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[PtA] Ein paar Neulings-Fragen

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Travian Norfold:

--- Zitat ---Ihr habt keine Stakes gesetzt, Ihr habt vor dem Kartenspielen weitergespielt…
--- Ende Zitat ---

Das verstehe ich jetzt nicht.

Mal beispielhaft zwei Konflikte, die wir hatten (die beide nur deshalb mechanisch gelöst worden sind, weil ich darauf beharrt habe):

1) Nick und Flower sitzen auf Flowers Pickup, als Max Flower anruft und sie bittet, ihn schnell abzuholen, weil die Bullen ihn aufgespürt haben. Nick hört nur Flowers Hälfte der Konversation, bekommt aber genug mit, um Muffensausen zu kriegen. Flower befiehlt ihm, in den Wagen einzusteigen. Nick wird die Sache aber zu heiß und er will weg. Er verliert seinen Konflikt (Plot-Fokus der Szene, deshalb: Schafft er es, nicht mit Flower in den Wagen zu steigen?), der Spieler mit dem Erzählrecht beschreibt, wie Nick vom Pickup springt, Flower zieht ihre Knarre und schießt neben ihn auf den Boden. Nick steigt völlig fertig zu ihr in den Wagen.

2) Flower, Nick und Max werden von der Polizei verfolgt. Flower drückt Nick die Pumpgun in die Hand und sagt ihm, er soll die Verfolger aufhalten. Stakes Nick: Kann er seine Unschuld behalten? Stakes Flower: Schafft sie es, Nicks Vertrauen zu gewinnen? Beide verlieren. Narration: Nick schießt unter Druck mit der Pumpgun auf den verfolgenden Wagen, der ins Schlingern kommt, gegen eine Mauer prallt und in Flammen aufgeht. Nick ist klar, dass die Polizisten tot sind => er verliert seine Unschuld. Die Gruppe entkommt der Polizei, dann fragt der völlig fertige Nick Flower, ob sie ihn vorhin, als sie ihm sagte, er soll in ihren Wagen einsteigen, wirklich erschossen hätte, wenn er nicht eingestiegen wäre. Sie überlegt, sagt dann: "ja" => verliert damit das letzte Bisschen Vertrauen, das Nick in sie vielleicht gehabt hätte.


Zu Letzterem habe ich direkt noch eine Frage: In diesem Fall legen ja die drei Beteiligten - Flower-Spieler, Nick-Spieler und Producer - gleichzeitig ihre Karten. Dann wird geprüft, ob Flower ihre Stakes gegen die Karten des Producers gewinnt und dann, ob Nick seine Stakes gegen dieselben Karten des Producers gewinnt. In dem obigen Konflikt war es für mich leicht zu entscheiden, sehr viel Budget auszugeben, weil ich gerne wollte, dass beide verlieren. Was wäre aber, wenn ich (aus welchen Gründen auch immer) gern gewollt hätte, dass Flower verliert, dass Nick aber gewinnt?

wjassula:

--- Zitat ---Das ist mir nicht ganz klar: Denn man entscheidet ja vor dem Konflikt, was die Stakes sind. D.h. alle am Tisch wissen bereits, welche zwei möglichen Konflikergebnisse es geben wird.
--- Ende Zitat ---

Stakes sind keine Konfliktergebnisse! Das ist ein ganz wichtiger Unterschied, und Stakes zu formulieren, die das Konfliktergebnis nicht bereits vorwegnehmen, ist ein, wenn nicht der entscheidende Lernprozess beim Üben von PtA. Wirklich toll wird es, wenn man es auch noch schafft, Stakes zu setzen, die bereits die Möglichkeit eines großartigen Ergebnisses andeuten, aber es immer noch nicht vorwegnehmen (sog. "Hammerstakes"  ;D). Alle am Tisch sollen und dürfen wissen, worum es im Konflikt geht, aber wie er letztendlich ausgeht, das ergibt sich erst in der Phase, die nach der Konfliktauflösung mit den Karten kommt, und zwar durch die Kreativität der gesamten Gruppe unter Federführung desjenigen, der das Erzählrecht gewinnt.

