Autor Thema: Warum wurde Tolkien zum Fantasy Standard und nicht Conan, Fafhrd und Elric?  (Gelesen 2823 mal)

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Offline tartex

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und die Verhältnisse sind nun einmal wie sie sind

Ja, genau da ist für viele Tolkien-Skeptiker der Hund begraben.
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Ja, genau da ist für viele Tolkien-Skeptiker der Hund begraben.

Nicht nur die Tolkien-Skeptiker. Fantasy ist aus meiner Sicht generell gerne konservativ und rückwärtsgerichtet; verglichen mit all den Geschichten aus dem Genre, in denen es darum geht, entweder den Status Quo gegen neue Krisenanfechtungen zu verteidigen oder aber ein noch älteres "goldenes Zeitalter" wiederzubeleben, kann man diejenigen, die dauerhafte Veränderungen in Richtung "Fortschritt" auch nur halbwegs positiv bewerten, schon nachgerade mit der Lupe suchen.

In gewisser Hinsicht ist da sogar Moorcocks Ewiger Held fast schon ein Revolutionär, weil der tatsächlich zu versuchen scheint (oder so klingt's zumindest hier und da an), wenigstens im mühsamen Schneckentempo über -zig Inkarnationen hinweg die Menschen und die Welt als Ganzes zu verbessern. Ob er dazu nun unbedingt den effektivsten Weg eingeschlagen hat...na ja. 8] Gebraucht zu werden scheint er hier und da jedenfalls.

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Ja, genau da ist für viele Tolkien-Skeptiker der Hund begraben.
Allerdings ist doch u.a. diese (konservative) Stabilität - in Mittelerde ändert sich selbst in Jahrtausenden wenig bis gar nichts gesellschaftlich, praktisch ist das Erstarken des jeweiligen Dark Lords einer der wenigen dynamischen Faktoren im Land -, genau das, was die Fans am Fantasy-Genre schätzen, oder?

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Das sehe ich ganz genauso, nur würde ich "moralisch" in Anführungszeichen setzen. Denn da wird der HdR eben so problematisch. Weil das alles anscheinend mehr oder weniger moralisch klar ist, kauft man der Story wie den Protagonisten ein Gutsein ab, das nicht unbedingt begründet ist, wie ich finde. Ich spreche hier wohlgemerkt nur vom HdR und beziehe mich da auch sehr auf die Rezeption. Ich lese zum Beispiel immer wieder von beispielhaftem Mitgefühl. Das Mitgefühl wird dadurch belohnt, dass derjenige, dem die Mitfühlenden das Leben lassen, am Ende zum erlösenden Opfer wird und natürlich trotzdem ins Gras beißen muss. Übrigens ergeht es auch den Abweichlern vom "Guten" so, dass sie abtreten müssen. Boromir und Denethor müssen ihren Zweifel an der richtigen guten Sache mit dem Leben bezahlen, sagt die Geschichte. Sie sieht nicht vor, dass sich die Guten weiterhin mit ihnen befassen müssen. In Boromirs Fall ist die Resozialisierung des Abweichlers laut Geschichte anscheinend nur durch Selbstopferung möglich. Das ist alles ähnlich gedacht wie bei Wagner, wo am Ende Erlösung halt doch nur durch Tod möglich ist, am Exemplarischsten bei Kundry. Dass eine Gesellschaft, wenn sie mitfühlend sein will, auch die Zumutung aushalten muss, mit den Boromirs und Gollums zu leben, ist nicht vorgesehen. (Ich denke sowieso, dass es Gesellschaft im HdR fast nicht gibt, da bewegt sich fast alles auf der Ebene von Gemeinschaft und zweckbedingten Allianzen zwischen Gemeinschaften.)

