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Reading Challenge 2026
Menthir:
#22 Alice Roberts - The Celts - Search for a Civilization
Das kurze Werk ist ein ausgesprochen zugänglicher und zugleich bemerkenswert reflektierter Einstieg in das Thema der Kelten, die sich jeder einfachen Definition entziehen. Roberts versucht nicht, die Kelten als klar umrissene Einheit zu präsentieren, sondern nähert sich dem Begriff aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Besonders positiv erscheint mir ihr konsequent quellenkritischer Ansatz. Roberts blickt erfreulicherweise weit über die reine Archäologie hinaus und verbindet materielle Kultur mit historischen, genetischen, allgemein anthropologischen und vor allem linguistischen Überlegungen. Dabei tritt sie älteren Meisternarrativen respektvoll entgegen. Die lange verbreitete Vorstellung eines einheitlichen keltischen Volkes, das sich geschlossen über Europa ausbreitete, wird nicht polemisch zerlegt, sondern differenziert hinterfragt.
Gerade der starke Fokus auf sprachliche Hinterlassenschaften ist dabei nachvollziehbar. Roberts macht plausibel, dass Sprache womöglich der tragfähigste Zugang zur Frage nach den Kelten ist. Allerdings wird hier auch eine mögliche Schwäche des Buches sichtbar, denn obwohl die linguistische Argumentation zentral für ihre These ist, arbeitet das Buch selbst vergleichsweise wenig konkret mit sprachlichen Entwicklungen. Lautverschiebungen, Begriffsverwandtschaften oder sprachhistorische Linien werden eher behauptet als ausführlich nachvollzogen. Dadurch bleibt manches auf einer konzeptionellen Ebene stehen, wo ein tieferer Einblick in die tatsächliche sprachliche Entwicklung die Argumentation noch erheblich gestärkt hätte.
Die populärwissenschaftliche Ausrichtung des Werkes ist jederzeit spürbar, was keineswegs negativ gemeint ist. Dass das Buch eng mit der gleichnamigen BBC-Produktion verbunden ist, merkt man seinem Stil deutlich an. Es liest sich flüssig, anschaulich und oft beinahe wie eine Reiseerzählung durch Landschaften, Ausgrabungsstätten und Erinnerungskulturen Europas. Gerade dadurch eignet es sich für Leser, die erstmals tiefer in die Keltenforschung eintauchen möchten. Dennoch ist es dadurch natürlich nicht tief analytisch.
Etwas mehr Raum für wissenschaftliche Gegenstimmen hätte dem Werk dennoch gutgetan. Zwar werden alternative Positionen erwähnt, doch häufig eher knapp und exemplarisch gegen Ende. Eine stärkere fortlaufende Einbindung kontroverser Debatten hätte das Buch auf ein noch höheres Niveau gehoben, waren in Sachen Sprachfluss aber sicher schwer einzubinden.
Insgesamt lesenswert, aber eben auch ein seichter Einstieg.
6 von 10 Punkten
Gondalf:
Alles ist erreichbar - Buch von Raymond Hull
Ist aus den 1960ern, der Autor ist 1985 verstorben. Hatte auch unter anderem das Peter-Prinzip verfasst.
Geht darum sich klare Ziele zu setzen, diese zu formulieren und immer wieder zu memorieren. Es leitet an zu einer positiveren konstruktiveren Sicht der Dinge.
Gedanken und Ziele, sowie quasi das eigenen Denken zu formen.
Man merkt gelegentlich, dass der Autor aus einer völlig anderen Zeit kommt, aber im Grunde ist es unproblematisch, ich fand es eher spannend, auch das der Autor 20.000 DM im Jahr für ein sehr hohes Einkommen hält.
Ich finde es insgesamt sehr lesenswert.
(7 von 20 )
Menthir:
#23 Viet Thanh Nguyen - Der Sympathisant
Dies ist ein Roman der Gegensätze, der Dualismen, der unsicheren Erkenntnisse, denn er zeigt nie nur eine Seite der Geschichte, sondern spiegelt diese geradezu; allerdings immer aus einer zersplitterten Egoperspektive. Dabei ist gar nicht so richtig zu sagen, was es genau dieser Roman ist. Ist es ein Spionage-, ist es ein Exilroman, oder doch eine Untersuchung von Perspektive, ideologischer Verunreinigung und der Unmöglichkeit, sich in einer konstruierten, geschichtlichen Ordnung einseitig zu verorten? Ist es die Frage, ob eine Person, die sich nicht zugehörig fühlt, auch die Welt durch diese Brille zu sehen verdammt ist? Der Protagonist, ein Mann mit zwei Gesichtern, ist weniger Held, sondern ein Suchender. Er ist weder politisch noch kulturell vollständig integrierbar, und der Roman macht aus dieser Unbehaustheit sein zentrales Thema.
