Der Morgen graut schließlich über den Mystic Mountains, und die Zeremonie in Ouru ist nun doch noch vollendet, nach der durchwachten Nacht.
„… Das, was mich eigentlich dazu gebracht hat, auf diese Pilgerschaft zu gehen, war unser Erklettern des Sammelsaurus“, sagt Man-E-Faces in leiser Stimme. Er ist gerade erschöpft in sitzende Haltung gesunken, unter der letzten der Steintafeln. Zefaira setzt sich behutsam neben ihn, ordnet ihre weiten Gewänder, und sieht ihm fragend ins Gesicht.
Er fährt zögerlich fort, „Der Größenwahnsinn des Monstergesichts hatte mich alle Vorsicht vergessen lassen, in der Klamm der Hundert Schilde! Ich hatte wirklich in dem Moment geglaubt, die Kobolgor würden sich mir unterwerfen. Jene grünen Fratzen, die meinem Monstergesicht so ähnlich sind. Niedere, planetenbewohnende Abbilder meines wahren Angesichts aus dem fernen All; sie müssten mich instinktiv als neuen Herrscher akzeptieren! Skeletors Armee könne
meine sein, da war ich in diesem Moment überzeugt, ich könne sie herumreißen und
gegen ihn wenden. Es war ein Rausch der Machtgefühle und der Herrschsucht, wie ich ihn noch nie vorher erlebt hatte. Doch ich wurde umzingelt, auf dem Rücken der Knochenechse. Umringt von Skelcons, wie geflügelte Albträume. Und dann … trat Skeletor mir entgegen. Mit Evil-Lyn, die mich verspottete; und Mer-Man war dort. Sie sagten, in Snake Mountain würde mich die Folter erwarten … und schließlich der Treueschwur gegenüber dem Herrn der Verwüstung. Als hätten sie die wahre Natur des Monstergesichts erkannt, und würden sie nicht für ein Schrecknis halten … sondern für ein
ungenutztes Potenzial. Eine Macht, die sie für sich einsetzen könnten. Ich konnte nichts tun, nicht freikommen, während die Knochengerüste unaufhaltsam auf Eternis zu stampften, in ihrem wahnsinnigen Marsch. Fiebrige Fantasien bemächtigten sich meiner. In meiner Raserei sah ich mich bereits als einen Krieger des Bösen!“
„Sie wollten Dich zwingen, die Seiten zu wechseln …“
„Ja, oder genauer gesagt, sie waren überzeugt, dass eine Facette meiner Selbst bereits auf ihrer Seite
stünde. Das grüne Monster, dessen Fratze ich trug. … Als etwas später Teela, Orko, und Legendro ihre Großtat vollbrachten, und den Leitbullen der Knochenherde wieder zur Vernunft brachten, kurz vor dem Erreichen der Mauern von Eternis, kam ich endlich frei. Die drei suchten nach mir, aber ich verschwand heimlich im Staub des Schlachtfelds. … Ich war zu beschämt, um ihnen auch nur unter die Augen zu treten.“
Sie seufzt tief, während sie ihn anblickt. Er schaut weiterhin zu Boden.
„Es war mir kurzzeitig vergönnt, mit den Masters of the Universe zu arbeiten, als ihr Ermittler! Eine Ehre, fürwahr. Aber jene Kräfte, die mich für sie nützlich machen, verhindern gleichzeitig, dass ich ihnen helfen kann. Beinahe hätte ich auf diesem Sammelsaurus Teela, Orko, und Legendro auffliegen lassen. Verstehst Du? Sie wären getötet worden, wegen meinem Größenwahn und meiner gedankenlosen Raserei“, und er sieht Zefaira an, „… Ich danke Dir dafür, dass Du mich dazu gebracht hast, all dies auszusprechen, oh Schweigevolle. Endlich ist es raus. Nachdem ich hier in Ouru nun Buße getan habe, kehre ich zurück nach Morania. Dort gehe ich ins Exil.“
„Ins Exil?!“
„Ich habe dort immer noch viele verdeckte Kontakte, die können mich verschwinden lassen, vor Skeletor und Evil-Lyn, und wahrscheinlich sogar vor Zodac. Ich bin keine Hilfe für die Hemisphäre des Lichts. Ich bin zu unkontrolliert.“
„Aber König Randor braucht Dich doch als verdeckten Ermittler, nicht?“
„Nun ... es gäbe wahrlich genug für mich zu tun in der Rolle als Rechercheur, die ich habe, seit ich nicht mehr Pilot bin ... Die Unterwanderung der Stämme um Eternis durch Skeletors Agenten ist noch nicht vorbei. Aber um diese Aufgabe wieder aufzunehmen, bräuchte ich die Sicherheit, dass ich nicht wieder die Selbstbeherrschung verliere. Und die habe ich trotz allem nicht erlangt. Wer kann schon sagen, was Zodac meinte, kurz vor seinem Verschwinden?“
Sie schweigen eine Weile.
