Autor Thema: [Deadlands] Savage West Solo Play  (Gelesen 53357 mal)

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #275 am: 14.05.2026 | 20:48 »
Auf zurück ins Waisenhaus, der Rest des Sonntags gehört allein den Kindern, da braucht man keine Drecksarbeit zu machen sondern kann sich aufs Umhertollen und Streichespielen konzentrieren. Hurra! Was sagt uns der nächste GM Move? Die Tabelle kündigt ein Zufallsereignis an, und das wiederum ist, technically Create physical Future Plans. Da weiß ich beim näheren Drübernachdenken was Gutes für unseren sich langsam entspinnenden Abenteuerplot:

Timmy Derrick hält (uncharakterischer Weise) Wort. Geraldine wird schließlich von ihm ins obere Stockwerk des Waisenhauses gelotst. Wenn man sich auf der Gebäuderückseite aus dem Fenster hängt, kann man tatsächlich einen überstehenden Balken ertasten, und an den dran hat Timmy den Colt Peacemaker gezurrt, mit Schnur, nachdem er ihn in Wachspapier wetterfest eingewickelt hat. Man kommt da nur dran, wenn man geschickt ist wie ein Äffchen, und Timmy und Geraldine sind das.
„Darfst den aber keinesfalls allein wegnehmen!“, schärft Timmy seiner neuen Komplizin hinterher ein.
„Ach ja!“, wispert sie, „Und wenn diese ach-so-gefährlichen Indianer hier eindringen, um alle zu skalpieren? Dann muss ich da ja ran, um Dich zu verteidigen, Timmy Derrick!“
„Ha, ha!“, schmollt der, „Als könntest Du den abfeuern! Du tust Dir nur Deine langen Finger weh von dem Rückstoß. Mädchen können doch nicht schießen.“
„Du kleines Großmaul. Mädchen können alles.“
„Außerdem hast Du gestern gesagt, Du hast selber schon einen Colt!“
„Hab‘ ich auch! Und Mister Byrd pflegt zu sagen, ich schieße wie eine Calamity Jane, und besser.“
„Dann lass‘ das Teil doch mal sehen?“
„Du träumst wohl!“
„Hab‘ Dir mein Versteck aber auch gezeigt!“, empört sich Timmy.
„Ja, das war ja auch so ausgemacht. Ich derweil habe nie versprochen, Dir mein Arsenal vorzuführen“, trumpft Geraldine auf.
„… Bestimmt sowieso erfunden!“, sagt Timmy patzig.
„Kannst ja mal abwarten, wie ich auf den Town Square trete, bis an die Zähne bewaffnet, wenn’s hart auf hart kommt! Ich habe nämlich jede Menge erwachsene Freunde. ‚Pardner‘ nennt man sich hier im Westen gegenseitig. Luca, und die beiden unglaublichen Grazien, Miss Lancaster und Miss Kentrall, die alle beide schön sind wie griechische Göttinen und mutig wie Feldwebel, und der noble Krieger der Sioux, John Bloody Knife, und das Gehirn des Aufgebots, Professor Doktor Doktor Marcus Perriwinkle!“
„Das Monster!“
„Der ist doch kein Monster, Du Schandmaul! Wähle Deine Worte besser klug, sonst setzt es was! Der hat einen mechanischen, rechten Arm, und braucht nur mit dem Metallfinger zu schnippsen, um einen wie Dich davon zu befördern, wie einen ekligen, kleinen Käfer, hoch in die Luft!“
Timmy Derrick schüttelt zweifelnd den Kopf, „Bei Dir ist alles Luft, Montmorency. Vor allem Dein Gesabbel. Heiße Luft! Ja, ganz so, wie sie da oben aus dem Arm von dem Monster-Professor rauskommt!“
„Pah, Du weißt es ja nicht besser. Wirst schon sehen, wenn Gomorra das nächste Mal wieder in Bedrängnis ist, und ich wieder mit dem Aufgebot zusammen losreite“, und während sie das sagt, spürt Geraldine insgeheim in sich einen ganz verzweifelten Wunsch danach, dass das wirklich stimmen würde.
Wie sie da so nebeneinander auf dem Fenstersims im oberen Stockwerk sitzen, sehen sie eine kleine, vereinzelte Gestalt in der Gasse unter sich. Diese hat sie nicht flüstern hören, und hält sich für unbeobachtet!

Das ist dann unser ermitteltes Zufallsereignis: Das kleine Balg Ernie Carmichael!

„Was macht‘n Ernie da unten?“, flüstert Timmy.
„Der verbuddelt irgendwas!“, flüstert Geraldine zurück, etwas verdutzt.
Sieht aus, als seien sie beide nicht die einzigen Waisen, die an diesem Sonntag geheimen Machenschaften nachgingen.

Ernie Carmichael holt tatsächlich was unter dem Staub und Kies hervor: Eine alte Segeltuchplane. Und darunter ein Gitter aus dünnen Zweigen! Er untersucht eilig das Gitter, und sieht sich um — nach links und rechts und vorne und hinten, der kleine Trottel, aber nicht nach oben, von wo die anderen beiden ihn beobachten! — und hievt das Flechtwerk beiseite. Überprüft das Loch, das sich darunter befindet. Der kleine Stinkstiefel hat tatsächlich in der Gasse neben dem Waisenhaus ein Loch gegraben, und es mit dem Gitter und dem Segeltuch verborgen, als Fallgrube! Jetzt wo der Schnee geschmolzen und der Frost verschwunden sind, ist in dem sandigen und matschigen Boden des winzigen Grundstücks wieder ziemlich einfach zu graben. Als Ernie sicher ist, dass er niemanden gefangen hat, macht er sich daran, seine Falle wieder zu verbergen. Geraldine und Timmy wechseln einen erstaunten Blick.



Ist die schlammige Plane weggezogen, kommt eine besondere Überraschung zum Vorschein!


Kriegen wir ihn noch zur Rede gestellt, wenn wir uns beeilen? Die Würfel sind uns hold:

In dem Moment, als Ernie sich die Schmutzhände an der Hose abklopft und die Biege machen will, sieht er sich von Geraldine und Timmy flankiert! Der kleine Fallensteller zuckt gehörig zusammen!
„Ernie, was machst Du da? Bist Du endgültig übergeschnappt?“, fragt ihn Geraldine.
„Gar nichts mach‘ ich, überhaupt nichts! Habe nur mal in die Gasse gestrullt!“, sagt er schnell, und tritt defensiv einen Schritt zurück.
„Pass‘ ja auf, dass Du Dich nicht in Deiner eigenen Fallgrube verfängst!“, lächelt Geraldine, „Fast hättest Du den Fuß falsch aufgesetzt!“
„Fallgrube? Quatsch, von wegen, Fallgrube!“, protestiert Ernie Carmichael.
„Wir haben aber alles gesehen, Du bekackter, kleiner—“, will jetzt Timmy auftrumpfen.
Aber Geraldine behält die Zügel in der Hand: „Ernie, wenn sich einer den Hals bricht da drin, dann bist Du schuld! Kapierst Du das nicht? Was soll das überhaupt, willst Du den Ammen einen Streich spielen, von dem sie sich nimmermehr erholen, oder was?“
„Ich hab' einen Plan!“, hält Ernie dagegen, jetzt fast wimmernd, „Ihr versteht das nich'! Was anderes geht nich'!“
Timmy quakt wieder los, „Geraldine kann‘s auch einfach aus Dir rausprügeln, weißte! Die ist größer als Du, und stärker isse auch!“
Ach so, das jetzt plötzlich aus Timmys Mund?, denkt diese abfällig. Sie zieht Plane und Gitter aus dem Staub in die Höhe, und schaut in die Sandgrube hinab. Sehr tief ist sie nicht, aber Ernie scheint zu glauben, es würde reichen, um wen darin festzusetzen.

Was sagt das Orakel, packt der feiste kleine Ernie Carmichael aus über sein Vorhaben technically Create physical Future Plans? Die Würfel sagen, ‚ja, und außerdem‘! Scheinbar ist der Lümmel in Wirklichkeit ganz wild darauf, sich endlich jemandem anzuvertrauen!

Ernie wird blass um die Nase, und seine Augenränder werden rötlich vor lauter Aufruhr. Er stottert leise, „D-der kommt nachts manchmal an das Fenster da! Das is' doch das Zimmer wo auch mein Bett steht! K-kommt jede Nacht 'n paar Schrittchen näher ran! Guckt zu uns rein, wie wir da schlafen! Irgendwann kommt er g-ganz ran! Drum hab' ich dem 'ne Falle gestellt!“
„Ist eher wahrscheinlich, dass eine der Ammen da rein tapert und sich das Bein bricht, Ernie!“, schilt Geraldine, „oder sonstwer, der Abends hier rumstrolcht! Jeroboam Futz auf seinen Freiersfüßen, um unsere Ammen zu umgarnen, oder der doofe Clell Miller!“
„Hihi“, kichert Timmy, „Clell Miller tappt da rein und verknackst sich den Scheiß-Fuß!“, die Vorstellung amüsiert ihn köstlich.
„Schnauze, Timmy!“, herrscht Geraldine ihn an, und lässt die Zweige zurück auf die Grube krachen, „Wer ist das denn, der nachts in Euren Schlafraum glotzt, Ernie? Dem werd‘ ich Beine machen!“
Ernie schüttelt nur den Kopf, und heult geräuschlos.
„Was is'n?“, fragt Geraldine, „Sag's einfach! Dem mache ich Beine, dem trete ich in den Allerwertesten!“
„Arsch heißt das“, ergänzt Timmy Derrick, unnötig dummdreist.
„Der kommt nur raus, wenn’s draußen dunkel ist!“, bringt Ernie hervor, dann steht er da wie meschugge und Tränen laufen ihm übers Gesicht, richtig unheimlich ist er Geraldine plötzlich. Weitere Erklärungen kommen nicht. Nanu, Ernie Carmichael ist doch sonst der reiste Raufbold!
„Jetzt sag‘ schon!“, flüstert Geraldine eindringlich, „Wenn man dem nicht in den Allerwertesten treten kann, dann hol‘ ich eben die Erwachsenen!“
„Die Großen glauben das aber nicht!“, krächzt Ernie, „Das is' doch der Boogeyman!“
„Der Boogeyman?!“, entfährt es Timmy Derrick, „Du glaubst doch nich' mehr an den Boogeyman, Carmichael! Du bist doch kein kleiner Pimpf mehr! Das is' ein Märchen für ganz kleine Pimpfe, um denen Angst einzujagen!“
„Ich glaub' jetzt wieder an den …!“, flüstert Ernie, „Der kommt jede Nacht ans Fenster, immer'n paar Schrittchen näher …!“
Geraldine nimmt ihn in die Arme, und klopft ihm ein bisschen auf den Rücken. Ernies Finger vergraben sich in ihrem Kleidärmel, er flennt geräuschlos weiter. Sie sieht irritiert Timmy an, der den Blick erwidert.


Advance:
Damit hat Geraldine sich durch ihre bisherigen Auftritte ihren ersten Advance im laufenden Spiel verdient. Sie bekommt als erstes zwei Skill-Level: Da sie im Waisenhaus ebenso mit regelmäßigen Kinderkrankheiten und Schürfwunden zu tun hat wie vorher schon als Kindermädchen in Kanada, bekommt sie einen überfälligen W4 bei Healing, und durch das ganze Herumgeschleiche in letzter Zeit erhöhen wir außerdem ihr Stealth auf W8.

