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Musik: Warum soll man sich anhören, was man nicht mag?
Arbo:
@ Destruktive Kritik:
Ich meinte, das eher auf einer anderen Ebene. Schau Dir doch mal an, wo heute wirklich "stilbildende" Elemente drin sind. Oder noch besser: Was sind überhaupt für Elemente enthalten?
Da motzt der Metal-Proll über HipHop, nicht wissend, dass "seine" Bands wohl zum Teil mit HipHop-Rhythmen arbeiten. Wobei das sicher auch nicht ganz richtig ist, denn diverse Elemente haben die ja aus dem Jazz. Also, wenn Du heute so durch die Musiklandschaft schaust, wirst Du eine Reihe von Bands finden, die eben sehr unterschiedliche Elemente mit drin haben.
Was Du meinst, liegt m.E. (!) woanders begründet. Da gibt es also eine Band, die macht irgend etwas, was die Leute toll finden und schon wird ein irgendwie geartetes "Label" aufgedrückt, was sich zunächst erstmal nur durch eine Band (oder eine handvoll Bands) beschreibt: Nimm "Blur", "Oasis" für BritPop, "Nirvana" für Grunge, "At the Drive in" für Posthardcore, Parkway Drive für Metalcore usw. usf.
Jetzt kannst Du mal vergleichen, welche "Elemente" da in den "Stilen" enthalten sind. Um's mal etwas plastischer zu machen: Napalm Death wird zwar oft unter Grind-Core verbucht, m.E. könntest Du das teilweise auch unter Punk laufen lassen (insb. wg. der politischen Ausrichtung). Worauf ich damit hinaus möchte: Insgesamt ist die Musik "pluralistischer" geworden - eher im Sinne eines "Methodenpluralismus", der sich verschiedener musikalischer Elemente bedient. (Ich kann mich bspw. noch sehr gut an meine HC-Zeit erinnern, in der jedes Gitarren-Soli = Metal war ... dank Integrity ließ es sich diesen Idioten gut in den A***** treten ;) ).
Die Konformität, die Du meinst, ist für mich deshalb so paradox, weil den Bands heute doch viel mehr Möglichkeiten offen stehen, sie sich aber viel stärker auf ein vermeintliches Label "festnageln" lassen. Keine Ahnung, ob das nicht immer schon so war ... aber heute habe ich das Gefühl, dass sich viel mehr auf die Spielart einer ganz bestimmten Gruppe "stilbildender Bands" festlegt und gerade deshalb dies kaum Spielbereiche übrig lässt. Als "Gothic-Metal"-Band hättest du früher einfach nur noch erkennbare Stilmittel bzw. eine Stimmung rüber bringen müssen ... heute musst Du dazu viel stärker / konkret klingen wie Band XYZ.
Jedenfalls ist das mein Eindruck.
[Edit]
@ Christian Preuss:
--- Zitat von: Christian Preuss am 22.10.2008 | 12:56 ---Das stimmt aber auch nur für einige Bands.
Wenn ich mir z.B. Linkin Park, Goldfrapp oder MIA. anschaue, dann haben diese Bands eine ziemliche Entwicklung durchgemacht. Man erkennt zwar meistens von wem die entsprechenden Lieder sind. (ausser vielleicht bei Goldfrapp) Aber von gleichen Musikstil kann man da wirklich nicht reden.
--- Ende Zitat ---
Jup, mir fallen da auch Dagoba, Dry Kill Logic und The Gathering ein. Wobei es natürlich auch Bands gibt, die sich in einem bestimmten "Kreis" bestimmte Variationen erlauben, d.h. nicht so ganz große "Sprünge" machen. Bei anderen Bands wie Slipknot ist's m.E. etwas schwer, so etwas zu fordern, da die m.E. eh schon eine breite Variation innerhalb ihrer Musik aufweisen - da kannst Du im Grunde nur ein Album von der Stimmung her oder vom Gesamtbild einordnen.
