DiaryProlog (Track:
The Mole)
„Man selbst zu sein, in einer Welt, die ständig versucht,
dich zu etwas anderem zu machen, ist die größte Errungenschaft.“
– Ralph Waldo Emerson Schweiß rinnt von Inas Stirn herab, ihr Hemd klebt. Sie merkt es nicht.
Ihre Hände sind seit einer halben Stunde so verkrampft, dass sie morgen noch schmerzen werden.
Der Plan ist simpel:
Jessi manipuliert die Technik und löst den Alarm aus.
Maja macht den Lockvogel und flüchtet in die Tunnel.
Und sie selbst … sie befreit Regina.
Ina guckt auf ihre Uhr: Noch 20 Sekunden.
„ Fuck Fuck Fuck. Ich kann das! Fuck.“
Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
Der Zeiger rast auf die 12 zu, noch 10 Sekunden:
9 - 8 - Ina schluckt gegen den völlig trockenen Mund an und drückt sich tiefer in die Nische. Die Metallwand ist eiskalt.
7 - 6 - Das weiße Rauschen scheint ihren ganzen Kopf auszufüllen. Konzentrier dich!
5 - 4 - Ich kann das nicht, ich bin doch nur ein Kind.
3 - 2 - Was, wenn das schiefgeht? Wenn sie uns schnappen?
1 - Zu spät. Das Licht geht aus. Der Alarm gellt durch die Gänge.
Ina sprintet los in die Dunkelheit.
Dahin wo Regina ist.
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Kapitel 1: „Du bist kein Held.“Es regnet über Grid 4.
Kaltes Licht spiegelt sich auf Beton und Metall, während aus den Lautsprechern wie immer das monotone weiße Rauschen dröhnt.
Die Stadt wirkt müde, beinahe sediert. Auch in Block 22 endet gerade ein weiterer grauer Arbeitstag.
Casimir kehrt nach Hause zurück, als er hinter der Tür von Apartment 22.01, der Wohnung des Hausmeisters Kai Förster eine schrill klingende Frauenstimme hört:
„Sie haben sie. Ganz bestimmt! Ich kann nicht mehr länger warten.“
Casimir bleibt stehen und lauscht.
Drinnen verliert Kais Geliebte gerade die Nerven. Ihre Tochter Ina ist seit einer Woche verschwunden, und Sabine ist überzeugt, dass die Grauen sie geholt haben. Sie will nicht länger warten und selbst zum Grauen Turm gehen.
Kai, der sicher ist, dass die Girl Sprouts losgezogen sind, um Regina zu suchen, versucht, Sabine von ihrem Plan abzubringen.
„Okay, komm ich zeig dir etwas …“ Er nimmt sie bei der Hand und zieht sie zur Wohnung hinaus, wo sie auf Casimir treffen.
Zur gleichen Zeit begegnet Jax nach einer langen Schicht im Wohnblock Cynthia Desmond, die, seit sie arbeitslos ist, eher verloren durch Grid 4 treibt. Sie unterhalten sich kurz, dann geschieht etwas:
Als wäre der Graue Turm ein Leuchtturm, lässt er plötzlich den Himmel in Regenbogenfarben erstrahlen. Das weiße Rauschen verstummt. Für wenige Sekunden erklingt ein Kinderlied aus den Lautsprechern über der ganzen Stadt: der alte Regina-Regenbogen-Song. Dann gerät er ins Stocken, ehe er abbricht und das weiße Rauschen wieder einsetzt. Die Farben sind verschwunden, alles ist wieder grau.
SMS von Sam: Der Regenbogen ist ein atmosphärisch-optisches Phänomen, das als kreisbogenförmiges farbiges Lichtband in einem von der Sonne beschienenen Regenschauer erscheint. Die Erscheinung kommt durch das von Regentropfen gebrochene und zurückgeworfene Sonnenlicht zustande. Der Farbverlauf umfasst die Spektralfarben des mit dem Auge sichtbaren Bereichs des Sonnenspektrums. (Wikipedia)
(Track:
Dark Knight)
Für Irritation bleibt wenig Zeit: Kurz darauf bricht Panik im Wohnblock aus. Menschen fliehen in ihre Wohnungen, Türen schlagen zu, Schreie hallen durch die Gänge:
„Die Grauen kommen!“
Die Grauen durchsuchen Block 22 mit brutaler Härte. Wohnungen werden aufgebrochen, Bewohner verschleppt, Widerstand sofort niedergeschlagen.
