Medien & Phantastik > Lesen
Reading Challenge 2026
Gondalf:
--- Zitat von: angband am 7.05.2026 | 08:19 ---16 James Islington - The Will of the Many
Erinnert ein wenig an Red Rising oder The Hunger Games, aber mit mehr Fantasy. Vom Flair her gibt es Referenzen zu Rom und Griechenland. Empfehlenswert!
12/15
17 Nicholas Potter - Die neue autoritäre Linke
Ich beschäftige mich schon lange mit Antisemitismus und das Thema ist mir sehr wichtig. In diesem Buch wird dies teilweise aufgegriffen. Der Autor schreibt gewöhnlich für die taz und geht sehr kritisch mit der Entwicklung der politischen Linken um.
14/15
18 Michel Abdollahi - Es ist unser Land. Wir dürfen Deutschland nicht den Rechten überlassen
Eher ein Appell, als ultratiefe neue Einsichten.
08/15
19 Timothy Snyder - Über Tyrannei
Hier richtet sich Mr Snyder eindeutig gegen die Trump-Regierung.
09/15
20 Uwe Wittstock - Marseille 1940
Interessanter Einblick in die Umstände und das Milieu von Künstlern und anderen Exildeutschen in Frankreich 1940.
11/15
21 Matt Dinniman - Dungeon Crawler Carl
Ganz amüsant, vor allem zu Beginn. Ich finde, es nutzt sich recht schnell ab.
08/15
22 Nicholas Eames - Kings of the Wyld
Tolle Prämisse. Die Protagonisten sind eine ehemalige Abenteurergruppe, die sich zur Ruhe gesetzt hat, um eine letzte Mission zu erfüllen. Man fühlt sich an alternde Rockstars erinnert.
12/15
23 Joachim Fest - der Untergang
Angelehnt an gleichnamige filmische Umsetzung ist dem Autor daran gelegen, die letzten Tage und Wochen im Führerbunker zu beschreiben und dabei nachzuprüfen, was belegbar ist.
11/15
24 Rainer Zietelmann - Weltreise eines Kapitalisten
Der Autor versucht, den Gründen für Armut und Reichtum überall auf der Welt nachzugehen. Er unterhält sich mit verschiedensten Menschen rund um die Welt, die immer aus dem Kreis der Libertären kommen. Das Gebotene ist schon interessant, aber ich hatte immer den Eindruck, dass der Autor hauptsächlich sich selbst vermarktet.
06/15
25 Stephen Fry - Mythos: Was uns die Götter heute sagen
Das erste von vier Büchern von Fry über Griechische Mythologie. Es ist sehr umfassend! Für mich hätte es etwas kürzer sein können. Toll ist, dass der Autor die Geschichten recht elegant mit modernen Interpretationen verbindet.
10/15
--- Ende Zitat ---
Da sind einfach mal ein paar echt gute Tipps dabei. Weltreise eines Kapitalisten ist schon auf dem Weg zu mir, viele weitere interessant. Danke fürs teilen.
Menthir:
#17 Tristan Gooley - How to Read a Tree - Clues and Patterns from Roots to Leaves
Es ist weniger ein klassisches Sachbuch über Botanik als vielmehr eine Einladung zum aufmerksamen Beobachten und Wandern. Gooley nähert sich den Bäumen nicht mit überbordender akademischer Systematik, sondern mit der Neugier eines Menschen, der gelernt hat, in Rinde, Ästen und Blattstellungen Geschichten über Standort, Wetter, Alter und Wachstum zu lesen. Er will den Wunsch wecken, selbst hinauszugehen, stehenzubleiben und den Blick zu entschleunigen. Nach der Lektüre läuft man im Idealfall nicht mehr einfach an einer Eiche oder Birke vorbei, sondern beginnt, sie als Ausdruck ihrer Umgebung zu begreifen.
Besonders gelungen ist dabei, dass Gooley seine Beobachtungen niedrigschwellig vermittelt. Das Buch verlangt keine botanischen Vorkenntnisse und verliert sich nicht in taxonomischen Feinheiten oder wissenschaftlicher Fachsprache. Stattdessen entsteht der Eindruck eines Spaziergangs mit einem begeisterten Naturführer, der immer wieder kleine Hinweise gibt: Warum wächst ein Ast asymmetrisch? Weshalb trägt die Rinde auf einer Seite andere Spuren? Was sind diese Narben an den Bäumen?
Allerdings zeigt sich genau darin auch eine Schwäche des Werkes. Viele Beobachtungen ähneln sich in Aufbau und Erzählung, wodurch sich im Verlauf eine gewisse Repetitivität einschleicht. Manche Kapitel wirken wie Variationen desselben Gedankens: Schau genauer hin, entdecke Muster, lies den Baum. Das ist zwar programmatisch stimmig, verliert aber mitunter an erzählerischer Frische.
