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[Burning Wheel] oliof arbeitet sich durch die Regeln …
oliof:
Der Abschnitt Commentary liefert in kürzeren und längeren Artikeln ausführliche Stellungnahmen zu den einzelnen Regelkomplexen, ganz so als hätte der Autor sich die Mühe gemacht, die Erkenntnisse aus mehr als 5 Jahren Online-Diskurs zu extrahieren, destillieren und an einem Ort zusammenzufassen.
Das ist auch gelungen, allerdings fällt die Qualität des Commentary im Vergleich zum Rest von Burning Wheel ab. Zum einen gibts Äußerlichkeiten wie hier und da ein fehlendes Wort, zum anderen hat der Text nicht die durchgehende Stimme, die ich sonst sehr geschätzt habe. Wenn man nur den jeweiligen Abschnitt liest der einen interessiert, fällt das vielleicht nicht so ins Gewicht, aber hier ist meiner Meinung nach eine Chance vertan worden, wirklich zu glänzen.
Ich bin auf diesen Seiten über einige Kommentare gestolpert, bei denen mir nicht ganz klar war, ob die Beschreibungen, wie die Gruppe des Autors bestimmte Regeln falsch oder nicht einsetzt, ironisch gemeint waren, oder nicht. Das rührt aber auch von der fehlenden Stimme her. Bei einigen Stellen ist auf pseudo-englisch zurückgegriffen worden, ohne dass es für mich einen Sinn ergibt. Es wirkt einfach nur albern.
Ein paar meiner Eindrücke die ich beschrieben habe sind bestätigt worden (zum Beispiel das Design der Resources, die die Charaktere zwingen, sich in Abenteuer zu stürzen, weil sie sich sonst unmöglich ihren Lebensstil leisten können), bei anderen sehe ich klarer (Wises werden ganz gut auseinanderklamüsert; um vollständig überzeugt zu werden, brauchte ich aber wohl mehr Praxis), und hin und wieder war ich etwas überrascht, wie sehr die Aussendarstellung des Systems und die Erläuterungen nicht unbedingt zusammen zu passen scheinen (der Abschnitt zu Task and Intent☨ fängt gleich damit an zu behaupten, dass das total intuitiv und einfach wäre, um dan in fünfzehn Seiten Erläuterungen auszuufern …).
Bei einigen Klarstellungen habe ich mich auch gewundert, ob das nicht Regeländerungen sind und nochmal in den Grundbüchern nachgeschaut (zum Beispiel, dass Instincts nicht während Fight! greifen können, weils da zu hektisch sei; im Character Burner gibts dann ein Beispiel, das hängengeblieben ist — nicht aber die Anmerkung, dass es sich bei diesem Beispiel um einen Grenzfall handelt).
Trotz dieser Mängel sind die enthaltenen Informationen im Commentary meiner Meinung nach wertvoll und nützlich, weil auch nochmal auf die Taktik in den komplexeren Systemen (Duel of Wits, Range and Cover, Fight!) eingegangen wird, und verschiedene Regelkomplexe die nur auf 2 Teilnehmer ausgelegt scheinen, zumindest für den Gruppeneinsatz erläutert werden (Duel of Wits mit drei (oder mehr) Parteien, die alle was unterschiedliches wollen, wird aber zum Beispiel nicht erwähnt. Ich halte das für eine vernachlässigbare Grösse, weil sowas selten genug vorkommen wird).
Am Ende gibt es noch eine handvoll neuer und überarbeiteter Regeln, die ich zum grossen Teil ganz gut finde (z.B. die Begrenzungen bei Hilfe und die The Slowest and the Loudest Regeln bei Gruppen-Proben). Danach endet das Buch etwas abrupt.