Eine Faustregel für den Anfang ist vielleicht, dass Stakes allgemein bleiben, die Auflösung aber konkret ist, und vor allem etwas über die Protagonisten aussagt, die am Konflikt beteiligt sind. "Gewinnt den Kampf/verliert den Kampf" verrät noch nicht viel über den Protagonisten. Wie jemand gewinnt oder verliert, ob er/sie blutige Rache schwört, mit unfairen Tricks kämpft, sich Hilfe holt, würdelos um Gnade fleht, mit Schmach und Schande aus dem Ring flieht - das entwickelt einen Protagonisten weiter. Man sollte sich immer vergegenwärtigen, dass PtA sich ja an modernen Fernsehserien orientiert, und nicht an Filmen, Kurzgeschichten oder Computerspielen. deshalb geht es immer darum, die Entwicklung eines Protagonisten voranzutreiben, und duch das Verhalten eines Charakters in einer speziellen Situation seinen/ihren Charakter und die innere Entwicklung zu illustrieren.

Dieses Prinzip durchzieht alle Phasen von PtA.

Framing: Die Protagonisten geraten nicht in irgendwelche beliebigen Situationen, sondern in solche, die sie vor Probleme stellen, die ein bestimmtes Element ihres Charakters ansprechen. Schön bei PtA ist, dass alle hier Input geben dürfen. Leitlinie sollte hier weniger sein, was eine "gute Geschichte" ergeben könnte, sondern: "In welcher Situation wäre es cool, diesen Charakter mal zu erleben? Unter welchen Umständen könnten wir etwas spannendes, neues über ihn/sie erfahren?"

Entwicklung durch Rollenspiel: Die Situation spitzt sich zu - hin auf einen Konflikt des Protagonisten mit äußeren Umständen

Stakes: Die Zuspitzung beinhaltet, dass für den Protagonisten Handlungsalternativen auftauchen, die jeweils unterschiedliche Richtungen anzeigen, in die sich der Charakter verändert. Um bei dem Beispiel mit dem Kampf zu bleiben: Es ist zweitrangig, ob er oder sie gewinnt oder verliert, es geht vielmehr darum, was Gewinn oder Verlust mit dem Charakter anstellt.

Auflösung: Die Veränderung des Charakters wird durch seinen/ihren Umgang mit der Situation illustriert. Wir erleben also als Zuschauer, wie sich durch die Handlung des Charakters äußert, wer er oder sie ist oder besser noch: Wer er oder sie geworden ist, indem die vorangegangene Situation bewältigt wurde. In dieser Phase ergibt sich auch Material für neue Szenen (wie reagieren die anderen Protagonisten auf diese Veränderung des Charakters? Wie die Umwelt, wie er oder sie selbst?). Gute Konfliktauflösungen zeigen nicht nur eine neue Seite des Protagonisten, sondern treiben auch die Serie insgesamt voran, weil sie neue Handlungsmöglichkeiten für andere andeuten.

Dieser Grundgedanke unterscheidet PtA auch ganz wesentlich von anderen Rollenspielen, die sich nicht an Fernsehserien orientieren, Auch bei DSA, Shadowrun oder Warhammer kann es zu solchen Szenen kommen, aber sie sind nicht die Regel, weil in diesen Spielen das Geschehen tendenziell weniger als Mittel gesehen wird, eine Aussage über die Entwicklung eines Protagonisten zu treffen. Auch bei PtA kann es Szenen geben, in denen nicht durchgängig auf den "Story Arc" eines Protagonisten fokussiert wird, und die sich wie "ganz normales Rollenspiel" anfühlen. Sie sind aber nicht die Regel, weil ein großer Teil der Mechanismen von PtA eben die Serienorientierung vorantreibt. Ob man an PtA Spaß hat, entscheidet sich auch ganz wesentlich darüber, ob man die Erzählweise von Fernsehserien versteht und mag und auch im Spiel umsetzen möchte.