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #276 am: 14.05.2026 | 22:38 »

Draußen in der winterlichen Einöde scheint die Sonne auf die endlose Prärie


„Ihr seid John Bloody Knife gefolgt, hierher, zu dieser besonderen Stelle“, sagt der Krieger in seiner tiefen, gestrengen Stimme, und breitet die mächtigen Arme aus, „Damit Ihr Eure Schuld begleichen könnt.“
Luca Byrd schlägt sich die flache Hand vor die Stirn, und kramt sein Portemonnaie aus seinem schmuddeligen, weißen Duster hervor: „Scheiße, ja klar! Jetzt wo wir wieder halbwegs bei Kasse sind, kein Problem. Hatt‘s glatt vergessen! Hat man da Worte?“
John sieht den Revolverhelden ungnädig an.
Joycelyn fragt ihrerseits, „Hackt‘s jetzt, oder wie darf ich das verstehen?“
Byrd zieht eine Silbermünze hervor, und sagt, „Ich schulde doch John dem Aufrechten hier noch einen Dollar! Hat mir neulich im Fat Chance Saloon total aus der Patsche geholfen. Sah schon so aus, als würde Charlie Landers mir seine Rausschmeißer auf den Hals schicken. Hat mir total das Fell gerettet, der Dollar von John. Und ich Blödwurst vergess‘ das einfach, obwohl ich jetzt nicht mehr pleite bin!“
John erhebt die Stimme, „Es geht nicht um das Geld des Weißen Mannes! Das ist wertloses Zeug!“
„Na, dafür sammelt der Rote Mann aber letztlich viel davon an, bei ihren vielen Geschäften, draußen im Indianerlager!“, bemerkt Joycelyn halblaut, was sie gehört haben will.
„Welche Schuld denn dann?!“, fragt Byrd, und guckt auf sein Geldstück, „Soll das heißen, ich kann meinen Dollar einfach behalten …? Hab‘ nämlich offen gestanden auch noch Schulden in einem der Schnapszelte …“
„Ihr habt gesagt, nur mit dem Ding, das Maze Runner genannt wird, können wir rechtzeitig die Bygone Mesa erreichen“, fährt John fort, „Und hattet kein Vertrauen in ein Kanu und in Ruder, die von starken Armen geschlagen werden. Wir haben gehandelt!“
Joycelyn grinst keck, „Ach so, ja, das. Und siehe da: Die Bygone Mesa hat Dir Gelegenheit gegeben, einen anderen Maze Runner eigenhändig zum Volllaufen zu bringen! Und der vermaledeiten Sweetrock haben wir dabei obendrein eins reingewürgt. Ende gut, alles gut!“
„Nein“, stellt der Sioux fest, „Nicht gut. Ihr habt ein Versprechen gegeben. Jetzt ist es Zeit, es einzuhalten. Hier.“
„Oho?“, fragt Luca.
„Ihr wisst, die Kachina zürnen uns, wenn wir die bösen Maschinen verwenden, statt unsere eigene Stärke zu nutzen, die Mutter Erde und Vater Himmel uns gegeben haben. Ihr wisst, dass dem Roten Mann insbesondere dies verboten ist, der den heiligen Alte-Wege-Schwur geleistet hat. Ich muss Buße dafür tun! Und diesmal helft Ihr mit. So haben wir es vereinbart, bevor wir zur Bygone Mesa aufbrachen.“
Byrd sieht etwas ratlos Joycelyn an, und sagt halblaut, „Joah, stimmt schon … war eigentlich nur so daher gesagt, hätte nicht gedacht, dass sich hinterher noch wer da dran erinnert. Sind ja auch die haarsträubendsten Sachen passiert, auf der Scheiß-Felseninsel da … darüber hinaus hätte man das schon mal wieder vergessen können.“
John unterdrückt ein grimmiges Lächeln, „Ihr Wasichu wart unsere Gäste im Lager, als Väterchen Peyotl uns aus den fernen Gegenden seinen Besuch abgestattet hat. Ihr kennt also schon die Tradition der Lakota. Auch dies ist Tradition: Hier fasten wir! Bis die Kachina uns vergeben haben.“
„Boah“, staunt Byrd, „Meinst Du das ernst?“
„Ich meine es sehr ernst, dummer, verfackter weißer Mann.“
„Kein Happa-Happa? Nix reinschaufeln in die Fressluke?“
„Wenigstens drei Tage“, stellt der Krieger nickend fest, und verschränkt die Arme.
„Auch keine Baked Beans löffeln aus 'ner kleinen Konservendose? Nur so zwischendurch manchmal?“
„Nein.“
„Auch nicht wenigstens mal ein kleines Bierchen exen? Oder‘n bisschen Kautabak für den Kau-Boy?“
„Nein, dummer verfackter, weißer Mann.“
„Und was, wenn wir seitlich umfallen und nicht mehr können vor lauter Kohldampf? Ist gar nicht gesund sowas, man soll doch täglich drei Mahlzeiten …“
„Ist umso besser. Dann wissen die Kachina-Geister: Es ist uns ernst.“
„Und darum sollten wir also die Decken mit rausbringen. Und die Wasserpullen“, sagt Byrd.
John nickt gestreng.
„Aber die Damen, John!“, jammert Luca weiter, „Wenn die zarten Damen uns vom Stengel fallen? Ist das zumutbar …?“
„Die Squaws fasten mit, so lange sie es vermögen.“
„Das ist als kultureller Austausch äußerst interessant!“, sagt Macus Perriwinkle leise, „Ich würde sehr gern mehr über diese Gepflogenheiten erfahren! Glücklicherweise habe ich mein Notizbuch dabei. Allerdings wirft das alles die Frage auf: Ist es nicht gewissermaßen kontraproduktiv, wenn ich dabei bin, und gelegentlich ein Ghost-Rock-Nugget nachlegen muss, damit mein Boiler nicht ausgeht?“
„Das ist der Punkt“, knurrt John, „Darum baust Du jetzt auch besser die gräßliche Maschine von Dir ab.“
„Die ist chirurgisch implantiert, mein Guter!“
„Alle Teile, die sich bewegen und Krach machen, dann. Und ganz besonders den Ofen, der Ghost Rock verbrennt.“
„Nun, ähm. Sie können sich den monetären Wert dieser Protese vielleicht nicht ganz vergegenwärtigen, Mister Bloody Knife. Sollte sie abhanden kommen hier draußen, nicht auszudenken! Derartiges vermögen wir nur drüben in Salt Lake City herzustellen! Überhaupt kann der Bolzenarm nicht kurzerhand demontiert werden …“
„Dann willst Du Deine Schuld also nicht aus der Welt schaffen?“, fragt John lauernd.
„Ich vermag diesen Handel so nicht zu erfüllen.“
„Und doch bin ich bereits mit auf dieser schwimmenden Maschine gefahren!“
„Das war etwas anderes, Mister Bloody Knife. Wir wissen ja nicht einmal, wie mir ohne die Protese geschieht. Meine Körperrhythmen haben sich ja längst darauf eingestellt, begreifen Sie bitte. Alles hängt zusammen, das kann ich Ihnen sagen, aus meiner Erfahrung als Chirurg. Dr. Gash und meine Wenigkeit hatten im Junkyard sogar Patienten, die eine Rückgängigmachung ihrer Implantierung nicht überstanden haben …“
„Dann geh‘“, sagt John kalt, „Dummer, verfackter Marcus Perriwinkle. Komme nicht zurück.“
Der dicke Erfinder zieht die weißen Brauen hoch, „Oh? Nun … das klingt ja auf unerquickliche Weise endgültig, Mister Bloody Knife!“
„Ja.“
„John!“, sagt Joycelyn.
Marcus fährt fort, „Bedenken Sie unsere gemeinsame Sache. Wir sind hier in etwas hinein gestolpert, das weit größer ist als unsere kulturellen Unterschiede. Das sogenannte Reckoning, seine Erforschung, und seine Beendigung. Die Implikationen der Spukphänomene hier in Gomorra. Die Mission dieses Aufgebots — so wie ich diese bisher verstanden habe — transzendiert unseren jeweiligen Hintergrund.“
„Darum geht es auch mir“, knurrt John, „Um die Reckoners zu töten braucht es gute Verbündete. Sehr gute Verbündete. Solche, die ehrbar sind. Solche, auf die ich mich verlassen kann. Bis in die Ewigen Jagdgründe, wenn es sein muss.“
„Weder das Äquilibrium der Machtgruppen von Gomorra ist zu erreichen durch Brachialgewalt, Mister Bloody Knife“, lässt Marcus nicht locker, „Noch ein Sieg über jene unbekannten Größen, welche Sie Reckoners nennen. Nur Frieden und Verständigung können uns wirklich zum Ziele führen.“
John verharrt mit verschränkten Armen, und entgegnet, „Die Wasichu hatten lange Gelegenheit für Frieden und Verständigung. Sie haben jede Gelegenheit genutzt, um stattdessen Krieg und Hinterlist zu verwenden. Nun aber, dummer verfackter, weißer Mann, sind die Kachina-Geister zurück. Ihre Zeit ist erneut angebrochen. Du willst nicht helfen, sie zu beschwichtigen? Dann geh‘. Gehe fort, Du, der Du halb Maschine bist. Wir laufen nicht mehr gemeinsam auf dem Kriegspfad.“
„John …!“, sagt nun Mallory, ganz erschrocken klingt sie.
Marcus zögert, und nickt, „Ja, Mister Bloody Knife … Ich selbst habe derartiges bereits kommen sehen. Unsere Methoden mögen zu unterschiedlich sein. Zumindest, wie hinzugefügt werden sollte, derzeit.“
Also wendet er sich ab, und setzt sich in Bewegung, zurück Richtung Gomorra.
John deutet wortlos auf den Prärieboden, zwischen großen Felsbrocken, hier ist man geschützt vor dem Winterwind.
Die anderen drei sehen sich an. Dann schauen sie noch einmal zu Marcus Perriwinkle zurück, der sich noch einmal nach ihnen umdreht, und scheu zum Abschied grüßt, mit der menschlichen Hand.