☨: Es ist glaube ich ein offenes Geheimnis, dass alle Systeme die mit Stakes arbeiten, daran zu knabbern haben, das die Lösung auf dem Papier sehr elegant aussieht, und dennoch viele Spieler und Spielleiter sie ablehnen oder für verquast halten (es geht hier nicht um mangelndes Verständnis für die Regel an sich), und es ansonsten sehr auf die jeweilige Gruppe ankommt, wie (gut) sie das umsetzen können. Stakes Are Hard … (aber sie lohnen sich nach meinem Dafürhalten).
oliof:
Bevor ich anfange, mich auf den Vergleich zwischen Burning Wheel, Burning Empires und Mouse Guard vorzubereiten, hier mein abschließendes Fazit zu Burning Wheel. Nota Bene: Die Einschätzung beschränkt sich auf die rein analytische/lesende Betrachtung und fußt auf keinerlei bisheriger Spielerfahrung mit Burning Wheel.
Burning Wheel ist eine Reihe, die durch Beständigkeit und Konstanz besticht. 5 Bücher in 9 Jahren sprechen von einem guten Rhythmus zwischen Veröffentlichung und Weiterentwicklung. Man merkt aber auch, dass die älteren Bücher von ihren Revisionen profitieren, insbesondere weil die jüngeren Exemplare deutlich weniger geschliffen daherkommen. Keiner der Folgebände ist wirklich notwendig um Burning Wheel zu spielen, aber sie alle ergänzen und erweitern das Grundspiel, ohne bestehende Annahmen zu invalidieren. Meiner Einschätzung nach sind die Nachfolgebände zunehmend optional — der Monster Burner bietet für fast alle Spieler was, der Magic Burner ist nur was für Leute, die (mehr (Einblick in die)) Magie brauchen und der Adventure Burner ist ein interessanter, aber fast überflüssiger Sammelband von Miscellanea (immerhin haben die Leute vor seiner Erscheinung knapp sieben Jahre auch so Burning Wheel schreiben können).
Das Spiel will charakterzentriertes, dramatisches Spiel liefern, und bedient sich dabei bekannter Mechanismen; die Beliefs sind ähnlich wie Pfade bei TSoY Flags, es gibt Gummipunkte für "richtiges Rollenspiel" wie bei Savage Worlds; gewürzt mit einer Prise Gruppendynamik durch die Abstimmungsregeln für Sonderverdienste ums Spiel. Ein Teil der Mechanismen scheint eine Versicherung gegen asoziales Verhalten zu sein (Beispiele: Instincts und Let it Ride sind Versicherungen gegen Spielleiter, die den Spielern keine Schnitte gönnen, Let it Ride ist aber auch eine Versicherung gegen Spieler, die solange würfeln wollen, bis sie es geschafft haben), und spätestens im Adventure Burner klingt mit der persönliche Meinung des Autors, die manchmal als Fakt verkauft wird (das gute Recht eines jeden Autors), ein etwas … pädagogischer Ton durch, der mir hin und wieder doch die Freude am Werk verdirbt.
Die Aufmachung des Buches ist schlicht, textlastig (aber dank professionellem Layout ausserordentlich gut lesbar), und über die Jahre stabil. Auch das spielt mit in die Gesamtbewertung ein: Burning Wheel tut was es will, und verspricht was es tut. Dem klassischen ARS-Spieler würde ich es nicht empfehlen, dem klassischen freien Erzählspieler, der keinen grossen Wert auf die Regeln legt, aber auch nicht. Insofern ist das System ein … Hybrid der versucht, über ausgefeilte Mechanismen die Charakterentwicklung (nicht nur von den Werten her) voranzutreiben. Das kann gelingen, wenn die Spieler die gleiche Einstellung zu den Regeln haben; sie also entweder doch ignorieren oder sich auf das Experiment der Immersion durch Regelanwendung einlassen.
Der Wray:
Danke für Deine ausführliche Exkursion durch das Magnum Opus. Ein paar persönliche Anmerkungen von mir:
Ich kann die Empfehlungsreihenfolge nicht teilen. Ich empfinde zwar alle Bücher als irgendwie notwendig, würde aber trotzdem den Adventure Burner vor dem Magic Burner empfehlen, vielleicht sogar noch vor dem Monster Burner. Es stimmt zwar, dass BW auch viele Jahre ohne ihn gespielt wurde, aber: Ohne die Wiki und die offiziellen Foren, und ohne Erfahrungen mit anderen Spielen mit vielleicht ähnlicher Premisse, hätte glaub ich kaum einer gewusst, wie es zu spielen ist.
