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[Europa - alternatives Mittelalter]

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Boba Fett:

--- Zitat von: Sphärenwanderer am  5.04.2011 | 14:43 ---Dafür war das christliche Weltverständnis im Mittelalter entscheidend - und dieses basierte nunmal auf der Schöpfung durch einen einzigen Gott.
Ohne diesen Faktor hätte die Überlieferung der alten Werke mit ziemlicher Sicherheit nicht stattgefunden.
--- Ende Zitat ---

Die Sammlung und Überlieferung von alten Werken hat es auch vor dem Christentum gegeben.
In der Bibliothek von Alexandria zum Beispiel.
Diese Art vor Sammlung ist kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums oder anderer monotheistischer Götter.
Ich gebe Dir recht, dass dies durchaus eine Qualität des Christentums im frühen Mittelalter war,
aber es kann ähnliche Entwicklungen durchaus in alternativen Systemen geben.

Abgesehen davon schließt mein Ansatz oben auch nicht per se die Existenz einer Staatsreligion aus. Ebensowenig wird der Missionierungsdrang ausgeschlossen.
Auch sind Eroberungsfeldzüge keine Besonderheit der Christen. Das konnten die Römer zu vor schon und die Griechen auch und wenn man sich ansieht, wie weit Alexander gezogen ist, um sein Reich zu schaffen, sieht man, wie weit Leute kommen, auch ohne, dass sie den monotheistischen Ansporn der Missionierung haben.

Auch der "frühere" Untergang Roms will ich nicht pauschal ausschliessen...
Wegen mir kann Kathargo auch Rom ordentlich vermöbelt haben und der große Held der Antike wäre im alternativen Mittelalter eben Hanibal gewesen...

Und in Sachen Plausibiliät: Hey, ich schliesse oben explizit die tatsächliche Existenz des Übernatürlichen ein.
Nennst Du das plausibel?
Ich möchte keine Geschichtsstunde schreiben! Ich möchte auf interessante Ideen stoßen.

Die bekomme ich aber nicht, wenn ich nur streiche, was entsprechend nicht gegeben hätte und dann überlege, wie das aussehen würde.
Leere Stellen müssen wieder gefüllt werden. Und zwar durch kreative und konstruktive Ideen.
Plausibilität ist eine zusätzliche Qualität.

Boba Fett:
@lachender Mann: :d

Waldviech:

--- Zitat ---(die "keine anderen götter haben ausser mich" ist ja eine monotheistische Sache)
--- Ende Zitat ---
Weswegen man das Potential für fanatische Intoleranz bei polytheistischen Religionen aber nicht unterschätzen sollte. Die Römer haben auch hier und da mal unliebsame Kulte ausradiert. (Erfolgreich bei den Bacchernalien, weniger erfolgreich beim Christentum). Die Druiden waren engstirnige Dogmatiker, die rigoros jede Entwicklung einer Schriftkultur bei den Kelten unterbunden haben.


--- Zitat ---Ich möchte keine Geschichtsstunde schreiben!
--- Ende Zitat ---
Klar. Sonst müsste ich ja auch anmerken, dass das Mittelalter ohne Christentum im Grunde genommen kein Mittelalter wäre, sondern eher eine Fortführung der Antike - oder was ganz Anderes. ;) Was natürlich nichts daran ändert, dass die Überlegung, was gewesen wäre, wenn es kein Christentum gegeben hätte, recht interessant ist. Generell kann ich alles unterschreiben, was der Lachende Mann oben schon geschrieben hat. Ohne einigendes, spirituelles Element hätten die Völker Mittel und Nordeuropas erst wesentlich später oder garnicht aus ihrer kriegsgeilen Kleinstämmerei herausgefunden. Bei Allem, was man der Kirche an Missetaten vorwerfen kann - in unseren Breiten hier hat sie massiv zivilisierend gewirkt. Klar, vor Allem verwaltungstechnisch hat sie viele römische Erfindungen etabliert - aber diese haben die Römer selbst nördlich der Alpen nicht nachhaltig einführen können. Bestes Beispiel ist das ehemals recht stark romanisierte Britannien, in dem schon kurz nach dem Fall Roms nix mehr übrig war von römischem Know-How.

Blieben also zwei plausible Optionen:

- Wir hätten ein recht dunkelschwarzes "Dark Age" ohne Hoffnung auf einen baldigen Wiederaufstieg, weil einer der wichtigsten Faktoren fehlt, die Wissen des Altertums in die neue Zeit gerettet hätten. Warlords, Kleinstämmerei, Dauerkrieg und Barbarei bestimmen Europas Geschick. Das auch noch unheilvolle Dinge in den Wäldern lauern, macht die Sache nur bedingt besser. Hervorragend für Dark-Fantasy

- Es gibt andere spirituelle Bewegungen, die die Rolle des Christentums übernommen haben. IMHO würde ich hier allerdings vom strunzprimitiven Polytheismus der Antike abstand nehmen. Wie man an etlichen philosophischen und religiösen Bewegungen der Spätantike sehen kann, geht dessen Zeit zumindest in den zivilisierten Gebieten langsam vorbei. Hier würde ich auf Entwicklungen wie den Manichäismus, Zoroastrismus, die Gnosis usw. setzen.