Die ersten Flugeidechsen beginnen ihre Lieder zu zirpen an den Felshängen.
„… Zodac …", wispert Zefaira schließlich, „Warum sagte der Kosmische Magier vor seinem Verschwinden, Du habest seiner Weisung bereits entsprochen? Als sei sein Orakelspruch für Dich bereits erfüllt …?“
„‚Bewege Deinen Geist‘ … tja. Das ist so generisch, das kann
alles bedeuten. Ein alter Trick unter vielen Mystikern, nicht wahr? Am Ende kann man alles hineininterpretieren. Dann kann der Wahrsager in jedem Fall behaupten, richtig damit gelegen zu haben.“
Sie schüttelt vorsichtig den Kopf, „Ich … glaube, dass Du seinen Orakelspruch in dem Moment erfüllt hattest, als das Weltraummonster gebrüllt hatte, es würde im Dienst seiner Schutzbefohlenen stehen.“
„Hat es?“
„Du warst abgelenkt, von dem schrecklichen Kraftfeld, in dem Du festhingst. Aber ich habe es genau mitbekommen, was Du sagtest. Der ritterliche Schwur.
Er ist, was Du brauchst, damit alle drei Deiner Facetten geeint sind. Du selbst hast mir das ja bereits erklärt, auf dem Hinweg.“
„Ja, der Rittereid gilt für uns alle drei gleichermaßen. Aber … das
wussten wir doch längst. Und er gibt mir ja keine
Kontrolle.“„Ich denke, es ist der Schlüssel für Dich. Du
hast die Kontrolle, wenn Du sie
willst. Und wenn nicht gerade Evil-Lyn Dich verhext. Die Lösung war bereits die ganze Zeit über in Deiner Hand, schon zu Beginn unserer Pilgerschaft.“
Man-E-Faces lässt sich noch etwas weiter zurücksinken, und sein Raumhelm macht ein leises Klicken, als er gegen die rückwärtige Steinwand trifft. Er atmet tief ein.
„Glaubst Du das, Schweigevolle?“
„Ja.“
„Das heißt, ich könnte es riskieren, nach Eternis zu den Masters of the Universe zurückzukehren. Um in ihrem Dienst tätig zu sein.“
„Du
bist einer von ihnen.“
„Hah! Ich wünschte.“
„Der Adler der Giganten hat es mir gesagt! Schon kurz vor Beginn unserer Reise. Und sie muss es wissen, denn vom Totem Grayskulls kommt er ja, dieser Begriff: Masters of the Universe.“
„Der Adler … spricht zu Dir?“
„Manchmal, wenn ihre Gunst groß ist. In Gedanken. Ich bin ihre Erwählte, als Sprecherin aus ihrer Priesterschaft.“
„Oh! Dann … weißt Du vielleicht von ihr auch, warum Zodac diesen Ort als so besonders beschrieben hat?“
„Ouru?“
„Ja! Was sollte das bedeuten, Ouru sei verbunden mit dem Schicksal von den Masters of the Universe? … Sagtest Du nicht, dieser Ort stellt nicht nur Fragen, sondern er erzählt auch eine … eigene Saga?“
„Ja. Aber ich nehme an, als Zodac von einer schicksalhaften Bedeutung dieses Ortes sprach, für Euch alle, war das nur einer von seinen vielen Versuchen, uns zu verwirren und zu verspotten. … Ich habe auf einer meiner anderen Pilgerfahrten ein paar Textpassagen abgelesen, von den Sockeln der riesigen Statuen der altvorderen Weisen, auf den alten Handelsstraßen, außerhalb von Eternis … diese Schriften warnten vor Ouru in den Mystic Mountains, und nannten es einen schlimmen Ort.“
„Schlimm, inwiefern?“
„Er wurde dort als ein besonderer Ort der Gefahr bezeichnet … wörtlich, als ein …
Point Dread.“Man-E-Faces fährt auf, „Sag‘ das nochmal?!“
✪
Advances:Nach dieser Session haben alle an der Handlung beteiligten Wild Cards ihren nächsten
Advance verdient.
Adam: Vigor ➜ W8 (dadurch hat He-Man nun
Vigor ➜ W12+1)
Man-E-Faces: Focus ➜ W8 &
Performance ➜ W8
Orko: Improved Extraction-Vorteil
Zefaira: Athletics ➜ W10 &
Stealth ➜ W10
✪
Der Wind Raider gewinnt an Höhe über den Wäldern von Evandall. Prinz Adam schaut auf Castle Grayskull hinab, während es unter ihnen kleiner wird. Er hat nach den fünf Tagen, die sie dort verbracht haben, immer noch nicht das Gefühl, fort zu wollen.