Jax spurtet in seine Wohnung und holt seine schon lange vorbereitete Fluchttasche – er ist überzeugt, dass die Grauen wegen ihm hier sind.
Casimir rettet so viele Bücher, wie er kann.
Auch Cynthia und Kai haben kein Interesse daran, den Grauen zu begegnen und so ergreifen alle gemeinsam die Flucht durch einen alten Wäschekeller.
Atemlos und verstört gelangen sie in die Tunnel unter Grid 4, wo sie erst einmal anhalten und ihre Gedanken zu den Geschehnissen miteinander teilen.
Sabine erfährt, dass Kai mit Ina und ihren Freundinnen eine Art Gruppe hatte, die Girl Sprouts und sein Deckname „Clover“ ist. Sie ist empört, dass er sie nicht eingeweiht hat. Dennoch übergibt sie ihm einen, wie sie nun glaubt, für ihn bestimmten Zettel, den sie auf Inas Schreibtisch gefunden hat, als sie eine Taube verscheuchte, die ins Zimmer geflattert war: In einer Ecke ist darauf ein Kleeblatt eingezeichnet:
Hi Clover, wenn du das hier liest, ist wahrscheinlich etwas verdammt schiefgelaufen.
Aber damit dus weißt: Wir wissen, wo SIE ist: im Grauen Turm!!! Wenn wir es nicht geschafft haben und du an unsere Sache glaubst, dann such nach Starlight. Er ist ein bisschen komisch, aber er weiß viel und vielleicht hilft er dir. Folge einfach dem Vibe!
Viel Glück, Violetta (Deckname von Ina)
P.S. Vergiss nicht zu gießen!Jax: „Was hast du gerade gesagt? ‚Folge dem Vibe?‘ Das … das kenne ich! Ich weiß, wer Starlight ist: Er organisiert die Raves hier unten. Ich arbeite seit Jahren für ihn.“
Kai: „Die Sache ist alternativlos. Wir müssen die Mädchen finden! Also müssen wir nach Regina suchen. Wer kommt mit?“
Obwohl alle Angst haben, beschließen sie, zunächst Starlight zu suchen. Jax lässt seinen mechanischen Kolibri aufsteigen: Dieser soll ihnen den Weg weisen.
SMS von Sam: Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse aus. (Karl Moor - Die Räuber)Während sie durch die Tunnel ziehen, herrscht noch Misstrauen untereinander und besonders gegenüber Cynthia, die wohl einst Teil des Systems war. Doch nach und nach zwingt die gemeinsame Flucht die Charaktere dazu, einander zu vertrauen. Vor allem Kai kümmert sich um Cynthia.
Jax folgt währenddessen intuitiv dem „Vibe“, einer schwer erklärbaren Wahrnehmung, die ihn durch das Labyrinth der Tunnel führt.
Irgendwann gelangen sie zu einer schweren Stahltür mit einem aufgesprühten Regenbogen. Dumpfe Bässe wummern dahinter.
Jax: „Seid ihr bereit?“ Alle nicken.
Kai hat Angst, aber Sabine hält ihn fest an der Hand – Entschlossenheit in den Augen.
Jax stößt die Tür auf.
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Kapitel 2: „Geh mir aus den Augen.“ (Tracks:
Future Club &
RUN)
SMS von Sam: Netzwerk gefunden: SSID 'Starlight_Express'. Signalstärke: starkDer Kontrast zur Welt an der Oberfläche könnte kaum größer sein: Musik, Schweiß, Farben, Tanz, Körperlichkeit und ein treibender Bass erfüllen den Raum.
Der Puls ergreift von allen Besitz, eine wilde Lebendigkeit erfüllt sie. Nur hat Cynthia ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Sie erinnert sich an einen Clubbesuch vor unendlich langer Zeit, bei dem es eine Razzia der Grauen gab.
Heute legt DJ Boykott auf, ein Kumpel und Kollege von Jax. Er weist ihnen den Weg zu Starlight, am Rande des Geschehens: einer androgynen, extravaganten Gestalt mit weißen, langen Haaren, goldenen Augen, einem silbernen Anzug und goldenen Overkneestiefeln. Er ist umgeben von sehr attraktiven, lasziven Menschen.
