Tanelorn.net

Autor Thema: Mehr Spannung durch mehr Railroading! Das Paradox of Suspense und Rollenspiele  (Gelesen 693 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

  • Gast
Dies ist ein Beitrag zum aktuellen Karneval der Rollenspiele mit dem Thema "Wie dreht man an der Spannungsschraube?".

(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)

Wenn wir aber mal beim Thema Suspense bleiben - definiert als Zustand der Unsicherheit bezüglich des Ausgangs eines Ereignisses - dann finde ich das "Paradox of Suspense" total interessant und zugleich relevant für Rollenspiele. Das verdrahtet sich nämlich ganz elegant mit dem aktuell sehr populären Thema des "Railroadings". Der Themenkreis, der sich daraus ergibt, ist durchaus bunt. Einen Aspekt möchte ich für den Karneval dabei besonders hervorheben: Viele Leute in Rollenspielforen äußern sich extrem aggressiv und abfällig gegenüber anderen Rollenspielern, welche Würfeldrehen oder geschientes Leiten in ihren Runde praktizieren. Sie werfen den "Railroadern" und "Würfeldrehern" allerlei unangehme Dinge an den Kopf und verneinen, dass unter Maßgabe von derlei Rahmenbedingungen überhaupt erst Spannung entstehen kann. Doch das ist ebenso voreilig wie uninformiert und erschließt sich wunderbar, wenn man sich dem Thema über den Winkel der "Spannung" nähert. Here we go:

In der Literaturwissenschaft ist das sogenannte "Paradox of Suspense" wohl bekannt. Wenn nämlich ein Zustand der Unsicherheit unabdinglich ist für das Gefühl von Suspense, warum empfinden Menschen dann Suspense bei einem Film, den sie bereits kennen? Dieses empirisch gut abgesicherte Phänomen - Spannung trotz Abwesenheit von Unsicherheit - ist nicht nur verblüffend, sondern kann uns auch für Rollenspiele Mehrwert bieten. Nämlich so ungefähr in dieser beispielhaften Richtung: Wie kann man Spannung empfinden, wenn doch die implizite Übereinkunft dahingehend herrscht, dass die SC eigentlich nicht sterben können bzw. das Überleben dadurch sichergestellt wird, dass der SL an den Würfeln dreht?

Dazu gibt es einen saucoolen Artikel von Aaron Smuts aus der Stanford Encyclopedia of Philosophy (praktischer Weise online verfügbar hier). Im Wesentlichen bricht Smuts die Existenz des Paradox of Suspense auf vier Erklärungsansätze herunter. Als da wären:

1. "Entertained Uncertainty": Hier liegt eine Art Selbsttäuschung vor, indem man sich selbst die Existenz von Suspense vorzugaukeln imstande ist. Das kann ich mir bei vielen Rollenspielrunden auch sehr gut vorstellen - insbesondere dürfte sich diese Strategie in Gruppen noch einmal gegenseitig verstärken.

2. "Desire-Frustration Theory of Suspense": Hier liegt der Grund für Suspense darin begründet, dass man keine Situationskontrolle hat, aber das Ergebnis bekannt ist. Dieser Ansatz passt sehr gut zu bekannten Stressmodellen, wo nachgewiesen wurde, dass Stress ebenfalls nicht als Ergebnis eines nicht zufriedenstellenden Soll-Ist-Vergleichs entsteht, sondern erst nachgelagert bei einer Bewertung des Vergleiches und der Feststellung, dass man nicht verändern kann. Aaaaaahhhhh! Die Konsequenzen fürs Rollenspiel sind wirklich höchst erstaunlich - schließlich entsteht hier die Spannung quasi erst aus dem Railroading, so dass ein mehr an Railroading mit einem mehr an Spannung einhergeht. Prügelt mich nicht dafür. Das ist die logische Schlussfolgerung :)

3. "Moment by Moment Forgetting": Hier täuschen wir uns selbst, indem wir Details vergessen und wieder rekonstruieren. Daraus entsteht Spannung. Für Rollenspieler irrelevant.

4. "Emotional Misidentification": Zu guter Letzt noch eine weitere Erklärung, die gut mit Rollenspielen einhergeht. Emotional misidentification unterstellt den Leuten nämlich, dass sie Suspense nicht trennen können von der Erwartung des Erwartbaren. Railroader erfreuen sich also am Spiel und verwechseln Spannung mit der Vorfreude auf das, was da noch kommt. Klingt auch sinnvoll.

Generell erschließt sich damit aber aus meiner Sicht ganz gut, weshalb viele railroadende und würfeldrehende Runden dennoch von höchsten Spannungserlebnissen sprechen. Insofern: gerade mit dem zweiten Punkt im Kopf empfehle ich für mehr Spannung: mehr Railroading. Yeah!

Soweit mein Beitrag. Falls Ihr Kommentare habt: gerne per PM!
« Letzte Änderung: 2.09.2016 | 15:36 von Wellentänzer »