--- Zitat ---Ich würde ja fast behaupten, dass selbst ohne Christentum sich nicht viel ändern würde
--- Ende Zitat ---
Whua.....mal im Ernst: Da würde sich gewaltig was ändern! Die Kultur, die sich in Europa ohne Christentum entwickelt hätte, hätte sich sehr sehr wahrscheinlich MASSIV von unserem Mittelalter unterschieden. Kaum ein Aspekt des europäischen Mittelalters ist ohne christlichen Einfluss entstanden. Die Bedeutung christlicher Denkweise und biblischer Überlieferungen fürs Mittelalter kann man de facto garnicht unterschätzen.

asri:
Der Beitrag vom lachenden Mann gefällt mir, sowie Waldviechs Hinweis auf Gnosis und/ oder Manichäismus (den ich gebracht hätte, hätt er nicht schon geliefert ;)).

Ich fände es spannend, wenn Mitteleuropa zwar Rom plattgemacht hat, das Machtvakuum aber nicht füllen konnte. Mongolen kommen aus dem Osten, und ein nordafrikanisches Großreich (hervorgegangen aus indigenen Traditionen sowie phönizisch-griechisch-römischen Siedlungen, plus Manichäismus) hat massiven Einfluss in ganz Südeuropa. Neben den diversen regionalen Reibereien sehen sich germanische und keltische Stämme dem mongolischen und nordafrikanischen Druck aus dem Osten und Süden ausgesetzt. Der Druck ist jedoch nur zu gewissen Teilen militärischer Art, auch der kulturelle Druck ist spürbar. Die Dorfjugend schnappt Paschtu-Vokabeln vom weitgereisten Händler auf, und man erzählt sich, dass die keltischen Frauen im Süden sich ihre Haut schwarz schminken, um dem mediterranen Schönheitsideal zu entsprechen. Soziale Spannungen bauen sich auf, und ab und zu entlädt sich der Frust, dass die eigenen "Straßen" sich regelmäßig in Schlammbäche verwandeln.

Aber einige schmieden Pläne. Wenn man einen Weg fände, in den Rauhnächten die Wilde Jagd selbst anzuführen... Die Bercht und die Hulda (Hullefrau) könnten helfen, aber sie sind längst nicht immer hilfsbereit. Und der Nöck liebt es, Schimpf und Scherz zu treiben...

Sind nur ein paar lose Gedanken, aber vielleicht ist ja etwas dabei, was schmeckt.

Merlin Emrys:
Hmm... ich würde als erstes mal die Ethik komplett umkrempeln. Mitleid z.B. galt bei den römischen und griechischen Philosophen als Laster (weil es den Gerechtigkeitssinn vernebelt), und Vorstellungen von unsterblichen Seelen sind wohl kaum sonderlich attraktiv, wenn man nur auf einen Hades / Tartarus hoffen kann. Als Tugenden des "mos maiorum" habe ich gefunden: auctoritas, constantia, cultus, dignitas, disciplina, fides, gravitas, religio, virtus. Mit auctoritas, dignitas und gravitas sind Elemente deutlich betont, die die persönliche Würde des einzelnen betreffen. Religio und cultus dürften beide die "öffentliche Teilnahme am Staatskult" betreffen, die aber nicht von innerer Überzeugung getragen sein muß. In jedem Fall war die späte römische Entwicklung von Überlegungen des Maßhaltens geprägt. Aristoteles empfiehlt in der Nikomachischem Ethik nichts mit solcher Inbrunst wie das Maßhalten.

Während das Christentum auf "Innerlichkeit" gesetzt hat (wenn auch mal mehr, mal weniger), zielt das Wertespektrum des "mos maiorum" eher auf Außendarstellung ab. Die Folge könnte sein, daß der Umgang mit der Ehrlichkeit sich anders entwickelt, parallel zur Entwicklung im asiatischen Raum etwa. Generell zählen Erfolg und, das Gesicht wahren zu können. In China und Japan haben sich daraufhin Regeln entwickelt, die darauf abzielen, jedem anderen nach Möglichkeit dabei zu helfen; im mittelöstlichen dagegen muß sich eher jeder selber vorsehen, und Ansehen hat, wer andere in die Pfanne hauen kann, aber selbst nicht in der Pfanne landet. Angesichts der Überlegungen zum Maßhalten scheint mir eher eine Tendenz zu der fernöstlichen Variante zu bestehen.
Gedanklich interessant wäre sicher, einmal zu versuchen nachzuvollziehen, wie sich eine maßgeblich von der Stoik geprägte Weltanschauung damit verbunden haben könnte.