Freundschaft ist ja ein anderes Stichwort, meist mit Fokus auf Frodo und Sam. Ja, das ist ein Privilegierter und sein lohnabhängiger Bediensteter. Das ist wohl so ein britisches Adelsding, aber vielleicht noch älter, analog zu der Gefolgschaftstreue bei den sea lords der Wikinger, dass die Treue eines Bediensteten zu seinem "Master" so große Anziehungskraft hat. Immer schön mit Gefälle. Wäre dieses Gefälle nicht da, könnte ich mich ungezwungen für Sams Aufopferungsbereitschaft begeistern, so aber kann ich sie nicht ohne einige Irritation hinnehmen. Was soll daran so toll sein? Aber in einer Geschichte, wo eben tatsächlich nur darum gekämpft wird, dass alles so bleibt, wie es war, passt das natürlich.

Im Grunde ist das der Punkt, wo sich statt Tiefe bei mir ein Abgrund im HdR auftut, dass nämlich ständig behauptet wird, man würde für das Gute und Schöne und Hehre kämpfen, aber das ist dann, dass der Nachfahre eines Königs seinen Thron bekommt und dass Sam eine Familie gründen kann. Mehr fällt euch wirklich nicht ein, wofür man kämpfen sollte?, möchte ich die versammelten Gefährten dann stets fragen. Vermutlich oute ich mich mit derlei Gemäkel als Sauronanhänger.  ;D

Ich kann oder will gar nichts von dieser Kritik abstreiten, aber ein bisschen möchte ich Tolkien dann doch in Schutz nehmen, gerade im Vergleich mit manch anderen genannten Autoren. Ich finde, dass bei Tolkien auch ein sehr grundsätzlicher - vielleicht naiver? -, jedenfalls empathischer "Eigentlich-soll-es-allen- gut-gehen"-Humanismus Ausdruck verschafft. Das mag mit dem reaktionären Denken in Gemeinschaft statt Gesellschaft romantisch verwoben sein und dann auch vielleicht im Gesamtbild eher einen unappetitlichen Brei als ein schönes Gewebe abgeben ... aber das "gute Leben für alle" steckt m.E. auch mit drin, und auch ein starkes Aufbegehren gegen Ausbeutung, Naturzerstörung und Krieg. Da halte ich Tolkien in seinem Humanismus für authentisch, und insofern rühren mich bis heute auch so Sachen wie Thorins Rede auf dem Sterbebett. Und das ist auch nicht nur platt, Tolkien lässt Widersprüche in seinem Entwurf durchaus zu, wenn auch nur andeutungsweise (wie in der Szene, in der Sam Mitgefühl mit den Haradrim artikuliert).

Ich denke, all das hat Tolkien auch für Hippies attraktiv gemacht, und macht ihn auch für mich attraktiv. Und ganz ehrlich ist Tolkien, der gesetzte Bildungsbürger, der gerne lustige Geschichten für seine Kinder erfindet, mir wahrscheinlich menschlich auch recht nahe, ich kann mich in manche seiner Gemütslagen wahrscheinlich gut einfühlen.

Moorcock steht mir ideologisch zwar viel näher, aber andererseits stößt mich seine "die ganze Scheiße muss brennen"-Attitüde auch gelegentlich ab. Moorcock ist halt arroganter Revolutinär, der findet, jeder seiner Gedanken ist entweder der heißeste Scheiß, oder das, was er hinschludert, reicht auch noch im Vergleich zu dem ganzen rückständigen Kram, den die anderen produzieren. Ja, ich finde ihn toll, aber ich glaube, von seiner Persönlichkeit her ist Tolkien mir näher und weckt dadurch bei mir mehr Empathie mit seinen Figuren. Moorcock ist für mich eher ein intellektueller Genuss.

Bei Vance kenne ich mich schlecht aus, ich habe aber Lyonesse und Dying Earth beide irgendwann abgebrochen, weil sie mir zu unsympathisch waren. Vielleicht hab ich's auch nicht gepeilt, aber ich fand den Blick auf Frauen oft extrem unangenehm und hatte insgesamt das Gefühl von Protagonisten, die man dafür bewundern soll, dass sie in einer Welt von Arschlöchern und Betrügern die gewiefteren Arschlöcher und Betrüger sind. Und das unterhält zwar bis zu einem gewissen Grad, aber auf die Dauer halte ich das nicht aus.

