Noch ein Update zum Thema Warenverkehr zwischen Erde und Venus:
- von den Laser-Antrieben bin ich jetzt wieder weg. Schlicht weil ich keine Todesstern-Laser mit Millionen km Reichweite, die quasi jederzeit jedes Raumschiff verdampfen könnten, im Setting haben will. Da brauche ich in die technische Machbarkeit und Skalierung gar nicht so tief einsteigen.
- Dann hatte ich überlegt, was der dann billigste Weg wäre, Güter von der Erde zur Venus zu transportieren.
Ein Ansatz waren zB NTR-Solid Robofrachter, die mit billigem Wasser statt teurem Wasserstoff als Stützmasse arbeiten. Dadurch sinkt zwar der spezifische Impuls sehr drastisch, aber dafür wäre der Treibstoff halt sehr billig bereitzustellen und unkompliziert zu lagern. Aber der Haken an der Sache: die insgesamt durch den Onboard-Reaktor bereitzustellende Energie wäre fünfmal höher als mit Wasserstoff-Treibstoff. Und das bedeutet also auch: fünfmal soviel radioaktive Strahlung. Das ist alles nicht gut. Darum wieder gestrichen.
Dann habe ich überprüft, ob man vielleicht auch mit Sonnensegeln systemeinwärts etwas anfangen könnte. Habe ich ja nicht mit gerechnet, da ja der Photonendruck logischerweise immer nach außen drückt. Aber siehe da! Es ist tatsächlich möglich, gegen die Sonne zu "kreuzen". Indem man das Segel so etwa im 35° Winkel anstellt, erhält man die größtmögliche tangentiale Komponente -- wichtig ist nur, dass man diese entgegen der Bahnrichtung ausrichtet. So beschleunigt ein Sonnensegler also durchaus auch retrograd, baut also eigene Bahngeschwindigkeit ab -> Segler "stürzt" nach innen. Oder besser: spiralt.
Und das gar nichtmal so langsam: offenbar gibt es nasa-Studien, laut denen man so binnen 205 Tagen zur Venus kommen kann. UND das ist der Kicker, dabei ist auch die Startfenster-Problematik stark entspannt. Dass nur an ca 80 von 584 Tagen kann man mit dem Segler an 400 von 584 Tagen loslegen. Das ist schon grandios.
Natürlich gilt aber genau wie bei den Auswärts-Seglern, dass diese Methode vor allem interessant ist, wenn auch das Segelmaterial als Nutzlast zählt. In der Anfangsphase sind wir da noch flexibel, da wir ja alles an Baumaterial brauchen was wir kriegen können. Aber später, wenn die Venus selber Kohlenstoff exportiert, brauchen wir keinen Kohlenstoff mehr zur Venus schippern. Schwupp haben wir ein altes irdisches Sprichwort abgewandelt: statt "like shipping coals to Newcastle" (Eulen nach Athen tragen) sagen wir jetzt "like shipping carbon to Venus".

--> ergo: bei den Seglern Richtung Venus werden dann die Segel nicht aus hauchdünn mit Alu bedampftem CNT bestehen, sondern umgekehrt aus einem weiten CNT-Mesh, das mit Alufolie bespannt ist. Das Segel an sich wird dadurch zwar etwas schwerer, aber da es ja alles wertvolles Baumaterial ist macht das überhaupt nichts.
Außerdem hat der Inward-Verkehr sogar noch einen weiteren Vorteil: wir können aus dem Mondorbit starten, der eine viel geringere Fluchtgeschwindigkeit hat als der Venusorbit. Hier reicht die 900m/s Kickstage locker, um den ganzen Escape in einem einzigen Burn zu absolvieren, und so verkürzen wir die Reisezeit sogar nochmal von 205 auf grob gegriffen 180 Tage.
Bis hierhin ist das ganze System rein auf Gütertransport ausgelegt. Eine Standardkapsel mit 100t Startmasse besteht dann zu ca 19t aus Hydrolox-Treibstoff für die Kickstage, einem leichten Raketenmotor, und ca 45t Heliogyro-Segel (knapp 10km² Segelfläche). Noch etwas Struktur und Steuereinheiten und es bleiben ca 32-35t für sonstige Nutzlast "à la carte" übrig - also zB Lebensmittel, andere Rohstoffe etc. Am Ziel kommen also genau wie in Gegenrichtung ca 80t nutzbares Material an.
Nun könnte man aber vielleicht auch drüber nachdenken, das System für Personenverkehr gängig zu machen. Das hieße halt dann entweder, die Passagiere so lange einfach in der Mikroschwerkraft treiben zu lassen (und sie ist wirklich mikro, mit ca 1mm/s²) -- oder aber wir müssten das ganze System noch ein gutes Stück nach oben skalieren um eine Zentrifuge tragen zu können. (Dann sicherlich nur so Kabinen die an langen Seilen hängen und herumgewirbelt werden, sicherlich sehr vertrauenerweckend

). Über Schutz vor kosmischer Strahlung und Sonnenwind etc haben wir jetzt noch gar nicht geredet. *handwedel*
Ein erster Überschlag deutet darauf hin, dass man auf diese Weise gerade so 2 Kabinen für jeweils 1-2 Personen einrichten könnte. Das böte dann pro Person das Äquivalent von 9m² Platz -- zufälligerweise das gesetzliche Minimum für Knastzellen in Deutschland. xD
Ist also auf jeden Fall kein Spaß, so zu reisen.
Edit: Claude ist mal wieder pessimistischer, und gibt eine Transferzeit von 380-400 statt 200 Tagen an. Aber immerhin scheint der grundsätzlichen Machbarkeit nichts im Wege zu stehen.