Auch sprachlich bleibt das Buch eher funktional. Gooley schreibt klar und zugänglich, doch selten so eindringlich oder atmosphärisch, dass die Sprache selbst eine besondere Begeisterung für Wälder und Bäume entfacht.
Hinzu kommt, dass Gooley viele seiner kurzen Unterkapitel mit kleinen erzählerischen Einstiegen versieht. Diese Ansätze des klassischen Storytellings wirken oft nicht auserzählt. Manche Anekdoten enden gerade dann, wenn sie atmosphärisch interessant werden, andere erscheinen eher wie angerissene Skizzen als wirklich erzählte Erlebnisse.
Dennoch bleibt es ein brauchbares Buch. Gerade in einer Zeit, in der Natur oft nur Kulisse für Joggingrouten oder Smartphone-Fotos ist, erinnert es daran, wie viel sich entdecken lässt, wenn man langsamer wird. Gooleys Buch ist letztlich die Einladung dazu, langsamer und bewusster durch die Natur bzw. durch die Bäume zu streifen, und dadurch ihre Diversität und ihre Ähnlichkeiten zu entdecken.
5 von 10 Punkten
Menthir:
#18 Tom Hillenbrand - Lieferdienst
Dies ist ein zeit- und kapitalismuskritischer Roman, der mit hoher Schlagzahl durch seine Seiten rauscht. Hillenbrand beherrscht fraglos das Tempo. Kurze, knackige Dialoge, präzise Szenenwechsel, und eine cineastische Handlung. Das ist auch die Stärke dieses Buches. Hillenbrand erzählt mit Lust an Dynamik, Beobachtung und satirischer Zuspitzung.
Gleichzeitig offenbart der Roman eine Eigenart, die eng mit seinem Anspruch auf Gegenwartsnähe verbunden ist. Die Sprache wirkt stellenweise auffällig modernistisch, fast demonstrativ im Bemühen, urbanen Zeitgeist einzufangen. Anglizismen, popkulturelle Marker und digitale Alltagssprache erscheinen weniger wie klassische Literatur, sondern eher wie ein konservierter Twitter-Feed der frühen 2010er Jahre. Es lässt sich erahnen, dass der Text insofern schnell altern wird.
Besonders die kulturellen Verweise erzeugen ein ambivalentes Bild. Einerseits verleihen sie der Welt Authentizität und satirische Schärfe. Hillenbrand versteht die Mechanik spätkapitalistischer Konsumkultur und die Selbstinszenierung urbaner Milieus ausgezeichnet. Andererseits drohen viele Referenzen zur bloßen Kulisse zu werden, wenn das Buch altert. Aber das ist für den Autor sicherlich klar gewesen und eine bewusste Entscheidung.
Das Buch ist bemerkenswert unterhaltsam. Hillenbrand schreibt mit Rhythmus, Witz und einem feinen Gespür für groteske Überzeichnung. Die Kürze des Buches ist der Thematik, dem Tempo und der Auflösung des Buches mehr als angemessen und ich habe die kurze Lektüre sehr genossen. Insofern eine klare Leseempfehlung.
8 von 10 Punkten
Menthir:
#19 Benjamin Wood - Seascraper
Mit Seascraper versucht Benjamin Wood, einen kühlen, nebelverhangenen, etwas melancholischen Roman zu schreiben. Und tatsächlich liegt über dem gesamten Buch eine eigentümliche Atmosphäre, die seine größte Stärke bleibt. Besonders die Szenen am Wasser besitzen eine beinahe filmische Qualität. Der Leser riecht Tang und das namenlose Pferd, hört neben dem Quietschen des alten Wagens in der Ferne vielleicht das metallische Knarren einer Hafenanlage und der dazugehörigen Schiffe, und spürt jene nordenglische Feuchtigkeit, die sich wie ein zweites Hemd über die Figuren legt. Wood gelingt es, Räume zu schaffen, die weniger Kulisse als viel mehr Stimmungsbilder sind. Und er kann zu Beginn die Einsamkeit des Protagonisten einfangen.
Problematisch wird Seascraper jedoch dort, wo der Roman seine psychologische und narrative Konstruktion zeigt. Die Handlung wirkt über weite Strecken nicht organisch gewachsen, sondern erkennbar arrangiert. Viele Konflikte erscheinen wie sorgfältig platzierte dramaturgische Versatzstücke, deren Funktion zu sichtbar bleibt, und deren Übergänge zu deutlich hervortreten. Gerade deshalb entsteht nur begrenzt jene Suspension of Disbelief, die notwendig wäre, um sich vollständig auf die Geschichte einzulassen. Figuren begegnen einander oft mit einer symbolischen Absicht, die offenkundig kalkuliert wirkt. Besonders stark ist das in der Entwicklung des Protagonisten sichtbar.
