Wir reihten uns in die Schlange der wenigen Händler ein, die durch das gewaltige geöffnete Tor der Stadt gingen. Ordensritter auf Kriegspferden blickten prüfend auf alle Passanten herab. Sie trugen das Banner der Stadt: Ein weißes Runenschwert neben einer roten Burg, alles auf einem grünen Hintergrund. Ich konnte noch einige alte, getrocknete Blutspritzer auf den Wimpeln erkennen und einige hatten große Risse. Bargh und Belkor gaben sich als Söldner aus Hornheim aus. Sie sagten, sie hätten Halbohr und mich auf dem Weg aufgelesen, als wir auf der Flucht vor dieser Königin Avarild waren. Argwöhnisch beäugte der Soldat die Ringe und Waffen die Halbohr und ich trugen, doch ließen sie uns passieren. Ein Wort der Warnung gaben sie uns noch mit, dass mit Spionen aus Vintersvakt in dieser Stadt kurzer Prozess gemacht würde.
Als wir die Stadtmauern passierten, war es, als ob wir in einen Ofen gelangten. Die Sonne brannte, doch konnte die Luft nirgendwo hin. Über allem lag der Schimmer roten Sandsteins. Ich glaubte fast, dass der steinerne Boden, teils Kopfsteinpflaster, teils Felsen, unter meinen Füßen glühte. Und das Schlimmste war die Masse an Menschen, die hier in den Straßen und Gassen zusammenpfercht war. Viele sahen erbärmlich aus, vor allem die Scharen von bettelnden Kindern, die jetzt um uns schwärmten wie Geier, die ein Festmahl witterten. Sie wollten nur das ein oder andere Kupferstück, aber ihre stinkenden, abgemagerten Körper waren mir zuwider. Sie würden nie stark werden, nicht wie Kara und Jorig, die schon vorher beschlossen hatten ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Halbohr gab einem der Kinder ein Silberstück dafür, dass es uns der Weg zu einem Gasthaus wies, den „Silbernen Stein“. Wir bahnten uns den Weg durch die Kinder und Bettler und folgten den Angaben des Jungen. Die Luft in der Stadt war stickig und heiß. Und es stank hier nach zu vielen Menschen. Selbst mein Gestank war nichts im Vergleich, obwohl ich schon gerne ein Badehaus aufsuchen wollte. Wir kamen an einem Gebäude vorbei, wo sie offenbar die Versehrten der Belagerung aufbewahrten. Nicht nur Bürger siechten dort vor sich hin, sondern auch Soldaten. Einigen fehlte ein Arm, einigen anderen ein Bein. Obwohl wir an der Straße vorbeigingen und das Gemurmel der Stadt allgegenwärtig war - wie ein Insektenschwarm - konnten wir das Klagen hören. Die darauffolgenden beschwichtigen Worte der Männer und Frauen in den Ordensmänteln der Stadt waren klar zu vernehmen.
Schließlich kamen wir zu einem größeren Platz, in den ansteigenden Hängen des Hügels. Hier stand ein Brunnen, auch aus diesem rötlichen Sandstein, wie anscheinend alles hier. Er wurde eingerahmt von zwei Steinstelen, an denen die Überreste von Gestalten aufgeknüpft an Seilen baumelten. Gegenüber stand ein größeres Gebäude aus dem zwei Türme ragten und ein Schild vor einer Türe, wo mit alten Schriftzeichen die Worte „Zum silbernen Stein“ geschrieben standen. Zwei Soldaten bewachten den Eingang, obwohl sie keinerlei Wappen oder Wimpel trugen. Die Kinderschar, oder vielleicht war es auch schon eine andere Schar, folgte uns nicht weiter. Die beiden Krieger mit ihren Kettenhemden machten wohl genug Eindruck auf sie. Oder sie wussten schon, dass es für sie den Aufwand nicht lohnen würde. Treppenstufen führten einige Schritte hinab in eine Art größeres Kellergewölbe. Die Luft hier war zwar auch stickig, aber zumindest etwas kühler. Eine etwas dickliche, ältere Frau mit blonden Locken war gerade dabei Tische mit Humpen und Schüsseln abzuräumen. Sie blickte dümmlich um sich und hatte ein lächerliches Grinsen im Gesicht. Die Augen der Frau standen viel zu eng zusammen. Es war nicht all zu voll, daher konnten wir uns an einen der freien Tische hinsetzen. Bargh dachte dabei nur an sich. Kaum saßen wir zog er seine