Arbo
Hawk Inc.:
--- Zitat von: Arbo am 22.10.2008 | 13:10 ---@ Destruktive Kritik:
Da motzt der Metal-Proll über HipHop, nicht wissend, dass "seine" Bands wohl zum Teil mit HipHop-Rhythmen arbeiten. Wobei das sicher auch nicht ganz richtig ist, denn diverse Elemente haben die ja aus dem Jazz. Also, wenn Du heute so durch die Musiklandschaft schaust, wirst Du eine Reihe von Bands finden, die eben sehr unterschiedliche Elemente mit drin haben.
--- Ende Zitat ---
jepp, volle Zustimmung.
Allerdings gab es das schon immer: Musiker mischten Stilrichtungen und Spielarten, machten daraus ihren eigenen "neuen" Sound. Und irgendwie ist dann natürlich alles Klassik, Jazz oder Blues (obwohl es natürlich auch hier jeweils verdammt unterschiedliche Richtungen gibt: Barrock vs. Programmmusik, Ragtime vs. Freejazz, Plantagenblues vs. Bluesrock)
--- Zitat von: Arbo am 22.10.2008 | 13:10 ---Was Du meinst, liegt m.E. (!) woanders begründet. Da gibt es also eine Band, die macht irgend etwas, was die Leute toll finden und schon wird ein irgendwie geartetes "Label" aufgedrückt, was sich zunächst erstmal nur durch eine Band (oder eine handvoll Bands) beschreibt: Nimm "Blur", "Oasis" für BritPop, "Nirvana" für Grunge, "At the Drive in" für Posthardcore, Parkway Drive für Metalcore usw. usf.
--- Ende Zitat ---
Und damit kommen wir vielleicht an den Kern: Wer verpasst den einer Band ihr Label? Meistens die geneigte Hörerschaft oder die Musikkritiker. Und wenn etwas Erfolg hat (oder gefällt), dann sucht man weitere Bands, die sich unter das Label packen lassen, begründet einer neue "Welle" und damit eine "Szene".
Und Szenen beginnen dann sich abzugrenzen, als soziale Grupe zu funktionieren und ihre Besonderheiten zu entwickeln bzw. zu postulieren. Und eine gerne gewählte Möglichkeit ist die Abgrenzung. Und weil man als Szene ja nicht sozial masochistisch eine andere Szene für cooler, interlektueller, spannender oder was auch immer erklären will, fängt man an, das szenebildende Element, die Musikrichtung über alles andere in Qualität, Aussage, Emotionalität oder Relevanz zu stellen. Dazu entwickelt man weitere Codes wie Kleidung, Ernährung oder besondere Rituale.
Jeder der jetzt diese Musik nicht mag, wird emotional unbewusst als Gegner der eigenen Szene und damit der eigenen Sichtweise empfunden. Und da reagiert man wiederum unbewusst aggressiv. Und da fällt es dann leicht im vorzuwerfen er hätte sich nicht weit genug damit beschäftigt. Dann fordert man eine intensivere Auseinandersetzung, mit dem Bewusstsein, wenn jemand sich nur genügend mit eben diesem Stil auseinandersetzt, wird er die Qualität erkennen müssen.
Also soll der andere erstmal "hören, was ihm nicht gefällt". Wenn es ihm dann immer noch nicht gefällt, hat er sich eben immer noch nicht genug eingearbeitet oder ist eben ein Vollidiot. Der eigene Geschmack ist gut und wenn jemand etwas nicht gut findet was man selber toll findet - dann ist das ein indirekter Angriff auf den Fan.
Und so bilden sich immer mehr Unterstile, die ich z.B. beim Metal nicht mehr unterscheiden kann.
Aber: Es gibt jede Menge Leute, die sich quer durch die Stilarten hören, in vielen Bereichen die eine oder andere Band gut finden. Ich glaube sogar, das ist die Mehrheit. Diesen Leuten hängen nicht einer Szene an, einer Stilart in der sie ihr emotionales zu Hause haben. Sie haben keinen messianischen Eifer bei der Verkündung ihres musikalischen Wortes und ziehen nicht in den heiligen Krieg gegen das was sie nicht mögen oder diejenigen, die nicht mögen, was sie selber mögen.
Diese Leute mögen vielleicht eine bestimmte Stilrichtung nicht, aber hatten meistens schon so viel Kontakt dazu, um für sich zu entscheiden, das sie es einfach nicht hören wollen. Diese Leute gehören allerdings aich keiner Szene an, haben keien Gruppenzugehörigkeit zu verteidigen. Diese Leute sind die breite Masse. Und ich bin froh das es so ist.