Gene Wolfe würde mich mal interessieren, meine gelesen zu haben, dass der Ultrakonservativ ist, aber ich kann aus seinen Büchern politisch eigentlich gar nichts rauslesen, ich bin immer viel zu beschäftigt damit, zu kapieren, was abgeht.

Unterm Strich finde ich, dass Tolkien es für mich wert ist, politisch wohlwollend gelesen zu werden. Und das Potential dafür ist allemal da.
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Offline Boba Fett

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Tolkien war einer der ersten, vermied problematische Inhalte (war für seine Zeit verhältnismäßig wenig politisch unkorrekt) und nutze bekannte Tropez (nordische Sagen) geschickt.
Er nutzte Rollen, mit denen man sich leicht identifizieren konnte.
Vor allem aber verwendete er die Heldenreise als Erzählform, die noch viel mehr Identifikationsmöglichkeiten bei jungen Lesern schaffte.

Mitbewerber kamen später, waren politisch unkorrekter und spezialisierten sich auf weniger beliebte oder eben speziellere Tropez.
Und sie waren keine britischen Universtätsprofessoren, die Zeit genug für Optimierung hatten und andererseits eine Menge geneigte Leser aus ähnlich elitärer Herkunft.

Ich glaube aber, die Heldenreise war ein wichtiger Grund für den Erfolg.
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Offline Settembrini

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Ich glaube aber, die Heldenreise war ein wichtiger Grund für den Erfolg.

Ehrlich gesagt bin ich mit der Heldenreise ein bisschen am Zweifeln. Wenn Pippin die Hauptfigur wäre, würde ich dir zustimmen ... aber Frodo? Klar, ihn ereilt der Ruf zum Abenteuer, er muss seine Gemeinschaft retten und so, aber kommt der Held der Heldenreise nicht eher "erwachsen" in dem Sinne zurück, dass er jetzt ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft ist und sich bewiesen hat? Frodo kehrt ja beschädigt zurück, kann gerade nicht mehr ganz zurück in seine bisherige Gemeinschaft.

Ich bin jetzt heldenreisenmäßig ehrlich gesagt nicht so firm, habe aber den Eindruck, dass der HdR auch klassische Elemente der Formel unterwandert. Vielleicht ist die Formel aber auch flexibler, als ich denke.
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Offline Settembrini

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Offline korknadel

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Ich denke, all das hat Tolkien auch für Hippies attraktiv gemacht, und macht ihn auch für mich attraktiv. Und ganz ehrlich ist Tolkien, der gesetzte Bildungsbürger, der gerne lustige Geschichten für seine Kinder erfindet, mir wahrscheinlich menschlich auch recht nahe, ich kann mich in manche seiner Gemütslagen wahrscheinlich gut einfühlen.

Ach, ich will dem Tolkien als Typ ja auch gar nichts. Mir geht es eher darum -- und deshalb habe ich das oben auch ein oder zweimal betont --, wie er gelesen wird. Und wenn man das Ding im Gegensatz zu S&S als vorbildlich oder inspirierend hinstellt, dann muss man das halt auch wirklich gründlich abklopfen. Solange wir sagen, das ist geile Fantasy mit bisschen Köpfchen sogar noch dabei und Figuren, die einen mitreißen, dann ist ja alles gut. Aber wenn man dann halt mit "Botschaft" oder, wie Du es nanntest "philosophischer Unterbau" kommt, dann muss man das kritisieren. Aber wem sage ich das, Du bist doch der Dialektiker von uns beiden.  ;D