„Siehst Du, Man-At-Arms?
Diesen Blick meine ich!“, quiekt es von der Rückbank des Wind Raider, „So guckt er schon zwei Tage lang drein! Man weiß gar nicht, wie man ihn aufmuntern soll! Und ich habe alles versucht, jede Posse aus meinem Repertoire!“
Man-At-Arms am Steuer wirft Adam einen Seitenblick zu.
Der Prinz sagt düster, „Lass‘ nur, Orko! Ich komme ja darüber hinweg. Ist nicht die erste Schwermut, der ich Herr werde.“
Orko winkt ab, „Ja,
das stimmt natürlich! Du bist bisweilen eine ziemliche Heulsuse, gerade, was junge Damen betrifft! Immer diese Dramen und Scherereien! Seht Ihr, das ist das Gute daran, dass es bei Trollanern den ganzen Mumpitz mit Männlein und Weiblein nicht gibt!“
Adam dreht sich zur Rückbank um, und hakt nach, „Ach ja? Und was ist mit Deinen Geschichten von den liebreizenden Trollanerinnen, die daheim für Dich ihre Schleier heben wollten, Du kleiner Charmeur?“
Orko verschränkt die Arme, „Das ist doch was völlig anderes, Adam! Das verstehst Du nicht. Trollanische Liebe ist unendlich viel feinsinniger als das grobe Balzverhalten von Euch Eternischen Plattfüßen.“
„Aber den sogenannten Mumpitz mit Männlein und Weiblein, den habt Ihr am Ende dann doch auch!“
„Ja und nein! Es wird ein ewigliches Mysterium sein!“, sagt Orko selbstzufrieden.
„
Schön ist das, dass Ihr solch eine
tolle Spezies seid, die unter anderem nie Probleme hat mit sowas Profanem wie Liebeskummer!“, murrt Adam ironisch, und lässt sich tiefer in den Copilotensitz sinken.
„Endlich siehst Du es ein?“, sagt Orko erfreut, „Das hat aber gedauert!“
Man-At-Arms hat das Gequassel der beiden satt, und erinnert, „Orko! Wolltest Du denn nicht ein paar traditionelle Bokurgo-Halsketten vom Stamm der Soquari beschaffen?“
„Wollte ich?! Wieso das, Man-At-Arms? Willst Du Dich stammesmäßig in Schale werfen?!“
„Nein, erinnere Dich, Trollaner! Was ist noch gleich unsere Notlüge, um zu erklären, dass Ihr fast eine Woche untergetaucht wart?“
„Dass wir mit einer der Bokurgo-Karawanen der Soquari ziehen, und um Kunstschätze feilschen! Richtig, hatte ich beinahe vergessen! Oh wie toll, ich beame mich gleich hin und quatsche denen ein paar davon ab! Adam und ich werden ja so lustig aussehen damit, wartet nur! Wir sehen uns im Hangar, bis später!“, und ein leises Glöckchengeräusch ertönt.
„Und weg ist er“, lächelt Man-At-Arms unter seinem Schnauzbart und versucht, nicht allzu erleichtert zu klingen.
Adam schweigt.
„… Eure Kunde von der möglichen Allianz mit den Dastoros-Stämmen, das sind wahrlich gute Neuigkeiten, Prinz. … Wer hätte gedacht, dass die Sorceress neben ihren Meditationen über unser aller Zukunft nebenher noch Zeit findet, sich mit politischen Winkelzügen zu betätigen, hier draußen?“
„Politische Winkelzüge?“
„Na, klingt das Ganze denn für Dich viel anders? Das, was Ihr mir vorhin erzählt habt, lässt doch darauf schließen, dass die Zauberin nicht nur eine zurückgezogene Priesterin der Totems ist, sondern auch auf der politischen Bühne agiert, zumindest in Fällen wie diesem.“
Adam sagt mit düsterer Inbrunst, „Ich werde sie genauestens dazu befragen, wenn ich sie wiedersehe! Das bedarf Klärung. Wenn dieser angeberische Doodon ihr in den Evannor-Wäldern auch nur eine Feder gekrümmt hat — auch nur
eine Feder! — oder ihre
Ehre beschmutzt hat, dann …“
„Nein, nichts dergleichen, Prinz. Verstehst Du denn nicht, wie das alles klingt?“
„Als habe Doodon sie unter Druck gesetzt!
Ausliefern hat sie sich ihm müssen, noch dazu ohne ihre schützenden Zauberkräfte, außerhalb ihrer Burg, in Menschengestalt! Welch ein ehrloser Schurke, er hat noch damit angegeben, ihrer ‚unvergleichlichen Entblößung‘!“
„Sie hat ihn in sich verliebt gemacht, um eine Allianz zwischen den Stämmen herbeizuführen.“
Adam sieht Duncan verblüfft an, „Aber …? Aber dieses Techtelmechtel in den Wäldern, das ging doch nicht von
ihr aus!“
„Woher willst Du das wissen?“, schmunzelt der Waffenmeister.