Stiefel und Strümpfe aus. Der Gestank den er verbreitete war so stark, dass ich glaubte, dass mir kurz schwarz vor Augen wurde. Ich hustete, hielt mir die Nase zu, aber er regierte nicht sondern lehnte sich in einen Stuhl. Ich musste schon direkt auf seine Füße zeigen, bis er mit einem Grummeln nachgab und seine Füße zumindest vom Tisch runternahm. Dann kam wieder die dickliche Frau. Ich dachte zuerst, dass der Gestank mir wirklich die Sinne raubte, denn ich sah die Frau doppelt. Aber nein, es war wohl ihre Zwillingsschwester, mit dem gleichen rundlichen Gesicht, dem gleichen debilen Lächeln und diesen eng stehenden Augen. Die eine sagte ihr Name sei Reyda und die andere hieß Guntje. Guntje sagte auch ihr Name sei Guntje und ihre Schwester hieß Reyda. Und Reyda wiederholte es nochmals. Vielleicht schaffte ich es ja, dass die beiden in einer endlosen Vorstellung verbleiben. Aber Bargh unterbrach die beiden und wollte Humpen mit Bier haben. Er sagte, wie viele er haben wollte, doch die beiden blickten ihn nur verwirrt an. Ich hielt einfach nur vier Finger hoch, so viele Humpen sollten sie bringen.
So tranken wir und aßen. Das Bier war viel besser als der letzte Wein den wir getrunken haben. Aber ich glaube durch die Hitze stieg es mir viel schneller zu Kopfe als sonst. Bargh fragte die beiden nach einem Badehaus, wo auch immer er diesen Gedanken plötzlich herhatte. Aber die beiden kicherten nur, als ob ihnen diese Frage irgendwie peinlich wäre. Sie sagten, es gäbe so etwas ähnliches, aber ich dürfte dort nicht hin. Ich wollte schon aufspringen und den beiden erklären, dass ich kein kleines Mädchen bin, aber als sie den Namen des Badehauses sagten, Wiefesuhla, war mir klar warum sie kicherten. Es war eine etwas altertümliche Bezeichnung für Weibersuhle. Als ich Bargh das erklärte, lächelte er dreckig. Jetzt war auch ihm klar, wer dort verkehrte und warum. Später kamen noch weitere Gäste in den Raum. Darunter eine etwas dickere Frau von über 40 Wintern. Auf ihrer Wange prangerte die Narbe einer alten Brandwunde. Belkor winkte die Frau zu uns herüber. Sie stellte sich als Sweved Fornheim vor und sie hatte einen Laden hier in Westwacht, in der Weidenwiege. Dort verkaufte sie allerlei an Salben und Tinkturen, auch Salben die uns gegen die Plage der Insekten und das Brennen der Sonne helfen könnte. Belkor fragte ob sie eine Kräuterhexe sei, doch Sweved winkte direkt ab: „Eine Kräuterhexe? Nein, Hexen werden von den Weißschwertrittern gejagt und neben den Spionen und Verrätern aufgehangen oder Schlimmeres.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf als sie weitererzählte: „Eigentlich hat Westwacht eine lange Tradition in der Nutzung von besonderen Kräutern, doch die Weißschwertritter wollen dies vielleicht nicht wahrhaben. Die Ritter kommen aus dem Orumanischem Reich. Aber sie drücken auch manchmal das ein oder andere Auge zu. Dann sehen sie die Sachen nicht, die sie nicht sehen wollen. Aber dennoch wollen sie nicht, dass ihr besondere Pilze nehmt, die euch besondere Dinge sehen lassen. Dinge aus fremden Landen und fremden Welten, Welten voller Farbenmeeren und Klängen, von denen ihr noch nie gehört habt.“ Anscheinend war sie der Stadt nicht vollständig treu ergeben, zumindest nicht den Weißschwertrittern. Somit wäre sie vielleicht auch bereit etwas mehr zu erzählen, vielleicht auch etwas von einem gewissen Gefangenen aus einem anderen Land. Wenn wir das ein oder andere aus ihrem Laden kaufen und vielleicht noch eine Münze mehr springen lassen, würde sie bestimmt gesprächiger werden. Wir tranken weiter. Belkor versuchte mit Bargh mit zu halten. Ein sinnloses Unterfangen. Niemand übertraf Bargh im Trinken. Einzig Halbohr verdarb wie immer den Spaß, nur ab und zu nippte er an seinen Humpen während sogar vor mir schon der Vierte stand.
