Die Treppe war anders. Zum einem war sie viel länger. Wir mussten inzwischen schon längst tiefer sein, als der Sumpf von Myregorm. Die Treppe war auch nicht mehr aus den rötlichen Sandsteinblöcken gefertigt, sondern direkt aus dem Stein herausgehauen worden. Je tiefer wir kamen desto stärker wurde auch der Gestank. Nicht mehr nach Sumpf, sondern nach Moder oder Fäulnis. Hier und dort waren die Sandsteinwände mit feinen Rissen durchzogen aus denen Wasser sickerte. Die Treppe führte in einen Gang, aus dem Licht von Ölfackeln schimmerte - sehr zu Freuden von Belkor, der endlich wieder etwas sehen konnte. Auch hier waren wieder einige hölzerne Türen, wobei diese morsch und halb verfallen waren. Sie wurden nur noch zusammen gehalten durch die metallenen Beschläge. Hinter einer Türe konnten wir alle deutlich das Schlagen eines Hammers hören; es klang irgendwie wie ein Schmiedehammer. Weiter vorne waren dicke Gitterstäbe eines nach oben gezogenen Gatters und dahinter endete der Gang an einem breiten Schlund. Aus diesem Schlund waberte auch der Gestank. Es war so, als ob dort eine Wolke lag, die ab und zu in unseren Gang schwappte. Halbohr horchte weiter und sagte, dass er aus dem Schlund viele Stimmen hörte, die ein Lied des Leides klagten. Dann, plötzlich von der Treppe, konnten wir alle die Stimme hören: „Blutspuren! Alarm! Alarm! Wir werden angegriffen!“ Bargh achtete nicht mehr auf mögliche Fallen, sondern rannte nach vorne zu dem Schlund, blieb jedoch unvermittelt wieder stehen und machte einige Schritte rückwärts. Er zeigt abwärts und dann sahen wir, dass entlang des Schlundes eine Treppe weiter nach unten führte. Was unten war, konnten wir noch nicht sehen. Wir erkannten, dass auf dem Weg nach unten einige Gänge von der Treppe wegführten. Und gerade in diesem Moment bewegten sich auf der Treppe zwei Soldaten mit einer Öllampe nach oben. Sie hatten uns noch nicht gesehen und wussten offenbar auch noch nichts von dem Alarm. In aller Ruhe schritten sie nach oben. Einer spielte dabei mit einem großen Schlüsselbund. Belkor und Bargh wussten, was zu tun war. Zusammen legten sie ihre Armbrust und Bogen an. Nur ein kurzes Zischen als die Geschosse die Waffen verließen war zu hören. Der Pfeil von Belkor traf das Bein des einen, der Bolzen von Bargh die Brust des anderen. Der Wächter strauchelte und kippte nach vorne über, hatte doch auch der Bolzen das Gift auf seiner Spitze. Der andere Soldat lebte noch und blickte überrascht zu seinem Kameraden als Bargh ein zweites Mal schoss. Auch dieser Bolzen traf und das Gift lähmte das Herz und die Lunge des Soldaten. Er schwankte erst noch und kippte dann auf die Stufen.
Unten sahen wir nichts weiter, doch von oben konnten wir entfernt die Stiefel und die Waffen hören. Wir mussten uns beeilen. Also rannten wir die Stufen herab, wohl wissend, dass der Rückweg vermutlich abgeschnitten war. Aber Jiarlirae sei Dank würden wir auch aus dieser Lage wieder herausfinden. Wir schritten die Treppe herunter und hinein in den ersten Gang. Morsche Türen mit rostigen Eisen waren links und rechts, jede Türe mit einer vergitterten kleinen Öffnung. Vielleicht war hier ja der Anhänger, für den wir diese ganzen Strapazen durchlebten. Schnell schauten wir durch die Zellen. Belkor rezitierte das Gebet von Neire und pries die schwarze Natter, in der Hoffnung die richtige Person würde sich zu erkennen geben. Doch nur ein kleines Mädchen das zitternd in ihrer Zelle hockte, reagierte. Sie fing dann an die schwarze Natter in den Sümpfen zu suchen. Nein, sie wusste nichts von Jiarlirae und plapperte einfach nur die Worte von Belkor nach. Auch bei den anderen Gefangenen war es nicht anders. Hier vegetierten Männer und Frauen und Kinder, für die der Tod wohl eine Erlösung wäre. Alle waren sie abgemagert und trugen Spuren der Folter. Einigen wurden die Augen ausgebrannt und andere siechten mit irgendeiner Krankheit dahin. Auch der zweite Zellentrank weiter unten war nicht anders. Blieb nur noch der Boden dieses Schachtes. Als wir uns weiter nach unten begaben, hörten wir von oben das Krachen des Gatters. Jetzt war es klar, es würde keinen Weg zurückgeben, jedenfalls keinen einfachen.