Und ja, freilich wird man mit Howard, Leiber, Vance und Moorcock größere Probleme haben, das ist ja auch das, was Crimson King wiedeholt meinte. Tolkien ist halt beliebter, weil man da so was Kuschliges reinlesen kann, was einem dann ein bisschen um die Ohren fliegt, wenn man seinen inneren Adorno rausholt. Aber dieses Problem hat man bei den anderen halt eher weniger, weil da halt klar ist, dass da kranke Typen in kranken Welten kranke Sachen machen. Es würden sich kaum viele Leute finden, die sich von Conan oder Cugel ernsthaft inspirieren lassen. An diese Texte wird so etwas Weltverbesserisches gar nicht herangetragen.
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Bei Vance kenne ich mich schlecht aus, ich habe aber Lyonesse und Dying Earth beide irgendwann abgebrochen, weil sie mir zu unsympathisch waren. Vielleicht hab ich's auch nicht gepeilt, aber ich fand den Blick auf Frauen oft extrem unangenehm und hatte insgesamt das Gefühl von Protagonisten, die man dafür bewundern soll, dass sie in einer Welt von Arschlöchern und Betrügern die gewiefteren Arschlöcher und Betrüger sind. Und das unterhält zwar bis zu einem gewissen Grad, aber auf die Dauer halte ich das nicht aus.
Also Cugel der Schlaue kann stellenweise tatsächlich unangenehm oder übergriffig werden. Er hält es halt für legitim sich damit an der Frau, die ihm auch übles will, zu rächen oder erwägt es auch aus purer Langeweile. Das könnte man schon mit Trigger-Warnungen versehen, auch wenn Vance da nie sonderlich ins Detail geht. Er ist nun mal kein Held, sondern ein krimineller Überlebenskünstler, den man auch nicht mögen muss. Man sollte aber anerkennen, dass das zu seiner Zeit doch etwas relativ neues war. Sicher, auch Conan geht einen Schritt oder zwei in diese Richtung, aber ein Cugel ist er nicht.
Beim Lyonesse-Setting sehe ich das etwas anders. Dabei handelt es sich um eine märchenhafte aber auch brutale Welt, in der es leider zB. Oger gibt, die Kinder versklaven, fressen und jugendliche Mädchen vergewaltigen. Auch das könnte man mit einer Trigger-Warnung versehen. Entscheidend ist aber doch, die Protagonisten bei Lyonesse tun das nicht. Aillas ist doch, außer in seiner Schwäche für Lady Tatzel, ein relativ korrekter Typ bei dem imperialistischen Großprojekt, das er in Angriff nimmt. Und das gilt auch für Shimrod und wie sie alle heißen. Außerdem entsteht doch aus diesen negativen Handlungen nie etwas gutes, auch und gerade für Cugel nicht. Wie gesagt, man muss das nicht mögen, aber Vance setzt das auch nicht aus Jux und Tollerei ein, sondern denkt sich schon etwas dabei. Und bei Cugel kann man eigentlich nur bewundern wie oft der Bursche wieder aufsteht, so häufig wie der was auf die Fresse kriegt. Und beides ist sicher meilenweit von der Erhabenheit und dem Edelmut entfernt, der in Mittelerde zum Ausdruck kommt. Aber aus der Sicht von Jack Vance, muss man sich beides auch erst einmal ''leisten'' können.
« Letzte Änderung: Heute um 18:48 von Lyonesse »

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Ich würde Conan im gleichen Maße wie Elric als Mainstream verorten. Elric hat ein bisschen mehr "literarische" Meriten, vor allem, weil Moorcock eben die Modernisten kannte und stilistisch an sie anknüpfen konnte. Aber letztendlich ist Conan der Held, der sowohl Hollywoodfilme als auch Hardcover-Gesamtausgaben bekommen hat. Elric muss sich mit "Gesamt"-Ausgaben begnügen (Das Wort "Gesamt" kann man bei Moorcock immer nur in Anführungszeichen verwenden).