„Mister Landers, Mister Landers!“, ruft Geraldine aufgeregt, als sie sich ihren Weg durch die schwerfälligen Leiber im Fat Chance Saloon bahnt. Es riecht nach Zigarettenrauch, Starkbier, und muffigem Schweiß, aber die Kaminfeuer machen den Saloon immerhin schön warm.
Der zwergenhafte Mann steht auf einem Stuhl hinter seinem Tresen, und ist erst auf zweiten Blick zu entdecken. Geraldine wirft sich aufgeregt an die Theke, mit so viel Schwung, dass Landers fast glaubt, sie müsse wieder daran abprallen wie ein Gummiball.
„Was gibt’s denn, mein plapperhaftes Täubchen?“, grinst Charlie keck, „Biste wieder hergekommen, um dem Onkel die Ohren vollzulabern?“
„Was? Nee, wie käme ich denn dazu?“, sagt Geraldine, ohne die Kritik überhaupt mitzubekommen in ihrer Aufregung, „Sie können mir vielleicht helfen, Mister Landers!“
„Kein Alkoholausschank an Minderjährige, und dabei bleibt‘s!“
„Nee, doch nicht das, pfui Spinne! Mister Landers, Luca! Luca, und Miss Lancaster! Wann tritt die wieder hier auf, vielleicht heute? Und die beiden feinen Herrschaften, Miss Kentrall und Mister Perriwinkle? Haben Sie irgendeinen davon heute schon gesehen?“
„Am Sonntagmittag? Da haben wir hier normal keine Auftritte von leicht bekleideten, trällernden Blondinen!“, lacht Landers, „Zu meinem eigenen Verdruss, natürlich! Aber verkauft sich nicht! Jetzt um diese Zeit wollen alle nur Kartoffelstampf, wie Du siehst! Kartoffelstampf und Bier. Das Goldkehlchen gibt’s erst morgen Abend wieder.“
„Und einer von den anderen, Mister Landers? Den anderen Aufgezählten!“
„Haben sich nach ihrem Frühstück verabschiedet, Schlauschnabel! Hatten sogar Decken und Felle dabei, als wollten sie in der Wildnis kampieren.“
„Was?! In der Wildnis, im Februar?!“
„Klang ganz so, als würde‘s gleich 'n paar Tage dauern. Wenn das nichts mit dem Indianerlager zu tun hat, lasse ich mich als Spanferkel über dem Feuer da rösten, mit 'nem Appel im Maul!“
„Die Indianer?!“
„Deine sauberen Freunde da, die hecken doch wieder irgendeine gemeinsame Sache mit den Sioux aus! Jede Wette! Danach riecht‘s nur so, mein Täubchen.“
„Oh Graus! Dann ... da hilft dann alles nichts. Mister Landers, bitte machen Sie mich bekannt mit Walks-In-Footprints oder Tioga Joe!“
„Bitte wie?“
„Ich weiß, dass das ebenfalls Gäste von Ihnen sind! Die handeln doch im Fat Chance Saloon um Informationen, wie die Weißen auch!“
„Und wenn das so wäre, hä? Was wolltest Du mit denen?“
Geraldine atmet tief durch, und sagt dann dramatisch, „Ich werde mich ins Indianerlager bringen lassen!“
„Erzähl‘ nix, Schlauschnabel.“
„Es ist der einzige Weg, Mister Landers! Ich muss sofort mit dem Aufgebot sprechen!“
„Dieses sogenannte Aufgebot sah mehr so aus, als wollten sie ganz raus in die Prärie, Mädchen. Decken und Felle, das haben die Rothäute doch selber, und Wasserpullen sowieso!“
Geraldine klammert sich unwillkürlich an der Tresenkante fest, „Oh nein, oh nein! Aber ich brauche doch jetzt sofort deren Hilfe! Ich habe Miss Kentrall heute morgen im Missionshaus gesehen … oh, hätte ich sie doch bloss genauestens ausgefragt, wo sie heute den Sonntag verbringen würde! Aber wie sollte ich das auch wissen, mit welcher Dringlichkeit die Ereignisse über mich hereinbrechen würden, noch selben tags?!“
Charlie guckt jetzt besorgt, „Jetzt spuck‘s schon aus, junge Dame! Was zum Henker ist denn passiert?“
„Wir haben … wir haben … im Kinderheim, wissen Sie …?“, stottert sie, und sieht sich um. Überall um sie beide her sind Leute, drängeln sich dicht an dicht, aber ihnen zuhören, das tut keiner.
Geraldine beugt sich dennoch näher an Charlie Landers Fresse heran, und wagt nur zu raunen: „Es haben sich möglicherweise übernatürliche Vorgänge zu entfalten begonnen!“
Der untersetzte Barkeep zieht eine Braue hoch: „Bei Euch im Waisenhaus?!“
„Ja, Sir! Die Ammen können nicht ins Vertrauen gezogen werden. Und ganz bestimmt morgen auch nicht unser Schullehrer! Es gibt nur wenige, denen man dies anvertrauen könnte …! Ich muss daher unbedingt mit dem Aufgebot sprechen!“
„Sieht aus, als müsstest Du mit den Law Dogs Vorlieb nehmen, Missy!“
„Die können wahrscheinlich nichts ausrichten, Mister Landers! Die bisherigen Vorgänge legen nahe, dass die weltlichen Gesetzeshüter ebenso machtlos sein dürften!“
„Hat eins von Euch Kindern einen von den Walkin‘ Dead gesehen, was? Draußen in der Prärie oder so?“, will Landers wissen, „Das Ding, dass man Second Chance Joey nennt?“
„Nein, kein Walkin‘ Dead, Sir …! Eher sowas wie diese teuflische Vogelscheuche, die zu Halloween hier umgegangen ist! Die, die einzig und allein von der Mistforke des Rod Carpenter zerstört werden konnte!“
Der Zwerg macht eine wegwerfende Handbewegung, „Kinderchen wie Du sollten nich‘ alles glauben, was auf dem Town Square getratscht wird. Da warst Du noch gar nicht in der Stadt, und Du tönst hier rum, als wärst Du höchstpersönlich dabei gewesen!“
„Mister Byrd hat mich in alle Geschehnisse dieser schicksalhaften Nacht genauestens eingeweiht! Jedenfalls blüht uns jetzt wieder sowas! … Mister Landers, Sie kennen doch jeden in der Stadt! Die Pinkerton-Detektivagentur soll hier ihre Agenten platziert haben, und zwar inkognito! Machen Sie mich mit denen bekannt?“
Landers schüttelt den Kopf, jetzt ernstlich besorgt, „Du weißt ja gar nicht, was Du da redest, Kindchen. Die Männer in Schwarzen Staubmänteln, mit denen hast Du nichts am Hut, gottlob. Die sind auch nicht das, was Du Dir da zusammenzureimen scheinst …“
„Was denken Sie denn, was ich tun sollte, Mister Landers?!“, fleht Geraldine, „Sie sehen mich vollends und zutiefst verzweifelt!“

Wie geht das hier aus? Wir machen einen GM Move, und erhalten diesmal, An NPC Takes Action. Uh! Das ist leicht zu entscheiden, wer das sein könne: Da lassen wir doch mal die Vorwarnung von Vater Juan vom heutigen Morgen wahr werden:

Durch die Schwingtür sind ein paar Revolvermänner herein gekommen, und sehen sich wichtigtuerisch um. An ihren Hüften baumeln ihre Sechsschüsser offen, auch sie geben einen feuchten Kehrricht darauf, dass innerhalb der Ortsgrenzen eigentlich eine No Weapons Zone ist. Einer der drei trägt einen verwaschenen Anzug, der offensichtlich schon durch mehrere Hände ging, aber an ihm sitzt wie angegossen, und einen graublauen Bowler-Hut. Ein selbstgefälliges Lächeln auf seinem bartlosen Gesicht wird breiter, als er prüfend herüber zur Bar sieht, und entdeckt, mit wem Landers gerade spricht.
„Oh, Scheißdreck!“, flüstert Geraldine erschrocken, als sie Clell Miller näher schreiten sieht.

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #277 am: 15.05.2026 | 20:13 »

Clell Miller, einer von Gomorras jüngsten und angeberischsten Revolverhelden


Geraldine weiß es natürlich besser als dumm rumzustehen, während der großkotzige Clell Miller sich seinen Weg durch den Schankraum drängelt, um ihr das Messer auf die Brust zu setzen wegen gestern. Vielleicht buchstäblich, wer weiß! Ohne einen letzten Gruß an Charlie Landers ist sie auch schon entwischt!

Aber gelingt es ihr, sich abzusetzen? Ich würfle mal ihren Agility-W8. Eine 14 kommt dabei raus, zwei Raises! Der junge Lümmel Miller ist zwar seinerseits alles andere als ungeschickt, aber gegen Geraldine in ihrer Angst vor ihm hat er keine Chance, sie wieselt durch den Schankraum wie ein Geist. Draußen auf der Straße prescht sie davon.

„… Aber weitergebracht hat uns das nicht, der Schlamassel da im Saloon!“, raunt sie Katie Maurice zu, als sie beide im Schein ihrer Kerze auf den Treppenstufen im Kinderheim sitzen, um Hausaufgaben zu machen.
Katie schaut sie zweifelnd an, und fragt leise, was Geraldine sich überhaupt von Landers erhofft hatte.
„Was ich mir erhofft hatte? Na, immerhin kennt der kleine Mann alles und jeden in Gomorra und umzu! Vielleicht hätte er mich ja wirklich mit einem der Pinkerton-Dedektive bekannt machen können. Wer weiß? … Der verflixte Clell Miller! Warum musste der ausgerechnet da seine Nase in den Saloon stecken? Er hat alles vermasselt dadurch! Oh, wie ich den hasse, der ist doch unausstehlich. Der stellt uns nach, wo er kann, der will Timmy Derrick fertig machen, nur zum Zeitvertreib, und mich, mich Närrin des Schicksals, gleich mit!“
Katie verengt die Augen und mustert ihre Freundin skeptisch. Ihre püppchenhafte Miene hat manchmal etwas so Süffisantes.
„Lach‘ mich bloss nicht aus, Katie Maurice!“, ermahnt Geraldine sie trotzig, „Ja, mag schon stimmen, ich kenn‘ den ja nicht wirklich gut. Aber Gesellen wie den, die kenn’ ich! Die Visage von dem erinnert mich allzu deutlich an den größten Fiesling in ganz Avonlea, den zuwideren Blythe-Jungen!“
Ach nein, nicht schon wieder Avonlea, winkt Katie ab, das ist doch alles Schnee von gestern.
„Ja, Recht hast Du“, grummelt Geraldine, „Wir beide, wir müssen uns aufs Hier und Jetzt konzentrieren.“
Die Freundin hebt demonstrativ ihre kleine Schiefertafel.
„Ja, gewiss, die Schulaufgaben — aber auch eine Lösung für Ernie Carmichaels Problem müssen wir finden, Katie! Was, wenn der Unhold heute Nacht wieder erscheint? Du glaubst doch nicht im Traum, dass diese lachhafte Fallgrube irgendwas ausrichten könnte, um Ernie zu beschützen. Nee, der braucht unsere Hilfe. Die Erwachsenen stehen ja auf dem Schlauch, allesamt. So sie denn überhaupt in der Stadt sind, und nicht mit den Sioux am Feuerchen sitzen und das widerliche Feuerwasser trinken, oder was auch immer die da draußen treiben!“
Just kommt Ernie Carmichael die Treppe hinauf gepoltert: „Montmorency? Was machst‘n Du da oben im Dunkeln?“
„Wir machen Hausaufgaben! Was gibt’s …?“
„Hausaufgaben? Im Stiegenhaus?! Was issn mit Dir los?“
„Du hast wahrscheinlich schon vergessen, dass Mister Delarney uns was aufgegeben hat übers Wochenende, was? Das sieht Dir ähnlich! Sieh‘ bloss zu, dass Du morgen nicht ohne dastehst, Ernie Carmichael! Und glaub‘ ja nicht, dass Du einfach abschreiben darfst, klar?“
Der Junge sieht aus, als würde er wieder mal patzig oder grob werden wollen, und er äugt die Treppe hinauf ins Halbdunkel. Aber sein Moment der Wahrheit vorhin hat ihn sichtlich aus der Bahn geworfen. Katie Maurice ist still hinter Geraldine gerückt, scheu wie sie ist.
„Ich komme gleich runter, und helfe den Ammen, Euch ins Bett zu stecken, Ihr Racker!“, sagt Geraldine.
Sie sieht Misstrauen in Ernie Carmichaels Blick, und dann Beklemmung, weil er natürlich dabei nur wieder an den Boogeyman denkt.
„… Keine Angst, er kommt heute Nacht schon nicht …!“, fügt Geraldine also noch hinzu, nur halblaut.
Ernie schweigt, und haut schnell ab.


Aber stimmt das auch, oder bleibt das nur ein frommer Wunsch? Also wieder ein GM Move: Das Orakel prophezeit ein weiteres Zufallsereignis. Dazu sagen die Karten, Command Equipment. Dazu weiß ich was — der Spuk hat letzte Nacht tatsächlich zugeschlagen, aber ganz anders als erwartet.

Als Geraldine am nächsten Morgen mit ihren dicken Stiefeln die Treppe herunter gepoltert kommt, ihr Bündel mit Schiefertafel und Büchern über der Schulter, sieht sie überrascht, dass eine Menschentraube sich im Erdgeschoss gebildet hat. Zwei Bauern sind hier rein marschiert, und pöbeln lautstark rum. Einer hat seine Reitgerte in den schwieligen Händen, wie um sich zusätzlich Respekt zu verschaffen. Die Amme ist puterrot angelaufen, so konsterniert ist sie. Hier gibt’s mächtig Ärger …!
Geraldine kapiert nach kurzem Zuhören endlich, warum die Farmer sich so erzürnen: Ihr Karren ist in der Nacht entführt worden, mit den Fässern und Säcken noch darauf geladen. Stundenlang haben sie nach dem Übeltäter gesucht. Hat offensichtlich nur aus Jux eine Runde um die nächtliche Stadt gedreht! Hat das total erschöpfte Pferd dann angeschirrt gelassen, und ist mir nichts, Dir nichts, wieder abgehauen! Die Hälfte der Ladung ist runter gepoltert auf der Freudenfahrt, und im Schlamm der Straßen gelandet. Da haben sich die Habenichtse in der Zeltstadt wohl gefreut! Und den Übeltäter auf dem Kutschbock, den hat man auch gesehen, einen kleinen, gewandten Kerl. Das schlammbespritzte Fuhrwerk hat er direkt neben dem Waisenhaus abgeparkt, als er genug davon hatte. Geraldine schlägt die Hände vor den Mund, als sie begreift, was die Farmer da sagen, und ihr Bündel poltert auf die Treppenstufen: Die meinen Timmy Derrick!
„… Das sieht dem ähnlich! Letzte Woche noch ist er auf dem Town Square gestellt worden, mit Jerry Futz‘ seinem geklauten Colt!“, poltert einer der Ankläger.
„Timmy Derrick!“, ruft die Amme empört, offensichtlich beinahe froh, nach dem Angeschrieen-werden jetzt selber wen anschreien zu können. Die vielen Waisenkinder weichen scheu zurück, um die Sicht auf den Beschuldigten in ihrer Mitte frei zu geben.
„War ich aber nicht! Ich hab‘ doch überhaupt nix gemacht!“, schreit Timmy entsetzt.
„Der kleine Rabauke!“, donnert der eine Bauer, „In die Einöde rausfahren würd‘ ich am liebsten mit dem, und ihn da aussetzen! Dann kanner ma‘ seh‘n! Den vermisst keiner, den Taugenichts!“
„Ich gab‘ nix gemacht!“, schreit Timmy, „War ich nich‘! Ihr Scheißer, boah, was für hundsdämliche Scheißer Ihr seid, das denkt Ihr Euch doch alles nur aus!“

Erwachsene rundheraus Scheißer zu nennen, das deeskaliert die Stimmung natürlich auch nicht im geringsten — und überhaupt, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!
Am Segelohr wird er nach draußen gezerrt, dieser Timmy Derrick! Und die beiden zornigen Bauern zwingen ihn, einmal um die ganze Stadt zu laufen, und alle verlorenen Teile aus der Ladung wieder einzusammeln. Und alle Fässchen und Säcke, welche die vielen Habenichtse in der Zeltstadt sich schon gekrallt haben, die soll er denen wieder abbetteln.
Geraldine und Katie Maurice laufen ins Freie, und gucken japsend den Bauern hinterher, und Timmy Derrick, dem kleinen Sünder, der vor ihnen her getrieben wird, obendrein unter lautstarkem Geschimpfe der Amme.
„… Der Blödian, wie konnte er nur!“, keucht Geraldine, „Dabei muss er doch jetzt zur Schule! Wir kommen eh schon zu spät, alle miteinander! So kriegt er ja nur noch mehr Ärger! Mit dem gemeinen Mister Delarney ist doch auch nicht gut Kirschen essen!“
Was für ein Spießrutenlauf!, findet auch Katie, ganz blass ist sie um ihr Näschen, zart besaitet wie sie ist, als sie Timmy in den morgendlichen Straßen verschwinden sehen.