Das Erscheinen der Gruppe quittiert Starlight gelangweilt bis genervt – er würde lieber feiern und sich nicht mit unangenehmen Themen befassen. Dennoch führt er sie zum Gespräch in einen Nebentunnel, wo eine regenbogenfarben besprühte U-Bahn steht: Der Starlight Express.
Starlight bestätigt, dass die Mädchen bei ihm waren, auf der Suche nach Regina.
Kai und die anderen sind empört: „Warum hast du ihnen das nicht ausgeredet? Sie sind nur Mädchen. Weiß du, in welche Gefahr du sie gebracht hast?“
Starlight zuckt die Schultern: „Meint ihr, sie hätten sich abwimmeln lassen? Ich hab die Entschlossenheit in ihren Augen gesehen – die hätten nicht lockergelassen. Ich kenne solche wie sie.“
Cynthia fragt einem Impuls folgend, ob er Rainer kenne. Dieser war ihr Sandkastenfreund, doch ihre Wege trennten sich. Bei der Analyse eines Videos sah sie Rainers Gesicht, als einem Grauen die Maske heruntergerissen wurde. Danach stürzte ihr Leben ins Chaos.
Starlight erzählt, dass er früher gut mit Regina befreundet gewesen sei, aber dann tauchte Rainer auf, sperrte sie in den Grauen Turm und baute sein Regime auf.
„Ich weiß nicht, wer Rainer ist, aber es ist unmöglich, Regina zu befreien. Viele haben es versucht, aber niemand kam zurück. Ich kümmere mich jetzt darum, dass wir wenigstens hier unten noch etwas Spaß haben.“
„Wenn ihr unbedingt zum Grauen Turm wollt, dann wendet euch an Mike – Schlüsselmike. Zu dem hab ich auch Ina geschickt. Der kennt sich aus.“
Plötzlich ertönt Geschrei und Cynthia sieht ihre Befürchtungen bestätigt: Die Grauen kommen. Chaos bricht aus, Menschen rennen um ihr Leben, Musik und Schreie vermischen sich. Viele versuchen, den Starlight Express zu erreichen. Jax wirft eine selbstgebastelte Soundbombe auf die Grauen und versperrt die Tür. Casimir hilft der letzten Flüchtenden in die bereits fahrende U-Bahn. Sie gibt ihm zum Dank einen Kuss.
Gemeinsam mit Starlight flieht die Gruppe.
Die Fahrt endet bei Mike’s Station.
Mike, ein ehemaliger Bauarbeiter des Grauen Turms, lebt dort zwischen Gerümpel, Werkzeug und alten Erinnerungen. Er war am Bau des Systems beteiligt und bereut es zutiefst.
„Es gibt nur noch einen geheimen Tunnel in den Turm aber da müsst ihr an der bösen Frau vorbei. Ich geh da eigentlich nicht hin … aber ich würds euch zeigen.“
Mike ist fasziniert von Jax‘ Kolibri Vibe. Jax erklärt, dieser sei zu ihm gekommen, er wisse nicht woher aber er glaubt, Regina habe ihn geschickt. Auch die anderen berichten nun von ihren Familiars.
Cynthia verarbeitet noch die Informationen, die sie von Starlight bekommen hat. Die Erinnerungsfetzen mehren sich und plötzlich erinnert sie sich an ihren eigenen Familiar: „Ich hatte mal eine Puppe … Maria Mandarina. Sie war orange. Rainer und ich haben damit gespielt … aber … ich habe sie verloren.“
Mike horcht auf.
„Orange, sagst du? Warte mal …“ Aus einem Haufen Gerümpel zieht er eine ramponierte Puppe hervor. Es ist Cynthias. Sie schließt sie in die Arme und plötzlich erinnert sie sich wieder, warum sie sie weggeworfen hatte:
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(Rückblendentracks:
#4 &
Hello Victim! Awake!)
Als Kind spielte sie mit ihrem Freund Rainer Regina Regenbogen: Rainer hatte das Pferd Sternschnuppe, das ihm seine Mutter heimlich geschenkt hatte, und Cynthia Maria Mandarina.
Sie spielen im begrünten Hof ihres Wohnblocks. Immer heimlich aber eines Tages erwischt sie Rainers Vater. Er wird unglaublich wütend – auch Cynthia bekommt Ärger: „Hast du keine Freundinnen, hä? Spielst mit meinem Sohn
Puppen? Such dir Mädchen für dieses Zeug!“
Er schleift seinen Sohn grob in die Wohnung und Cynthia hört mit an, wie er hinter verschlossener Tür seine Wut an Rainer auslässt.