Formal ist das Buch von einem beständigen Perspektivwechsel getrieben. Die Erzählung bleibt eng an der Innenperspektive des namenlosen Protagonisten gebunden, doch diese Nähe erzeugt gerade keine Sicherheit. Im Gegenteil. Sein Blick ist hochreflexiv, ironisch und selbstentlarvend, aber nie stabil. Er erzählt als jemand, der zugleich beobachtet, kommentiert, rechtfertigt und sich selbst verdächtigt. Der Leser befindet sich in einem permanenten Zustand erkenntnistheoretischer Unruhe, was dadurch bestärkt wird, das viele Personen nur durch ein eindeutiges Attribut, einen Spitznamen, einen Titel oder in seltenen Fällen durch den Namen in Erscheinigung treten (bspw. der General, der dunkelste Marineinfanterist etc.). Was ist Erinnerung, was Strategie, was nachträgliche Rationalisierung? Wer spricht hier, und in wessen Namen? Nguyen verwandelt die Erzählperspektive in ein Instrument des Zweifels.
Diese Unsicherheit ist keine bloße Spielerei, sondern das eigentliche Prinzip des Romans. Der Sympathisant beschreibt den Vietnamkrieg nicht als heroische Befreiungs- oder Niederlagenerzählung, sondern als ideologisches Trümmerfeld, in dem alle Seiten, Protagonist eingeschlossen, ihre eigenen Legenden produzieren. Der Protagonist ist dabei eine Verkörperung des Widerspruchs. Sohn eines französischen Vaters und einer vietnamesischen Mutter, also biologisch bereits als Grenzfigur markiert, kulturell in keiner Sphäre vollständig heimisch, politisch als Doppelagent funktionalisiert. Seine Dasein als Bastard ist nicht nur genealogisch, sondern ontologisch. Sie ist die Signatur einer Welt, in der Reinheit immer schon eine Lüge ist. Der Roman insistiert geradezu, dass diese Figur von West wie Ost nur instrumentalisiert werden kann. Beide Lager, aber auch alle Figuren um ihn herum, wollen ihn benutzen, aber kein Lager kann ihn aufnehmen, keine Person so annehmen, wie er ist; Protagonist wieder eingeschlossen. Er ist nützlich gerade als jemand, der nicht dazugehört, aber doch immer ausgegrenzt.
Nguyens Text rührt an jeder Form von Dualismus, die sich als geschichtliche Wahrheit ausgibt. West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus, Freiheit gegen Unterdrückung, Moderne gegen Rückständigkeit. Der Roman deutet, dass beide Seiten ihre eigenen Blindstellen haben und sich aufeinander beziehen, ohne den inneren Widerspruch aufzuheben. In dieser Hinsicht wirkt das Buch wie eine bitter-elegante Verweigerung der Dialektik im klassischen Sinn. Es gibt keine klare Synthese, keinen versöhnenden dritten Begriff, keinen höheren Standpunkt, von dem aus das Geschehen aufgehoben werden könnte.
Besonders eindringlich wird das in den Folterszenen. Sie sind nicht nur körperlich brutal, sondern erkenntnistheoretisch zentral. Folter im Sympathisant dient nicht der Zerstörung des Körpers, sondern der Zersetzung von Identität, Loyalität und Erzählbarkeit. Der Gedanke, dass ein Subjekt unter extremem Druck seine Wahrheit preisgibt, wird hier grausam ironisiert. Es gibt keine einfache Wahrheit, nur das, was unter Zwang, Angst und ideologischem Erwartungsdruck übrig bleibt. Hier ist bspw. im Geständnis wieder zentral, dass es mehrfach redigiert und angepasst erscheint.
