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Hochliteratur vs. Fantasy
Pyromancer:
--- Zitat von: Wellentänzer am 4.04.2013 | 00:14 --- Aua, da schüttelt es mich aber. Paranoia der Schweigespirale revisited? Die aktuelle Finanz-, Schulden- und Systemkrise ist mit Sicherheit keinem "linken Zeitgeist" geschuldet. Die Privatisierung von Profit bei gleichzeitiger Verstaatlichung von Verlusten ist jedenfalls meines Wissens ebenso wie irrwitzige Deregulierung nur bedingt eine klassisch linke Position. Denk vielleicht noch mal drüber nach.
--- Ende Zitat ---
Die Masse der (selbsternannten) Intellektuellen und der Literaturelite sind selbsterklärte Linke. Das ist auch ganz normal, weil die intelligenten Rechten ja damit beschäftigt sind, Panzer an Diktatoren zu verkaufen, die Arbeiterklasse auszubeuten und durch Terminspekulation auf Lebensmittel ganze Kontinente in den Hungertod zu stürzen - die haben also zum Lesen von Romanen gar keine Zeit, vom Schreiben derselben ganz zu schweigen.
Falke359:
--- Zitat von: Metal King am 3.04.2013 | 11:44 ---Ich kann's mal versuchen:
Trivialliteratur ist Literatur, die mindestens zwei der vier folgenden Kriterien erfüllt:
leicht verständlich geschrieben
behandelt gut zugängliche Themen wie Liebe, Rache, Familie etc.
präsentiert klare Wertebilder, moralische Fragen werden entweder garnicht gestellt oder eindeutig beantwortet
enthält keine offensichtlichen weiterführenden Interpretationsflächen
Alles andere wäre dann Hochliteratur.
Die Masse der Fantasyliteratur erfüllt alle vier Kriterien. Bei SciFi sieht das etwas anders aus.
--- Ende Zitat ---
Die Kriterien sind etwas willkürlich gewählt und beschäftigen sich mit rein inhaltlichen Aspekten beschäftigen; die sprachliche und formale Ebene berücksichtigst du nicht. Deshalb mein Versuch:
Vorbemerkung:
Eine klare Trennlinie ist nicht möglich. Was zur Hochliteratur zählt, wird erstens nach literaturwissenschaftlichen (also objektivier- und überprüfbaren) Maßstäben untersucht, kann zweitens erst mit einem gewissen Abstand bewertet werden und ist drittens dem Konsens der Gesellschaft (und vor allem der Literaturwissenschaft) unterworfen.
Ich würde den Begriff der "Hochliteratur" insgesamt nicht zu hoch hängen, auch wenn mir andererseits die Galle hochkommt, wenn mir jemand Werke wie "Twilight" als hochwertige Literatur anpreisen will.
Einige Punkte erscheinen mir für eine Definiton wichtig:
[*] "Hochliteratur" behandelt menschliche Erfahrungen, Konflikte oder grundlegende Lebensfragen, und zwar mit einer möglichst hohen Reichweite (die Erfahrungen sind so grundlegend, dass sie von den meisten Menschen nachvollzogen werden können). Das Werk muss, so alt es sein mag, etwas mit mir zu tun haben.
[*] Das Werk bietet etwas genuin Neues (siehe oben), folgt also nicht völlig einem vorgegebenen Schema, sondern bietet in irgendeinem Bereich einen wertvollen neuen Ansatz, sei es in Sprache, Form oder Thema. Es muss sich lohnen, gerade dieses Werk zu lesen, es muss ein Kriterium geben (jenseits des rein Inhaltlichen), das ich so nirgendwo anders finde. (Bsp.: Faust-Dramen gibt´s wie Sand am Meer, Goethes Faus ist durch seine handwerkliche Qualität einzigartig.)
[*] Der Umgang mit Sprache, Form und Aufbau des Werkes erfolgt auf einem hohen handwerklichen Niveau. Das muss nicht heißen, dass die Sprache zwangsläufig "gestelzt" wirkt, aber man kann sprachliche und formale Qualität durchaus nach vielen Kriterien objektiv beurteilen. Mit Hochliteratur kann ich ein halbes Jahr im Unterricht arbeiten und bin immer noch nicht fertig damit, Trivialliteratur lese ich durch und habe nichts weiter dazu zu besprechen.
[*] Die intertextuellen und kulturellen Bezüge sind wichtig. Entweder das Werk hilft, den Autor in seinem Gesamtwerk besser zu verstehen oder es passt sich in die Kulturgeschichte ein durch möglichst zahlreiche Bezüge zu früheren Werken, Themen, Epochen (-> Verknüpfung mit der Vergangenheit).
[*] Das Werk hat eine Wirkungsgeschichte, beeinflusst, prägt oder verändert den Zeitgeist, indem es z.B. das "Gefühl" oder die Grundthemen seiner Zeit genau trifft, kritisch hinterfragt oder ganz neue Anstöße gibt (-> Verknüpfung mit der Zukunft).
Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, aber das fällt mir ganz spontan dazu ein.
Warum z.B. selbst Tolkien oft nicht zur "Hochliteratur" zählt, liegt wohl daran, dass die einzelnen Werke nach literarischen Kriterien großteils einfach nur schlecht geschrieben sind.
Und letztlich ist die Verknüpfung zu unserer Welt ein wichtiger Faktor, selbst für fantastische Literatur, und eben den Weg gehen Fantasy-Romane oft nicht.
Kafka z.B. erschafft nicht einfach surreale Welten, er zeigt, wie surreal die von ihm erlebte wirkliche Welt ist. Das ist ein riesiger Unterschied.
