Das sehe ich ganz genauso, nur würde ich "moralisch" in Anführungszeichen setzen. Denn da wird der HdR eben so problematisch. Weil das alles anscheinend mehr oder weniger moralisch klar ist, kauft man der Story wie den Protagonisten ein Gutsein ab, das nicht unbedingt begründet ist, wie ich finde. Ich spreche hier wohlgemerkt nur vom HdR und beziehe mich da auch sehr auf die Rezeption. Ich lese zum Beispiel immer wieder von beispielhaftem Mitgefühl. Das Mitgefühl wird dadurch belohnt, dass derjenige, dem die Mitfühlenden das Leben lassen, am Ende zum erlösenden Opfer wird und natürlich trotzdem ins Gras beißen muss. Übrigens ergeht es auch den Abweichlern vom "Guten" so, dass sie abtreten müssen. Boromir und Denethor müssen ihren Zweifel an der richtigen guten Sache mit dem Leben bezahlen, sagt die Geschichte. Sie sieht nicht vor, dass sich die Guten weiterhin mit ihnen befassen müssen. In Boromirs Fall ist die Resozialisierung des Abweichlers laut Geschichte anscheinend nur durch Selbstopferung möglich. Das ist alles ähnlich gedacht wie bei Wagner, wo am Ende Erlösung halt doch nur durch Tod möglich ist, am Exemplarischsten bei Kundry. Dass eine Gesellschaft, wenn sie mitfühlend sein will, auch die Zumutung aushalten muss, mit den Boromirs und Gollums zu leben, ist nicht vorgesehen. (Ich denke sowieso, dass es Gesellschaft im HdR fast nicht gibt, da bewegt sich fast alles auf der Ebene von Gemeinschaft und zweckbedingten Allianzen zwischen Gemeinschaften.)
Freundschaft ist ja ein anderes Stichwort, meist mit Fokus auf Frodo und Sam. Ja, das ist ein Privilegierter und sein lohnabhängiger Bediensteter. Das ist wohl so ein britisches Adelsding, aber vielleicht noch älter, analog zu der Gefolgschaftstreue bei den sea lords der Wikinger, dass die Treue eines Bediensteten zu seinem "Master" so große Anziehungskraft hat. Immer schön mit Gefälle. Wäre dieses Gefälle nicht da, könnte ich mich ungezwungen für Sams Aufopferungsbereitschaft begeistern, so aber kann ich sie nicht ohne einige Irritation hinnehmen. Was soll daran so toll sein? Aber in einer Geschichte, wo eben tatsächlich nur darum gekämpft wird, dass alles so bleibt, wie es war, passt das natürlich.
Im Grunde ist das der Punkt, wo sich statt Tiefe bei mir ein Abgrund im HdR auftut, dass nämlich ständig behauptet wird, man würde für das Gute und Schöne und Hehre kämpfen, aber das ist dann, dass der Nachfahre eines Königs seinen Thron bekommt und dass Sam eine Familie gründen kann. Mehr fällt euch wirklich nicht ein, wofür man kämpfen sollte?, möchte ich die versammelten Gefährten dann stets fragen. Vermutlich oute ich mich mit derlei Gemäkel als Sauronanhänger. 
Ich kann oder will gar nichts von dieser Kritik abstreiten, aber ein bisschen möchte ich Tolkien dann doch in Schutz nehmen, gerade im Vergleich mit manch anderen genannten Autoren. Ich finde, dass bei Tolkien auch ein sehr grundsätzlicher - vielleicht naiver? -, jedenfalls empathischer "Eigentlich-soll-es-allen- gut-gehen"-Humanismus Ausdruck verschafft. Das mag mit dem reaktionären Denken in Gemeinschaft statt Gesellschaft romantisch verwoben sein und dann auch vielleicht im Gesamtbild eher einen unappetitlichen Brei als ein schönes Gewebe abgeben ... aber das "gute Leben für alle" steckt m.E. auch mit drin, und auch ein starkes Aufbegehren gegen Ausbeutung, Naturzerstörung und Krieg. Da halte ich Tolkien in seinem Humanismus für authentisch, und insofern rühren mich bis heute auch so Sachen wie Thorins Rede auf dem Sterbebett. Und das ist auch nicht nur platt, Tolkien lässt Widersprüche in seinem Entwurf durchaus zu, wenn auch nur andeutungsweise (wie in der Szene, in der Sam Mitgefühl mit den Haradrim artikuliert).
Ich denke, all das hat Tolkien auch für Hippies attraktiv gemacht, und macht ihn auch für mich attraktiv. Und ganz ehrlich ist Tolkien, der gesetzte Bildungsbürger, der gerne lustige Geschichten für seine Kinder erfindet, mir wahrscheinlich menschlich auch recht nahe, ich kann mich in manche seiner Gemütslagen wahrscheinlich gut einfühlen.
Moorcock steht mir ideologisch zwar viel näher, aber andererseits stößt mich seine "die ganze Scheiße muss brennen"-Attitüde auch gelegentlich ab. Moorcock ist halt arroganter Revolutinär, der findet, jeder seiner Gedanken ist entweder der heißeste Scheiß, oder das, was er hinschludert, reicht auch noch im Vergleich zu dem ganzen rückständigen Kram, den die anderen produzieren. Ja, ich finde ihn toll, aber ich glaube, von seiner Persönlichkeit her ist Tolkien mir näher und weckt dadurch bei mir mehr Empathie mit seinen Figuren. Moorcock ist für mich eher ein intellektueller Genuss.
Bei Vance kenne ich mich schlecht aus, ich habe aber Lyonesse und Dying Earth beide irgendwann abgebrochen, weil sie mir zu unsympathisch waren. Vielleicht hab ich's auch nicht gepeilt, aber ich fand den Blick auf Frauen oft extrem unangenehm und hatte insgesamt das Gefühl von Protagonisten, die man dafür bewundern soll, dass sie in einer Welt von Arschlöchern und Betrügern die gewiefteren Arschlöcher und Betrüger sind. Und das unterhält zwar bis zu einem gewissen Grad, aber auf die Dauer halte ich das nicht aus.
Gene Wolfe würde mich mal interessieren, meine gelesen zu haben, dass der Ultrakonservativ ist, aber ich kann aus seinen Büchern politisch eigentlich gar nichts rauslesen, ich bin immer viel zu beschäftigt damit, zu kapieren, was abgeht.
Unterm Strich finde ich, dass Tolkien es für mich wert ist, politisch wohlwollend gelesen zu werden. Und das Potential dafür ist allemal da.