Ich habe eine Stonetop-Kampagne von etwa 16 Monaten Dauer gespielt, annähernd wöchentliche Sitzungen von 2 bis 4 Stunden. Ich hatte fünf Spieler, die die Playbooks Heavy (Kämpfer), Judge (etwa Paladin, eine Art Priester der Ordnung), Lichtträger (Kleriker des Sonnengottes), Sucher (Gelehrter, spezialisiert auf Arcana, also magische Gegenstände) und Möchtegernheld, gewählt haben.
Wir haben mit einer noch unfertigen Version der Bücher gespielt, während der Kampagne kamen dann etwa alle sechs Wochen neue Kapitel hinzu. Zum Kampagnenbeginn war das Buch etwa 80% vollendet, aber bereits vollständig spielbar.
Obwohl Stonetop ein Ableger von Dungeon World ist, fühlt sich das Spiel am Tisch erstaunlich unterschiedlich an. Regelseitig räumt Stonetop viele der D&D-ismen von DW auf, die Attributspunkte, Klassen, Rassen/Völker/Abstammungen - wie auch immer die heißen. In Stonetop spielt man Menschen. Nicht in irgendeinem High-Fantasy-Dungeonpunk-Kitchensink, sondern in einer Art "Eisenzeit wie sie nie existiert hat". Es gibt zwar haufenweise Fantasyelemente, Ruinen, Monster, magische Gegenstände, aber hier ist alles sehr stark in der Welt verankert. Wo DW ohne Welt auskommt und dir ein paar Tipps an die Hand gibt, wie man Worldbuilding betreibt, aber die Charaktere die Stars sind, ist der eigentliche Protagonist bei Stonetop das namensstiftende Dorf mit anfänglich vielleicht 100 Einwohnern. Man spielt immer noch die Hauptproblemlöser, aber viel wichtiger ist, dass alle Charaktere hier Teil einer Dorfgemeinschaft sind, die nur einen miesen Winter von einer Hungersnot entfernt ist. Dabei sind die Charaktere so stark verwurzelt, dass jeder Rückschlag und jedes Problem von Stonetop zu einer persönlichen Angelegenheit wird. Wenn ein Rage Drake aus dem Wald sich in der Nähe des Dorfes niederlässt, bedroht er nicht 100 X-beliebige NPC, sondern deine Schwester, die im letzten Winter ihren Mann verloren hat, den alten Hob, der zu jeder Gelegenheit die besten Witze erzählt, Jorge, der sich um Stonetops drei Ackergäule kümmert und jede Menge Geschichten über die Erbauer erzählen kann und Caoimhe, 13 Jahre alt, die unbedingt die Beste Jägerin des Dorfes werden will und loszieht, den Drake alleine zu erledigen.
Alle Charaktere sind von Spielstart weg fest im Ort verankert und jeder hat einen Job oder eine Aufgabe in der Dorfgemeinschaft, den er oder sie zu erfüllen hat, während die Jahreszeiten voranschreiten. Der Abenteurerkram passiert da quasi zwischendurch, auch wenn er oft den Hauptteil der Spielzeit einnimmt. Es kann passieren, dass mehrere Jahreszeiten vergehen, ohne dass einer der Charaktere das Dorf verlässt. Abenteuer entstehen oft aus den Bedürfnissen des Dorfes heraus: Versorgungskrisen, politische Spannungen, Bedrohungen aus der Wildnis oder kulturelle Konflikte. Stonetop hat dadurch eine extrem starke "Heimatbindung" und langfristige Entwicklung. Eine der langwierigsten Reisen, die meine Gruppe unternommen hat, war die Suche nach einer Hebamme, da die bisherige Hebamme von Stonetop spurlos im Wald verschollen ist und das Dorf mehrere schwangere Frauen hatte. Die Spieler haben ganz schön geschwitzt, als sich die Suche in die Länge zog...
Kurzes Beispiel für das Worldbuilding, das so nebenbei beim Spiel und der Charaktererschaffung passiert:
Der Charakter meiner Frau war der Judge des Dorfes. Ein Judge ist der Rechtsprecher, ein erklärter Feind des Chaos, wie es draußen in der Welt oft in Gestalt von plündernden Banditen, grotesken Monstern und verderbter Magie lauert. Es gibt noch ein paar andere Judges in der Welt, aber die legen ihre Aufgaben vielleicht komplett anders aus. Aufgabe des Judge ist es unter anderem, die Dorfchronik zu führen. Da der Charakter meiner Frau gleichzeitig der Dorfschmied sein sollte, wählte sie folgende Eigenschaften für die Chronik: Die Chronik hat genug Platz um laufend erweitert zu werden, ist gegen Verfall geschützt und beinhaltet die Schmiede des Judges. Am Schluss war die Dorfchronik in dünne Bronzeplatten eingraviert, die überall in der Schmiede zu finden waren. die Chronik enthielt nicht nur alles, was Stonetop im Lauf der Jahre passiert ist, sondern auch Lebensweisheiten, Rezepte, Anleitungen für den Umgang mit Tieren, Saatgut, Baupläne, etc. Das hatte dann zur Folge, dass jedes mal, wenn ein Einwohner irgendwas nachschauen wollte, er in die Schmiede gekommen ist, die damit zum zentralen Treffpunkt des Dorfes wurde. Alte Männer saßen auf der Bank vor der Schmiede und gaben Ratschläge zum besten, Leute trafen sich dort nach getaner Arbeit, Versammlungen und Gerichtssitzungen wurden dort abgehalten, Hochzeiten beinhalteten ein Ritual, bei dem der Judge ein symbolisches Band zwischen den sich Vermählenden schmiedet. Die Werkzeuge des Judge waren die wenigen Werkzeuge aus richtigem Stahl, die Stonetop hat und damit fast schon Kultgegenstände. Immer wenn der Judge das Dorf verließ, gab es einen Bewohner, der die Schmiede und damit den gesamten Schatz des Wissens, den Stonetop je gesammelt hat, bewachte - eine hohe Ehre.
