorne. Dieses Mal hatten die Türen keine Gucklöcher und in den Zellen hausten mehrere Gefangene gleichzeitig, jedenfalls den Geräuschen nach zu Urteilen. Man konnte Schreie von Schmerzen hören, das Flehen einer Frau die gerade von ihren Mitgefangenen vergewaltigt wurde und das Brabbeln von Unheilspropheten. Sie riefen die Magier des Frostes an, die zurückkehren sollten und Westwacht im Eis versinken lassen würden. Belkor horchte an jeder Türe, doch erst an der Letzten hörte er etwas Interessantes. Eine Stimme, die ihn locken wollte: „Kommt, macht die Türe auf. Ich weiß, ihr habt sie auch gesehen, die drei Waffen. Genau wie ich.“ Ich selbst kam auch zu einer Türe an, wo ganz bestimmt jemand eingesperrt war, jedoch konnte die Person nicht sprechen. Es klang, als ob ihr Mund mit einem Knebel verschlossen wäre. So trafen wir uns wieder in der Halle. Halbohr musste die Schlösser für uns öffnen, zumindest von diesen beiden Zellen. Von oben hallte in dem Moment der Klang einer Glocke und verhieß nichts Gutes. Der Klang war weit entfernt und schien doch nah. Der Alarm war jetzt nicht mehr nur in Fengirsbann, sondern breitete sich wahrscheinlich in ganz Westwacht aus.

Halbohr machte sich an der ersten Türe zu schaffen. Das Schloss sah ganz schön kompliziert aus, doch mit einem schweren Klacken öffnete sich der Riegel. In der Zelle herrschte ein bestialischer Gestank nach Fäkalien und Fäulnis. Die Insassen waren an Ketten festgebunden, manche waren länger, andere kürzer. Ausgemergelte Männer und Frauen vegetierten hier. Als die Insassen bemerkten, dass sich die Türe sich öffnete, konnten wir das Betteln hören. Sie baten um ihre Freiheit, vielleicht auch um ihr Leben. Doch woher sollten sie schon wissen, dass ihre einzige Erlösung bei Jiarlirae lag, nicht bei uns. Belkor fragte in die Zelle hinein nach den drei Waffen und ein Mann mit einem längeren verfilzten Schnauzbart antwortete: „Wir haben sie alle gesehen, manche mehr, manche weniger. Wir alle werden ihre Kinder sein.“ Belkor schaute verwirrt in die Dunkelheit hinein. „Die Kinder von wem?“ fragte er und der Mann antwortete: „Ihr seid die Kinder. Ihr müsst schon es selbst herausfinden, selbst in das Licht schauen.“ Bargh hatte auch zugehört, doch die Worte schienen für ihn keinen Sinn zu ergeben. Mehr noch, das Gerede erboste ihn. „Beim heiligen Schwert Glimringshert,“ fuhr er den Mann an, „sprecht ihr von Jiarlirae? Ist sie das Licht?“ Der Mann lächelte: „Ah, ich verstehe. Deswegen seid ihr hier.“ „Antwortet!“ rief Bargh, doch der Mann sagte nichts und lächelte nur. Auch Belkor verlor die Geduld. Mit seiner baren Faust schlug er gegen die rötlich schimmernde Sandsteinwand, direkt neben dem Kopf. Aber das Lächeln war wie eingefroren. Der Mann schien durch uns hindurch zu blicken. Nichts an ihm regte sich mehr, nicht einmal seine Augen zwinkerten. Hier würden wir nichts mehr erfahren, sein Geist war verschwunden.

Halbohr bemühte sich an der Türe, wo ich die vermummte Gestalt gehört hatte, doch hier versagte sein Glück. Für uns war es nur eine kurze Verzögerung, denn Belkor und Bargh rammten die Türe einfach zusammen ein. Das Metall des Schlosses zerfetzte, als die Krieger sich mit aller Kraft dagegen warfen. Auch hier offenbarte sich eine größere Zelle, doch dieses Mal mit nur einem Gefangenem. Eine Frau, die in der Mitte des Raumes kopfüber an Ketten hing. Ihre Arme und Beine waren durch die Ketten auf den Rücken gedreht. Von Finger- und Zehenschrauben gehalten, führten die rostigen Ringe zu Halterungen in den verschiedenen Wänden. Ein eiserner Knebel mit einem Schloss lag um ihren Kopf bedeckte ihren Mund. Die Frau sah übel zugerichtet aus. Überall hatte sie Brandnarben, auch auf ihrem Kopf. Als ob man ihr versucht hätte die Haare auszubrennen, fehlten Haare in Büscheln. Schnitte und Blutergüsse verteilten sich über die Haut. Aber selbst ohne die Folterspuren sah sie vermutlich nicht ansehnlich aus. Sie hatte mehr die Gestalt eines Mannes, sogar ein Bartflaum auf ihre Oberlippe konnte man sehen. Die Zelle hatte auch eine Einrichtung. Ein verschimmelter Schrank mit Folterwerkzeugen und ein Pult mit einem Buch, das aufgeschlagen darauf lag. Ich sah nur aus dem Augenwinkel einige Runen. Die goldenen Schriftzeichen des Wälzers weckten in mir einen Ekel, noch mehr als der Gestank. Ich schritt zu dem Buch, während die anderen die Frau herunterließen und ihr den Knebel abnahmen. Es war ein altes Buch, sehr alt. Dort befanden sich Rituale, wie man das Böse, zumindest das was das Buch als Böse erachtete, vertreiben konnte. War es ihr Wälzer, der hier als Beute lag und studiert wurde? Ich war mir sicher, doch Bargh glaubte nicht daran. Wir hatten die Frau inzwischen von Ketten und Knebel befreit. Ihr fehlten einige Zähne im Mund, aus den Löchern sickerte jetzt etwas blutiger Speichel. Ihre Finger und Zehen hatten die Farbe schwärzlich verfaulter Haut. Aber sie lächelte als sie Bargh sah: „Bargh, der Drachentöter. Ihr seid für mich gekommen? Und Meister Halbohr, die Legenden sind wahr?“ Ich traute ihrer Freundlichkeit nicht. Jeder kannte Bargh und jeder kannte Halbohr. „Wem dient ihr, Weib?“ fragte ich sie. Ihr Lächeln erstarb und wurde zu einer giftigen Maske: „Wem ich diene? Natürlich Jiarlirae! Jiarlirae über alles, du dreckiges Flittchen!“ Für einen Moment war ich erstarrt. Wie hatte sie mich genannt? Aber ich hatte mich nicht verhört. Dafür würde sie brennen. Dann würde sich zeigen, ob sie wirklich in den Diensten unserer Herrin stand. Ich zog meinen Säbel und sprang auf sie, als plötzlich laute Geräusche zu uns drangen. Einmal das Geräusch eines schweren Gatters und die Stiefel von Soldaten die sich näherten. Aber viel näher war ein anderes Geräusch. Ein Schmatzen und Furzen. Irgendetwas gewaltiges, etwas Riesiges was etwas hinter sich herzog. Auch diese Geräusche näherte sich. Dieses Mannsweib würde noch etwas warten müssen. Wenn die Ablenkungen nicht mehr da sind, werde ich mir ihr ein wunderbares Spiel spielen.