Fafhrd ist tatsächlich obskur, aber war Leiber in dem Sinne ein Pulp-Autor? Ich habe ihn immer als eher literarisch wahrgenommen, kann aber auch nicht sagen, woher das kommt. Vielleicht liegt es auch nur dran, dass ich ihn erst mit dem Bewusstsein gelesen habe, dass er ein Klassiker ist.
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Offline tartex

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Ich werde mich schon als bürgerlich betrachten müssen, und denke dass man das heute so echt nicht mehr sagen kann. Weil ich auch gerne prätentiös bin, nennen wir es halt auch einfach beim Namen: in der Postmoderne.

Das könnte man dann auch gleich sagen, dass Punk Arbeitermusik wäre, oder? Und das stimmt halt überhaupt nicht.

Schund ziehtzog sich durch alle Schichten. Tut er ja immer noch, nur heute nennt man es halt gar nicht mehr Schund, sondern im schlimmsten Fall "Special Interest".
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Offline Dr. Evil

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Eigentlich ist es ein Treppenwitz der "Rollenspielkultur": Wenn ich das mal richtig verstanden habe, fand Gary Gygax eigentlich Tolkien und seine Veröffentlichungen sterbenslangweilig. Während wir heute glauben, D&D sei eine spielbare Liebeserklärung an Frodo und seine behaarten Füße, wollte Gygax eigentlich lieber mit Conan dem Barbaren im Lendenschurz durch Blut und Matsch waten. Dass wir heute trotzdem alle als Spitzohren durch den Wald hüpfen, verdanken wir eigentlich zwei Klassikern des Genre: Gier und der Faulheit der Spieler.

In den 70ern rollte die Tolkien-Welle über die USA wie eine Lawine aus Lembas-Brot. Gygax wusste: Wenn er sein Spiel verkaufen will, muss er den Fans geben, was sie wollen. Und die wollten keine deprimierenden, philosophischen Abhandlungen über den Untergang der Menschheit von Lovecraft oder Moorcock. Nein, sie wollten als Legolas-Verschnitt unsterblich sein. Gygax strich also seine geliebten düsteren Anti-Helden aus dem Konzept und tackerte die „EDO“-Beipackzettel (Elf, Dwarf, Orc) ans Regelwerk. Warum? Weil Spieler simpel gestrickt sind. Ein Zwerg trinkt Bier und schlägt drauf – zack, Charakterkonzept fertig. Ein Ork ist hässlich und böse – zack, darf ich ohne schlechtes Gewissen umhauen. Wer braucht schon „moralische Grauzonen“, wenn man auch einfach XP für "Monster" und dergleichenb sammeln kann?

Besonders absurd wurde es bei der Magie. Bei Clark Ashton Smith kostet dich ein Zauberspruch meistens deinen Verstand, deine Seele oder zumindest ein paar Gliedmaßen. Aber versuch das mal einem Nerd zu verkaufen, der gerade sein Taschengeld für neue Würfel ausgegeben hat. „Tut mir leid, Kevin, dein Magier hat gerade versucht, Licht zu machen, und ist jetzt leider ein wahnsinniges Gemüse.“ Das verkauft sich schlecht. Also klaute Gygax das System von Jack Vance: Die „Munitions-Magie“. Dein Magierhirn funktioniert wie ein Einweg-Drucker – du lädst die Patrone „Feuerball“ und nach dem Drucken ist sie weg. Logisch? Nein. Aber herrlich bürokratisch und perfekt für Leute, die Listen lieben.

Im Endeffekt ist D&D eigentlich m.E. eine ziemlich große Mogelpackung: Es ist eigentlich eine knallharte Simulation für Grabräuber und Glücksritter, die sich für Geld gegenseitig abstechen würden – aber wir haben ihm ein hübsches Elfenkostüm angezogen und Glitzer draufgestreut, damit es sich im RPG-Laden besser macht. Insbesondere wenn ich mir die Illustrationen der neuesten Edition anschaue  ;)
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Weltverbesserisches sicher nicht, aber ich glaube, dass rücksichtslose Sword&Sorcery-Helden schon auch Identifikationsfläche für Leute geben, die finden, dass es richtig ist, sich durch Lügen oder durch Gewalt einfach zu holen, was sie wollen.

