Zum Thema "monolithischer Kulturblock" hier mal ein Video über all die verschiedenen Elbengruppen in Tolkiens Welt und ihre grobe Zusammensetzung. Das ist ein ständiges auseinanderdriften, wiedervereinigen und durchmischen, bei dem sehr deutlich wird, dass es "den Elb" auch in Tolkiens Welt überhaupt nicht gibt.https://www.youtube.com/watch?v=_WbUHhyfAXI
So einfach scheint mir das nicht.
Auf der einen Seite imaginierte sich JRRT seine Elben als durchaus genauso frei in ihrem Denken und Bewerten, Entscheiden und Handeln, wie er sich seine menschlichen Charaktere vorstellte:
a)
„[Elves and humans] were called the Eruhíni or 'Children of God', and were for the Valar an incalculable element: that is they were rational creatures of free will in regard to God, of the same historical rank as the Valar, though of far smaller spiritual and intellectual power and status.“ (Letter #181, 1956)
Auf der anderen Seite besitzen bei JRRT die Angehörigen von bestimmten Elbengruppen bestimmte Neigungen und bestimmte Begabungen (von namhaften und dann immer außergewöhnlichen Ausnahmen abgesehen).
b)
„Neither the Atani nor the Noldor [= High-Elves] had any love of the sea or of ships.“ (Peoples of Middle-earth)
c)
„Whereas the Sindar had the fairer voices and were more skilled in music (save only Maglor son of Fëanor), and loved the woods and riversides.“ (War of the Jewels)
Sowohl die Neigungen als auch die Begabungen werden vererbt.
d)
„[Voronwë said:] I was born here in Middle-earth in the land of Nevrast. My mother was of the Grey-elves of the Falas, and akin to Círdan himself – there was much mingling of the peoples in Nevrast in the first days of Turgon's kingship – and I have the sea-heart of my mother's people [while my father Aranwë was of the Noldor of the House of Fingolfin].“ (Unfinished Tales)
Ich persönlich halte dieses konzeptionelle Detail für durchaus bedenklich. Um meine Haltung zu illustrieren, setzte ich das vorstehende Voronwë-Zitat einmal in Beziehung mit einem etwas Anderem:
f)
„Ich [eine dunkelhäutige Frau, die seit vierzehn Jahren in Darmstadt lebt und aus Brasilien migriert ist] ging zu einer Abend-Tanzstunde für Frauen. Es waren vielleicht zehn Frauen da. Wir haben bald angefangen, verschiedene Tänze auszuprobieren. Da kommt eine Frau zu mir und sagt: ‚Ach, ich werde nie Samba lernen. Ich kann das einfach nicht. Ich habe das nicht im Blut. Ich werde nie Samba lernen, so wie du nie Walzer lernen kannst.’ “ (Dorothea Schütze:
Ich hatte kein Kleingeld… Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus in Darmstadt. 16 Gespräche mit Flüchtlingen und EinwanderInnen. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 1996.)
Nun könnte man anmerken, dass es Elben ja gar nicht in Wirklichkeit gibt und dass sie deshalb ohnehin artifiziellen Charakter besitzen. JRRT sah das übrigens ähnlich. Zumindest schrieb er Entsprechendes, als er seinen
Herrn der Ringe abgeschlossen hatte und sich in den späten Fünfzigern / frühen Sechzigern seines Lebens befand.
g)
„In reality this only means that my elves are only a representation or an apprehension of a part of human nature.“ (Letter #131, 1951)
h)
„I should say that [Elves] represent really Men with greatly enhanced aesthetic and creative faculties, greater beauty and long life, and nobility.“ (Letter #144, 1954)
i)
„Elves are certain aspects of Men and their talents and desires.“ (Letter #153, 1954)
j)
„The Elves represent, as it were, the artistic, aesthetic, and purely scientific aspects of the humane nature raised to a higher level than is actually seen in Men.“ (Letter #181, 1956)
Sollte ich mir aber ehrlich Charaktere imaginieren, die aufgrund ihrer Rasse (!) über bestimmte ererbte Neigungen und Begabungen verfügen? Bereiten mir solche rassistischen Zuschreibungen keine Bauchschmerzen, nur weil ich weiß, dass derlei Charaktere nicht in unserer empirischen Wirklichkeit existieren, niemals existierten und unmöglich jemals existieren können?
Ich vermute übrigens sehr stark, dass JRRT dazu geraten hätte, im Fantasy-Rollenspiel vorrangig menschliche Charaktere darzustellen.
k)
„In narrative, as soon as the matter becomes ‘storial’ and not mythical, being in fact human literature, the centre of interest must shift to Men (and their relations with Elves or other creatures). We cannot write stories about Elves, whom we do not know inwardly; and if we try we simply turn Elves into men.“ (Letter #212, 1958)
Wenn man JRRTs Meinung folgen mag (und zudem Klischees umschiffen möchte, die vielleicht gelegentlich nicht ganz unproblematisch anmuten könnten), dann wären vermutlich *Menschen* die einzige Spezies, die menschlichen Spielenden ausreichen sollte und genügen kann? Richard Pini & Wendy Pini (
Elfquest), Elaine Cunningham (
Evermeet), Paul B. Thompson & Tonya C. Cook & Douglas Niles (
Elven Nations) sehen das aber vermutlich sehr anders.