So, das war die lange Erklärung  ;). Lass dich nicht einschüchtern, man lernt am besten, wenn man für den Anfang ganz stur nach den Regeln spielt, also aktiv versucht, sich nicht daran zu orientieren, wie man Rollenspiel so kennt, sondern sich auf ein Spiel einstellt, dass man erstmal kennenlernen muss, wie ein neues Brettspiel. Es kann auch helfen, sich gemeinsam mal ein paar Folgen von Serien anzugucken, in denen die oben beschriebene Erzähltechnik besonders deutlich wird. Bsp. Buffy the Vampire Slayer Staffel 3 aufwärts, Six Feet Under, The Wire, Battlestar Galactica, Queer as folk. Bei allen diesen Serien kann man teilweise 1:1 den Rhythmus von Framing - Zuspitzung - Konflikt - Auflösung mit Wandlung des Protagonisten beobachten.
 

Tele-Chinese:

--- Zitat von: Travian Norfold am  8.10.2008 | 14:36 ---Was wäre aber, wenn ich (aus welchen Gründen auch immer) gern gewollt hätte, dass Flower verliert, dass Nick aber gewinnt?

--- Ende Zitat ---

Dann drehst du die Stakes einfach um bzw. formulierst Nicks Stake so um, dass wenn du gewinnst der gewünschte Effekt eintritt. Also nicht "Kann er seine Unschuld behalten?" sondern "Nick verliert seine Unschuld". Verliert er den Karten nach tritt für ihn ja nicht ein was formuliert war (verliert seine Unschuld), sondern das was du möchtest (behält sie).
Man muss bei PTA nicht immer den positiven Ausgang auf Seiten des Spieler festsetzen, sondern kann die Stakes drehen.

Toast

Travian Norfold:

--- Zitat ---Dann drehst du die Stakes einfach um bzw. formulierst Nicks Stake so um, dass wenn du gewinnst der gewünschte Effekt eintritt. Also nicht "Kann er seine Unschuld behalten?" sondern "Nick verliert seine Unschuld". ... Man muss bei PTA nicht immer den positiven Ausgang auf Seiten des Spieler festsetzen, sondern kann die Stakes drehen.
--- Ende Zitat ---

Das Buch sagt aber: "The stakes are what the protagonist really wants out of the conflict" (61). Wenn der Spieler von Nick sagt, dass Nick trotz der prekären Situation mit der Verfolgungsjagd seine Unschuld nicht verlieren möchte, dann ist es sicher nicht btb, wenn ich als Producer einfach andere Stakes festlege.

Tele-Chinese:
Ok, ich versuchs anders zu formulieren. Du kannst in Absprache mit dem Spieler Stakes umdrehen. Dazu mache ich als Produzent Vorschläge (hier hör mal zu, ich fänds aber schön, wenn...) oder aber ich werbe dafür, dass die anderen Mitspieler entsprechend Fanmail auf der jeweiligen Seite setzen.

Das was ich oben geschrieben habe soll nicht gegen den Willen der Spieler durchgesetzt werden. Sowas verhandeln wie gesagt  wir am Spieltisch immer.

Den von dir zitierten Satz lese ich nicht so stark. Eine gute Handlungsanleitung bietet da folgender Hinweis von Jasper:

--- Zitat ---"In welcher Situation wäre es cool, diesen Charakter mal zu erleben? Unter welchen Umständen könnten wir etwas spannendes, neues über ihn/sie erfahren?"

--- Ende Zitat ---
Und da würde ich auch als Anfänger einmal btb ignorieren. Meine Devise ist: Wenn es sich gut anfühlt und kein Veto kommt, dann kann man es auch machen. Denn auch als Spieler am Tisch habe ich Präferenzen und will meinen Protagonisten so richtig tief reinreiten. Da ist es mir dann herzlich egal was mein Protagonist gerade will, maßgeblich bin dann immer noch ich ;D

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