Das war bei RuneQuest 2 und RuneQuest 3 so, wo dein Charakter ein Frischling war, der frisch von der Farm seiner Eltern auf sein erstes Abenteuer geht.
In RQG erschaffst du schon kompetentere Charaktere. Um kompetenter zu sein müssen die Charaktere in Glorantha schon einiges erlebt haben UND in ihren Kulten bereits verwurzelt sein.
Das ziehe ich jetzt mal in Zweifel, und zwar in zweierlei Hinsicht.
1) Waren die Charaktere in RQ2/3 wirklich nicht so kompetent? Also ich schaue mir hier einfach mal die Zahlenwerte an und komme da zu anderen Schlüssen. Klar, wenn ich RAW bei RQ2 den Charakter ohne optional Rules auswürfle, dann ist es ein 16-jähriger Teenie, der nix kann. Also gar nix. Nicht reiten (5 %), nicht kämpfen (maximal 20 %) - einfach nix. Das ist halt Bullshit, dass die Vorerfahrungsregeln nicht einfach Grundregeln sind, sondern erst am Ende kommen. Weil ich davon ausgehe, dass niemand einen Charakter spielen will, der nur in 5 bis 20 Prozent der Fälle irgendwas kann, sage ich jetzt: jeder hat die Kultur-Vorerfahrung dazu genommen. Und da kann ich dann halt einfach sowas wie Barbar oder Söldner wählen und schwupps kann ich superduper reiten, haue mit 50 bis 60 Prozent mit meiner Primärwaffe zu usw. Dazu kann ich noch einige Zauber (je nachdem, wie ich gewürfelt habe). Alles supi.
Wenn ich das jetzt mit RQG vergleiche: wo genau sind die Charaktere jetzt so viel kompetenter? OK, ich muss erstmal gefühlte 30 Seiten überblättern, weil man da die Familiengeschichte auswürfeln kann und das gibt einem EXTREM WICHTIGE Leidenschaften. Und hier und da kriegt man ein paar Boni auf so Sachen wie Battle. Aber sonst ist da nix mit großer Kompetenz. Ich weiß halt, dass mein Charakter in der Schlacht am Auerochsen-Berg dabei war (

!?) und dass seine Omma von der Crimson Bat gefressen wurde (wahrscheinlich, bevor sie einen meiner Elternteile geboren hat), aber das wars dann auch.
Abgesehen von den Runic Affinities, die man danach noch auswählt, unterscheiden sich dann aber die Prozentwerte, die man über Kultur und Occupation bekommt nicht sehr stark von denen von RQ2. Beispiel: ohne Eigenschaftsboni komme ich bei einem Barbaren-Krieger aus Sartar z.B. beim Skill Breitschwert zusammengerechnet auf ca. 50 %. Wo genau ist der jetzt so viel krasser als sein RQ2-Pendant? Da kommt noch maximal +15% je nach Kult drauf und dann noch ein paar Zauber, aber so viel mehr sind das jetzt auch nicht.
2) Kompetenz von Charakteren muss man eben nicht über Lore begründen. Wenn man kompententere Charaktere will, dann gibt man ihnen eben einen Bonus auf ihre Werte. Das muss ich überhaupt nicht über irgendwelche Leidenschaften, Runen oder Kulte erklären. In RQ2 kann ich z.B. entscheiden, ob mein Charakter aus Sartar ein Barbar ist oder ob er sich einer Sölderkompanie angeschlossen hat. Nichts hindert mich daran zu entscheiden, dass er sich bei der Black Horse Troop gedient hat und jetzt in seinem Abenteurerleben auf einem schwarzen Dämonenpferd reitet. Seine Stats sind ja dann auch ganz passabel. Ein paar Zauber kann er auch. Er braucht dafür keine Runen, er braucht keine Kulte. Er war einfach bei dieser Kompanie und kann das jetzt. Mehr muss ich als Spieler nicht wissen.
Und wenn das ja alles angeblich so eine tolle Entwicklung war und alles war so notwendig, weil Greg Stafford nach dem hundersten psychodelischen Drogenrausch erkannt hat, dass das jetzt das wahre Runequest ist, dann frage ich mich, warum zockt die aktuelle Edition denn niemand? Weil sie sperrig ist, dysfunktionale Regeln hat (bzw. für manche Sachen gibt es überhaupt keine Regeln) und weil jedem interessierten Neuspieler der Weg ins Setting durch einen riesigen Lore- und Styledump verbaut wird. Klar, die Regelwerke schauen schön aus und jeder NPC hat tausend Runen in die Fresse tätowiert. Aber was bringt mir das für die Spielbarkeit, dass sich das Art Design jetzt an diesem oder jenem aus der Bronzezeit orientiert?
Ich bin mir relativ sicher, dass die neue Edition nichts an diesem Problem ändern wird. Chaosium hat das eigentliche Problem mMn nicht erfasst oder es ist ihnen auch egal. Scheint ja genügend Fans zu geben, die sich das kaufen, ohne es jemals ernsthaft zu zocken. Man schaue sich nur an, was als nächster Settingband geplant ist. Sartar! WTF?!?!?! Der letzte Settingband war doch Dragon Pass. Seit wann liegt Sartar denn nicht im Dragon Pass? Sorry, da blickt niemand mehr durch. Und wenn ich die Beschreibungen von den anstehenden Abenteuern lese, dann weiß ich doch schon wieder ganz genau, was da bevorsteht. Ich habe ja alle bisher publizierten Abenteuer da. Und die sind genau das, was ich nicht haben will. Schaut man dagegen auf die alten Klassiker, dann (Griffin Mountain, Borderlands, Apple Lane, Snake Pipe Hollow) dann kann man die alle spielen, ohne dass irgendwer in der Gruppe auch nur einen Schimmer vom Setting hat und ohne dass einer der beteiligten Charaktere auch nur eine einzige Rune hat. Klar, man kann jetzt sagen, dass diese alten Abenteuer viel generischer waren als die neuen, aber im Gegensatz zu den neuen wurden die alten Abenteuer wenigsten gezockt.
Zum Thema Metaplot: deine Vergleiche hinken. Alle deine augezählten Settings wurden nicht extra fürs Rollenspiel erschaffen. In einem Setting, das extra für ein Wargame und danach für ein Rollenspiel gebaut und entwickelt wurde, will ich nicht permanent vorgehalten bekommen, wie cool der Argrath ist und wie cool er alle fertig macht und er ist ja voll der badass usw. Ich will selber der ultracoole Badass sein, der die Lunaren Unterdrücker aus Sartar rausprügelt. Aber halt: das geht ja nicht mehr, weil das hat ja der Argrath gemacht. Und es ist ja nicht mal spannend, weil seit Anno dazu mal schon alles von Greg Stafford im Drogenrausch aufgeschrieben wurde, was jemals in diesem Setting passieren wird. Geht es noch unspannender?!? Und wie soll ich bitteschön den Metaplot ignorieren, wenn alles Settingmaterial, das bisher publiziert wurde (mit wenigen Ausnahmen) sich auf genau die Region konzentriert, wo der obergeile Argrath mit seinen Heinis umherzieht. So penetrant ist es doch nicht mal in Mittelerde. Und in Star Trek ganz bestimmt auch nicht.