Das Setting ist zwar vorgegeben, lässt aber an allen Ecken und Enden Fragen offen, die es - oft von den Spielenden - zu beantworten gilt. Das ist ganz geschickt gemacht, ein Eintrag über ein bestimmtes Gebiet kommt mit Abenteuerhooks, NPCs, Monstern, Fragen und Zufallsbegegnungen und vor allem Vibes. Wie klingen die Namen der Green Lords? Was fällt sofort auf, wenn man sich in den Schatten der Trauerbäume wagt? Welche seltsamen Geräusche und Gerüche gibt der Sumpf von sich? Vieles davon ist düster, weird, ungewöhnlich. Ich kann das Weltenbuch an einer beliebigen Stelle aufschlagen, und Ideen sprudeln mir entgegen. Stonetop erwartet nicht, dass man halbgares Worldbuilding zu Ende denkt, sondern lässt einem Freiraum, kommt aber selbst auch mit haufenweise, manchmal einander widersprechenden Ideen daher, wie diese Lücken zu füllen sind. Das ist alles nicht wirklich neu, es kommt hier aber auf so wunderbare Weise zusammen, wie ich es bisher noch nicht gesehen habe. Normalerweise nerven mich Weltbeschreibungen, wie sie in Fantasyrollenspielen typisch sind: Verwunschener Wald hier, magisches Ödland dort, das alles gibt es bei Stonetop auch, aber auf eine Art aufbereitet und mit Twists an den richtigen Stellen, dass ich das Weltenbuch praktisch verschlungen habe.
Ich kann mich nicht erinnern, ein RPG gespielt zu haben, bei dem der Sense of Wonder so stark war. Meine Spieler sind oft mit aufgerissenen Augen durch die Welt gestolpert, z.B. wenn sie das erste mal das Dorf verlassen und die Ebenen sich vor ihnen ausbreiten, ein Himmel der so groß wirkt, dass man sich völlig schutzlos vorkommt. Vor allem, wenn der Schatten des Frythanc auf einen fällt. Oder als sie mit einem sterbenden, gigantischen Wildschwein verhandeln mussten, dass für seine Dienste als Orakel verlangt, dass jemand seine Qualen teilt. Oder als sie das erste - und einzige - mal eines Erbauers ansichtig wurden. Oder als sie von Barrier Pass, dem nördlichsten Punkt den man sich vorstellen kann, einen Blick auf das Land jenseits davon erhaschen. Oder als die Königin der Raben den Möchtgern-Helden von der Schwelle des Tode zurückweist, er aber danach beginnt, Leute zu ihr zu schicken, um ihre Gunst zu erlangen. Oder als sie feststellen, dass die so genannte Zivilisation auch die Fäulnis der Korruption mit sich bringt und sie vielleicht doch lieber ein kleines Dorf am Rand der Welt bleiben wollen, anstatt ein Handelszentrum mit hunderten Einwohnern zu werden...
Verdammich, jetzt bin ich doch ins Schwärmen gekommen. Ich hoffe, irgendwer wird aus dem obigen Geschreibsel schlau. Ansonsten, wenn es noch konkrete Fragen gibt: Immer her damit!
Mein ganz persönliches Fazit ist auf jeden Fall dieses: Wer nur ein einziges Fantasyrollenspiel in seinem Leben spielt, sollte Stonetop spielen.
Ich habe hier übrigens ein Google-Dokument, dass ich damals mit meiner Gruppe geteilt habe, um Charaktere, Ausrüstung, Dorf, NPC und Spielzüge auf einen Blick verfügbar zu haben. Ich habe das bereinigt und unsere Notizen entfernt, aber es ist möglicherweise mittlerweile hier und da veraltet und beinhaltet darüber hinaus von mir dilettantisch übersetzte Begrifflichkeiten und wahrscheinlich einen Haufen Rechtschreibfehler (ich habe das vor dem Aufkommen von KI angelegt). Bei unserer Onlinerunde war das sehr nützlich. Falls es jemanden interessiert, PM an mich, dann schicke ich einen Freigabelink.