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Ich wachte in meinem Zimmer auf. Mein Schädel brummte, als ich mich umblickte. Das Zimmer war nicht schlecht eingerichtet, aber als sich mein Kopf bewegte folgte mein Magen. Ganz langsam richtete ich mich auf. Es stank hier. Ich dachte, dass der Gestank der Stadt auch hier eindrang, aber ich selbst war es. Ich muss mich wohl mit meinen dreckigen Kleidern einfach so in das Bett gelegt haben. Die Laken mögen gestern noch weiß gewesen sein, jetzt waren sie mit meinem Dreck, dem Dreck des Moores, besudelt. Zum Glück stand auch ein Zuber mit Wasser im Raum. Der ganze Dreck musste runter von mir.
Ich ging wieder in den Schankraum, wo die anderen schon bei ihrem Frühstück waren. Auch Bargh und Belkor schienen Hämmer in ihren Köpfen zu schlagen, jedenfalls ihren Blicken nach zu urteilen. Nur Halbohr hatte nichts davon. Natürlich, woher auch. Erst vermieste er uns den Spaß und dann teilte er noch nicht einmal unser Leiden dieser Egoist. Ich beugte mich über mein Frühstück, als von draußen Rufe zu hören waren. Eine Menschenmenge schien sich zu versammeln und Jubelrufe waren zu hören: „Schaut! Schaut doch nur! Er ist es, er kommt zu uns herunter!“ Ich schaute verwundert zu Bargh, als das helle Kreischen eines Falken durch die Stadt hallte. Zumindest hörte es sich an wie ein Falke, aber wenn es einer war, musste er gigantisch groß sein. Wir traten nach außen und sahen gerade wie eine Vogelkreatur zur Landung ansetzte. Sie war noch größer als ein Pferd, sah aus wie ein Adler, aber mit schneeweißen Federn. Auf einem Sattel saß ein Ritter der zwei Runenäxte in einem breiten Panzergürtel stecken hatte. Sein Gesicht war durch einen Vollhelm verdeckt. Um seinen Oberkörper schmiegten sich die silbrig schimmernden Glieder eines Kettenhemdes. Weitere der Weißschwertritter stellten sich neben ihn, als er von seinem Reittier abstieg. Er zog seinen Helm aus und ein ziemlich junges Gesicht kam zum Vorschein. Ein sehr hübsches Gesicht. Eingerahmt von braunen Locken blickten zwei tiefblaue Augen in die Menge. Ein weiterer Ritter kam dazu und zog an einer Kette eine Gestalt hinter sich her. Die Gestalt war die eines Mannes in Lumpen. Er hatte eine schwere Zeit hinter sich, denn an seinem Körper sah man deutlich die Schnitte und Flecken von vielen Prügeln. Sein rechtes Auge war fast zugeschwollen. Der Reiter hob die Hand und das Raunen der Menge verstummte etwas: „Leute von Westwacht, ihr kennt meinen Namen. Ich, Adalrihi Stein, bin zu euch gekommen. Und ihr Leute wisst, was meine Position gegenüber Verrätern ist.“ Die Menge wurde wieder etwas lauter, einzelne Jubelrufe tönten hervor. „Der einäugige Gott toleriert keinen Verrat. Das Gesetz steht über allen und verlangt die Auslöschung alles Bösen. Die Belagerung ist zwar vorbei und wir haben gesiegt. Die Weißschwertritter, der Orden von Widrunar - wir haben gesiegt! Das Orumanische Reich hat gesiegt. Doch die Spione von Vintersvakt sind immer noch hier. Und das ist einer von ihnen!“ Sie zogen die Gestalt näher an den Brunnen heran. „Ihr kennt meine Haltung. Keine Gnade den Verrätern!“ Noch mehr Rufe aus der Menge: „Hängt ihn auf! Keine Gnade!