Wir schritten die Treppe bis ganz nach unten. Der Gestank wurde immer stärker und mein Magen begann zu rebellieren. Es stank nach Müll und Fäkalien, aber auch nach verfaultem altem Fleisch. Die Wände hier unten glitzerten von nassem Schimmel und Pfützen mit üblem Wasser hatten sich gebildet. Hier unten führten vier Gänge in alle Himmels¬richtungen. Alle waren mit einem Gatter versehen. Allerdings waren alle Gatter bis auf eines nach oben gezogen. Die Tunnel waren groß, bestimmt vier Schritt breit und hoch, jedoch in pechschwarze Dunkelheit gehüllt. Während Halbohr das runter gelassene Gatter untersuchte, schauten wir uns die anderen Gänge an. Belkor tastete sich dabei an den Wänden nach vorne. Dieses Mal hatten die Türen keine Gucklöcher und in den Zellen hausten mehrere Gefangene gleichzeitig, jedenfalls den Geräuschen nach zu Urteilen. Man konnte Schreie von Schmerzen hören, das Flehen einer Frau die gerade von ihren Mitgefangenen vergewaltigt wurde und das Brabbeln von Unheilspropheten. Sie riefen die Magier des Frostes an, die zurückkehren sollten und Westwacht im Eis versinken lassen würden. Belkor horchte an jeder Türe, doch erst an der Letzten hörte er etwas Interessantes. Eine Stimme, die ihn locken wollte: „Kommt, macht die Türe auf. Ich weiß, ihr habt sie auch gesehen, die drei Waffen. Genau wie ich.“ Ich selbst kam auch zu einer Türe an, wo ganz bestimmt jemand eingesperrt war, jedoch konnte die Person nicht sprechen. Es klang, als ob ihr Mund mit einem Knebel verschlossen wäre. So trafen wir uns wieder in der Halle. Halbohr musste die Schlösser für uns öffnen, zumindest von diesen beiden Zellen. Von oben hallte in dem Moment der Klang einer Glocke und verhieß nichts Gutes. Der Klang war weit entfernt und schien doch nah. Der Alarm war jetzt nicht mehr nur in Fengirsbann, sondern breitete sich wahrscheinlich in ganz Westwacht aus.
Halbohr machte sich an der ersten Türe zu schaffen. Das Schloss sah ganz schön kompliziert aus, doch mit einem schweren Klacken öffnete sich der Riegel. In der Zelle herrschte ein bestialischer Gestank nach Fäkalien und Fäulnis. Die Insassen waren an Ketten festgebunden, manche waren länger, andere kürzer. Ausgemergelte Männer und Frauen vegetierten hier. Als die Insassen bemerkten, dass sich die Türe sich öffnete, konnten wir das Betteln hören. Sie baten um ihre Freiheit, vielleicht auch um ihr Leben. Doch woher sollten sie schon wissen, dass ihre einzige Erlösung bei Jiarlirae lag, nicht bei uns. Belkor fragte in die Zelle hinein nach den drei Waffen und ein Mann mit einem längeren verfilzten Schnauzbart antwortete: „Wir haben sie alle gesehen, manche mehr, manche weniger. Wir alle werden ihre Kinder sein.“ Belkor schaute verwirrt in die Dunkelheit hinein. „Die Kinder von wem?“ fragte er und der Mann antwortete: „Ihr seid die Kinder. Ihr müsst schon es selbst herausfinden, selbst in das Licht schauen.“ Bargh hatte auch zugehört, doch die Worte schienen für ihn keinen Sinn zu ergeben. Mehr noch, das Gerede erboste ihn. „Beim heiligen Schwert Glimringshert,“ fuhr er den Mann an, „sprecht ihr von Jiarlirae? Ist sie das Licht?“ Der Mann lächelte: „Ah, ich verstehe. Deswegen seid ihr hier.“ „Antwortet!“ rief Bargh, doch der Mann sagte nichts und lächelte nur. Auch Belkor verlor die Geduld. Mit seiner baren Faust schlug er gegen die rötlich schimmernde Sandsteinwand, direkt neben dem Kopf. Aber das Lächeln war wie eingefroren. Der Mann schien durch uns hindurch zu blicken. Nichts an ihm regte sich mehr, nicht einmal seine Augen zwinkerten. Hier würden wir nichts mehr erfahren, sein Geist war verschwunden.
