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[Herr der Ringe] reine Fantasy oder Analogie zur Wirklichkeit?

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Skele-Surtur:
Das die Orks aus dem Osten kommen hängt IMHO primär damit zusammen, dass einfach alles aus dem "Osten" damals und in gewisser Weise auch heute eher unerforscht, ein wenig exotisch und auch irgendwie bedrohlich wirkte bzw. wirkt.

der HDR ist eine Fortsetzung des Kleinen Hobbits, der widerum als Kinderbuch intentioniert war. Ich bezweifle, dass Tolkien bereits damals ein Werk solchen Ausmaßes geplant hat, es ist vielmehr nach und nach entstanden, wohl auch ein Grund, warum es nicht so konstruiert wirkt, obwohl der HDR doch ein relativ naives Weltbild präsentiert. Entsprechend der Ausgangssituation hat er eben eine fantastische Welt erschaffen, in der die gängigen Stereotypen vorherrschen.
Der Einfluss der Germanisch/Keltischen Mythenwelt hatte seinen Einfluss. Die Tatsache, dass ein klar definierter Feind in einem Phantasieroman zwangsläufig Parallelen zu einem in Kriegszeiten ebenfalls klar definierten Feind aufweisen tut sein übriges.

Belchion:
Die Schlußfolgerung: "Es gibt Übereinstimmungen, also ist es eine Allegorie, obwohl der Autor etwas anderes behauptet" ist kein Beweis. Nur weil es Übereinstimmungen gibt, ist es noch lange keine Allegorie. Wenn man die Schlußfolgerung beweisen will, müsste man also darlegen, daß es für die genannten Punkte im HdR keine anderen möglichen Vorbilder gibt.

Die gibt es aber: Man kann das ganze nämlich auch als Allegorie auf die "Schlacht um Wien" lesen, bei der die Osmanen (Saurons dunkle Horden) die Stadt Wien (Gondor) belagern, bis Wien von polnischen Rittern (Rohan) entsetzt wurde. Die osmanischen Janitscharen (Orks) waren bekanntlich Kinder christlicher Eltern (Elfen), die in sehr jungen Jahren vom Sultanshof im muslimischen Glauben erzogen (zu Orks verwandelt) wurden. Während der ganzen Zeit streiten die westeuropäischen Fürstentümer (Ents) untereinander, anstatt gegen die Gefahr aus dem Osten vorzugehen. So müssen die Polen (Rohan) erst die Krimtataren (Saruman) besiegen, bevor sie den Wienern zu Hilfe eilen können.

Ich vermute einmal, wenn man ein wenig sucht, kann man fast jeden größeren Krieg der Weltgeschichte, von Attila dem Hunnen bis Napoleon, in das Symbolgewand des Herrn der Ringe kleiden. Ich habe mir jetzt absichtlich ein besonders absurdes Beispiel ausgesucht; ich bin mir sicher, daß das mit Dschinghis Khans Mongolen noch viel besser funktioniert als mit der Belagerung von Wien.

Niniane:
Die Diskussion gab es, als die Filme rauskamen, und irgendjemand meinte, in die Orks Aborigines reininterpretieren zu müssen, wenn ich mich richtig erinnere. Tolkien Rassismus zu unterstellen halte ich für eine sehr gewagte Theorie, dazu empfehle ich seine Briefe an seinen Sohn Michael, in denen er sich sehr negativ über Hitler und den Krieg äussert.

Zum anderen:
--- Zitat von: Praesi am 12.11.2008 | 16:43 ---Ernstgemeinte Frage: Was war denn die Intention des Autors beim Herrn der Ringe?

--- Ende Zitat ---
Tolkien wollte ein englisches Epos schaffen, ähnlich der finnischen Kalevala oder der nordischen Edda. Die ersten "Fassungen" des Silmarillion handeln auch von einem Helden, der ein Land ähnlich England entdeckt. Viele der Sprachen basieren z.B. auf Altangelsächsisch. Kann man in seiner Biographie nachlesen, von Humphrey Carpenter.

Samael:
Das Buch ist voller Elemente, die auf Tolkiens Umfeld und Lebenssituation zurückzuführen sind. Die persönlich erlebten Schrecken des Krieges, der Untergang der ländlichen Strukturen im Zuge der Industrialisierung, Tolkiens tiefe christliche Überzeugung. Aber direkte Allegorien wie Ring = Atombombe, Elfen = westliche Herrenmenschen, Orks = Russen u. Ä. halte ich für Unsinn. Gerade auch weil er sich ja explizit gegen eine so direkte allegorische Deutung verwehrt hat.

Wer sowas reinlesen will, kann es natürlich tun, es passen ja einige Dinge schon.

Eulenspiegel:
Man muss zwischen Allegorie und Analogie unterscheiden. Nur weil er keine Allegorie wollte, heißt das nicht, dass es keine Analogien gibt.

Desweiteren:
Ring = Atombombe würde ich auch nicht sagen. Da kann ich auch kaum Ähnlichkeiten feststellen.

Aber:
Orks: Dunkle Bedrohung aus dem Osten.
Russen: Dunkle Bedrohung aus dem Osten.

Saruman: Böser Herrscher, der mit seinen Worten andere Menschen um den Finger wickeln kann.
Hitler: Böser Herrscher, der mit seinen Worten andere Menschen um den Finger wickeln kann.

Da sehe ich doch deutliche Analogien. (Keine Allegorien.)

@ Praesi
Tolkien hat in seinem neuen Vorwort zu LOTR unter anderem geschrieben:

--- Zitat von: Tolkien ---Das wichtigste Motiv war der Wunsch des Erzählers, sich an einer wirklich langen Geschichte zu versuchen, die die Aufmerksamkeit des Lesers wach halten, ihn belustigen und erfreuen und ihn vielleicht auch manchmal erregen oder ihn tiefer berühren könnte.
--- Ende Zitat ---

@ Daheon
Du darfst ruhig Aussagen des Autoren zitieren.
Man sollte halt bloß im Hinterkopf behalten, dass auch der Autor sich nicht unbedingt im Klaren darüber sein muss, warum er jetzt gerade dies oder jenes genau so schreibt, wie er es nunmal schreibt. - Viele Techniken laufen bewusst ab. (Sozusagen der ganze handwerkliche Fleiß.) Aber ebensoviele andere Sachen (auch Inspiration oder Muse genannt), laufen halt unbewusst ab.

Das heißt, der Autor muss sich gar nicht bewusst gesagt haben: "So, jetzt schreibe ich etwas über die bösen Russen." Es kann auch sein, dass er einen Zeitungsbericht gelesen hat oder etwas von Freunden gehört hat und diese Sachen dann unbewusst verarbeitet und in die Handlung hineinprojiziert hat.

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