Erst nach der Schule kriegt Geraldine Gelegenheit, Timmy über seine Schandtat von letzter Nacht auszuquetschen. Er ist — brodelnd vor Wut — erst zum Mittag im Schulhaus erschienen, und hat sich dadurch wie befürchtet gleich mal eine Standpauke vom blöden Aushilfslehrer abgeholt. In finsteres Schweigen gehüllt saß er für den Rest des Tages da, an seinem Pult, bis es endlich zum Unterrichtsschluss läutete. Jetzt schnappt Geraldine sich ihn, und zieht ihn am Ärmel um die Ecke des Schulhauses. Längst ist Abenddämmerung, und niemand sieht sie.
„Timmy Derrick! Was war nur in Dich gefahren?! Das wird ja immer schlimmer mit Deinen Missetaten!“
„Ich war‘s aber nicht!“, zischt der Bubi wütend zurück.
„Den Karren geklaut hast Du, und um ganz Gomorra drumrum gefahren! Das arme Pferd, nicht mal losgeschirrt hast Du’s hinterher!“
„War ich nicht!“
„Die Fußspuren im Schlamm haben aber von dem Karren direkt zu Deinem Fenster geführt, sagen die Großen! Passen auch zu Deiner Schuhgröße und allem!“
„War ich nicht, Du doofe Montmorency-Göre, warum glaubst Du mir nicht, Du Ziege, warum rede ich überhaupt mit Dir?! Wir machen doch jetzt gemeinsame Sache, wenigstens Du musst mir doch glauben, doofe Nuss?!“
„Timmy! Du schießt mit Deiner Zwille Hühner und Schweine kaputt! Du hast Shouting Tom fast ein Auge weggeschossen! Und am ärgsten: Du kannst keinen Satz sagen, ohne zu fluchen — sogar sonntags!“
„Na und?“, will er empört wissen.
„Wer soll Dir denn dann glauben, hä? Du kaust mit offenem Mund! Du suchst nach Ratten und Mardern, um sie Dir als Haustiere abzurichten! Du hast den Sweetrock-Sklaventreibern freiwillig geholfen, ihre Bergwerkstollen zu erkunden! Du bewirfst andere Kinder mit Matschepampe! Du leckst alles vorsorglich an, was Du essen willst, auch wenn’s Dir nicht gehört! Du hast Little Jack im Schnee eingegraben, und ihn da vergessen! Du schläfst mit Deinen Straßenschuhen an den Füßen! Du streust heimlich Chili in meinen Pfannkuchenteig! Du behauptest, Howard Findley sei der Landesvater der Nation! Du gibst kleineren Kindern Watschen an den Hinterkopf als herzliche Begrüßung! Du glaubst immer noch gelegentlich, mein Nachname sei Montmonty! Du sammelst getrocknete Kuhfladen!“
„Na ja, aber …?!“, versucht Timmy dazwischen zu grätschen.
Aber Geraldine ist in voller Fahrt, und redet weiter, „Du versuchst, Wasser zu trinken, indem Du‘s Dir in die Nasenlöcher gießt! Du hast einen platt gedrückten Frosch als Glücksbringer — und als Lesezeichen! Wenn Du’n Arsch voll kriegst, sagst Du hinterher, ‚Pah, war das etwa schon alles‘! Du klaust Wäsche von der Leine hinter dem Freudenhaus, und verkaufst sie stückweise an verzweifelte Schürfer! Du kullerst kleine Küken in den Straßengraben, mit der Seite von Deinem Schuh! Du wäschst alle Äpfel gründlich ab, bevor Du reinbeißt, aber immer nur in Pfützenwasser! Deine Ma hatte angeblich ihrerzeit den Spitznamen ‚Schweineschwarte‘! Du hast Jim’s Murmeln geklaut, und am Schluss lieber aufgegessen als sie wieder rauszurücken! Du zählst im Schlaf Wurstsorten auf! Du kicherst manchmal hinterlistig, ohne es zu merken! Du erzählst allen Kindern, der Weihnachtsmann sei ein Menschenfresser, und der Osterhase sei in Wirklichkeit ein dressiertes Frettchen! Du schreibst Blutwurst mit P, und Pfeffer mit F! Deine Ohren riechen nach Käse!“
Timmy Derrick macht Augen groß wie Kaffeetassen, er kommt bei ihrem Tempo nicht ganz mit, „Ich … ich glaub‘, ein paar von diesen Sachen hast Du Dir nur ausgedacht!“, stammelt er.
„Vielleicht, aber höchstens ein paar!“, endet sie triumphal, „Und jetzt sag‘ mir mal, bitteschön, wer Dir Lümmel glauben soll?“, und sie stampft mit dem Stiefel auf.
„Na … na Du, Montmorency! Sagte ich doch schon: Wir machen doch jetzt gemeinsame Sache! Bitte?“
„Oooch!“, entfährt es ihr zornig, und sie stemmt die Arme in die Hüften. Dann mustert sie Timmy Derrick, und lenkt ein, „Na gut. Weil Du so nett ‚bitte‘ gesagt hast! Und weil wir Kinder zusammenhalten müssen!“
„Ja genau! Gegen den Boogeyman! Der war‘s doch, Montmorency, der! Und der hat dem ollen Mistkäfer Jerry Futz auch neulich seine Knarre geklaut, und sie in den Matsch fallen lassen!“
Geraldine mustert Timmy misstrauisch. Ehrlich gesagt glaubt sie ihm das immer noch nicht so voll und ganz. Aber was soll’s: Sie wird ihm helfen, alles klar.
„Wir müssen den Boogeyman jagen“, sagt sie, tonlos, aber entschlossen.
« Letzte Änderung: 16.05.2026 | 13:36 von Schalter »

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #278 am: 30.05.2026 | 15:26 »
In der Nacht schleichen sie sich also aus ihren Schlafräumen, und gucken heimlich nach draußen durch die Fenster. Geraldine, Timmy, und Ernie. Um zu schauen, ob der Spuk dort draußen sich regt! Aber leise, nur leise, Kinderchen, denn wenn die Ammen das hören, dann gute Nacht! Alle drei sind nervös wie Hulle, die Herzen schlagen ihnen bis in die Hälse. Katie Maurice ist natürlich auch noch wach, aber sie wagt sich nicht aus ihrem Bett, sondern stellt sich schlafend. Das ist auch ganz recht so, Geraldine würde nicht wagen, die sensible Freundin noch tiefer mit rein in diese Sache zu ziehen.

Timmy wollte anfangs die geklaute Pistole holen, um den Boogeyman abzuschießen, aber Geraldine hatte es ihm strikt verboten. Schleichend in den ersten Stock zu kommen, und lautlos die Pistole von dem Balken ab zu friemeln, das würde garantiert die Ammen wecken! Von dem Knall ganz zu schweigen.
„… Vorerst müssen wir dahinter kommen, wer das überhaupt ist, und was er im Schilde führt!“, schärft sie wispernd den beiden Jungen ein.

Erstmal teilen sie sich auf, um mehr Seiten des Kinderheims gleichzeitig überwachen zu können, indem sie heimlich durch die Fenster nach draußen linsen. Wie voll von kleinen, unheimlichen Geräuschen die Winternacht doch ist, wenn man sich mal drauf konzentriert, finden die drei Schleicher. Das Gebälk des Waisenhauses arbeitet vor sich hin, mit ganz leisem Knarren, während der kalte Präriewind über der Ortsgrenze darüber hinweg fegt. Draußen schnauben gelegentlich Pferde und grunzen Schweine, und die Betrunkenen lallen in weiter Ferne, bei den Saloons und Schnapszelten. Einmal zerplatzt dort irgendwo eine Glasbuddel an einer Hausecke.

Hollywood-Logik gebietet an dieser Stelle natürlich, dass die Jagd in dieser Nacht erfolglos verläuft. Aber was sagen die Orakelwürfel dazu? An NPC Takes Action, ergibt ein GM Move. Eiderdaus, das kann nur eine sein:

Plötzlich Schritte aus dem Flur, und ein lautes Huch! Gerade, als die drei Racker Seite an Seite in der Küche kauern, und dort aus einem der Fenster spähen! Und was verjagen sie sich, als dieses Huch ertönt, und wie hastig fahren sie herum! Aber es ist kein Ungeheuer, nur ungeheures Geschimpfe ertönt nun, von der Amme in ihrem Nachthemd, natürlich nur in gedämpftem Ton, damit die ganzen anderen Kinder nicht auch noch wach werden. Rechtfertigungen und Ausflüchte will sie auch gar nicht hören, bloss zurück in Eure Betten mit Euch, Ihr Tunichtgute!

Geraldine hört aber im Rausgehen noch etwas von jenseits des Küchenfensters. Es rappelt leise in der Ferne, ganz so wie etwas, das dort durch die Nacht stakst, schnell weg — auf Beinen, die sehr geschickt sind, obwohl sie doch nur aus alten Stöckern sind! Ganz wie Ernie Carmichael behauptet …


Am nächsten Tag ist natürlich wieder Schule. Sieht so aus, als würde der fiese Mister Delarney heute das kleine Schandmaul Timmy Derrick insbesondere auf dem Kiecker haben. Jaha, der Herr Aushilfslehrer hat nämlich mittlerweile rausgekriegt, was genau vorletzte Nacht Timmy gemacht haben soll. Jetzt will er dem Fuhrwerke-entführenden Bengel seine Schandtaten austreiben. Also wird Timmy ordentlich Stoff abgefragt, und er muss mehrmals an der Tafel anschreiben! Alles Sachen, die er erwartungsgemäß eher scheiße hinbekommt, weil er natürlich nicht lernt, der Racker! Sieht aus als hätte Timmy jetzt einen ähnlich schlechten Ruf weg, wie der chronische Raufbold Ernie Carmichael ihn bereits hat!