Halbohr bemühte sich an der Türe, wo ich die vermummte Gestalt gehört hatte, doch hier versagte sein Glück. Für uns war es nur eine kurze Verzögerung, denn Belkor und Bargh rammten die Türe einfach zusammen ein. Das Metall des Schlosses zerfetzte, als die Krieger sich mit aller Kraft dagegen warfen. Auch hier offenbarte sich eine größere Zelle, doch dieses Mal mit nur einem Gefangenem. Eine Frau, die in der Mitte des Raumes kopfüber an Ketten hing. Ihre Arme und Beine waren durch die Ketten auf den Rücken gedreht. Von Finger- und Zehenschrauben gehalten, führten die rostigen Ringe zu Halterungen in den verschiedenen Wänden. Ein eiserner Knebel mit einem Schloss lag um ihren Kopf bedeckte ihren Mund. Die Frau sah übel zugerichtet aus. Überall hatte sie Brandnarben, auch auf ihrem Kopf. Als ob man ihr versucht hätte die Haare auszubrennen, fehlten Haare in Büscheln. Schnitte und Blutergüsse verteilten sich über die Haut. Aber selbst ohne die Folterspuren sah sie vermutlich nicht ansehnlich aus. Sie hatte mehr die Gestalt eines Mannes, sogar ein Bartflaum auf ihre Oberlippe konnte man sehen. Die Zelle hatte auch eine Einrichtung. Ein verschimmelter Schrank mit Folterwerkzeugen und ein Pult mit einem Buch, das aufgeschlagen darauf lag. Ich sah nur aus dem Augenwinkel einige Runen. Die goldenen Schriftzeichen des Wälzers weckten in mir einen Ekel, noch mehr als der Gestank. Ich schritt zu dem Buch, während die anderen die Frau herunterließen und ihr den Knebel abnahmen. Es war ein altes Buch, sehr alt. Dort befanden sich Rituale, wie man das Böse, zumindest das was das Buch als Böse erachtete, vertreiben konnte. War es ihr Wälzer, der hier als Beute lag und studiert wurde? Ich war mir sicher, doch Bargh glaubte nicht daran. Wir hatten die Frau inzwischen von Ketten und Knebel befreit. Ihr fehlten einige Zähne im Mund, aus den Löchern sickerte jetzt etwas blutiger Speichel. Ihre Finger und Zehen hatten die Farbe schwärzlich verfaulter Haut. Aber sie lächelte als sie Bargh sah: „Bargh, der Drachentöter. Ihr seid für mich gekommen? Und Meister Halbohr, die Legenden sind wahr?“ Ich traute ihrer Freundlichkeit nicht. Jeder kannte Bargh und jeder kannte Halbohr. „Wem dient ihr, Weib?“ fragte ich sie. Ihr Lächeln erstarb und wurde zu einer giftigen Maske: „Wem ich diene? Natürlich Jiarlirae! Jiarlirae über alles, du dreckiges Flittchen!“ Für einen Moment war ich erstarrt. Wie hatte sie mich genannt? Aber ich hatte mich nicht verhört. Dafür würde sie brennen. Dann würde sich zeigen, ob sie wirklich in den Diensten unserer Herrin stand. Ich zog meinen Säbel und sprang auf sie, als plötzlich laute Geräusche zu uns drangen. Einmal das Geräusch eines schweren Gatters und die Stiefel von Soldaten die sich näherten. Aber viel näher war ein anderes Geräusch. Ein Schmatzen und Furzen. Irgendetwas gewaltiges, etwas Riesiges was etwas hinter sich herzog. Auch diese Geräusche näherte sich. Dieses Mannsweib würde noch etwas warten müssen. Wenn die Ablenkungen nicht mehr da sind, werde ich mir ihr ein wunderbares Spiel spielen.