Wenn der Musikmessias (ein guter Freund von mir nennt sie auch gerne mal böse "Musiknazis", weil sie nur ihre Sicht und Musik gelten lassen) von mir verlangt seine Bibel zu lesen, muß ich ihm leider sagen: Dazu habe ich keine Zeit, da sind zu viele Bibeln im Umlauf. Wenn es der Messias schafft, mir seine Bibel in kurzen Sätzen/ mit wenigen Stücken zu belegen, dann werde ich ihm in der Regel zuhören. Aber die Bibeln möchte ich nicht lesen/hören.
Mit den Finger snippend und dabei lächelnd seiner Wege gehend
Hawk
P.S.: Bitte jetzt nicht über das N-Wort diskutieren. Ich streiche es gerne, wenn es zu viele Emotionen wegt.
Edit: Schnelltippen vs richtig schreiben. Hoffe die dicksten Bucks sind jetzt raus ;)
Funktionalist:
@Arbo
wenn ich das ganz brutal zusammenfassen möchte:
Noch nie war jeder einzelnen Band eine solche Bandbreite an verwendbaren Stilmitteln in ihrer groben Musikrichtung zugänglich. Wenn sie nun Szenetreu sein will muss sie hier sehr vorsichtig sein, um nicht in eine andere Kategorie zu rutschen.
(das heißt, was ich unter indy eingeordnet hatte ist nur ein Bruchteil dessen, was früher so gehießen hätte.)
Die Bands lassen sich hiervon einfangen und binden sich an die BEschreibung, die sie erhalten haben.
klingt plausibel. Jepp.
zu
--- Zitat ---Die Konformität, die Du meinst, ist für mich deshalb so paradox, weil den Bands heute doch viel mehr Möglichkeiten offen stehen, sie sich aber viel stärker auf ein vermeintliches Label "festnageln" lassen. Keine Ahnung, ob das nicht immer schon so war ... aber heute habe ich das Gefühl, dass sich viel mehr auf die Spielart einer ganz bestimmten Gruppe "stilbildender Bands" festlegt und gerade deshalb dies kaum Spielbereiche übrig lässt. Als "Gothic-Metal"-Band hättest du früher einfach nur noch erkennbare Stilmittel bzw. eine Stimmung rüber bringen müssen ... heute musst Du dazu viel stärker / konkret klingen wie Band XYZ.
--- Ende Zitat ---
kann ich nur sagen:
die Bands, die mich begeistern, sind meist die, die sich nicht recht einordnen lassen (prompt eine eigene Richtung bekommen). Die höre ich wegen ihrer selbst. Im gegensatz zu z.B. SystemShock, die einfach nur unspaktakulär, aber hörbar sind, bin ich bei den anderen Bands neugierig.
das ist so der Unterschied zwischen Arte und Pro7.
Von dem anderen erwarte ich nicht viel und bin deshalb nicht enttäuscht.
Ich glaube langsam, dass es kaum noch Leute gibt, die ein Album durchhören.
Musik muss in den ersten Minuten funktionieren, einen hohen Wiedererkennungswert haben und sexy sein.
Manchmal wären mir die 70er echt lieber (musikalisch).
sers,
Alex
Ein:
--- Zitat ---Ich glaube langsam, dass es kaum noch Leute gibt, die ein Album durchhören.
Musik muss in den ersten Minuten funktionieren, einen hohen Wiedererkennungswert haben und sexy sein.
--- Ende Zitat ---
Das war vor 80 Jahren auch schon so. Und iG ist es ja auch so, dass solche populäre Musik nicht per se schlecht ist.
Funktionalist:
--- Zitat von: Ein am 22.10.2008 | 17:44 --- Und iG ist es ja auch so, dass solche populäre Musik nicht per se schlecht ist.
--- Ende Zitat ---
Das habe ich ja auch nicht gesagt.
Ich finde es schön, wenn ich in Musik viel entdecken kann. Und Musik, die in den ersten Minuten sofort funktioniert hat mich noch nie lange fasziniert. (wenn Du tipps hast: Her damit! habe "HUnger"! ;D )
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