#19
Benjamin Wood - SeascraperMit Seascraper versucht Benjamin Wood, einen kühlen, nebelverhangenen, etwas melancholischen Roman zu schreiben. Und tatsächlich liegt über dem gesamten Buch eine eigentümliche Atmosphäre, die seine größte Stärke bleibt. Besonders die Szenen am Wasser besitzen eine beinahe filmische Qualität. Der Leser riecht Tang und das namenlose Pferd, hört neben dem Quietschen des alten Wagens in der Ferne vielleicht das metallische Knarren einer Hafenanlage und der dazugehörigen Schiffe, und spürt jene nordenglische Feuchtigkeit, die sich wie ein zweites Hemd über die Figuren legt. Wood gelingt es, Räume zu schaffen, die weniger Kulisse als viel mehr Stimmungsbilder sind. Und er kann zu Beginn die Einsamkeit des Protagonisten einfangen.
Problematisch wird Seascraper jedoch dort, wo der Roman seine psychologische und narrative Konstruktion zeigt. Die Handlung wirkt über weite Strecken nicht organisch gewachsen, sondern erkennbar arrangiert. Viele Konflikte erscheinen wie sorgfältig platzierte dramaturgische Versatzstücke, deren Funktion zu sichtbar bleibt, und deren Übergänge zu deutlich hervortreten. Gerade deshalb entsteht nur begrenzt jene Suspension of Disbelief, die notwendig wäre, um sich vollständig auf die Geschichte einzulassen. Figuren begegnen einander oft mit einer symbolischen Absicht, die offenkundig kalkuliert wirkt. Besonders stark ist das in der Entwicklung des Protagonisten sichtbar.
Besonders interessant, aber zugleich ambivalent geraten die beiden Mutterfiguren, die jeweils auf ähnliche, scheinbar fürsorgliche Art herrisch sind. Die Mutter von Thomas erscheint als emotional wie körperlich erschöpfte, beinahe geisterhafte Präsenz, die für ihr junges Alter (36) verblüffend schnell gealtert ist. Sie gibt ein Stück weit das Leben von Thomas vor, ist hier Halt, gar Anker, aber gleichzeitig auch der Grund, warum sich ihm die Welt nicht zu eröffnen scheint.
Edgars Mutter dagegen besitzt mehr narrative Schärfe, ist körperlich aber das Gegenteil, nämlich eine drahtige, rüstige Frau um die 80. In ihrer Strenge und emotionalen Kontrolle zeigt sich soziale und persönliche Härte. Doch auch hier wirkt vieles symbolisch überhöht. Sie steht aber wie auch die Mutter von Thomas weniger für eine individuelle Person als für ein literarisches Konzept von mütterlicher Dominanz und Schuldvererbung. Edgar kann im Gegensatz zu Thomas aufgrund seines reicheren Hintergrund kreativ ausbrechen, wird aber immer wieder von seiner Mutter eingefangen.
Es ließe sich ebenso viel über einen Vergleich zwischen Thomas und Edgar schreiben, die jeweils durch die Mutter gebunden sind, und die auf kreativem Wege aus ihrem Los auszubrechen versuchen, wobei bei Edgar noch eine Drogensucht dazukommt. Es ließe sich die Substanzlosigkeit der jeweiligen Väter zu den Figuren beschreiben. Aber das unterlasse ich an dieser Stelle.
Insgesamt entsteht mit Seascraper ein Roman, der atmosphärisches Potenzial hat, aber in seinen scharfkantigen Versatzstücken so offenkundig konstruiert erscheint, wie man es von jemanden erwartet, der Creative Writing akademisch schult.
Spannender könnte das Werk werden, wenn man es an Benjamins Woods eigener Historie misst. Ich kenne ihn nicht persönlich, habe aber gelesen, dass auch seine Eltern sich getrennt haben, ehe er erwachsen war; dass er einstmals Singer-Songwriter werden wollte, und wenn - das ist jetzt meinerseits konstruiert - der Blick auf die sehr bestimmenden Mutterfiguren gelegt wird, stellt sich die Frage, wie viel autobiografisches Element in diesem Roman stecken könnte. Mit so einem Ansatz könnte man aus dem Roman vielleicht in der Betrachtung noch mehr herausholen.
Für sich allein gestellt war es aber
not my cup of tea.
3 von 10 Punkten