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Hochliteratur vs. Fantasy

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condor:
Naja, ich z.B. bin kein Literaturwissenschaftler oder -kritiker, aber eben ein anspruchsvoller Leser. Deshalb finde ich die aktuell gängige Gebrauchsprosa im Fantasybereich schwer erträglich (habe zuletzt bei einer Con mal zwei Lesungen gehört).

Dabei mag ich Fantasy an sich. Als Jugendlicher fand ich z.B. LotR und die Chronik der Drachenlanze faszinierend. Dann habe ich wirklich große Klassiker gelesen (Hugo, Dostojewski, Th. Mann u.a.) und gemerkt, was für eine rein schriftstellerische Kraft möglich ist.

Auch unter zeitgenössischen Autoren gibt es echte Genies (ich sag nur mal Murakami, Rushdie, Vargas Llosa). Warum nur so wenig, wenn überhaupt, in der Fantasy, gerade Fantasy im engeren Sinne?

Thandbar:
Ein interessantes Thema!
Meiner Meinung nach existiert diese Trennung vor allem aus verlegerischen Gründen, um das Sortiment zu gliedern und die Auswahl zu erleichtern (das erspart auch Kritikern einige Arbeit, die sich in der Regel nur mit einer Gattung richtig gut auskennen).
Ich denke nicht, dass man feste literarische Kriterien finden kann, um eines vom anderen klar abzugrenzen. Die Hochliteratur oder anspruchsvolle Literatur ist ein eigenes Genre, und das gibt es mit den je eigenen schematischen Techniken und typischen Erwartungshaltungen in Amerika genauso wie in Deutschland.

Pyromancer:
Neulich gelesen: "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger.

Das ist im Kern eine typische Fantasy-Geschichte in einer Fantasy-Welt: Ein Krieger zieht sich nach einem Krieg in die Einsamkeit der Berge zurück und will von der Welt nichts mehr wissen. Dann bedroht ein Bösewicht mit seinen Schergen die Zivilisation. Der Krieger weigert sich zuerst, einzugreifen, bis er am Ende doch in den Kampf gegen das Böse zieht. Angereichert ist das Ganze mit ein bisschen mystischem Brimborium (eine Szene am Ende wird in der Wikipedia mit "magischer Giftschlangen-Angriff" beschrieben).

Das könnte man vom Plot und von der Geisteshaltung des Protagonisten her "Die letzte Schlacht des Elfenkriegers" nennen und neben die Orks und Trolle ins Fantasy-Regal stellen.

"Hochliteratur" ist das Ganze nur wegen des Schreibstils und deswegen, weil der Autor im Roman sein eigenes moralisches Versagen während der NS-Zeit vorwegnimmt, also zeitgeschichtliche und gesellschaftspolitische Relevanz vorhanden ist.

condor:
Ein Artikel in dem Sammelband über Walter Moers' Zamonienromane (s.o.) versucht es andersrum und fragt: Was ist trivial? Demnach macht die Erwartbarkeit der Dramarturgie das Triviale eines Textes aus. Dem Ergebnis des Artikels nach ist Moers dann nicht trivial, d.h. tendenziell hohe Literatur, weil er bewusst mit Erwartungshaltungen spielt, sie im Text reflektiert und ironisch einholt.

Im selben Band wird übrigens Fantasy von Fantastik abgegrenzt. In einer Fantasywelt ist demnach das Übernatürliche nicht nur real, sondern auch plausibel und unhinterfragt, während es in der Fantastik quasi unerklärt über die Protagonisten hereinbricht.

Pyromancer:

--- Zitat von: condor am  8.05.2013 | 19:04 ---Ein Artikel in dem Sammelband über Walter Moers' Zamonienromane (s.o.) versucht es andersrum und fragt: Was ist trivial? Demnach macht die Erwartbarkeit der Dramarturgie das Triviale eines Textes aus. Dem Ergebnis des Artikels nach ist Moers dann nicht trivial, d.h. tendenziell hohe Literatur, weil er bewusst mit Erwartungshaltungen spielt, sie im Text reflektiert und ironisch einholt.

--- Ende Zitat ---
Literaturklassifikation über den informationstheoretischen Entropie-Begriff? Klingt jetzt nicht so abwegig.

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