Andererseits wissen wir natürlich auch, dass Tolkien mehr als genug Identifikationsfläche für politisch höchst Unappetitliches (Hust, Meloni) liefert.

Ich finde tatsächlich, da nimmt sich die ganze Sache nicht viel (Moorcock hat zumindest den Vorteil, dass er zumindest in seinen Äußerungen ganz klar progressiv ist).

Du hast natürlich schon recht, dass HdR als Vorlage für politisch gedachtes Weltverbesserertum einem nur ganz grausig um die Ohren fliegen lassen. Aber ich finde, das Kuschelige hat auch seine Berechtigung und man muss das auch gar nicht so kleinreden. Ich finde zum Beispiel, dass Tolkien einen sehr empathischen Blick auf Depression hat. Dass da jemand in einer Abenteuergeschichte unter der Last der Welt zusammenbrechen darf, ohne dafür verurteilt zu werden, ist schon etwas im besten Sinne Heilsames. Das hat alles nicht viel mit der Verbesserung der Welt zu tun, aber es ist trotzdem für mich etwas rundheraus Gutes an dem Buch.
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Offline D. M_Athair

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Klar Elfen, Zwerge und halblinge sich sehr Tolkinesk, aber der Spielstil, der in den frühen Tagen propagiert wurde war eher eine Gruppe von Söldnern/Glücksrittern zieht in den Dungeon um reich zu werden. Ab und an gibt es dann noch einen Auftraggeber der was haben will. Das finde ich ist eher Sword & Sorcery.
Würde ich nicht so zuordnen. Das ist eher "Wild West Frontier". Also spezifisch US-amerikanisches Kultur-Narrativ, das wie Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär ... in D&D eingebacken ist. Die Motive kommen z.T. auch in Sword & Sorcery vor, aber längst nicht in der Klarheit. (Anders ist von Wargames beeinfluss ...)

Ehrlich gesagt finde ich generell etwas befremdlich, D&D-Setzungen und deren Einfluss auf Fantasy ... vornehmlich aus der fantastischen Literatur ableiten zu wollen.
« Letzte Änderung: Heute um 18:47 von D. M_Athair »
"Man kann Taten verurteilen, aber KEINE Menschen." - Vegard "Ihsahn" Sverre Tveitan

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Bei Fafhrd mag tatsächlich ein bißchen der Name das Problem sein. Bei Conan oder Elric kann man sich wenigstens noch zusammenreimen, wie man sie bei der Nachfrage im Buchladen wohl aussprechen soll... ;D

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Würde ich nicht so zuordnen. Das ist eher "Wild West Frontier". Also spezifisch US-amerikanisches Kultur-Narrativ, das wie Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär ... in D&D eingebacken ist. Die Motive kommen z.T. auch in Sword & Sorcery vor, aber längst nicht in der Klarheit.

Ehrlich gesagt finde ich generell etwas befremdlich, D&D-Setzungen und deren Einfluss auf Fantasy ... vornehmlich aus der fantastischen Literatur ableiten zu wollen.

D&D ist halt wirklich aus so ziemlich allem bunt zusammen gemischt, was Gary und Freunde damals gekannt haben. Elfen, Zwerge, Hobbits, Ents und Balrogs von Tolkien, Trolle und (wenn ich mich recht entsinne) Paladine von Poul Anderson, die Streuner-und-Glücksritter-Dynamik von Howard, Leiber & Co., die Magie von Vance...

Offline tartex

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Würde ich nicht so zuordnen. Das ist eher "Wild West Frontier". Also spezifisch US-amerikanisches Kultur-Narrativ, das wie Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär ... in D&D eingebacken ist. Die Motive kommen z.T. auch in Sword & Sorcery vor, aber längst nicht in der Klarheit. (Anders ist von Wargames beeinfluss ...)

