Ich lese hier sehr interessiert mit. Eine Antwort zu geben, fällt mir aber äußerst schwer. Ich finde die Idee an sich schön, und da ich in einem sehr christlich geprägten Umfeld in den 80ern und 90ern aufgewachsen bin, ist mir Singen zu allen möglichen Anlässen auch noch einigermaßen geläufig. Als Teenager habe ich mir die vielen langen Wartezeiten auf den Bus teilweise mit dem Absingen von Bob Dylan-Songs vertrieben. Einmal "Desolation Row", und man hatte schon wieder sechs weitere Minuten geschafft. Bei Abend- und Nachtspaziergängen mit anderen Musikbegeisterten vierstimmig Mozarts Ave verum oder Bruckners Locus iste zu singen, gehört zu den Sentimentalitäten meiner Jugend. Und mit einem Diplom in Gesang/Musiktheater in der Tasche kann ich schlecht sagen, dass mir die Vorstellung, zum Auftakt einer RPG-Session zu musizieren, missfiele.
Aber was soll denn dann da musiziert werden? Es ist weniger, das Musizieren an sich, das bei mir den Cringe auslöst, sondern die Angst vor dem, was da dann musiziert werden soll. Ich bin unausstehlich mäkelig, wenn es um Musik geht, und will mein Gehirn nicht damit belasten, mich mit "Liedern" zu beschäftigen, die ich für ästhetisch ungenügend halte. Es ist schlimm genug, dass ich wegen meines oben genannten Aufwachsens heute noch Jungscharlieder (teilweise) auswendig kann, vor denen es mich ekelt. Ich staune auch immer fassungslos, dass die meisten Leute alte Radiohits mitsingen können, obwohl sie gar keine ausgesprochenen Fans dieser Sachen sind. Ja, ich habe der Geselligkeit wegen als Gymnasiast auf Partys auf der Tanzfläche gewippt, wenn REMs Losing My Religion lief, aber ich konnte nie mitsingen, denn weshalb sollte ich mir den Text eines Songs merken, der mir gar nicht wirklich gefällt (und solange mich niemand dafür bezahlt)? Da ich derart versnobt bin, was Musik angeht, stelle ich es mir schwierig vor, in einer Rollenspielrunde den musikalischen sweet spot zu finden, der mir Spaß machen würde. Mit Kiesow, Kramer und Fuchs hätte ich das seinerzeit vermutlich gut machen können (es sei denn, Werner wäre mit seinen Doors angekommen, der absolute Irrläufer seines ansonsten vorbildlichen Musikgeschmacks, was Rock angeht). In meinem Rollenspielumfeld hat sich bisher noch nie eine Gruppe zusammengefunden, bei der ich gesagt hätte, oh ja, lasst uns musizieren, geschweige dass irgendjemand von den Spielenden, mit denen ich zu tun gehabt hätte, ihre/seine Stimme in Bruckners Locus iste auswendig (oder von den Noten ablesen) gekonnt hätte. Andersrum gibt es unter den Deadheads und meinem klassikaffinen Freundeskreis zu wenige Rollenspielende, als dass es auch nur für ein Terzett vor der Session reichen würde, wenn man sie alle an einen Spieltisch brächte.
Das alles heißt jetzt nicht, dass ich in Horsinands Gruppe nicht mitsingen/mitmusizieren würde -- die Idee an sich finde ich ja schön und unterstützenswert --, aber ich hätte eben keinen oder zumindest keinen großen Spaß daran, sollte mir das Musizierte misshagen. Von daher konfrontiert mich dieser Thread mal wieder mit der Tatsache, dass ich kein einfacher Mensch bin.