„Das … liegt doch auf der Hand … also, ich denke mir das so …“
„Die Sorceress ist deutlich erfahrener und älter als sie aussieht, das weißt Du.“
„Du glaubst, ihre Ehre
ist nicht in Gefahr, durch diese Dastoros …? Am Ende hat sie mit Dooden gar nicht …“
„Ich glaube, Prinz, die Sorceress denkt wie Dein Vater, und wir anderen — sie will unbedingt diesen
Krieg beenden. Nichts ist dringlicher als das. Wenn alle Stämme der Hemisphäre des Lichts geeint wären, könnte Skeletor uns kaum etwas anhaben. Du, mein Prinz, weißt, dass Adel und andere Mächtige große persönliche Opfer bringen müssen, um den Schutz ihrer Untergebenen zu gewährleisten. Auch Du wirst beizeiten eine Stammesprinzessin heiraten, um eine möglichst mächtige Allianz für König Randors Reich zu schaffen.“
Adam seufzt, „Ich liebe jedoch die Sorceress, Duncan.“
„Hah, ja. Das kenne ich.“
„Ja, es ist immer die
gleiche Leier mit mir, ich weiß ja. Prinz Adam und sein ewiges Herzeleid, mit seinen ständigen …“
„Nein, das meinte ich nicht, Adam. Ich kenne das; ich weiß, wie es ist, die Sorceress zu lieben.“
Adam fährt herum, und schaut ihn verblüfft an. Duncan lächelt ihn an, fast entschuldigend.
„Du … Du auch? Aber Du bist doch … mit Octaviala …!“
„Das war lange vorher. Während der Großen Unruhen, vor Deiner Geburt. Damals war ich ein junger Soldat. Auf einer Mission für Deinen Vater, als er noch lediglich General Randor war, da bin ich in der Wildnis hier draußen verloren gegangen, abgeschnitten von meinem Trupp. Dabei habe ich durch göttliche Fügung Castle Grayskull entdeckt. Das war vor seinem eigentlichen Wiedererscheinen. Es war damals nur gelegentlich im Nebeldunst zu sehen, wie ein flüchtiges Traumbild. Die Zauberin sprach dort zu mir, kreiste über mir als Zoar. Sie zeigte mir ihr wahres Angesicht nur per Gedankenübertragung. Sie war damals ebenso schön wie sie es heute ist. Und meine Güte …“, und er muss lachen bei der Erinnerung, „… meine Güte, war ich
verliebt in sie! Alles hätte ich für sie getan, alles. Obwohl ich sonst immer praktische Frauen bevorzugt habe, keine Mystikerinnen.“
„Aber … wart Ihr jemals ein Paar?“
„Nicht im eigentlichen Sinne, nein. Die Großen Unruhen haben uns zu sehr beschäftigt. Mehr darf ich Dir nicht erzählen, denn sie hat mich damals zum Schweigen verpflichtet. Aber jahrelang blieb mein Herz ihr treu, oder besser gesagt, dem
Gedanken an sie! Jedenfalls weiß ich, wie Du Dich fühlst, Adam.“
„Und so hast Du Dich auf andere Frauen besonnen, schließlich auf Octaviala.“
„Ja, allen Göttern Eternias sei Dank!“
„Wie meinst Du das?“
„Nun, erstmal, weil Octaviala die Richtige für mich ist! Und außerdem, weil es schwer ist, eine Frau zu lieben, die so jenseitig ist wie die Sorceress, die mit ihren Gedanken und ihrem Herzen stets in anderen Sphären weilt.“
Adams Brust entringt sich ein tiefer Seufzer, und er sagt, „Ich werde lernen, von ihr zu lassen, und werde eine Stammesprinzessin ehelichen, wie Du sagst! Wie meine Eltern es wollen. Für das Wohl des Reiches, das mein Vater errichtet. Aber …“
„Wohl gesprochen, mein Prinz. Wieso ‚aber‘?“
„Aber es wäre hilfreich, wenn ich immerzu so denken könnte, wie ich’s in He-Mans Gestalt tue. Er ist so sehr Idealist, viel mehr, als ich es als der unbeholfene, schwächliche Prinz Adam bin. Als He-Man ist es viel leichter, das Aufrichtige zu tun, und es auch wirklich zu
wollen“, und sehnsüchtig endet er, „Ich, Adam, will nur versinken, im Blick jener blauen Augen!“
Duncan sagt, „Oh ja. Jene blauen Augen …“
Der Wind Raider verschwindet zwischen den weißen Wolken, auf seinem Kurs gen Eternis.