Ehrlich gesagt finde ich generell etwas befremdlich, D&D-Setzungen und deren Einfluss auf Fantasy ... vornehmlich aus der fantastischen Literatur ableiten zu wollen.

Die Fragestellung hier im Thread war aber auch: warum hat sich EDO durchgesetzt?

Die Antwort beantwortet das nicht. Wobei ich anmerken will, dass fast alle Männer unter 40, die ich persönlich aus dem echten Leben und nicht aus Nerdkreisen kenne - also meine Freunde und Verwandten dieser Altergruppe - überhaupt kein Interesse an Phantastik haben. GTA, da können sie mit, und ihren Frauen zu liebe schauen sie auch Stranger Things oder Star Wars, aber wirklich ihres ist das alles gar nicht.
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Online Lichtschwerttänzer

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Wie gesagt: das fand ich mit 12 toll und es ist einer der gelobten Plot Twists. Meine Interpretation war aber schon damals, dass Sam der eigentliche Held ist, weil er seinen zugeordneten gesellschaftlichen Platz nicht in Frage stellt, sondern brav für seinen Herren schmachtet, und den durch die Gegend schleppt.
Samendet ja auch nur als Frodos Erbe und Bürgermeister des Auenlandes und auf dem Feld von Cormallen werden beide geehrt.
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Gollum brach seinen Eid und bereute nicht. Sein Schicksal hat er selbst auf sich geladen.
Alternatives Ende wäre das er sich opfert

Boromir und Denethor zusammenzufassen? !
Boromir in all seiner Ruhmgier war kein Königsmann, und er hat auch sonst sein Leben gewagt um Kameraden zu schützen und ihren Rückzug zu sichern.
IIRC ähnelt Boromir hier eher Theoden, indem er noch im sterben Aragorn davon in Kenntnis setzt und seinen Tod möglicherweise irrtümlich als gerechte Strafe für seinen Fehler annimmt.
Denethor ist ein Königsmann, er kämpft für seine Macht und im Falle des Sieges hätte er Saurons menschliche Untertanen nicht besser behandelt als Orks und nicht mit Gnade und Mitgefühl.

Sam ist Frodos Batman und die Treue funktioniert in beide Richtungen, Sam ist der Held der Geschichte, Frodo der Padre, der Märtyrer.

Aragorn bz´tw ist Erus Königspriester, er hat heilende Hände, er ersetzt Saurons Tyrannei durch seine milde Gerechtigkeit, siehe wie er die Sklaven am Nurnenmeer freilässt und ihnen das Land zu eigen gibt oder den Wasa ihren Wald anerkennt, den Hobbits das Shire.

Womit er z.B. auch die Übergriffe der Rohirrim gegen die Wasa beendet

Na, ich weiß nicht. Natürlich war Tolkien ein Royalist,
sort of ja, und Anarchist wohl vor allem Anarchist.
btw Theoden im Sterben liegend, sagt Merry das da nichts zu verzeihen ist und er ihn versteht

btw das dürfte auch am Einfluss der Ringe liegen, denn zum Schluss ändert sich vieles

Dr Evil

Nein, Leibers Fahrd und der graue Mausling

Zitat
ber den Untergang der Menschheit von ... Moorcock
Macht so gar keinen Sinn für mich

@KWÜTEG GRÄÜWÖLF

War Beutelsend als Lohn vorgesehen
“Uh, hey Bob?”
“What Steve?”
“Do you feel like we’ve forgotten anything?”
Sigh. “No Steve. I have my sword and my bow, and my arrows and my cloak and this hobbit here. What could I have forgotten?”
“I don’t know, like, all of our stuff? Like the tent, the bedroll, my shovel, your pot, our cups, the food, our water, your dice, my basket, that net, our spare nails and arrowheads, Jim’s pick, my shovel, the tent-pegs…”
“Crap.”