Die Freundschaft wurde daraufhin beiden untersagt. Cynthia vergrub Sternschnuppe im Spielhaus, um das Stofftier für Rainer zu verwahren. Danach verdrängte sie alles, was mit Regina Regenbogen zu tun hatte, und wandte sich schließlich sogar dem System der Grauen zu.
Auch die anderen werden von Erinnerungen heimgesucht:
„Willst du ein Nimm 2? Kannst dir auch zwei nehmen. Aber eigentlich solltest du besser nicht mir gesehen werden. Gibt bloß Ärger für dich.“
Der Junge heißt Rainer und ein buntes Regenbogenpferd klemmt unter seinem Arm.
Casimir: „Ich kann doch spielen, mit wem ich will.“
Sie sind auf dem Pausenhof und eine Gruppe Jungs kommt zu ihnen. „Du spielst mit dem? Mit Stofftieren? Babys!“
Casimir: „Lasst ihn in Ruhe. Er hat euch nix getan!“
Unter lauten „Schwul! Schwul! Schwul!“-Rufen müssen Casimir und Rainer flüchten, um nicht verprügelt zu werden.
SMS von Sam: Du denkst immer, Mut fühlt sich richtig an … tut er nicht. Auch Jax erinnert sich an seine Kindheit: Er sitzt mit seiner Mutter im Wartezimmer vom Kinderarzt.
Der Raumbedufter lässt alle Sinne von Jax anschlagen – er sieht und hört den Duft, als wäre er von emsigen Insekten umgeben und einem wilden Farbrausch.
„Hör doch mal auf, so rumzuzappeln! Die Leute gucken schon!“ weist ihn seine Mutter zurecht.
Jax versteht nicht, warum seine Eltern ihn nicht verstehen. Immer gibt es Ärger deswegen. Sein Verhalten ist ihnen peinlich, seine Hibbeligkeit, seine seltsame Wahrnehmung – das ist doch nicht normal! Deshalb sind sie heute hier.
Der Arzt verschreibt ihm Tabletten, Jax nimmt sie brav. Das Leben mit seinen Eltern wird einfacher. Sie schimpfen nicht mehr so oft aber er hängt stundenlang rum und merkt nicht, wie die Zeit vergeht. Die Farben, das Flirren und Schwirren, die Klänge – alles ist verschwunden. Eines Tage lässt er die Tabletten weg und wird DJ.
Kai erinnert sich an ein nächtliches Gespräch nach einer Hausmeistertagung, bei der den ganzen Tag über neue Vorschriften, Regeln und Verbote und deren Durchsetzung geredet wurde. Er sitzt im Regen an einer Bushaltestelle aber der Bus kommt nicht. Ein Fremder, den Kai unter seiner Kapuze nicht erkennen kann, setzt sich neben ihn auf die Bank.
„Wieder so ein Scheißtag“, sagt der Fremde.
„Hmm …“, macht Kai.
„Weißt du, was komisch ist? Jeden Morgen kochen sich die Menschen Kaffee … jeden Morgen … und irgendwie glauben sie, dass dieser Tag besser werden könnten. Jeden Morgen … ich checks nicht.“
Kai: „Also ich finde die Tage meistens okay …“ Er denkt an Sabine und die Sprouts. Er beißt sich auf die Zunge, darüber darf er natürlich nicht reden.
Der Fremde schnaubt ungläubig: „In diesem tristen Loch? Mit diesen ganzen Vorschriften und Regeln? Man müsste mal was unternehmen!“
Kai wird unbehaglich, vielleicht sollte er einfach laufen … doch dann kommt endlich der Bus.
Aber bis heute denkt er jeden Tag beim Kaffeekochen an die merkwürdige Begegnung.
„Man müsste mal was unternehmen.“
Mit Mike‘s Hilfe fertigt die Gruppe Masken und Kutten an, die denen der Grauen ähneln, um unerkannt in den Turm zu gelangen.
Schließlich brechen sie wieder auf. Mike weist den Weg.
