Erhebe Dich, Thread.
Ich möchte Euren Blick auf eine Beobachtung lenken, die ich gemacht zu haben glaube, wie Schwert-/Rapier-/Degenkämpfe (die Waffen sind eigentlich nicht wichtig) insbesondere in älteren Filmen dramaturgisch inszeniert wurden - und ob Ihr auch seht, was ich sehe, unterschiedliche Phasen und eigentlich immer diegleiche dramaturgische Deutung.
Insbesondere Duelle sind in früheren Filmen über weite Strecken ähnlich wie im echten Fechtsport auf einer Bahn (Piste) inszeniert. Nennen wir die beiden Seiten Blau und Rot, so lassen sich ihre Duelle prototypisch so beschreiben:
1. SondierenBeide Seiten belauern sich in (Schwert)kampfhaltung, starren sich wortlos an (alternativ: ein wenig Dialog) und tippen ihre Waffen gegeneinander. Im Fechtsport gibt es die Phase auch, da heißt es wohl das "Sondieren".
2. GefechtsgangDann legt eine Seite (rot) mit ihrer Offensive los, macht Druck nach vorne, Schlag auf Schlag, die andere Seite (blau) weicht zurück, pariert oder weicht aus, es werden einige Meter zurückgelegt. Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, hört die Attackeserie von Rot irgendwann auf - obwohl Blau nur ein paar Meter von einem Hindernis entfernt ist und Blau gleich nicht weiter zurückweichen kann. Im Fechtsport nennt man diese Attackereihe wohl einen Gefechtsgang.
Dramaturgisch wirkt es so, als würde das Zurückweichen von Blau die Bedrängnis darstellen, in der sie sein soll. Ich habe mir einige Fechtsportvideo angeschaut, wo interessanterweise nicht direkt abzuleiten ist, dass die Person, die in die Offensive geht, automatisch auch die Person ist, die die besseren Karten hat.
3. Erneutes Sondieren und Gegen-GefechtsgangZuerst wird in den Filmen zumeist niemand ernsthaft verletzt. Häufig wird wieder sondiert, und diesmal schafft Blau es, einen Gefechtsgang einzuleiten und Rot zurückzudrängen.
4. Mehrere (Gegen-)GefechtsgängeJe nachdem geht das im Film noch einige Male hin- und her. Eventuell gibt es hier und da einen Schmiss oder eine andere Verletzung.
5. Stich und SchlussEs endet dann schließlich häufig mit einem einzigen Stich oder Hieb. Kampf vorbei. Wie im Fechtsport ist dieser finale Treffer entweder Teil der Attackereihe, oder der defensive Kombattant schafft es, im Zurückweichen seinen Stich zu setzen.
Würdet Ihr für ältere Filme diesen prototypischen Ablauf eines Duells auch so sehen? Meint Ihr auch, dass im Film (abweichend von meiner Beobachtung im Fechtsport) der Zurückweichende immer der in dem Moment Unterlegenere sein soll?In jüngeren Filmen glaube ich beobachtet zu haben, dass hier die Kombattanten mehr auf derselben Stelle stehen, vielleicht noch einander umkreisen, und dabei aufeinander eindreschen. Ab und zu kämpfen auch sie auf Bahnen/Pisten, aber nicht so durchgehend wie in älteren Filmen.
Ein paar Filmbeispiele:
Sharpe im Faustkampf:Kurzes Sondieren (hier: Worte); Kurzer Gefechtsgang Rot gegen Sharp: Zwei Faustschläge; Kurzer Gegengefechtsgang Sharpe gegen Rot: Drei Faustschläge; Schluss: Sharpekopf gegen Rotkopf
Spartakus versus Draba:Immer viel Sondieren, viele Scheinangriffe. Wenn es mal zu einem Gefechtsgang kommt, dann typisch auf einer Bahn. Der offensive Vorrücker scheint den Zurückweichenden tendenziell unter Druck zu setzen.
Kenshin VS Seta Sojiro Erster Kampf: Kurzes Sondieren, dann schnelle, harte, schnelle Attacken auf einer langen Bahn. Dann wieder Sondieren. Der Zurückweichende wirkt, als wäre er in starker Bedrängnis. Kann mir jemand die Körperhaltung des Rothaarigen am Ende des ersten Kampfes ab etwa Minute 1:18 erklären?
Im zweiten Kampf ist alles extremer: Hier legen die beiden Kombattanten in einigen Momenten weniger lange Strecken zurück, ihr Kampfradius ist dann enger. Das soll (in meinen Augen) ausdrücken, dass beide mehr auf einem Niveau kämpfen - und dann wird teils absurd viel gerannt.
The Duelists - erster KampfPrototypischer Kampfablauf. Schnauzer ist häufiger in der Offensive. Ein Treffer und Schluss.
The Duelists - zweiter KampfLanges Sondieren, kurze Unterbrechung, wieder sondieren, schnelle Attacke. Schnauzer gewinnt aus der Defensive heraus. Ein Treffer und Schluss. Wohl nicht unrealistisch.
Captain America versus ThanosKurzes Sondieren, dann treibt Cap Thanos vor sich her auf klassischer Gefechtsbahn. Ab 1:46 hat Thanos die Schnauze voll, der Gegen-Gefechtsgang beginnt. Thanos nimmt seinen Helm ab (!) (<- weil er's kann), prügelt Cap zurück und zerlegt dabei dessen Ausrüstung, Hammer weg, Schild in Scherben. Thanos' "Final Blow" "erledigt" Captain America (und rettet ihn zugleich, weil er Captain America außer Reichweite katapultiert).
Ich frage, weil ich über einen Regelmechanismus nachdenke, der diesen prototypischen Ablauf nachahmen soll.