„… Ich will überhaupt nichts dergleichen tun, Katie Maurice, das hier ist nicht das, was Du mit Recht ‚zu Kreuze kriechen‘ nennen kannst!“, empört sich Geraldine gerade, als sie am Nachmittag zu zweit die staubige Straße hinauf laufen, „Aber wenn schon die anderen Erwachsenen gerade zu nichts zu gebrauchen sind, dann vielleicht ein Gottesmann! Und bis wir nächsten Sonntag wieder zu Vater Juan raus gebracht werden, dauert‘s doch noch zu lange! Und dass wir alleine raus in die Prärie spazieren, zum Missionshaus, das verbietest Du ja!“
Katie nickt entschieden, und zieht das hübsche Näschen kraus.
„Siehste!“, endet Geraldine, „Dann haben wir jetzt hier unser Glück zu versuchen. Das mit der Konfession, das ist doch nur ein gelegen kommender Aufhänger! Ich weiß sonst nicht, wie ich’s anstellen soll.“
Sie sind vor der neugebauten Kirche stehen geblieben, die St. Martin‘s Chapel heißt. Links davon streitet gerade ein Schürfer lautstark mit zwei Huren über Geldangelegenheiten, rechts davon laden gerade ein paar zwielichtige Revolverhelden blaue Bohnen in die Trommeln ihrer Ballermänner nach.
Die beiden Mädchen laufen schnell zum Eingang der kleinen, hölzernen Kirche. Dort rennen sie fast in den neuen Pfarrer, der da grade raus kommt!
„… Sobald eine derartige Anschaffung also in Frage kommt, melde ich mich umgehend bei Ihnen, mein guter Mann!“, sagt der bullige Bärtige im Hinaustreten über seine Schulter zu einem jungen Schwarzen.
„Ist das nicht etwa Alvin, der ehemalige Charmeur unserer Joycelyn Lancaster?“, tuschelt Geraldine aufgeregt Katie zu, aber die traut sich nicht, was zu antworten, und guckt nur stumm die beiden Fremden an.
„In der City o‘ Lost Angels bauen sie großartige Orgeln, in jeder Größe!“, sagt der Musiker eifrig, „Ich habe sogar schon herausbekommen, wie man so etwas hierher liefern lassen könnte! Unsere Elisabeth King mit ihrer Kutsche von der Wells Fargo ist die Tüchtigkeit in Person, Sir!“
Die beiden verabschieden sich mit Händedruck, und der neue Reverend wünscht noch einen gesegneten Abend.
„Entschuldigung, Sir!“, platzt in dem Moment, als der Bärtige wieder in seine Kirche zurückgehen will, Geraldine heraus: „Ich hätte da eine Frage, wenn Ihre Zeit es zulässt!“
Der kompakte, grobschlächtige Mann wendet sich ihr zu, und zieht seine buschigen roten Brauen hoch. Er wirkt völlig anders als der sanftmütige Vater Juan. Er hat ein wildes Funkeln in seinen kleinen Augen, wie ein irrer Wüstenhund. Dennoch setzt er ein freundliches Lächeln auf: „Na, dann lass‘ mal hören, Kindelein!“



Heute nachmittag ist Simon MacPherson freundlich drauf, aber er kann auch anders, wie sich noch zeigen wird


„Oh, was ist das für ein ulkiger Akzent in dem Sie reden, Sir?“, fragt Geraldine unvermittelt, die sich für solche Dinge interessiert.
„Man hört mir das Schottische noch‘n wenig an, was?“, fragt der Reverend, seine Stimme ist tief und kratzig, in Geraldines Ohren klingt es, als würde er manche Silben überbetonen oder in die Länge ziehen. Sie hat ein Gefühl von leichtem Befremden, was die ganze Art des Reverend betrifft.
„Ein paar Jahre hier draußen in der Wildnis Kaliforniens, die werden dem vielleicht Abhilfe schaffen, so der Herrgott es will! Aber vielleicht auch nicht, uns Schotten ist’s nur schwerlich auszutreiben, was wir mal für gut befunden haben!“, und er lächelt breit, und irgendwie ein bisschen fies, mit seinen unregelmäßigen Zähnen.
„Ja, ähm! Sir, ich wollte mich mal erkundigen, ob es nicht schicklich wäre, wenn wir Kinder aus dem Waisenhaus nicht künftig in ihre Sonntagspredigt kämen! Also, zumindest jene, die nicht katholisch sind!“
„Ah, dieses! … Ja! Sorge Dich nicht, Kindelein, da habe ich doch schon mit Euren Frauen Aufseherinnen drüber geredet. Ab diesen Sonntag schon teilt Ihr Euch in zwei Gruppen auf. Bist Du Baptistin?“
„Eigentlich bin ich Presbyterianerin, Sir! Geraldine Montmorency, Sir. Ich komme von ganz weit her, vom malerischen Prince Edward Island!“
„Soso! Da hat’s auch einstmals viele meiner Landsleute hingezogen. Vielleicht sind wir ja sogar um neunzig Ecken verwandt, wir beide! Nun, ein jeder ist jedenfalls in meinem Gottesdienst willkommen! Ich hoffe, Du kannst meinen Predigten ein wenig abgewinnen, Kindelein, auch wenn bei Dir zuhause ein etwas anderer Ton angeschlagen worden sein mag vom Presbyterianischen Pfarrer.“
„Bestimmt, Sir“, versichert Geraldine artig, und deutet einen tollpatschigen Knicks an.
„Also bis Sonntag!“, sagt der Reverend, und abermals will er sich abwenden, und wieder rein gehen.
„Ähm, Sir, Mister Reverend?“, quakt Geraldine aufgeregt.
„Ja. Simon MacPherson! Das Reverend kannste Dir sparen, Kindelein, dann schon lieber Prediger.“
„Ja, verstanden. Äh, ich habe da noch eine Frage, Sir, also, Reverend, also, ähm, Prediger.“
„Ich bin ganz Ohr!“
„Ja, ähm. … Rundheraus gesprochen?“
„Gerne!“
„Aber sie müssen mir glauben! Sie dürfen nicht vermuten, ich phantasiere bloss, oder flunkere Sie an!“
„Warum sollte ich diese Vermutung haben?“
„Na ja, ähm, daheim in Bolingbroke, da war ich doch leider immer ‚Bauer Hammonds Hexen-Mädchen‘. Wegen der furchtbaren, roten Haare! Da hätte niemand für bare Münze genommen, was ich Ihnen zu berichten gezwungen bin, Prediger …“
„Wegen der roten Haare, ha!“, grinst Simon MacPherson, „Das Mittelalter ist doch wohl lange vorbei!“
Aber irgendetwas in seinem groben Gesicht vermittelt Geraldine den Eindruck, dass das nur so eine ulkige Floskel ist, und dass für diesen Gottesmann das Mittelalter durchaus nicht ganz und gar vorbei ist! Sie schluckt.
„Na ja, ich stand daheim bedauerlicherweise im Ruf einer Sabbeltante!“
„Wegen der roten Haare?“
„Ja. Na ja, auch. Und wegen dem Bauern Hammond. Ich weiß auch gar nicht, warum ich das erwähne, es muss mir so rausgerutscht sein. Aber die Sache ist ernst, Sir!“
„Die mit diesem Bauern Hammond …“
„Was? Nein, die unmittelbare Angelegenheit! Ein Gespenst geht um beim Waisenheim, Herr Prediger, und es ist kein geringeres Scheusal als der sprichwörtliche Boogeyman!“

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #279 am: 30.05.2026 | 20:32 »
Na, bei dieser Ansage ist der Reverend MacPherson wahrscheinlich in einem Zwiespalt. Laut seinem Profil im ‚Doomtown or Bust!‘-Quellenbuch müsste er zwar eigentlich sofort drauf anspringen, wenn ein Gemeindemitglied mit sowas bei ihm ankommt. Aufgrund dem merkwürdigen Bann des Boogeyman jedoch kann er das eigentlich nicht (DL-Grundbuch, S.158). Da muss Geraldine also mal Persuasion würfeln, und zwar mit dem bei der Monsterbeschreibung angegebenen Abzug. Und mit dem ist das Ergebnis dann auch ein Misserfolg, trotz dem Gratis-Reroll durch Geraldines Charismatic-Vorteil! Dann geht's dementsprechend weiter:

Der Reverend guckt verdutzt auf Geraldine herunter, mit schmalen Lippen. Dann schüttelt er ganz leicht den Kopf, seine funkelnden Augen scheinen geradewegs in sie rein gucken zu wollen.
„Was willste mir wirklich damit sagen, Kleene?“, fragt er dann misstrauisch.
„Aber …? Aber genau das, Herr Prediger! Es spukt, das ist ja in dieser Stadt hier keine Seltenheit, und …“
„Was hat‘s wirklich mit Dir auf sich, Kleene? Und mit diesem Bauernhof, wo Du gelebt hast, auf Prince Edward Island?“
„Das war noch bevor ich nach Prince Edward Island raus geschickt wurde, Sir, das war daheim in Nova Scotia. Ich bin, na ja, ziemlich viel rumgekommen, nachdem meine armen Eltern … na ja, aber die Sache jetzt, Prediger, die ist doch das Wichtige! Darum bin ich doch hier! Könnten Sie vielleicht, im Waisenhaus …“
„Diese Sache mit diesen Hammonds, die ist noch nicht ausgestanden“, sagt Reverend MacPherson gedankenvoll, „Das verfolgt Dich noch immer, Kleene. Merk‘ ich Dir ja an. … Haste Dir deswegen das mit dem Boogeyman ausgedacht …?“

Rot im Gesicht macht Geraldine sich schließlich mit Katie Maurice davon, nachdem sie noch ein bisschen sinnlos rumgedruckst hat. … Was für ein merkwürdiger Reverend! Einerseits schien er so scharfsinnig, und wirklich hilfsbereit, aber trotzdem wollte er ihr nicht glauben! Dabei hatte sie doch die Wahrheit gesagt!
„… Genau wie Ernie Carmichael uns berichtet hat“, schnaubt sie, „Keiner glaubt das alles! Nicht mal der kleine Mister Landers, der sonst alles weiß! Nicht mal der neue Pfarrer! Das war jetzt der letzte Versuch! Oh, Katie Maurice, wir sind wirklich und wahrhaftig auf uns selbst gestellt!“


Was gibt denn der nächste GM Move vor? Wir kriegen wieder, An NPC Takes Action. Dieser NPC wird diesmal natürlich der gesuchte Boogeyman sein, der sich bislang nicht beeindrucken lassen hat von der Jagd, welche unsere Heldin auf ihn ausgerufen hat! Immerhin ist es jetzt dunkel geworden, und das ist seine Zeit.

Geraldine kriegt also ordentlich Mecker, als sie im Waisenhaus eintrifft. Die Ammen fordern beide zu wissen, warum sie so lange getrödelt hat, statt nach der Schule direkt zurück zu kommen. Immerhin hat sie den Kinderfrauen nach Schulschluss auszuhelfen, als eine der Ältesten hier.
„… Und umso schlimmer, dieses Malheur in der Vorratskammer, das geht auch auf Deine Kappe, Geraldine Montmorency!“, schimpft die eine, „Also wirklich, alles was Du vorne richtig machst, das reißt Du hinten mit‘m Arsch wieder um! Überall muss man Dich beaufsichtigen!“
„Vorratskammer …?!“, fragt Geraldine. Sie wollte gerade Contra geben (das traut sie sich manchmal den Ammen gegenüber, weil sie weiß, dass die sie nun mal brauchen), aber dieser neue Vorwurf bringt sie ins Schleudern.
„Ja, dann komm‘ mal mit, sieh‘, was Du angerichtet hast!“, blafft die eine, und zieht Geraldine rüber zur Vorratskammer. Der Dielenboden ist patschnass — denn alle drei Milchkannen, die heute morgen dem Haus gespendet worden sind, liegen dort umgekippt!


