Medien & Phantastik > Lesen
Hochliteratur vs. Fantasy
Orok:
Könnte man nicht das "Spiel der Götter" von Erikson als Fantasy-Hochliteratur bezeichnen? Zumindest passt es mMn in die hier vorgebrachten Definitionen.
גליטצער:
--- Zitat von: Orok am 4.04.2013 | 21:34 ---Könnte man nicht das "Spiel der Götter" von Erikson als Fantasy-Hochliteratur bezeichnen? Zumindest passt es mMn in die hier vorgebrachten Definitionen.
--- Ende Zitat ---
Was haben wir denn für eine Definition, sind wir schon über einen Konsens zu irgendetwas ausser zu "Was ich lese ist Kultur. Was Ihr lest könnte auch Schund sein." hinaus?
condor:
--- Zitat von: Feuersänger am 4.04.2013 | 09:43 ---Mich wundert, dass Walter Moers noch nicht genannt wurde.
--- Ende Zitat ---
Ich habe tatsächlich gerade einen Sammelband mit literaturwissenschaftlichen Artikeln über die Zamonienromane auf dem Schreibtisch (und weiter oben verlinkt).
Aber was macht nun Belletristik zu hoher Literatur? Randschärfe kann man hier von einer Definition wohl nicht erwarten, aber eine gewisse Kernschärfe. Ein einfaches Kriterium dafür ist zweifellos die Rezeption über eine längere Zeit, d.h.:
Was nach Ablauf der Urheberrechte noch aufgelegt wird, besitzt nun mal eine gewisse Bedeutung, egal wie trivial oder schlecht es anderweitig ist (A.C. Doyle? Marquis de Sade?).
Bei Gegenwartsliteratur kann man halt bloß spekulieren, ob sie zeitlos oder ephemär ist; Fantasy-Romane sindallerdings oftmals dermaßen als Gebrauchsprosa verfasst und so wenig allgemein beachtet, dass man ihr Schicksal in der Hinsicht leicht absehen kann.
Falke359:
--- Zitat von: Глитзер am 4.04.2013 | 23:34 ---Was haben wir denn für eine Definition, sind wir schon über einen Konsens zu irgendetwas ausser zu "Was ich lese ist Kultur. Was Ihr lest könnte auch Schund sein." hinaus?
--- Ende Zitat ---
Ich wiederhole mich gerne:
--- Zitat ---Einige Punkte erscheinen mir für eine Definiton wichtig:
[*] "Hochliteratur" behandelt menschliche Erfahrungen, Konflikte oder grundlegende Lebensfragen, und zwar mit einer möglichst hohen Reichweite (die Erfahrungen sind so grundlegend, dass sie von den meisten Menschen nachvollzogen werden können). Das Werk muss, so alt es sein mag, etwas mit mir zu tun haben.
[*] Das Werk bietet etwas genuin Neues (siehe oben), folgt also nicht völlig einem vorgegebenen Schema, sondern bietet in irgendeinem Bereich einen wertvollen neuen Ansatz, sei es in Sprache, Form oder Thema. Es muss sich lohnen, gerade dieses Werk zu lesen, es muss ein Kriterium geben (jenseits des rein Inhaltlichen), das ich so nirgendwo anders finde. (Bsp.: Faust-Dramen gibt´s wie Sand am Meer, Goethes Faus ist durch seine handwerkliche Qualität einzigartig.)
[*] Der Umgang mit Sprache, Form und Aufbau des Werkes erfolgt auf einem hohen handwerklichen Niveau. Das muss nicht heißen, dass die Sprache zwangsläufig "gestelzt" wirkt, aber man kann sprachliche und formale Qualität durchaus nach vielen Kriterien objektiv beurteilen. Mit Hochliteratur kann ich ein halbes Jahr im Unterricht arbeiten und bin immer noch nicht fertig damit, Trivialliteratur lese ich durch und habe nichts weiter dazu zu besprechen.
[*] Die intertextuellen und kulturellen Bezüge sind wichtig. Entweder das Werk hilft, den Autor in seinem Gesamtwerk besser zu verstehen oder es passt sich in die Kulturgeschichte ein durch möglichst zahlreiche Bezüge zu früheren Werken, Themen, Epochen (-> Verknüpfung mit der Vergangenheit).
[*] Das Werk hat eine Wirkungsgeschichte, beeinflusst, prägt oder verändert den Zeitgeist, indem es z.B. das "Gefühl" oder die Grundthemen seiner Zeit genau trifft, kritisch hinterfragt oder ganz neue Anstöße gibt (-> Verknüpfung mit der Zukunft).
--- Ende Zitat ---
--- Zitat von: condor am 5.04.2013 | 10:07 ---Ein einfaches Kriterium dafür ist zweifellos die Rezeption über eine längere Zeit
--- Ende Zitat ---
siehe mein letzter Punkt.
--- Zitat ---Bei Gegenwartsliteratur kann man halt bloß spekulieren, ob sie zeitlos oder ephemär ist; Fantasy-Romane sindallerdings oftmals dermaßen als Gebrauchsprosa verfasst und so wenig allgemein beachtet, dass man ihr Schicksal in der Hinsicht leicht absehen kann.
--- Ende Zitat ---
Bei Gegenwartsliteratur kann man aber die anderen von mir genannten Punkte abprüfen. Interessanterweise ist dieses Jahr mit "Agnes" von Peter Stamm ein erstaunlich aktuelles Werk Abiturthema.
condor:
--- Zitat von: Falke359 am 4.04.2013 | 17:44 ---Ein interessanter Artikel zum Thema:
--- Ende Zitat ---
Sehr interessante Betrachtung. Denis Scheck ist ein kluger Kopf. Einige weitere Beispiele für lesenswerte Fantasy wären allerdings hilfreich gewesen.
Deine Kriterien würde ich auch nicht von der Hand weisen. Aber gerade daran scheiden sich ja oft die Geister: Geht es bei Paolo Coelho um existentielle Themen oder um billige Gemeinplätze? Heben sich Mankells Krimis von anderen ab oder bleiben sie eine handwerklich saubere Genreprosa? Ist Bukowskis Sprache genial einfach oder einfach vulgär? Schafft Moers mit seinen intertextuellen Bezügen einen eigenen Anschluss an die Weltliteratur oder nur eine beliebige Collage von Versatzstücken?
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