Dichtung ist letztlich verdichtete Wirklichkeit. Fantasy verliert oft den Bezug zur Wirklichkeit.
Und zum Schluss eine einfache Faustregel: Gute Literatur wird besser, je öfter man sie liest bzw. je genauer man sie untersucht, Trivialliteratur wird dagegen schlechter, je öfter man sie liest bzw. je genauer man sie untersucht.
- oh Mann, ist der Beitrag lang. Sorry :-[ -
Oberkampf:
--- Zitat von: Xemides am 3.04.2013 | 23:34 ---
H.W. Wells (Kritik am Kolonialismus)
George Orwell (Kritik am Kommunismus)
Philip K. Dick (Hinterfragen der Realität)
Joe Haldeman (Der ewige Krieg)
Clifford D. Simak (Als es noch Menschen gab)
Daniel Galouye (Simulacron 3 oder Welt am Draht)
--- Ende Zitat ---
Natürlich gibt es linke und intellektuelle Sci-Fi-Autoren, das bestreite ich nicht. Es geht mir um die Zuschreibung selbiger als Hochliteratur.
Lem, ok, lass ich gelten, gilt als Hochliteratur. Über seine politischen Ansichten habe ich keine Ahnung (ich kenne nur seine Kritik am Robotermodell von Asimov). H.G. Wells akzeptiere ich auch. Von den anderen ist Orwell sicher ein Linker, der als Hochliterat gehandelt wird, aber seine bekanntesten Sachen in Richtung Sci-Fi/Fantasy (1984 und Animal Farm) basieren auf einer Totalitarismustheorie*, die eigentlich heutzutage (und auch schon "damals") bei Konservativen beliebt ist. Insofern ist 1984 keine "linke" Dystopie (auch wenn Kritik an autoritären/totalitären Systemen in der Linken natürlich eine Tradition hat).
Phillip K. Dick gilt auch eher nicht als Hochliteratur, so populär Blade Runner (Do Androids dream of electric sheep?) auch ist. Ich würde ihn eher auf der Ebene Moorcock, Spinrad, Miéville usw. einordnen, die auch linke Autoren sind, aber trotz aller Popularität nicht als Hochliteratur gehandelt werden.
--- Zitat von: Pyromancer am 4.04.2013 | 00:38 ---Die Masse der (selbsternannten) Intellektuellen und der Literaturelite sind selbsterklärte Linke. Das ist auch ganz normal, weil die intelligenten Rechten ja damit beschäftigt sind, Panzer an Diktatoren zu verkaufen, die Arbeiterklasse auszubeuten und durch Terminspekulation auf Lebensmittel ganze Kontinente in den Hungertod zu stürzen - die haben also zum Lesen von Romanen gar keine Zeit, vom Schreiben derselben ganz zu schweigen.
--- Ende Zitat ---
Kann schon sein, dass die literarische Elite in ihrem Mainstream eine andere politische Meinung vertritt als die politische und wirtschaftliche Elite. Aber beispielsweise eines der bekanntesten politischen Fantasybücher ist Atlas Shrugged , und das ist eher nicht links.
*Totalitarismustheorie: Stark verknappt: Kommunismus = Rot lackierter Faschismus/Linksfaschismus. Ursprünglich mitentwickelt von Sozialwissenschaftlern der (sozial)demokratischen Linken im Abgrenzung zur kommunistischen/autoritären Linken, aber heutzutage aus verschiedenen Gründen unter den linken Sozialwissenschaftlern nicht mehr so populär. Das Theoriegerüst fand aber schnell Zuspruch bei den Konservativen.
La Cipolla:
--- Zitat ---Kann schon sein, dass die literarische Elite in ihrem Mainstream eine andere politische Meinung vertritt als die politische und wirtschaftliche Elite.
--- Ende Zitat ---
Ja, Zeitgeist ist so eine Sache. Wahrscheinlich gibt es mehrere, und zumindest in Deutschland dürfte es inzwischen laaaange her sein, dass zumindest die Akademik eine rechte Richtung hatte. Versuch mal, an einer beliebigen Uni eine offen rechte Veranstaltung/Gruppe/Interessenvereinigung aufzumachen, da kriegst du Gegenwind aus jeder Ecke der Pyramide. Und die Akademik gilt immer noch als Hochburg der Intellektuellen.
Der politische Mainstream ist meiner Meinung nach eher pragmatisch (bzw. opportunistisch), mit linken und rechten Anleihen und Images hier und da (was ich so auch prinzipiell gut finde, jetzt mal komplett abgesehen von der praktischen Arbeit der aktuellen Spieler).
Dann wiederum finde ich ja, dass links und rechts Kategorien sind, von denen man sich mal dringend lösen müsste. Die haben ihre Definitionen schon immer hin und hergeschoben, wie es gerade gepasst hat, und in der Komplexität der heutigen Welt wird das Ganze immer nur lustiger. Es ist verständlich, dass die wirklich linken und rechten Parteien heute eher wie Relikte rüberkommen, die man nicht mehr so wirklich ernst nehmen kann.
Pyromancer:
--- Zitat von: SLF am 4.04.2013 | 07:34 ---Aber beispielsweise eines der bekanntesten politischen Fantasybücher ist Atlas Shrugged , und das ist eher nicht links.
--- Ende Zitat ---
Und jetzt schau dir mal an, wie viele Mainstream-Literaturkritiker es gibt, die Atlas Shrugged gut finden. Da kannst du lange suchen, bis du einen findest. ;)
(Ich hab keinen gefunden.)
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