Kurz darauf kriecht Geraldine also wütend in der Speisekammer herum, und schrubbt die Bretterdielen. Katie Maurice ist ein Engelein wie immer, sie ist zwar nicht bezichtigt worden, aber leistet der Freundin treu Gesellschaft.
„… Dabei weiß ich doch noch ganz genau, wie ich die Milchkannen heute morgen hier reingestellt habe!“, flüstert Geraldine ihr schrubbend zu, „Ich hab‘ sie reingeschleppt, und dort aufgestellt, auf die flache Kiste. Aber nicht etwa wackelig, so dass sie umkippen mussten! Das bilden sich diese beiden Sturmkrähen nur ein! So, jetzt habe ich’s gesagt, Sturmkrähen, oh nein … Das ist doch Sünde … Wir sollten den beiden dankbar sein, dass sie sich hier aufopfern für uns Kinderchen. Aber, Katie Maurice, ich insistiere: Ich habe genau geguckt, dass sie nicht wackelig standen!“
Katie Maurice mustert die leeren Kannen, nicht ohne einen Anflug von Zweifel.
„Doch, wirklich, Katie, ich beschwöre Dich“, sagt Geraldine leidenschaftlich, und hört zu schrubben auf, „Du musst mir glauben! Ja doch, gewiss waren wir in Eile, weil wir los mussten zur Schule, und ja, ich habe mich erbost über die blöde Schlepperei! Aber dennoch trage ich keine Schuld für das Malheur! Diesmal.“
Katie sitzt auf ihrem Fass, die zierlichen Händchen im Schoss gefaltet, mustert Geraldine, und seufzt tief.
„Ja, ich weiß ja“, sagt diese zerknirscht und schrubbt weiter, „Du denkst, mein Ruf steht noch auf der Kippe. Ich erlaube mir schon so viele Schnitzer durch meine Waghalsigkeit und meine Träumereien und meine Unzuverlässigkeit. Das denkst Du! Aber ich sage Dir was“, und sie gestikuliert mit der Bürste in Richtung der Freundin, „Bei unseren beiden werten Ammen ist mein Ansehen doch längst dahin! Ich kann sie hier unterstützen soviel ich will, die halten mich doch im Grunde schon für einen hoffnungslosen Fall! Aber die Schule, Katie, und die Kirche, und das Collegium der Interräumlichen Physik, und überhaupt, die ganze Stadt! Da gibt’s jede Menge Leute, die noch eine hohe Meinung von mir haben! Und der berühmte Luca Byrd natürlich, und seine heldenhaften Verbündeten! Ich darf es mir hier nicht weiter verscherzen. Und das hier“, und sie gestikuliert dramatisch vor sich, „Das war nun wirklich nicht mein Fehler! … Es war unser erbitterter Gegner, Katie Maurice.“
Bei diesem Satz fährt sie auf, und schaut zum kleinen Speisekammerfenster: „Ja, natürlich! Wir lassen hier doch immer das Fenster einen spaltbreit auf, damit die Winterluft alles kühl hält! Dort muss der Boogeyman eingestiegen sein. Die geschenkten Milchkannen hat er umgetreten! Genau drauf geachtet hat er, dass auch alles auskippt! Oh, welch ein Schuft! Und diesmal bin ich’s, der seine Missetaten angelastet werden, nicht Ernie Carmichael oder Timmy Derrick!“
Sie sehen sich an.
Geraldine atmet tief durch, und sagt ängstlich, „Ich darf nicht als ebenso ein Rotzbalg dastehen wie diese beiden! Gerade für mich ist das gefährlich! Dann könnte ich’s vergessen, hier bald wieder hinaus zu kommen! Dann muss auch ich bald für die Sweetrock Mining Company durch dreckige Minenschächte kreuchen, wie Timmy Derrick vor kurzem, und mit bloßen Fingern den teuren Ghost Rock für die aus dem Stein brökeln! Denk‘ nur, meine Liebste …“
„So schlecht war das gar nicht!“, zischt plötzlich die Stimme von Timmy. Geraldine fährt zusammen, und guckt mit fliegenden Zöpfen rüber zur Tür.
Ganz recht, da hat sich der segelohrige Lausbub hingekauert, und linst heimlich nach drinnen.
„Was machst Du da, Du Plapperschnute?“, flüstert er grinsend, „Tust Du Dir wohl selber leid, was?“
„Wie kommst Du da drauf? Weil ich mich in meiner Schande auch noch der Vorstellung erwehren muss, ähnlich auf die schiefe Bahn zu geraten wie Du, Du kleiner Ausreißer?“, zischt sie ärgerlich zurück.
„So schlimm war das gar nicht mit denen da, von der Sweetrock. Ganz tolle Schießeisen hatten die. Ich konnte das mächtig gut, in den Stollen da! Nur am Schluss …“
„Am Schluss wollten diese Verbrecher Dich den Walkin‘ Dead vorwerfen! Gerettet werden musstest Du, von meinen großen Freunden! Ins Waisenhaus zurück musstest Du gezerrt werden! Ich weiß das noch ganz genau!“
„Kein Grund, sich hier selber leid zu tun, während Du das kurz mal aufwischen musst. Nicht über verschüttete Milch weinen, heißt‘s doch, Du doofe Nuss!“
Geraldine richtet sich auf die Knie auf und stemmt empört die Hände in die Seiten, „Werd‘ jetzt bloss nicht frech, Timmy Derrick, schon gar nicht, wenn Du willst, dass ich Dir weiterhin helfe. Hier sind drei volle Kannen gespendete Milch ins Holz gesickert! Überall ist Rahm zwischen den Fugen! So eine Schweinerei!“
„Wir müssen den Boogeyman unbedingt fangen!“, flüstert Timmy, jetzt mit ernstem Gesicht, furchtsam, „Das wird jede Nacht so weiter gehen! Vielleicht kommt er doch an Carmichaels Fenster ran, wer weiß? Und schnappt zu, Montmorency! Er schnappt ihn!“
„Niemals!“, zischt sie zornig, „Mir fällt schon was ein! Verlass‘ Dich drauf, Du Bengel!“
Er murrt, „Hat ja toll geklappt, letzte Nacht. 'N Anschiss haben wir gekriegt. Wisch‘ Du mal schnell die fünfhundert Liter Milch auf, bevor die zu müffeln anfängt.“
Klatsch, bekommt Timmy einen nassen Putzlappen ins Gesicht gepfeffert, durch den Türspalt, äußerst präzise.


Also zack, wieder den nächsten GM Move gemacht: Diesmal soll ein Zufallsereignis kommen, und in den Orakelkarten steht: Mystically Reveal a social Community. Das passt haargenau zu einer Szenen-Idee, die ich für später aufgehoben hatte. Dann kommt die also jetzt:

Auch in dieser Nacht ist es unmöglich, dem Boogeyman nachzustellen, allein schon deswegen, weil die Ammen Geraldine nach ihrer angeblichen Ungeschicklichkeit — und dem unerlaubten Küchen-Ausflug vergangene Nacht — genauestens im Blick behalten. Also nach der Putzerei sofort ab zum Schularbeiten machen, und dann sofort ab ins Bett. Da liegt sie nun, zur Tatenlosigkeit gezwungen. Um sie herum das Rumoren und Quengeln der anderen Kinder im Schlafraum, und in den Nebenzimmern. Ohne dass sie es bewusst merkt, beginnen sich für sie wieder Vergangenheit und Gegenwart zu vermischen, Erinnerung und Augenblick, Fantasie und Wirklichkeit. Sie ist überzeugt, die hohen, grauen Mauerwände des großen, kühlen Schlafsaals im Hopetown-Waisenhaus in Nova Scotia umgeben sie. Sie kann die Rundbögen der Saaleingänge genau sehen. Das ist, als wäre sie nie von dort weg gekommen, und als wären all die aufregenden Ereignisse der letzten Zeit nur Träumereien gewesen. Über diesen Gedanken gleitet sie schließlich hinein in den Schlaf.

Soundtrack: Pascal Schumacher, Drops
https://www.youtube.com/watch?v=qyII_f9wBHo

Dann ist da eine große, weiße Schleiereule, die über sie hinweg fliegt. Geraldine läuft der weißen Eule fasziniert hinterher, in diesen Traum hinein, der sie aus dem ärmlichen Schlafsaal hinaus führt und hinein in ein seltsames Anderswo. Ihr schlafender Verstand weiß in diesem Moment, dass er träumt. Sonst geht ihr das eigentlich nie so. Sie hat ja selbst im Wachzustand manchmal Schwierigkeiten, zwischen Gegenwart und Erinnerung zu unterscheiden!
„… Nicht so schnell wegfliegen, Mister Bird!“, ruft sie der Eule nach, „Sie hängen mich sonst noch ab, hier mitten in diesem … diesem …“
Zwar weiß sie nicht, wie sie die Traumlandschaft zu nennen hat, durch die sie sich bewegt. Aber da sie weiß, dass sie träumt, weiß sie auch, dass sie die Schleiereule nicht verlieren wird. Also rennt sie immer weiter.
Schließlich steht da eine Frau, und die sieht sich einsam in der Prärie um. Ja, die nächtliche Prärie um Gomorra muss das hier sein, oder sowas ähnliches. Geraldine kommt neugierig näher auf die Frau zu. Ihrer beider Haare wehen im Wind, und Geraldines Nachthemd. Die Frau ist rothaarig.
„Ich treffe in letzter Zeit ziemlich viele Leute, die auch rote Haare haben!“, bemerkt Geraldine zu sich selbst.
Nicht nur die Haare der Frau wehen im Wind, sondern auch ganz viele dünne kupferne und silberne Fäden, deren Enden ihr ins Gesicht geklebt sind, mit runden weißen Dingern aus unbekanntem Material. Die Enden der metallischen Fäden verschwinden geisterhaft im unwirklichen Nachthimmel, irgendwo hin.
„Guten Tag!“, sagt Geraldine höflich zur Begrüßung.
„Guten Tag“, sagt die Frau, und sieht sich weiterhin ratlos um.
„Oder vielmehr sollte ich sagen, gute Nacht“, stellt das Mädchen klar, „Denn es scheint genau genommen Nacht um uns zu sein.“
„M-hm“, sagt die Fremde abgelenkt.
„Sie sind aber hübsch! Bei Ihnen sehen die roten Haare gar nicht schlimm aus!“, bemerkt Geraldine höflich.
„Ja, danke, Herzchen. … Sag‘ doch mal, hast Du vielleicht einen pummeligen, kleinen Kerl gesehen mit schwarzen Locken und dicken Augenbrauen? Einer mit richtig schlechten Manieren?“
„Sie haben einen ganz komischen Dialekt! Wo kommt der her? Schottland?“, fragt das Mädchen verträumt.
„New York, Herzchen. Aber jetzt sag‘ doch mal?“
„Ohh, New York, im Bundesstaate New York? Dann sind sie ja weit gereist, Madam!“
„Wieso?“, fragt sie, ihre Stimme ist ziemlich kaputt, und könnte wahrscheinlich ordentlich barsch und nervig klingen, wenn sie’s drauf anlegen würde. Jetzt grade klingt sie etwas weggetreten.
„Weil hier doch Gomorra, Kalifornien, ist! Sie sind über den gesamten nordamerikanischen Kontinent hinweg gereist!“
„Oh“, sagt sie dumpf, „Das ist dann wahrscheinlich nicht gut. Und der kleine Dicke? Hast Du den gesehen? Oder so vier andere Jungs?“
„Nein, Madam!“
Die junge Frau rückt an ihrer Brille, und fasst Geraldine nun erstmals näher ins Auge. Die Dame muss sehr reich sein, so groß und so dick wie diese Brille ist. Geraldine weiß, was Brillengläser kosten, und wie schwierig sie zu machen sind.
„Kenn‘ ich Dich nicht irgendwo her?“
„Ausgeschlossen, Ma‘am! In New York im Staate New York war ich noch niemals!“
„Du redest auch so altmodisch! Bist Du … von irgendeinem … Buch-Einband oder so? … Hast Du nicht normalerweise einen Strohhut auf?“
„Oh! Ja, Ma‘am, na klar! Woher wissen Sie das denn, mit meinem geliebten Strohhut?“
„Dein Gesicht kommt mir eben bekannt vor. Und ich bin ziemlich gut in Vorahnungen, musst Du wissen. Jetzt gerade sowieso. Mein träumender Verstand ist wahrscheinlich noch hellsichtiger …“
„Also träumen Sie auch gerade?“
„Gewissermaßen. Also, ja und nein. Wir haben uns in eine Visualisierung versetzt, von … ähm … Mist, ich kann das nicht so gut erklären. Na, egal … Hast Du jetzt meine Kollegen gesehen, oder nicht?“
„Kollegen … sind Sie vom Collegium für Interräumliche Physik?“
„Interräumlich, ja ja, so kann man das nennen. Und Physik, das sowieso. Mist, aber ich glaub‘, ich hab‘ mich verirrt. Hier ist Fehlanzeige.“
„Was bedeutet 'Fehlanzeige', Ma'am? Hier ist Gomorra!“
„Gomorrah, müsstest Du nicht … woanders, was weiß ich … Ach, unerheblich, also hast Du meine Kollegen jetzt gesehen? Müssten solche T-Shirts tragen wie ich, mit dem Firmenlogo. Ist ziemlich wichtig, weißt Du, Herzchen. Der ganze Job hängt da dran, und eigentlich sogar noch mehr als das …“
„Was ist denn Ihr Job?“, fragt Geraldine fasziniert.
„Wir jagen den Boogeyman.“
Geraldine fährt heftig zusammen: „Sie … Sie etwa auch?!“
Jetzt mustert die Dame sie wieder genauer, „Ja, Herzchen. Ist ein Experiment. Ist der Dir etwa auch erschienen? Hast Du irgendwo eine Spur? Denk‘ mal scharf nach. Ist echt wichtig. Vielleicht kam er aus Deinem Kleiderschrank?“
„Kleiderschrank? Nee, das nicht, Ma‘am. Ich hab‘ ja keinen Kleiderschrank im Waisenhaus. Das Mistviech kommt nachts an die Fenster! Aber … Sie glauben daran?!“
„Wir sind immer bereit, den Worten unserer Kunden Glauben zu schenken“, sagt sie trocken, es klingt wie ein Satz, den sie schon so oft gesagt hat, dass er automatisch über ihre Lippen kommt.
„Aber … Sie sind eine Erwachsene, Ma‘am!“
„Das ist egal … mein träumender Verstand begreift viel mehr, als mein Bewusstsein im Wachzustand, glaube ich. Ich … ich werde meine Liebe hierbei verlieren. Bei dem ganzen hier“, und als sie das sagt, klingt ihre Stimme furchtbar traurig.



