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Spieldesign (Weibliche Charaktere, Umgang mit Minderheiten / Rassismus)

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Talasha:
Beat'em ups sind schwierig, dort zeigen ja auch die Männer was sie haben.

Yerho:

--- Zitat von: Bluerps am 12.12.2013 | 16:08 ---Das Problem mit dem sezieren dieser konkreten Beispiele ist, das man auf diese Art nie zu einem sinnvollen Ergebnis kommt. Natürlich ist es Unsinn, eine feste Quote einzuführen, an die sich jedes Spiel halten muss. Es ist nicht grundsätzlich verkehrt wenn alle wichtigen Figuren in einem Spiel männlich sind. Der Punkt ist, das es in Spielen im Allgemeinen richtig gemacht werden muss, das sich der Durchschnitt, der Standard zu einer Gleichbehandlung verschiebt.
--- Ende Zitat ---

Da man Sexismus nicht handeln kann wie Emissionsrechte für Treibhausgase, müsste das bei den Entwicklern anfangen. Wenn es auf dieser Schöpfungsebene durchgezogen wird, könnte es klappen und es bestünde höchstens noch die Gefahr, dass irgend ein Studio eine wirklich grob sexistische AAA-Gurke damit zu rechtfertigen versucht, dass der Titel davor (experimentelles Steam-Giveaway) ja die Quote übererfüllt habe. Das wiederum wird nicht eintreten, wenn eine gesunde Haltung erst einmal verinnerlicht wurde.

ABER: Die Ebene allein genügt nicht. Publisher und Spieler müssen diese Entscheidungen akzeptieren und natürlich auch honorieren, denn sonst fühlen sich Entwickler schnell wie diejenigen, die einen Diskurs ausbaden müssen, der gar nicht ihrer ist und kehren wieder zum sicheren System zurück, das zwar auch Kritik hervorruft, aber wenigstens solche, die man schon gewohnt ist und die nicht die Existenz bedroht. Das Umdenken muss vollumfänglich spürbar sein.


--- Zitat ---Zudem kann man bei Bemus nicht wirklich von klassischen Männerrollen sprechen, weil die grundsätzlich von Figuren mit den absurdesten Hintergrundgeschichten bevölkert werden.
--- Ende Zitat ---

Wobei Absurdität allein nicht als Rechtfertigung herhalten kann. Ich habe ja in unserem PM-Austausch schon gesagt, dass auch ein augenzwinkernder Umgang vieles entschärfen kann, aber auch das dürfte dann nicht immer als Entschuldigung für alles heranziehbar sein. Aber zu dem Punkt, dass man den Einzelfall bewerten muss, waren wir ja schon gekommen; mit einer gesunden Haltung bekommt die Spielergemeinde mit, was nicht stimmt und was noch geht. Das wiederum muss dann als Feedback an die Entwickler zurückkommen, damit sie es wissen und mit etwas mehr Druck auch an die Publisher, damit sie die Entwickler in diesem Sinne machen lassen.

Allen voran steht aber eine halbwegs einhellige Meinung in der Spielergemeinde. Die konsumiert die Inhalte und bezahlt deren Entwicklung, nur sie kann korrektes Vorgehen honorieren und inkorrektes Vorgehen abstrafen und damit über kurz oder lang einen Kurswechsel konsolidieren. Publisher und Entwickler können zwar auch entsprechende Vorstöße machen (Und sollten es auch!), aber ihr Einfluss ist viel geringer und ihr Risiko höher.

Auribiel:

--- Zitat von: Fantomas am 12.12.2013 | 13:10 ---Um mal das aktuelle Beispiel aufzugreifen: Der Reflex besteht darin, in der Nichtkombattantin die schwächste Figur zu sehen, weil sie nicht als Frau dem männlichen Stereotyp des kampfbereiten Frontschweins entspricht. Noch mal zum auf der Zunge zergehen lassen: Es wird als sexistisch angesehen, wenn eine Frau kein männliches Klischee erfüllt. WTF?
...
solange die Sanitäterin nicht gerade mit ängstlichem Blick und hilflos in einer Ecke sitzt, wenn es im Szenario ernst wird.  ...