Die weitere Reise durch die Tunnel wird zunehmend surreal:
Teilweise übermalte Regenbogengraffitis, Bündel bunter Kleidung – eine milbenzerfressene Federboa (Jax wirft sie enttäuscht fort), ein altes „Mach’s mit – Werbeplakat für Kondome: „Lieblings Farben“, fernes Gebrüll eines zornigen Mannes und das Weinen eines Kindes, eine Wand über und über beschrieben mit dem immergleichen Satz:
„Ich soll nicht mit Puppen spielen.“
„Ich soll nicht mit Puppen spielen.“
„Ich soll nicht mit Puppen spielen.“
„Ich soll nicht mit Puppen spielen.“
…
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(Track:
The Sea - Tomáš Dvořák)
Die Gruppe erreicht schließlich die Station „Kurfürstenstraße“. Sie ist halb geflutet und die Decke in Teilen eingebrochen. Efeu rankt wild herab. Die Wände sind mit großflächigen Akten, Blumen und Sonnen bemalt. Überall schweben Glühwürmchen. An der Wand steht ein altes Ruderboot, darin, eingewickelt in eine schmuddelige Patchworkdecke, liegt eine Person.
Jax: „Hallo?“
Die Gestalt fährt hoch: Eine muskulöse, dunkelhäutige Frau mit knallpinken Haaren schält sich aus der Decke. Sie bleibt auf Distanz, ihre ganze Haltung erinnert an die eines in die Enge gedrängten, wilden Tieres.
„Was wollt ihr hier? Verpisst euch!“
Ihr Blick fällt auf Mike und verfinstert sich: „Duuuu! Du hast hier nichts verloren! Verschwinde!“ Mike zögert keine Sekunde, diesem Befehl nachzukommen und verkrümelt sich in die Tunnel.
Ein zaghaftes Gespräch entspinnt sich. Penny Popperpink, eine Transfrau, lebt hier völlig isoliert. Eine breite Narbe, die quer übers Gesicht verläuft und das erblindete linke Auge zeugen von der Gewalt, die Penny widerfahren ist – nicht von den Grauen, sondern von anderen Menschen, die sie nicht akzeptieren wollten.
„Hier ist es gut. Hier kann ich sein, wer ich will, weil ich allein bin.“ Sie deutet glücklich auf die Malereien an den Wänden.
Die Gruppe begegnet Penny mit echter Empathie. Besonders Jax gelingt es schließlich, sie zu beruhigen und in einer langen Umarmung zu trösten, über ihre Angst zu sprechen.
Schließlich ist sie bereit, ihnen das Boot zu überlassen und entscheidet in letzter Sekunde, dass auch sie es Regina schuldet, zu helfen:
„Wartet, ich … ich komme mit euch. Es ist Zeit, dass sich was ändert.“
Mit dem Ruderboot erreicht die Gruppe schließlich den Grauen Turm. Über eine lange Wendeltreppe gelangen sie zu einem Kanalgitter, das Kai geschickt abschraubt und so steigen sie unbemerkt ins Reich der Grauen ein.
Kapitel 3: „So habe ich dich nicht erzogen.“ (Tracks:
The Mezzanine &
Your Cast will Tire)
SMS von Sam: Annäherung an Root-Verzeichnis. Benutzer 'Rainer' ist mehrfach angemeldet. Identitätskonflikt detektiert. System-Backup 'Regina' wird gesucht…Unten befinden sich sterile Büros, überall grauer Teppich, über die Monitore rattern Zahlenkolonnen und Anweisungen, immer wieder läuft in einiger Entfernung ein Grauer an ihnen vorbei, ohne sie zu beachten.
Casimirs Familiar Sam erwacht plötzlich zu neuem Leben. Er spielt auf seinem Display ein kleines Video ab: Die Einschaltanimation von Samsung 2010 – ihm fehlte das „sung“. Jetzt ist es ganz.
Der nächste Turmabschnitt enthält eine Art Ausstellung: In Vitrinen ringsherum stehen Exponate wie eine Bierflasche, ein Rasierer, ein Hammer, eine Krawatte, ein Fußball und … ein Foto von Rainers Vater – Cynthia erkennt ihn wieder.
„Wo sind wir hier? Was bedeutet das alles und wer sind wir?“
Casimir hat eine Vermutung: „Wir sind ein Teil von Regina.“
Sie lassen den Raum der maskulinen Symbolik hinter sich und steigen eine weitere Treppe hinauf. Jax beschließt, Chaos zu stiften und sich nicht mehr länger zu verstecken. Er zertrümmert mehrere Vitrinen und löst so den Alarm aus.
Dann stürmen sie in die 3. Ebene. Jax blockiert die Treppe mit Soundgranaten und kann so die Grauen eine Weile aufhalten.