Besonders interessant, aber zugleich ambivalent geraten die beiden Mutterfiguren, die jeweils auf ähnliche, scheinbar fürsorgliche Art herrisch sind. Die Mutter von Thomas erscheint als emotional wie körperlich erschöpfte, beinahe geisterhafte Präsenz, die für ihr junges Alter (36) verblüffend schnell gealtert ist. Sie gibt ein Stück weit das Leben von Thomas vor, ist hier Halt, gar Anker, aber gleichzeitig auch der Grund, warum sich ihm die Welt nicht zu eröffnen scheint.
Edgars Mutter dagegen besitzt mehr narrative Schärfe, ist körperlich aber das Gegenteil, nämlich eine drahtige, rüstige Frau um die 80. In ihrer Strenge und emotionalen Kontrolle zeigt sich soziale und persönliche Härte. Doch auch hier wirkt vieles symbolisch überhöht. Sie steht aber wie auch die Mutter von Thomas weniger für eine individuelle Person als für ein literarisches Konzept von mütterlicher Dominanz und Schuldvererbung. Edgar kann im Gegensatz zu Thomas aufgrund seines reicheren Hintergrund kreativ ausbrechen, wird aber immer wieder von seiner Mutter eingefangen.
Es ließe sich ebenso viel über einen Vergleich zwischen Thomas und Edgar schreiben, die jeweils durch die Mutter gebunden sind, und die auf kreativem Wege aus ihrem Los auszubrechen versuchen, wobei bei Edgar noch eine Drogensucht dazukommt. Es ließe sich die Substanzlosigkeit der jeweiligen Väter zu den Figuren beschreiben. Aber das unterlasse ich an dieser Stelle.
Insgesamt entsteht mit Seascraper ein Roman, der atmosphärisches Potenzial hat, aber in seinen scharfkantigen Versatzstücken so offenkundig konstruiert erscheint, wie man es von jemanden erwartet, der Creative Writing akademisch schult.
Spannender könnte das Werk werden, wenn man es an Benjamins Woods eigener Historie misst. Ich kenne ihn nicht persönlich, habe aber gelesen, dass auch seine Eltern sich getrennt haben, ehe er erwachsen war; dass er einstmals Singer-Songwriter werden wollte, und wenn - das ist jetzt meinerseits konstruiert - der Blick auf die sehr bestimmenden Mutterfiguren gelegt wird, stellt sich die Frage, wie viel autobiografisches Element in diesem Roman stecken könnte. Mit so einem Ansatz könnte man aus dem Roman vielleicht in der Betrachtung noch mehr herausholen.
Für sich allein gestellt war es aber not my cup of tea.
3 von 10 Punkten
Menthir:
#20 Tobias Bevc - Politische Theorie
Dieses Werk von Tobias Bevc eine ebenso kompakte wie zugängliche Einführung in die großen Denktraditionen und Grundbegriffe der politischen Ideengeschichte. Das Werk überzeugt besonders dort, wo es versucht, komplexe theoretische Zusammenhänge nicht eins zu eins nachzuerzählen, sondern sie klar strukturiert und nachvollziehbar aufbereitet.
Gut gewählt sind die zahlreichen Beispiele, mit denen Bevc abstrakte Themenfelder erschließt. Ob Fragen nach Staatlichkeit, Demokratie, Freiheit oder Macht; die gewählten Bezüge wirken immer wohl platziert und helfen tatsächlich dabei, theoretische Modelle greifbar zu machen oder zumindest einen Einstieg in diese Thematiken zu finden. Das Buch entwickelt dadurch eine Praxistauglichkeit, ohne wissenschaftliche Seriosität einzubüßen.
Auch die Zusammenfassungen und kompakten Übersichten der einzelnen Kapitel sind überwiegend sehr gelungen. Sie ermöglichen eine schnelle Orientierung. Gerade in einem Feld wie der politischen Theorie, das häufig von Begriffsdichte und ideengeschichtlichen Verästelungen geprägt ist, erweist sich diese Strukturierung als sinnstiftend.
Die weiterführende Literatur ist auf die wichtigsten Werke beschränkt, und bietet insofern ebenfalls einen guten Einstieg.
Als kompakter Einstieg fehlt hier und da die theoretische Tiefe bzw. manchmal die ein oder andere wichtige Verästelung.
Es gibt m.E. vor allem eher redaktionelle Schwächen. Mitunter folgen ausführlichere Fließtexte und ihre Zusammenfassung zu direkt aufeinander, wodurch der Lesefluss gelegentlich ins Stocken gerät. Die Übergänge wirken dann etwas rau. Für Leserinnen und Leser, die ein stärker erzählerisches oder argumentativ fließendes Werk erwarten, kann dies stellenweise etwas sperrig wirken. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass genau diese Struktur dem schnellen Überblick und der systematischen Erschließung des Stoffes klar zugutekommt.
Insgesamt ist das Buch ein didaktisch klug aufgebautes und inhaltlich überzeugendes Einführungswerk, das besonders durch seine verständliche Darstellung und die treffend gewählten Beispiele überzeugt.
7 von 10 Punkten
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