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Viet Thanh Nguyen - Der SympathisantDies ist ein Roman der Gegensätze, der Dualismen, der unsicheren Erkenntnisse, denn er zeigt nie nur eine Seite der Geschichte, sondern spiegelt diese geradezu; allerdings immer aus einer zersplitterten Egoperspektive. Dabei ist gar nicht so richtig zu sagen, was es genau dieser Roman ist. Ist es ein Spionage-, ist es ein Exilroman, oder doch eine Untersuchung von Perspektive, ideologischer Verunreinigung und der Unmöglichkeit, sich in einer konstruierten, geschichtlichen Ordnung einseitig zu verorten? Ist es die Frage, ob eine Person, die sich nicht zugehörig fühlt, auch die Welt durch diese Brille zu sehen verdammt ist? Der Protagonist, ein Mann mit zwei Gesichtern, ist weniger Held, sondern ein Suchender. Er ist weder politisch noch kulturell vollständig integrierbar, und der Roman macht aus dieser Unbehaustheit sein zentrales Thema.
Formal ist das Buch von einem beständigen Perspektivwechsel getrieben. Die Erzählung bleibt eng an der Innenperspektive des namenlosen Protagonisten gebunden, doch diese Nähe erzeugt gerade keine Sicherheit. Im Gegenteil. Sein Blick ist hochreflexiv, ironisch und selbstentlarvend, aber nie stabil. Er erzählt als jemand, der zugleich beobachtet, kommentiert, rechtfertigt und sich selbst verdächtigt. Der Leser befindet sich in einem permanenten Zustand erkenntnistheoretischer Unruhe, was dadurch bestärkt wird, das viele Personen nur durch ein eindeutiges Attribut, einen Spitznamen, einen Titel oder in seltenen Fällen durch den Namen in Erscheinigung treten (bspw. der General, der dunkelste Marineinfanterist etc.). Was ist Erinnerung, was Strategie, was nachträgliche Rationalisierung? Wer spricht hier, und in wessen Namen? Nguyen verwandelt die Erzählperspektive in ein Instrument des Zweifels.
Diese Unsicherheit ist keine bloße Spielerei, sondern das eigentliche Prinzip des Romans. Der Sympathisant beschreibt den Vietnamkrieg nicht als heroische Befreiungs- oder Niederlagenerzählung, sondern als ideologisches Trümmerfeld, in dem alle Seiten, Protagonist eingeschlossen, ihre eigenen Legenden produzieren. Der Protagonist ist dabei eine Verkörperung des Widerspruchs. Sohn eines französischen Vaters und einer vietnamesischen Mutter, also biologisch bereits als Grenzfigur markiert, kulturell in keiner Sphäre vollständig heimisch, politisch als Doppelagent funktionalisiert. Seine Dasein als Bastard ist nicht nur genealogisch, sondern ontologisch. Sie ist die Signatur einer Welt, in der Reinheit immer schon eine Lüge ist. Der Roman insistiert geradezu, dass diese Figur von West wie Ost nur instrumentalisiert werden kann. Beide Lager, aber auch alle Figuren um ihn herum, wollen ihn benutzen, aber kein Lager kann ihn aufnehmen, keine Person so annehmen, wie er ist; Protagonist wieder eingeschlossen. Er ist nützlich gerade als jemand, der nicht dazugehört, aber doch immer ausgegrenzt.
Nguyens Text rührt an jeder Form von Dualismus, die sich als geschichtliche Wahrheit ausgibt. West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus, Freiheit gegen Unterdrückung, Moderne gegen Rückständigkeit. Der Roman deutet, dass beide Seiten ihre eigenen Blindstellen haben und sich aufeinander beziehen, ohne den inneren Widerspruch aufzuheben. In dieser Hinsicht wirkt das Buch wie eine bitter-elegante Verweigerung der Dialektik im klassischen Sinn. Es gibt keine klare Synthese, keinen versöhnenden dritten Begriff, keinen höheren Standpunkt, von dem aus das Geschehen aufgehoben werden könnte.
Besonders eindringlich wird das in den Folterszenen. Sie sind nicht nur körperlich brutal, sondern erkenntnistheoretisch zentral. Folter im Sympathisant dient nicht der Zerstörung des Körpers, sondern der Zersetzung von Identität, Loyalität und Erzählbarkeit. Der Gedanke, dass ein Subjekt unter extremem Druck seine Wahrheit preisgibt, wird hier grausam ironisiert. Es gibt keine einfache Wahrheit, nur das, was unter Zwang, Angst und ideologischem Erwartungsdruck übrig bleibt. Hier ist bspw. im Geständnis wieder zentral, dass es mehrfach redigiert und angepasst erscheint.
In diesem Roman ist Nguyens Stil auffallend kontrolliert, wirkt beinahe sogar kühl. Diese Kühle kontrastiert mit dem chaotischen Material und den extremen Konsequenzen der individuellen Handlungen. Kulturell arbeitet Nguyen mit einer scheinbar klaren Symbolsprache. Uniformen, Sprachen, Gesten, Essweisen, zugeschriebene Attribute, koloniale Bildungsarroganz und revolutionäre Orthodoxie bilden ein Theater der Zugehörigkeit, in welchem zeitgleich diese Zuschreibungen durch die Handlungen immer wieder konterkariert werden. Wer sich mit den Symbolen einer Ordnung schmückt, nimmt noch lange nicht an ihrem Sinn teil.
Das macht das Buch stark, wenn auch nicht immer angenehm zu lesen. Der Roman verweigert die beruhigende Moral der eindeutigen Position. Er sagt nicht; hier die Guten, dort die Bösen. Er zeigt vielmehr, wie beide Systeme den Menschen in Rollen pressen, die ihn zugleich definieren und vernichten können. Der Protagonist wird zum Zeugen einer geschichtlichen Welt, die ihre eigenen Widersprüche nicht lösen kann, sondern sie auf die Körper derer ablädt, die zwischen ihr stehen. Seine Bastardrolle ist damit nicht bloß privates Schicksal. Und doch bleibt im Sinne des Romans unklar, ob das eine tatsächliche Weltbeschreibung ist oder den Perspektiven des Protagonisten geschuldet ist.
So ist die scheinbare Synthese des Wir am Ende, keine wahrhafte Synthese im Sinne von Verschmelzung, sondern eher in der Erkenntnis, dass beides nebeneinander, aber zusammen existiert.
Nguyen ist damit ein bemerkenswerter Roman gelungen.
8 von 10 Punkten