Die oberste Ebene des Grauen Turms ist ein Thronsaal aus kaltem Stahl und Granit, über dem die Maschine hängt, die die Wolken macht.
An den Wänden stehen Käfige mit angeketteten, sedierten Gefangenen, auch Ina und die Sprouts befinden sich unter ihnen.
Kai und Sabine stürzen sofort zu den bewusstlosen Mädchen und machen sich am Käfigschloss zu schaffen.
Ein Mann in einer Kutte tritt aus den Schatten. Er trägt keine Maske wie die Grauen: Rainer ist groß, muskulös und einschüchternd, aber er geht gebeugt, wie unter einer schweren Last.
„Was tut ihr da, ihr Idioten? Ihr gefährdet das System! Ihr bringt alles durcheinander!“
Ein Grauer stellt sich Kai in den Weg, will ihn wegzerren. Kai reagiert prompt und reißt ihm die Maske vom Gesicht. Einige Sekunden sieht man darunter das Gesicht von Rainer, dann ist es plötzlich das eines unbekannten Mannes. Er wirkt desorientiert und gerät ins Schwanken. Andere Graue rücken nun nach. Ein Kampf entbrennt, Jax und Sabine stehen Kai zur Seite und versuchen, möglichst viele ihrer Gegner zu demaskieren.
Cynthia und Casimir versuchen währenddessen Rainer klarzumachen, dass er nicht unterdrücken soll, wer er ist, dass Grid 4 ein Gefängnis für ihn und alle darin Lebenden ist, dass er Regina freilassen muss, um selbst glücklich zu werden.
Rainer, abfällig: „Regina? Regina war die Lüge eines kleinen, dummen Kindes! Ich bin die Wahrheit. Ich habe dieses Grau gebaut, damit uns niemand mehr wehtun kann. Ich bin der, der euch beschützt.“
Casimir: „Du schadest dir selbst am meisten! Du hast dich selbst aufgegeben. Du hast unser aller Freiheit geopfert.“
Rainer zu Cynthia: „Du hast mich im Stich gelassen, als ich dich am meisten brauchte!“
Cynthia: „Ich war nur ein Kind, wie du. Aber ich war all die Jahre in deiner Nähe. Ich habe sogar für dein System gearbeitet. Komm mit uns: Ich habe Sternschnuppe für dich aufbewahrt. Komm, ich zeig dir, wo.“
Casimir beschwört ihn, mutig zu sein und sich von dem Schrecken seines Vaters freizumachen: „Du bist viel stärker als er. Er hat keine Macht mehr über dich, wenn du nicht willst.“
Rainers Widerstand bröckelt zunehmend. Unter seiner schweren grauen Kutte blitzt Farbe hervor: ein roter Absatz, ein schillernder Stoff. Es wird klar, dass Regina nicht irgendwo eingesperrt ist. Regina ist in ihm.
Cynthia ergreift Rainers Hand: „Komm, wir holen Sternschnuppe.“
Der Widerstand ist gebrochen. Die Grauen ziehen sich zurück und die Gefangenen kommen zu sich. Kai öffnet die Käfige und Sabine kann endlich ihre Tochter wieder in die Arme schließen.
Als sie die Treppen hinabsteigen, hören sie, wie oben die Wolkenmaschine zusammenbricht und die schweren Zahnräder herabstürzen. Der Regen versiegt.
Der Hinterhof des alten Wohnblocks liegt ganz in der Nähe des Grauen Turms. Alles Grün ist hier unter Beton verschwunden, das alte Spielhaus zwischen Gerümpel vergraben. Die Gruppe legt es gemeinsam frei. Der Boden in der kleinen Hütte ist unverändert sandig und nach einigem Graben findet Cynthia Sternschnuppe.
Das Stofftier ist schmutzig und zerrupft aber als sie es Rainer überreicht, zerbricht endgültig etwas in diesem. Oder vielleicht wird zum ersten Mal etwas heil. Er schließt Sternschnuppe in die Arme und verharrt einige Augenblicke von stummem Schluchzen geschüttelt.
Dann streift er die graue Kutte ab und Regina tritt hervor. Sie wirkt erschöpft und zerzaust, aber gleichzeitig frei wie nie zuvor.
Der Himmel reißt auf und die Sonne lässt Grid 4 in warmen Farben erstrahlen.
Ein Lächeln tritt auf Reginas Gesicht.
„Es wird Zeit: Lasst uns das hier zu einem schönen Ort machen!“