Bei z.B. TEARS usw. wurde der Weg umgekehrt gegangen. Das ist in erster Linie entstanden, um Content für den Kanal herzustellen.
In erster Linie waren die Macher Fans, die ihre Fankampagne auch online machen wollten. Aufgrund der speziellen Gegebenheiten einer deutschen Rundfunkzulassung (Rocket Beans war bis 2021 nicht nur ein YT-Kanal, sondern ein Sender) war es sinnvoller das mit einem Spiel zu machen, welches ihnen selbst gehört, statt mit einem "Fremdprodukt" (genau wie Orkenspalter für ihre BR/ARD-Kooperationen auch ein eigenes System verwenden). Mehr steckt nicht dahinter.
Dann hat man gesehen (vielleicht auch insgeheim gehofft), dass es die eigenen Fans kaufen wollen. Der eigentliche Spieler, sowie die eigentliche Rollenspielszene, war nie die Zielgruppe. Natürlich wird das dann auch, zumindest einmal, ein finanzieller Erfolg, der so manchen Rollenspielverlag schwindeln lässt, weil es mehr Influencer-Fans als Rollenspieler gibt. Aber es ist nicht dasselbe. Das ist eine Devotionalie. Das ist ähnlich wie bei einem Roman von einem bekannten Schriftsteller und das Buch von einem Influencer, z.B. von Montana Black, wobei der das gar nicht geschrieben hat. Zwar super erfolgreich bei seinen Fans, aber eben nur eine Devotionalie, kein Beitrag zur Literatur.
Ich denke du unterschätzt da den Zufluss an Neuspielern durch die RB-Systeme. Die werden tatsächlich gespielt, und verstauben nicht im Schrank. Und sie werden von Spielern gespielt, die (mehrheitlich) vorher nicht Teil der Szene waren, wodurch sie neue Ideen und Impulse in die Szene bringen (sofern man sie lässt - ich habe auch schon erlebt, dass sich junge Spieler zum ersten Mal auf einen Rollenspieltreff getraut haben, und ihre "Begrüßung" war ein Möchtegern-Torwächter, der ihnen erstmal zu erklären versuchte, dass ihr System total scheiße wäre, und sie lieber was anderes spielen sollten - die hat man dann natürlich beim nächsten Treff nicht mehr gesehen).
Das System mag recht simpel sein, und (für erfahrene Rollenspieler) keine besonders originellen Regeln beinhalten, aber wenn ich mir mal überlege, mit welchen Systemen wir damals angefangen haben... (bei mir war es AD&D1: ein System dessen Regeln sich Gygax damals bei diversen Gruppen (nicht nur) aus seinem Umfeld zusammen"geborgt" hat, oft ohne die entsprechenden Regelkomplexe ausreichend zu verstehen, oder wenigstens mal testzuspielen) - da ging es mehr um Leidenschaft und Ausprobieren, als darum sich mit idealen Startvoraussetzungen auszustatten.
Und Leidenschaft sehe ich bei diesen "Influencern" (ob es jetzt wirklich welche sind, oder nicht) durchaus. In den 90ern habe ich noch Leute gesehen, welche in LARP-Gewandung zu Pen&Paper-Conventions gekommen sind, einfach weil ihnen das Verkleiden Spaß machte - die empfand ich immer als Bereicherung, weil sie gezeigt haben, wie "bunt und granatenstark" unser Hobby ist. Irgendwann in den 2000ern hat das abgenommen (entweder haben sie sich nicht mehr getraut verkleidet zu erscheinen, oder sie sind nicht mehr auf P&P-Cons gegangen, sondern haben nur noch LARP gemacht), insofern finde ich es schön, dass der Trend wieder in die andere Richtung schwingt.