Ich habe mir zwei Instrumente zurecht gelegt, um bei Rückmeldungen auf die wichtigen Sachen zu sprechen zu kommen und dabei sowohl ehrlich als auch konstruktiv sein können:
Die Einordnung in eine LigaEs ist wichtig zuerst einzuschätzen, in welcher Liga ein Film antritt: Champions-League wie Scorcese, 1. Bundesliga wie Fatih Akin, 2. Bundesliga wie ein Tatort (hier kann selten auch ein außergewöhnlicher Abschlussfilm einer Filmhochschule sein), 3. Bundesliga (gibt es die überhaupt?) wie ein TV-Movie (hier sehe ich auch die Filmreihe von Julien Bam) oder eben Amateurklasse. Nur mit dieser Einordnung lässt sich ein Film fair betrachten, meine ich.
Gerade junge Filmschaffende sind sich dieser möglichen Ligen nicht bewusst: An ihrem Heimatort in ihrem kleinen Kino waren vier Vorstellungen ihres Amateurfilmes ausverkauft, es gab nur Lob, und alle haben gesagt: "Warum läuft so ein toller Film nicht mal im Fernsehen?" Dann werden diese Amateurfilme stolz bei (bundes-)land weiten Wettbewerben eingereicht - und dort vielleicht sogar abgelehnt: Ein Top Amateurfilm-Projekt kann eben zugleich ein schlechter "3. Bundesliga-Film" sein. Aber fair bewerten muss man ihn als Amateurfilmprojekt, wenn er unter Amateurfilmbedingungen gedreht wurde, oder ich frage die kreativ Verantwortlichen des Filmes, wie sie möchten, dass ihr Film eingeordnet wird.
"Auf einer Skala von 1 bis 10......wie gewichtig ist für Dich dieser Punkt?"
Mir war aufgefallen, mit welcher Leidenschaft bei einigen Filmen über nebensächliche Punkte diskutiert wurde - wohl, weil es einfacher ist, über nicht-schmerzhafte offensichtliche Punkte zu sprechen als über schmerzhafte, vielleicht weniger einfach zu besprechende Punkte. Das Waldthema gehört für mich in Nebenthema-Kategorie.
Hier kann es hilfreich sein, dass die Person, die es wissen will, und die Person, die rückmeldet, ab und zu einordnen, wie wichtig dieser Punkt ist zB auf einer Skala von 1 bis 10. Denn die Intensität, mit der über einen Punkt gesprochen wird, spiegelt häufig nicht wieder, welches Gewicht dieser Punkt für den Film hat. Ich für mich würde dem Waldthema einen Wert von 1,5 auf 10 beimessen.
Mit diesem Rahmen möchte ich
meine Rückmeldung noch etwas genauer fassen:
Es ist eigentlich nur fair, "Eine Nacht in Tobrien" wegen seiner No-Budget-Homebrew-Rahmenbedingungen als Amateurfilmprojekt zu bewerten, auch wenn viele Mitarbeitende in Medienberufen arbeiten. Ausstattung und die Kostüme, und auch die Kamera, Ton und Schnitt sind für mich jedoch sogar auf gutem "3. Bundesliga-Niveau" also weit oberhalb dessen, was man von einem Amateurprojekt erwarten kann - das ist sehr bemerkenswert. Drehbuch und Regie sind für mich deutlich auf Amateurniveau, und hier auch eher auf höherem Amateurniveau. Die Schauspielenden liegen irgendwo dazwischen, einfach weil Buch und Regie ihnen es erschweren, durchgehend auf dem nächst höheren Liganiveau mitzuspielen.
Betrachte ich den Film ("unfairerweise" wegen der Rahmenbedingungen) vom 3. Bundesliganiveau her, fallen Buch und Regie für mich stark ab. Betrachte ich ihn vom angemessenen Amateurliganiveau her, sind Buch und Regie in Ordnung und alles andere ist herausragend.
(Verrückterweise kann ein durchgehend guter Amateurfilm einen runderen Eindruck machen als ein Film, der Film, der einen starken Kontrast zwischen einigen Gewerken hat.)