In diesem Roman ist Nguyens Stil auffallend kontrolliert, wirkt beinahe sogar kühl. Diese Kühle kontrastiert mit dem chaotischen Material und den extremen Konsequenzen der individuellen Handlungen. Kulturell arbeitet Nguyen mit einer scheinbar klaren Symbolsprache. Uniformen, Sprachen, Gesten, Essweisen, zugeschriebene Attribute, koloniale Bildungsarroganz und revolutionäre Orthodoxie bilden ein Theater der Zugehörigkeit, in welchem zeitgleich diese Zuschreibungen durch die Handlungen immer wieder konterkariert werden. Wer sich mit den Symbolen einer Ordnung schmückt, nimmt noch lange nicht an ihrem Sinn teil.
Das macht das Buch stark, wenn auch nicht immer angenehm zu lesen. Der Roman verweigert die beruhigende Moral der eindeutigen Position. Er sagt nicht; hier die Guten, dort die Bösen. Er zeigt vielmehr, wie beide Systeme den Menschen in Rollen pressen, die ihn zugleich definieren und vernichten können. Der Protagonist wird zum Zeugen einer geschichtlichen Welt, die ihre eigenen Widersprüche nicht lösen kann, sondern sie auf die Körper derer ablädt, die zwischen ihr stehen. Seine Bastardrolle ist damit nicht bloß privates Schicksal. Und doch bleibt im Sinne des Romans unklar, ob das eine tatsächliche Weltbeschreibung ist oder den Perspektiven des Protagonisten geschuldet ist.
So ist die scheinbare Synthese des Wir am Ende, keine wahrhafte Synthese im Sinne von Verschmelzung, sondern eher in der Erkenntnis, dass beides nebeneinander, aber zusammen existiert.
Nguyen ist damit ein bemerkenswerter Roman gelungen.
8 von 10 Punkten
Menthir:
#24 Thomas Morus - Utopia
Die Mutter aller Sozialutopien von 1516 ist eines jener Bücher, welches zugleich inspierend und ernüchternd wirkt. Inspirierend, weil wir auch im frühen 16. Jahrhunderten Probleme finden, die wir noch heute wiedererkennen; ernüchternd, weil man einem über 500 Jahre alten Werk seine damalige Zeitgeistigkeit anmerkt, und dadurch spürt, wie stark solche Ideale nicht erreichbar sind und doch immer wieder, dem Sisyphos gleich, ausgehandelt bzw. den Berg hochgerollt werden müssen. Gerade darin liegt eine anhaltende Faszination für die Utopie, also den Nichtort. Morus entwirft keine zeitlose Idealwelt, sondern eine Ordnung, die tief im Denken des frühen 16. Jahrhunderts verwurzelt ist. Wer Utopia heute liest, begegnet nicht nur einem politischen Gedankenspiel, sondern auch einem Dokument seiner Epoche.
Exemplarisch wird das an der Rolle der Frau. In seinem Inselstaat sind Frauen zwar nicht völlig unsichtbar, aber ihr Handlungsspielraum bleibt eng. Sie erscheinen vor allem im Horizont von Ehe, Haushaltsordnung und Gehorsam gegenüber dem Mann. Dass sie im Verteidigungsfall auch Militärdienst leisten dürfen, wirkt zunächst überraschend modern, entpuppt sich jedoch bei näherem Hinsehen als Ausnahmezustand, nicht als Ausdruck von Gleichberechtigung. Die Frau wird nicht als eigenständiges Subjekt gedacht, sondern als funktionaler Teil einer patriarchalen Gesellschaftsordnung. Utopia ist damit in zentralen Punkten eben nicht utopisch, sondern erstaunlich zeittypisch. Die Ordnung des Gemeinwesens wird auf Kosten weiblicher Autonomie stabilisiert.
Genauso fällt die Zeitgeistigkeit beim Thema Sklaven auf. Morus Idealstaat kennt Sklaverei als selbstverständliches Mittel gesellschaftlicher Organisation. Zwar unterscheidet sich diese Form von Sklaverei von der späteren kolonialen Massenversklavung, doch bleibt der Kern derselbe. Menschen werden zu Trägern fremder Zwecke gemacht. Dass ausgerechnet eine vermeintlich gerechte Gesellschaft auf Sklaven zurückgreift, offenbart eine tiefe moralische Blindstelle. Die Insel der Vernunft ruht auf einem Fundament der Unfreiheit. Gerade hier zeigt sich, wie sehr Morus Utopie in einer Welt steht, in der Hierarchie, Gehorsam und Zwang noch als legitime Bestandteile sozialer Ordnung gesetzt waren. Dasselbe lässt sich darin wiederfinden, dass Utopia fremde, kriegerische Völker nutzt und aufschleißt, um sie für sich kämpfen zu lassen und angeblich damit zu einer auf Dauer friedlicheren Welt beizutragen. Der Bildungs- und Friedensauftrag des Christentums ist hier bei Morus nicht vollumfänglich zu sehen.