Gerade die Kapitel über Beliefs, Artha Awards, Trait Votes, Wises & Campaign Burning halte ich für drastische Abkürzungen, die einem eventuell Monate des Grübelns und praktischen Rumprobierens ersparen können. Aber ich denke, den Adventure Burner lernt man erst zu schätzen, wenn man einige Sessions auf dem Buckel hat. So wars bei mir (als es ihn noch nicht gab): Ich musste andauernd das Forum & die Wiki konsultieren. Gerade die Beliefs bzw. wie man sie als Gruppe schreibt, haben mir Probleme gemacht. Und mit dem Evolve-Zyklus, durch den Beliefs auf organische Weise zu Traits werden, und zu besseren Traits werden, konnte ich nichts anfangen. Da hab ich viele Stunden verschwendet. Jetzt hab ich den Adventure Burner, und obwohl ich ja nun schon vorher wusste, wie es läuft, finde ich immer wieder sachen, die das Spiel noch samtiger machen.
Für mich gestaltet sich das so: Das Core-Set erklärt die Regeln und wie sie funktionieren, der Monster Burner geht in die mechanische Tiefe und erklärt auf dieser Ebene, wieso die Regeln so sind wie sie sind. Aber der Adventure Burner erklärt, wie man mit diesen Regeln überhaupt spielt und eine Geschichte erzählt.
Zum "Ton" in den Commentaries: Ich denke das liegt daran, dass einige Kapitel nicht von Luke geschrieben wurden sondern von erfahrenen Spielern. Ich weiß nicht, ob das alles BWHQ Mitglieder waren oder auch ein paar Profis aus dem Forum. Irgendwo hab ich gelesen, dass er damit beschäftigt war, die so umzuschreiben, dass sie nicht rausfallen vom Tonfall. So ganz scheint das dann ja nicht geklappt zu haben. Gestört hat's mich nicht, aber ich habe die Bücher auch nie einer solchen Demontage unterzogen, da ich schon vorher mit Leidenschaft dabei war. Ich denke "Leidenschaft" ist eine ganz wichtige Voraussetzung bei BW, die einen über die vielleicht etwas holprige Lernphase hinweghilft.
Cheers!
Der Wray
oliof:
Ich war ja am Schwanken, was den Adventure Burner betrifft. Aber er scheint mir bisher nur nützlich nicht aber notwendig.
Keinesfalls wollte ich sagen, das man den Adventure Burner weglassen soll. Vielleicht versuche ich es doch noch etwas qualifizierter:
Grundregeln und Character Burner: Essentiell, schliesslich stehen hier die Regeln drin.
Monster Burner: Für Leute, die gerne mit den Regeln rumspielen und selbst (Welten) Basteln wollen
Magic Burner Für Leute, die gerne eine unglaubliche Auswahl an Magiesystemen haben. Für Leute, die dem Monster Burner was abgewinnen können, eine gute Empfehlung
Adventure Burner: Für Leute, die mehr Hintergrund zu den Regeln erfahren wollen.
Darunter soll aber die eigentliche Crux nicht untergehen: Das System ist in den eingeschliffenen Kategorien schwer zu verorten, und kann deswegen entweder ein Augenöffner (für Crunch/charakterzentriertes Spiel) sein, oder eine massive Enttäuschung, weil die Mechanismen so sehr ineinander verflochten sind, dass man kaum eines weglassen kann und noch ein vollständiges (oder vollständig funktionierendes) System hat.
Yehodan ben Dracon:
Vielen Dank, oliof, für die tiefen und kritisch angemerkten Einblicke in dieses mir bislang völlig unbekannte System. Es klingt irgendwie trotzdem nach etwas, das mich anspricht.
Wenn ich von meinem "einfach, einfacher, Savage Worlds"-Trip vielleicht mal runter bin, ist es einen Blick wert.
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