Kurz hält die Netrunnerin die Bücher von Jatik in der Hand, die Bücher die Taite auch schon im Tagebuch erwähnt hatte. „Eine Aufgabe Erledigen“ und „Harte Lektionen“ zum glück sind es Hybridfassungen, keine reinen old shool nicht cool Papierausgaben. Die zu lesen würde, lange dauern. Viel zu lange in der modernen Welt. Also zieht sich 2XS die Zusammenfassung während sie nebenbei einen Backgroundcheck zu diesem Jatik macht.
Der Autor ist bekannter als sie gedacht hat. Der Name Jatik stand mal für den top Werbespezialisten überhaupt. Nicht in Night City, nicht auf dem Kontinent sondern mit internationalen Verträgen aller großen Konzerne. Immersive Braindance-Kampagnen haben ihn reich gemacht. Geschätztes Jahreseinkommen über 2.5 Millionen €$ plus Konzernboni für den Abschluss von Kampagnen. Der aufsteigende Stern, der dich, deinen Konzern oder dein Produkt von einer Flatline auf 110% bringen konnte.
Dann, mit 40, Diagnose Lungenversagen nach Nanostaubvergiftung, BD-Implantatversagen. Keine Heilung möglich, kein Ersatz möglich, zuviel vom Gewebe zerstört oder kompromittiert. Jatik zog sich zurück, zelebrierte seinen Abgang, setzte ihn in Szene wie die Produkte zuvor. Er ging in die Badlands. Alleine. Keine Cyberware, keine Medizin, keine Begleitung. Er verschwand nur um ein Jahrzehnt später 2071, wieder aufzutauchen. Geheilt. Das Wunder Jatik stand auf aus dem Staub des Ödlands wie der Phönix aus der Asche.
Er war verändert, keine Werbung mehr für die Konzerne, kein Kuschelkurs mehr mit den Reichen. Sein Geld steckte er in ein eigenes Projekt, seine eigene NGO. Full Wilderness. Rein finanziert durch sein beträchtliches Privatvermögen das nie abgewickelt wurde nachdem er verschwand und der Welt wie er sie kannte den Rücken kehrte. Ziel der NGO Entwicklung nachhaltiger Technologien zur Wiederherstellung natürlicher Räume durch Bio-Engineering und Herausgeber des Magazins „One Wilderness“, die eine Wildnis die es zu erhalten gilt.
Bei der Finanzierung halfen auch die Tantieme die er für seine Bücher bekam. „Eine Aufgabe Erledigen“ war eine Abrechnung mit den Konzernen für die er vorher Werbung gemacht hatte. Terraforming Desaster, Korruption von Quantenknoten im Net, DeepOil Lecks unter Tektonischen platten am Meeresboden, Urbaner Klimacrash durch Nanorecycling und Überwachungskapitalismus. Doch dieses Buch, so enthüllend es auch war wurde noch von „Harte Lektionen“ übertroffen. Eine postindustrielle Abhanldung, technologische Degrowth-Strategie. Jatik argumentiert, dass nur der Rückbau überdimensionierter Infrastruktur, dezentral NeuroClouds, Reduktion der menschlichen Reproduktionsrechte mittels künstlicher Geburtenregulation und bioregionale Isolation statt Megastädte die Erde und die Umwelt noch retten könnten.
Sein Fazit, eine globale Systemkrise und eine evolutionäre Selektion könnten dazu führen die Menschheit auf ein paar wenige, für das Ökosystem unschädliche Stämme zu reduzieren um eine resiliente Menschheit in einer intakten Umwelt neu zu erfinden. Die Menschheit gehütet und geführt durch etwas das er „Hirten“ nennt. Ohne weiter darauf einzugehen.
Im Januar 2073 erschien ein Artikel im Harper´s Interface Magazine, geschrieben von dem Investigativjournalisten Raphael Hadda in dem es hieß:
„Jatik ist kein Visionär, er ist ein Systemarchitekt des Posthumanismus. Hinter den Öko-Floskeln ist er ein skrupelloser Technokrat, der seine Mitarbeiter wie Mikroprozessoren in einem lebenden Netzwerk einsetzt.“
Der Artikel wurde von Full Wilderness nicht kommentiert noch gab Robert Jatik eine Erwiderung dazu ab. Haddad verstarb im Oktober 2073 im Beirut-Megaplex. Offizielle Todesursache Herzversagen. Ein Investigativjournalist, ein Media in der Corpo-Welt lebte gefährlich.
Neben Journalisten wurden Jatiks Bücher auch von der Wissenschaft beurteilt. Eine Technowissenschaftliche Gegendarstellung erschien im ECOSTRACTS Magazin in der März Ausgabe 2074, verfasst von einem Dr. Damian Méllir, Tech-Philosoph an der University of Auckland. Er analysierte Jatiks Werke auf ihre Umsetzbarkeit hin und stellte fest, dass die geforderten Maßnahmen faktisch einer globalen technologischen Regression gleichkamen. Jatik würde verschweigen, dass eine Ursache der Überbevölkerung eine gesteigerte Lebensqualität und MedTech-Durchbrücke sein, auch wenn Krieg und Seuchen viele Menschenleben gekostet hätten. Jatik würde vorschlagen die Menschheit auf unter einer Millionen Subjekte zu reduzieren. Eine These welche laut Méllier der Größenwahn vom transhumanistischen Elitarismus schlechthin ist.
Ebenfalls im ECOSTRACTS gab es diesmal eine Erwiderung und Stellungnahme von Jatik die sich auf folgende Kernaussage zusammenfassen lässt:
„Was ich schreibe, sind Hypothesen – nicht Hanldungsanweisungen. Wenn man in einem Buch oder Stream über Verhaltenssimulation liest, beginnt man doch auch nicht seinen Neuralware Prozessor umzuprogrammieren um jemand anderes zu sein. Ich provoziere damit wir nicht stagnieren!“