Eine rothaarige Frau in Geraldines Traum


Geraldine schlägt die Hände vor den Mund, und fragt bestürzt, „Wie meinen Sie das, Ma‘am?!“
„Äh … Mein waches Selbst kapiert das noch lange nicht, aber der Typ hat eine schwere Kindheits-Macke, und dies alles hier wird ihn so sehr aufrütteln, dass er sich von mir wieder abwenden wird. Ganz bald. Und meine Fresse, was war das schwer gewesen, mir den Macker zu angeln …“
„Das alles hier …? Diese Jagd auf den Boogeyman?“
„Ja. Wir sind gerade auf künstlich erzeugter Geistreise in die Welt des Boogeymans. Weißt Du, Kleine? Eine Welt der Allegorien hinter den Schranktüren. Dadurch kommt er in New Yorks Kinderzimmer. Diese komische Parallel-Welt, die verbindet alles. Wir müssen ihn einfangen. Hier irgendwo sind hoffentlich Hinweise zu finden …“
„Sind Sie dann sicher, dass Sie hier richtig sind?! Hier ist doch die Westküste!“
„Das spielt doch keine Rolle, Herzchen. Hier sind Zeit und Raum völlig scheißegal.“
„Was kann man denn gegen den tun?“
„Na ja, wenn man ihn irgendwie finden kann, kann man ihn sicherlich auch wegzappen.“
„Was ist wegzappen? Ich muss das wissen!“
„Na, Wissenschaft … würd‘s Dir erklären, aber eigentlich drücke ich selber immer nur die richtigen Knöpfe, nicht mehr, nicht weniger.“
„Sie machen das in Wirklichkeit alles nur wegen diesem Kerl, den sie da lieben?“
„Ursprünglich, vielleicht. Mittlerweile, nee, nicht mehr … Die Sache selber ist mittlerweile so wichtig geworden ... Und Du?“
„Ich? Ich, Ma‘am, ich habe einen ganz verzweifelten Wunsch. Ich will doch einfach nur wo hingehören!“
„Glaube ich nicht … Du bist, glaube ich, tief drin so ähnlich wie ich …“
„Wirklich wahr?“
„Klar … Die Sache selber ist mittlerweile wichtiger geworden … sonst hättest Du ja in Deinem Buch bleiben können …“
„Was denn für‘n Buch?!“
„… Ich glaube, Fehlanzeige, ich hab‘ mich hier verirrt. Ich muss jetzt weiter suchen“, sagt die fremde Frau.

Die Schleiereule fliegt hoch über ihnen hinweg, durch den Sternenhimmel.

Geraldine fährt keuchend auf. Das war nur ein Traum! Das hier ist das Hopetown-Waisenhaus. … Nein! Das hier ist Gomorra!
„Raum und Zeit …?“, wispert sie gebannt in die Stille des Schlafraumes.
« Letzte Änderung: 30.05.2026 | 20:51 von Schalter »

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #280 am: 6.06.2026 | 13:53 »
Dieses kleine transdimensionale Crossover mag Geraldine verblüfft haben, aber es hilft ihr nur wenig, zumal die Details der Traumvision im Verlauf des Tages auch schwer für sie greifbar werden. Was ihr jedoch deutlich in Erinnerung bleibt, ist, dass die fremde, rothaarige Frau von Wissenschaft gesprochen hat, als das Mittel, um den Boogeyman zu besiegen.

Dann machen wir einen neuen GM Move, und der sagt diesmal, Foreshadow Trouble. Dazu weiß ich gleich was, das machen wir vielleicht mal so:

Als die Ammen die Waisenkinder aufwecken, haben sie schon die frohe Neuigkeit auf den Lippen: „… Heute müsst Ihr ganz besonders artig sein, Kinder! Und zwar sowohl in der Schule, als auch hinterher. Kein Trödeln, und keine Raufereien! Denn heute haben Mr. und Mrs. Woodford ihren Besuch bei uns angekündigt! Denkt nur, Kinder! Ja ja, heute Nachmittag stehen die Woodfords hier auf der Matte, da müsst Ihr alle Euer bestes Betragen zeigen!“
„Aber ich muss zum Collegium …!“, keucht Geraldine, während sie übereilt versucht, ihren Kopf durch den Kragenausschnitt ihres schäbigen braunen Kleids zu zwängen. Dabei bleibt sie leider stecken.
„Ach, papperlapapp!“, versetzt die eine Amme genervt, „Wo glaubst Du, hin zu müssen? Sprich‘ ordentlich!“
„Ins Collegium!“, tönt es hektisch aus dem braunen Stoff.
Die Kinderfrau rollt die Augen und sagt, „Erbarmung …!“, während sie das magere Mädchen mit dem Rücken zu sich dreht, und die Knöpfe im Nacken des braunen Kleids löst, „Zieh‘ Dich ordentlich an! Du machst noch Dein Kleid kaputt mit Deiner Hektik, Du achtloses Trampeltier.“
Geraldines zerwühlter Kopf erscheint, und sie plappert sogleich drauflos, „Keine Zeit, keine Zeit, ich muss mich dann doch extra beeilen, ich muss auch noch den Kleineren beim Anziehen helfen, und dann muss ich eben auf dem Schulweg noch ins Collegium der Interräumlichen Physik …“
„Papperlapapp! Was wolltest Du denn da bei diesen Damen und Herren?!“
„Ich muss ihre Bibliothek benutzen!“
„Aber nicht heute, Geraldine Montmorency! Heute wird pünktlich zur Schule gegangen, und umso pünktlicher wieder zurückgelaufen, und alles und jeder wird vorzeigbar gemacht! Hörst Du?“
„Aber, gnä' Frau, es gibt doch keine Steigerung von pünktlich!“, labert Geraldine aufgeregt, während sie mit einem Fuß in einen Stiefel schlüpft und gleichzeitig Klein Josie einfängt, um sie in ihre Strumpfhosen zu stecken, „Ich habe hier eine Sache von äußerster Dringlichkeit zu klären, eine exo-stenzielle Angelegenheit, Ma'am, wie man so sagt, und alles hängt davon ab, dass ich heute in der Bibliothek der städtischen Gelehrten …“
„Dass Dir ein- oder zweimal gestattet war, den Herrschaften beim Büchersortieren zu helfen, heißt nicht, dass Du dort einfach vorbei schneien darfst wie's Dir passt! Schon gar nicht unangemeldet! Das sind sehr reiche, sehr beschäftigte Herrschaften dort. Und heute kommst Du sogleich nach der Schule hierher! Wehe, Du lässt die Woodfords warten! Die sind nämlich auch sehr reich und beschäftigt. Ist das jetzt klar geworden?“
Klar wie Kloßbrühe ist das, und Geraldine presst hilflos die Lippen aufeinander, sie weiß nur zu gut, dass sie sich derzeit nichts weiteres herausnehmen kann. Aber sie muss doch auch Ernie Carmichael retten! Aber wie soll sie den Ammen erklären, dass sie von einer Wissenschaftler-Frau geträumt hat, die sie auf eine Idee gebracht hat?!


Was sagen die Orakelwürfel als nächstes? Wieder an NPC Acts Suddely. Wunderbar, das war ja die ganze Zeit schon in der Warteschleife:

Kurz bevor Geraldine mit der in der Morgenkälte bibbernden Traube aus Kindern das Schulhaus erreicht, tritt eine Gestalt zwischen zwei Fässerstapeln hervor, und schneidet ihr breitbeinig den Weg ab! Sie erschrickt, als sie in sein überhebliches Gesicht sieht: Der Revolverheld Clell Miller. Er muss ihnen hier aufgelauert haben!
„Was stehst Du da so blöd im Weg, Clell Miller? Geh‘ mal weg, ich will zum Unterricht!“, presst sie hervor, und ärgert sich eine Sekunde später darüber, wie furchtsam ihre Stimme dabei leider klingt.
Der Teenager Clell Miller setzt sein überhebliches Lächeln wieder auf, er bildet sich offensichtlich ein, jetzt gewonnen zu haben.
„Guten Morgen sagt man, Du Quatschtriene!“, grinst er, „Hast Du keine Manieren? Zeig‘ etwas Respekt!“
„Vor Dir, Du Kinderschreck? Was stehst Du da so rum? Was grinst Du so blöd? Warum bist Du so albern angezogen? Willst Du noch auf eine Kirmes?“
„Ich bin immer im Anzug, seit ich nicht mehr von Euch Bälgern umgeben bin, die im Schlamm spielen! Ein Mann muss auf sein Äußeres achten.“
„Und überhaupt, sag' nicht Quatschtriene zu mir. Sonst rufe ich …“
„Schreist Du dann um Hilfe, Quatschtriene? Sind aber hier nur erbärmliche Kleinkinder um mich rum, wie ich sehen muss! Euch kann ich allen aus großer Höhe auf den Kopf spucken! Sag‘ Du mal nicht Kinderschreck zu mir. Zeig‘ bloss Respekt, wenn Du mit einem Erwachsenen redest!“
„Lass‘ mich in Ruhe, Clell Miller! Bis vor Kurzem warst Du noch ein kleiner Waisenjunge wie wir anderen, und warst nett und höflich! Ich hab‘s von den Großen gehört. Und jetzt tust Du so, als wärst Du plötzlich ein zu klein geratener Jim MacNeil!“
Ich stell‘ hier die Fragen, Montmorency.“
„Das war überhaupt keine Frage, sondern eine Aussage!“, faucht Geraldine, mittlerweile blassrosa im Gesicht vor Anspannung und Wut.
Miller lässt sich von Logik nicht beirren, „Wo ist das kleine Scheusal, Timmy Derrick? Der kleine Dieb, hä? Ich hatte Euch neulich doch schon gestellt!“
„Was weiß ich!“, schreit Geraldine ihn an, „Glaubst Du, ich habe den in der Schürzentasche? Glaubst Du, der steckt in meinem Geschichtsbuch, platt gedrückt wie ein Frosch, als Lesezeichen?“
„Hör‘ auf, rumzuschreien!“, entgegnet Clell Miller, aber jetzt auch unnötig laut, „Oder ich ziehe hier ganz andere Saiten auf!“

Wie geht das hier aus? Dafür brauchen wir mal sein Profil. Setzen wir ihn mal folgendermaßen um aus dem Doomtown-TCG:


🌵Clell Miller
Attributes: Agility d8, Smarts d6, Spirit d8, Strength d6, Vigor d6
Skills: Athletics d8, Common Knowledge d6, Fighting d6, Intimidation d6, Notice d6, Persuasion d6, Riding d4, Shooting d10, Stealth d6, Taunt d8, Thievery d4
Pace: 6; Parry: 5; Toughness: 5
Hindrances: Arrogant (Ex-orphan boy, now turned into a big shot gunslinger), Driven (Minor: Make a name for himself in Gomorra), Stubborn (Actin’ tough), Thin-Skinned (Minor)
Edges: Ambidextrous, Guts, Quick, Rapid Fire
Gear: Two Colt Peacemakers and ammo, knife, old pocket watch


Clell würfelt also Intimidation, bringt aber nur eine lumpige Vier auf die Waage. Geraldines Spirit-W8 setzt aber auch nur eine Vier dagegen, in solchem Fall gewinnt sie, wenn auch ultra-knapp.

