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Stefan Jordan - Geschichtsschreibung - Geschichte und TheorieStefan Jordans Buch ist eine überaus solide, selbstkritische und behände Reflektion über die Historiografie. Im ersten Teil beginnt er mit einer historischen Herleitung, die er zwar global aufzubereiten und zu beschreiben versucht, dabei aber konstatiert, dass moderne Historiografie doch am Ende v.a. westlich und auch männlich geprägt ist.
Weiter beschäftigt er sich mit dem Verhältnis zwischen Historiografie und Geschichtsphilosophie in diesem Teil.
Im zweiten Teil beschäftigt er sich vor allem mit formalen und formellen Fragen, und erläutert unter anderem die Formen der Geschichtsschreibung (auch in ihren fiktiven Formen, wie dem historischen Epos oder dem historischen Roman) sowie die Funktion der Geschichtsschreibung (bspw. Erinnerung, kollektives Gedächtnis, aber auch historische Sinn- oder Identitätsbildung)
Abgeschlossen wird es mit einer kurzen Einführung in die Quellen und Authentizität von Geschichte.
Was auf den ersten Blick trocken wirken mag, ist es bei genauerer Betrachtung nicht. Das liegt zum einen daran, dass Jordan das Werk herrlich unprätentiös in Duktus und Form präsentiert und die Information sowie Analyse nicht überfrachtet, sondern zielführend und flott schreibt für ein theoretisches Werk, ohne jedoch in Floskeln oder Flapsigkeiten abzurutschen. Zum anderen wartet Stefan Jordan auch mit einigen wichtigen Diskussionen auf. So entgeht ihm nicht, dass Geschichte auch immer wieder vereinnahmt wird, und entwickelt u.a. daran die These, dass moderne Geschichtswissenschaft auf die Ausbildung eines demokratischen Gemeinwesens angewiesen ist, da sie ansonsten nur Füllfederhalter bspw. autokratischer Mächte ist und damit in ihrem Ansinnen nicht mehr funktional ist. Nur in dem offenen, freien Meinungs- und Wissensaustausch ist moderne Geschichtswissenschaft seiner Meinung nach funktional, inkl. Freiheit der Wissenschaft.
Dass das Werk also durchaus mit Blick auf die Zukunft der Geschichtswissenschaft, gerade unter dem Eindruck der Entwicklungen rund um Fake News oder der Autokratisierung der westlichen Länder (allen voran den USA), geschrieben ist, macht es umso eindrücklicher.
Abgerundet wird es mit einer Bestandsaufnahme der aktuellen Globalgeschichte mit einer vertieften Erklärung des Autors dazu, warum die Historiografie historisch westlich und männlich aufgestellt ist, und was das global für eine Bedeutung hat; was die Grenzen und Perspektiven dazu sind; und warum es so schwer ist, die eigene Perspektive zu verlassen, bei aller Absichtserklärung.
Insgesamt regt das Buch dazu an, sich auch mit seiner eigenen Position im Sinne der Historiografie auseinandersetzen und bietet einen sehr guten, eindrücklichen Einstieg in die Thematik. Insgesamt ist es also sehr empfehlenswert.
8,5 von 10 Punkten