“ Ein weiteres Seil wurde über den hoch aufragenden, schlanken Steinblock geworden und die Gestalt am Hals hochgezogen. Sie strampelte, sie röchelte und versuchte sich zu halten, doch das eigene Gewicht zog den Hals immer tiefer und damit auch die Schlinge immer fester. Nach und nach wurde das Strampeln weniger bis er nur noch ein vereinzeltes Zucken war. Dann war auch das nicht mehr. Zufrieden schaute Adalrihi wieder in die Menge: „Es ist vorbei. Geht wieder euren Arbeiten nach! Und bedenkt: Die Hand des Gesetzes, die Weißschwertritter… wir werden siegen. Das Orumanische Reich wird siegen, über alles Böse auf der Welt!“ Er stieg wieder in seinen Sattel und die Vogelkreatur schlug mit ihren mächtigen Schwingen. Ein-, zweimal, dann sprang sie in die Lüfte. Die Menge verteilte sich langsam und die Bewohner gingen wieder ihren Dinge nach.
Wir verließen den silbernen Stein und machten uns auf zur Weidenwiege und zu Sweved Fornheim. Der Stadtteil, wo ihr Laden aufgebaut war, war wesentlich schlechter. Sonst waren die Häuser aus Stein und hoch gebaut, hier waren sie wesentlich kleiner und sahen irgendwie etwas herunter gekommener aus. Wir kamen zu einer großen Trauerweide, die von kleineren Hütten umzingelt war. Selbst in diesem Stadtteil hatte der Anblick etwas Fremdartiges. Kein Stein, sondern Schilf und Lehm waren die Materialien. Die Händler hier hatten alles Mögliche an ihren Ständen aufgebahrt, Kräuter, Pilze, Salben, Wässerchen und andere Sachen. Wir sahen auch Sweved, die in ihrem Laden stand. Sie arbeitete zusammen mit einem jüngeren Mann, der ziemlich groß war und langes braunes Haar trug. Einige Narben verzierten seinen Hals und seine Arme. Sweved erkannte uns direkt und winkte uns zu sich. Und sie hatte, was ihr Angebot angeht, nicht gelogen. Sie hatte Salben gegen die Mücken, Salben gegen die Hitze und sogar etwas gegen die wunden Füße. Belkor interessierte sich vor allem für diese geheimnisvollen Pilze. Sweved wurde etwas leiser und zeigt ihm unter ihrem Ladentisch ein kleines Kästchen mit einem Pulver dort drin. Ich schnupperte kurz. Es schien irgendeine Mischung zu sein, nicht nur aus Pilzen sondern auch aus Kräutern, wobei ich nicht erkennen konnte was genau alles dort drin war. Es waren aber ziemlich viele. Und Sweved warnte Belkor: Er solle auf keinen Fall zu viel nehmen, nur eine Fingerspitze voll und die sich dann auf den Gaumen reiben. Viele Goldmünzen wechselten den Besitzer und Sweved schien zufrieden. Dann klimperte Bargh mit einem ganzen Säckchen voll. Etwas leiser fragte er Sweved nach einem Gefängnis in der Stadt. Die Augen Sweveds waren auf das Säckchen gerichtet und sie nickte. Es gibt wohl ein Gefängnis in Westwacht, gar nicht weit weg von hier. Sie nannte es Fengirsbann. Ein Turm, der aber im Wasser steht und angeblich auch nur durch das Wasser zu erreichen, ist im Stadtteil Myregorm. Und natürlich war es wohl auch von Weißschwertrittern bewacht. Flüsternd berichtete sie, dass dort auch Leute befragt wurden, wobei sie das Wort befragt deutlich bedrohlich betonte. Wenn also der Diener Jiarliraes noch lebte und gefangen gehalten wurde, musste er dort sein. Hoffentlich war er stark in seinem Glauben. Schwäche würde uns und Jiarlirae verraten.