Aber zurück zur Geschichte.

Teil 1: Konstantin, seine Söhne und Enkel

Nehmen wir an, Konstantin hat zwar die Schlacht bei der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 gewonnen, kann sich aber (infolge der fehlenden Basis) nicht mit Licinius auf das Toleranzedikt von Mailand einigen. Aufgrund der größeren Ressourcen dürfte Konstantin schon zu der Zeit als Sieger aus dem Krieg hervorgehen. Die Verlegung des Amtssitzes nach Konstantinopel ergibt Sinn genug, um anzunehmen, daß dies geschehen wäre.
Bleiben wir zunächst auch weiterhin der Geschichte treu: Konstantin II., Constantius II. und Constans teilten auf der Konferenz von Viminacium das Reich unter sich auf.
~ Constans: Italien und Africa und die  Balkanhalbinsel;
~ Constantius II.: Gebiete östlich des Mittelmeeres bis Ägypten und südlich des schwarzen Meeres;
~ Konstantin II.: Gallien, Britannien und Hispanien.
Constantius II kämpft schwerpunktmäßig gegen die Perser. Lassen wir das mal so. Aber Constans hat kein Religionsproblem, bleibt also zunächst einmal fest im Sattel, besiegt Konstantin II und eignet sich dessen Bereich an. Damit gibt es ein Reich im Westen, das von Spanien bis zum Bosporus reicht, und eins im Osten, das flächenmäßig kleiner, aber ressourcenmäßig doch gut aufgestellt ist.

Ab jetzt also geht es mit der Phantasie weiter: Constans hält das "Weströmische Reich" zusammen, ist damit aber ausreichend beschäftigt. Er schafft es gerade noch, Britannien zu "befrieden". Philosophisch-religiös bleibt man im weströmischen Reich den römischen Traditionen halbwegs treu, allerdings unter Aufnahme philosophischer Elemente aus dem griechischem Raum und später auch aus dem Druidentum der "Nordländer" (u.a. Germanien und Britannien).

Da Constantius II sich das Westreich infolge der ausbleibenden Religionsprobleme nicht einverleibt, kann er die Perser in Schach halten bzw. die Pläne seines Vaters Konstantin weiterverfolgen, sich weiter ins Sassanidenreich auszudehnen. Die Bereiche nördlich des Schwarzen Meeres dürften verglichen damit ziemlich unattraktiv erschienen sein. Der Kaukasus als natürliche Grenze ist ganz okay, aber Constantius verschafft sich Zugang zum Kaspischen Meer, indem er "Albania" annektiert. Die Sassaniden schließen einen unsicheren Frieden mit den "Oströmern", die ich jetzt mal in "Konstantianer" umtaufe, "zu Ehren des großen Konstantin und seines mindestens genausogroßen Sohnes Constantius II" oder so ähnlich.
Philosophisch wird rasch die Alexandrinische Schule bestimmend, natürlich ohne christliche Elemente. Dafür kommen indische Elemente stärker zum Tragen. Es bildet sich ein "neuplatonistischer Monismus" aus, der das graeco-romanische Pantheon als zwischenzeitlich verehrte, machtvollere Emanationen betrachtet, über die man allmählich gedanklich hinauswächst. Der Urgrund des Seins ist nun der neue Fixpunkt der Philosophie.
Sassaniden und Konstantianer stellen derweil auch fest, daß sie einen gemeinsamen Feind haben, die Araber. Die Konstantianer kommen von der Mittelmeerküste her mit ihnen in Konflikt, die Sassaniden von Norden her. Die Araber sind dem Zweifrontenkrieg nicht gewachsen, die arabische Halbinsel wird schließlich zwischen Sassaniden und Konstantianern aufgeteilt. Der Einfluß der arabischen Philosophie wird zwar nicht so bedeutend wie der der durch die Perser vermittelten indischen, dafür bringen sie einen eminenten Praxisbezug ein. Die reine Gedankenarbeit der Philosophen soll doch auch fruchtbar gemacht werden.
Konstantinopel ist also die Regierungshauptstadt, aber Alexandria ist der neue "Mittelpunkt der Welt". In Alexandria entstehen die Baupläne für die Brücken über den Bosporus, die Gedanken für zukunftsträchtige Zoll- und Steuersysteme...

Soviel zu Teil I, Teil II (Der Beginn der Völkerwanderung) folgt bei Gelegenheit... (Falls es wen interessiert, heißt das.)

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