„Saiten aufziehen, das kannst Du in Sam‘s General Store, Miller, da gibt’s gerade ein paar Saiteninstrumente zum Verkauf! Dann lernst Du mal was Ordentliches, und musst hier nicht als Revolverheld herumprotzen, und kleine Mädchen bedrohen!“, stößt sie hervor, aber leider alles andere als souverän, mit hochrotem Kopf.

Leider habe ich ihr keinen Taunt-Würfel gegeben, und Unskilled scheitert ihr Verspottungs-Versuch kläglich (trotz Clell‘s Thin Skinned-Nachteil).

„Jetzt hör‘ mal zu, Du kleine Bratze!“, schnarrt dieser, „Timmy Derrick hat einen Colt gestohlen! Die Law Dogs holen den diesmal ganz sicher ab, für seine Verfehlungen! Da kommt der nicht mit 'nem Arsch voll davon, diesmal hat er den Bogen überspannt! Und Du, Du steckst mit dem unter einer Decke, und ich sorg‘ dafür, dass Dir genauso das Fell über die Ohren gezogen wird!“

Jetzt erreicht er eine Acht bei Intimidation, und Geraldine würfelt nur eine Sieben bei Spirit. Das zieht, man sieht es ihr an.

„Das machst Du nicht! Lass‘ mich in Ruhe!“, japst sie nur, und versucht jetzt mal, um Miller herum zu wieseln, um davon zu kommen.
„Ich kann Dich auch gleich zu Sheriff Coleman schleifen, als Tatverdächtige!“, setzt der noch einen drauf, und packt sie am dünnen Arm.

Sein nächster Intimidation-Wurf ist aber nur ein Minimalerfolg, und Geraldine wird abermals nur Distracted davon.

Sie reißt sich los, und versucht mit einem Agility-Wurf einfach wegzurennen. Eine Zwölf bleibt ihr als Resultat, Fersengeld geben kann sie prima! Clell rennt wütend hinterher, aber erreicht nur eine Fünf bei Agility. Damit hat sie ein Raise, und rennt einen weiten Bogen über den Town Square, suggeriert dem Verfolger, dass sie gen Hafen weiterrennt, aber schlägt in der Menge einen Haken — um natürlich stattdessen zur Schule zurückzukehren, und noch vor Unterrichtsbeginn ist sie dort drin!


Am Nachmittag ist es schon dunkel draußen, als die Kinder von der Schule zurück sind. Die Ammen sind schon maximal am Wirbeln, um das karge, neue Waisenhaus präsentabel zu machen. Geraldine wurde direkt nach Eintreffen in die Küche abkommandiert. Die jüngere der beiden Kinderfrauen, Miss Rosaly, backt hektisch Brote, und braucht dafür unbedingt Geraldines Hilfe. Draußen laufen schon die Waisen zusammen und hantieren mit ihren Gesangbüchern.
„… Gleich sind die Herrschaften da! Wir sind nicht gut in der Zeit, der Ofen wird zu langsam warm. … Sieh‘ Dich nur an, Geraldine Montmorency, schon wieder voller Mehl! Das schöne Kleid!“
„Sie dürfen nicht das Feuerholz vom Stapel nehmen, das ist noch ein wenig feucht“, sagt Geraldine eifrig, „Ich hole noch zwei Scheite aus dem Vorraum, die sind trockener!“
„Ja, nein! Untersteh‘ Dich, jetzt wegzulaufen, wir sind noch nicht fertig! Und wie Du wieder aussiehst, so kann man Dich eigentlich gar nicht vorstellen!“
Draußen wird das Gelärme noch lauter und hektischer, während die andere Amme die Rasselbande dazu bringt, sich in Formation aufzustellen.
„Vielleicht sollte ich …“
„Gar nichts, schhht, Du gehorchst bloss besser. Hier, fass‘ mal mit an. Wir sind hier noch nicht fertig. Ach Herrje, ich glaube ich höre schon jemanden am Eingang. Da sind sie. Hier, Du nimm' diese Seite vom Backblech.“
„Vielleicht sollte ich jetzt wirklich …“, sagt Geraldine, aber sie verstummt und hebt den Kopf und lauscht in Richtung Eingangstür. Tatsächlich, Stiefeltritte und Stimmen! Und sie steht noch gar nicht mit in der kleinen Halle, beim großen Antreten zur Beschauung. Sie sieht Miss Rosaly von der Seite an, während sie hilft, das Backblech mit zweien der Brotlaibe in den Ofen zu schieben, und glaubt zu verstehen, was in der Amme vorgeht. Miss Rosaly hat sich an Geraldines helfende Hände so sehr gewöhnt, dass sie das Mädchen absichtlich hier drin aufhalten will. Wenn's nach der Amme ginge, dann steht Geraldine gleich gar nicht mit in der Formation, um das Kirchenlied zu singen zur Begrüßung der Besucher, sondern hantiert einfach weiterhin hier in der Küche. Sie ist ja eh schon elf Jahre alt, also ist das ein bisschen unwahrscheinlich, dass sich ihr überhaupt noch jemand annimmt. Da kann man diese Geraldine lieber als Helferin dabehalten, um das tägliche Arbeitspensum besser zu schaffen, das denkt Miss Rosaly wohl. Ein hoffnungsloser Fall ist sie, das denkt die Amme von ihr! Schon kommt das Ehepaar Woodford herein, und es gibt ein großes Hallo und Angebiedere. Lothar Woodford ist immerhin Geologe bei der Sweetrock Mining Company. Und die Woodfords sind kinderlos, und wollen sich möglicherweise wen adoptieren, so heißt es schon seit Wochen, wenn ihnen nur gefällt, was sie hier sehen!
« Letzte Änderung: 6.06.2026 | 15:55 von Schalter »

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Re: [Deadlands] Savage West Solo Play
« Antwort #281 am: 7.06.2026 | 19:23 »
Im letzten Moment schiebt auch Geraldine sich noch zwischen die anderen Kinder dazwischen, als nach dem Kirchenlied alle eine Reihe gebildet haben. Hastig wischt sie sich noch etwas Mehl von der Wange, und setzt ihr schönstes Lächeln auf. Das reiche Ehepaar Woodford schreitet die Reihe ab, und die Herrschaften mustern alle Kinder ganz genau. Steven die kleine Petze scheint es den Woofords ziemlich angetan zu haben, dem stellen sie etwas länger ihre Fragen. Steven antwortet treuherzig. Schließlich guckt Mrs. Woodford ihm in den Mund — wie einem Gaul auf dem Pferdemarkt! Daraufhin lassen sie ihn stehen und gehen weiter. Waren denen seine Zähne zu gelblich? Geraldines Lächeln gefriert allmählich auf ihrem Gesicht, ganz unwillkürlich. Immerhin arbeitet der Herr Geologe für die Sweetrock, und damit für Howard Findley höchstpersönlich, und von Joycelyn und Luca weiß sie, was für Leute das eigentlich sind in dieser ach-so-fürsorglichen Firma! Und sollte deren Wahl nun auf sie treffen, Geraldine Montmorency, ist sie zwar nicht mehr heimatlos, aber dafür ein Sweetrock-Bonzenkind! Wäre das überhaupt gut? Ihre Hände schwitzen. Plötzlich wünscht sie sich in die Küche zurück, nun denkt sie, Miss Rosaly hätte sie ruhig doch noch länger aufhalten dürfen. Wenn Geraldine nun von dem Sweetrock-Ehepaar adoptiert werden sollte, was wird dann aus Ernie Carmichael und Timmy Derrick? Dann ist nämlich die Jagd auf den Boogeyman zuende, und überhaupt die ganzen Abenteuer!

Wie geht diese Szene denn aus? Ein GM Move sagt, Advance a Threat! Ist damit die Gefahr für Geraldines Ruf gemeint, welche von den Streichen des Boogeyman ausgeht? Oder ist es die Gefahr, dass tatsächlich das Sweetrock-Ehepaar sie mitnehmen wollen könnte? Die Orakelwürfel kullern, und entscheiden, ersteres. Als dann:

„Na, Du bist ja ein hübsches Kind“, sagt Mrs. Woodford höflich zu Geraldine, „Wie heißt denn Du?“, und sie wischt ihr mit ihrem Spitzentaschentuch etwas Mehl von der Nasenspitze, das sie selbst noch übersehen hatte.
Da antwortet plötzlich Miss Rosaly, die Amme, und sagt schnell, „Das ist unsere Geraldine Montmorency, aus Kanada. Sie hilft uns hier nach Leibeskräften! Aber sie ist leider so ungeschickt.“
„Ungeschickt?“, will Mrs. Woodford wissen.
„Ja, Madam!“, nickt Miss Rosaly, „Gestern erst ist ihr eins von ihren Missgeschicken passiert! Drei Kannen Milch hat sie uns umkippen lassen, dort drüben in der Speisekammer!“
Mr. Woodford rümpft die Nase, „Ach, daher kommt dieser leicht säuerliche Geruch! Ich dachte schon, das bilde ich mir ein!“
Und schon sind die reichen Eheleute weitergegangen. Geraldine atmet hörbar aus, kämpft einen Wortschwall nieder, der ihr mit Macht zu entfahren droht. Dass sie daran doch unschuldig ist, und der verwünschte Boogeyman ihr das angehängt hat, das will sie eigentlich beteuern! Sie wirft Miss Rosaly einen schnellen Seitenblick zu, unsicher, ob sie der Amme vielleicht sogar dankbar sein sollte.




Das heldenhafte Aufgebot bestehend aus (von links nach rechts) Ernie Carmichael, Timmy Derrick, und Little Jack


Geraldine sieht mit ernstem Gesicht in die Runde: Timmy Derrick, Little Jack, und Ernie Carmichael haben sich in dem Zimmer versammelt.
„Also gut!“, sagt sie eindringlich, „Keiner von uns allen ist heute vom Fleck weg adoptiert worden! Das bedeutet, wir für unseren Teil haben‘s weiterhin mit dem Boogeyman zu tun. Da gibt’s kein Drumrum und keine Ausflüchte! Wir müssen uns dem Dreckskerl stellen, und ihn aus dem Kinderheim vertreiben, aus ganz Gomorra.“
„Ich hab‘ Angst!“, kommentiert Little Jack.
„Reiß’ Dich zusammen! Du darfst jetzt keine Angst haben! Sonst hau‘ ich Dir eine!“, braust Ernie auf.
„Nein, bei uns wird nicht gehauen, hauen ist doof!“, verordnet Geraldine, „Und es ist nicht schlimm, Angst zu haben. Nur weglaufen dürfen wir nicht. Und Kleinbei geben, das dürfen wir auch nicht. Der Boogeyman kommt nachts raus, um uns seine Untaten anzuhängen, oder an Ernies Fenster ran zu pirschen. Also müssen wir ihn nachts stellen.“
„Um ihn kaputt zu schießen!“, sagt Timmy gewichtig, „Immerhin besteht der Scheißkerl nur aus verschissenem Bohnenstroh!“
Ernie berichtigt, „Holzresten. Holzreste und alte Stöcker — die irgendwie gelernt haben, von selber rumzulaufen, auf zwei Beinen.“
„Ich hab‘ Angst!“, kommt es abermals von Little Jack, jetzt umso kläglicher.
„Wir halten alle zusammen!“, sagt Geraldine fest, „Und rumgeballert wird nur im Notfall.“
„Was?! Warum?“, fragt Timmy.
„Willst Du wissen, warum, Timmy Derrick? Weißt Du nicht, was passiert, wenn Du mit der Scheiß-Knarre rumfuchtelst?“, fragt sie.
„Nee?“
„Dann wirst Du genau wie der blöde Clell Miller. Das passiert dann. Und wie die ganzen anderen Erwachsenen, die sich da draußen gegenseitig über den Haufen schießen vor lauter Doofheit. Jede Nacht, bei den Schnapszelten und draußen auf den Trails! Wir machen das nicht!“
Timmy fragt empört, „Ach so? Und wie willst Du den Boogeyman dann fertig machen, Du hohle Sabbeltussi?“
„Ganz einfach!“, trumpft Geraldine auf, „Wir liefern den Erwachsenen Beweise dafür, dass es den gibt. Dann müssen sie was unternehmen. Wir besiegen den Boogeyman … mit Wissenschaft!“


Advance:
Damit hat Geraldine die EXP für ihren zweiten Advance im Spiel zusammen. Aus der aufgestellten Wunschliste wähle ich diesmal für sie den Elan-Vorteil, das kommt mir szenisch an dieser Stelle ganz passend vor.