Und doch wäre es zu einfach, Utopia nur als veraltetes Lehrstück abzutun. Das Werk besitzt bis heute Sprengkraft, weil es eine entscheidende Frage stellt. Wie müsste ein gutes Gemeinwesen aussehen? Die Antwort darauf ist jedoch nie endgültig. Denn Idealbilder verändern sich, weil sich das moralische Verständnis einer Gesellschaft verändert. Was 1516 als vernünftig, gerecht oder notwendig gelten konnte, kann aus heutiger Sicht als unzureichend, diskriminierend oder unmenschlich erscheinen. Genau deshalb müssen Utopien immer wieder neu ausgehandelt werden. Sie sind keine fertigen Paradiese, sondern Verhandlungsräume für Werte, Macht und Teilhabe.
Gerade weil das Werk seine Zeit so deutlich verrät, bleibt es lesenswert; als Einladung, unsere eigenen Idealbilder nicht für naturgegeben zu halten, sondern immer wieder zu prüfen, zu korrigieren und weiterzudenken.
Aber manche Dinge bleiben scheinbar auch immer gleich, so zitiere ich zum Abschluss einen Part aus dem Abschluss des Werkes von Thomas Morus:
--- Zitat ---«Therefore I must say that, as I hope for mercy, I can have no other notion of all the other governments that I see or know, than that they are a conspiracy of the rich, who, on pretense of managing the public, only pursue their private ends, and devise all the ways and arts they can find out; first, that they may, without danger, preserve all that they have so ill-acquired, and then, that they may engage the poor to toil and labor for them at as low rates as possible, and oppress them as much as they please; and if they can but prevail to get these contrivances established by the show of public authority, which is considered as the representative of the whole people, then they are accounted laws.»
--- Ende Zitat ---
6 von 10 Punkten
Sindaja:
13. Margaret Mahy: Alchemy
Ein Jugendbuch aus Neuseeland. Der Protagonist, ein beliebter Junge an seiner Schule, wird beim Ladendiebstahl erwischt und um nicht aufzufliegen wird er quasi erpresst sich mit einem eher unscheinbaren Mädchen zu beschäftigen. Dieses erweist sich als mysteriöser als erwartet. Nebenbei versteht er auch zunehmend die Zusammenhänge zwischen den misteriösen Ereignissen und dem Verschwinden seines Vaters als er ein Kind war. Ein bisschen Magie, aber auch einiges an Realität. Nett, aber nicht so eindringlich dass es ein „must read“ wäre
14. Marie Brennan: Maps to Nowhere
Kurzgeschichten. Einige sehr kurz. Aber viel Schönes dabei. Bei der einen dachte ich gleich, dass es abgewandelt gut für die Motivation eines Monsters in einem Abenteuer taugen könnte, dann auch eine eine Magazinkonversation im Lady Trent Universum, eine „Was passiert mit einer lebenden Göttin, wenn sie ersetzt wurde und zurück in ihr normales Leben muss?“ Geschichte und witzig: Eine Art D&D Gruppe, die aus Kindern großer Helden in Rente besteht und natürlich alle Ratschläge der Eltern in den Wind geschlagen hat und auf Abenteuer geht. In Briefform an die Eltern geschrieben.
15. Zachary Pike: Son of a Liche
Ich habe ein bisschen länger gebraucht, um wieder in die Reihe reinzukommen und fühlte mich am Anfang des Buchs deshalb etwas „verloren“, weil ich einfach nicht mehr alle Charaktere einordnen konnte. Deshalb nahm das Buch auch erst in der Mitte für mich an Fahrt auf. Wieder detailreich, und gut geschrieben. Dieses Mal mit dem im Titel angedeuteten Vater-Sohn-Konflikt als eines von vielen Themen. Der Sohn ein Magier, der Vater der Haupt-Antagonist. Ansonsten natürlich auch Marketing, Untote, unglückliche Liebesgeschichten und wenn auch manches witzig ist, ist immer ein ernster Unterton vorhanden. Gute Reihe!
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