Und das ist der Punkt, wo mich unreflektierte Betrachtungen aufregen. Es nämlich nicht automatisch sexistisch, wenn die einzige Frau in der Truppe ausgerechnet die Sanitäterin ist. Sexistisch wird es dann, wenn durch die Inszenierung der Eindruck erweckt wird, dass die Frau ausschließlich (oder sogar gerade so) als Sanitäterin geeignet ist. Alles andere ist dann eher eine Abbildung realer Verteilungen, wo Frauen nun einmal sehr rar in der kämpfenden Truppe sind, obwohl sie durchaus in dieser sein dürften.
...

--- Ende Zitat ---


Hier möchte ich bitte noch einmal einsteigen, da dieses Bild wohl (auch?) von mir kam:

Ich dachte, ich hätte auf Nachfrage von Teylen klar gemacht, dass es hier gar nicht so sehr darum geht, dass die Frau kämpfen kann. Es geht darum, ob sie als "tough" dargestellt wird. Sicher können auch Sanitäter total tough sein.
Aber das ist eben nicht das, was ich überwiegend in Games wahrnehme. Da gehört zum Santitätsdasein gleichzeitig noch die Rolle als schutzbedürftiges Hascherl dazu. Und DAS ist es, was mich so total annervt.
Ebenso wie die Tatsache, dass in fast allen Rollenspielen die ich kenne, die Heilrolle ebenfalls durch einen weiblichen Char besetzt ist. Weiblich - Sanitäter - Hascherl. Wie gesagt, mir fällt kein einziges Spiel ein, wo das anders ist und ich wäre um Gegenbelege wirklich dankbar.


Insofern:


--- Zitat ---Um mal bei Squad-Beispiel zu bleiben, weil man da Verteilungen gut darlegen kann:
Mich würde es stören, wenn es immer eine Sanitäterin/Heilerin gibt, aber mich stört es nicht, wenn es auch mal Sanitäterinnen/Heilerinnen gibt und ich kann mir gleichwertig männliche Charakter in dieser Funktion vorstellen.
--- Ende Zitat ---

Da bin ich ganz bei dir, aber das entspricht nicht der Spielrealität. Wie gesagt: Bitte positive Beispiele, wo a) die Heilerin kein Hascherl ist oder b) der Heildienst von einem männlichen Hascherl Char versehen wird.


--- Zitat ---Mir wäre es plausibel, wenn die gleiche Funktion 50:50 aufgeteilt ist, also beispielsweise mit zwei Damage Dealern jeweils beider Geschlechter, aber ich fände es seltsam, wenn das grundsätzlich so gemacht wird.
--- Ende Zitat ---



--- Zitat ---Ich habe kein Problem damit, wenn ein Spiel in bestimmten Bereichen reale gesellschaftliche Verhältnisse abbildet und fände es daher befremdlich, wenn kämpfender Funktion mehr weibliche als männliche Charaktere präsent sind - es sei denn, das Szenario liefert eine plausible Erklärung, warum das so ist, also warum das Szenario eine Umkehrung der Verhältnisse vornimmt. Nicht, weil sich Fiktion rechtfertigen müsste oder weil unsere realweltliche Verteilung gottgegeben ist, sondern weil es damit plausibler wird und man gleichzeitig aufzeigen kann, dass die real existente Verteilung eben nicht gottgegeben ist, sondern durch bestimmte gesellschaftliche Faktoren veränderlich.
--- Ende Zitat ---

Siehst du, ich habe auch kein Problem damit, wenn ein Spiel in bestimmten Bereichen reale gesellschaftliche Verhältnisse abbildet. Denn die wenigsten Frauen die ich kenne haben Körchengröße G-M oder sind total verschreckte Hascherl. Übrigens genausowenig, wie die meisten Kerle toughe Muskelprotze wären.

Also wenn es darum geht, dass Kampfkraft real dargestellt wird, ist das okay, aber wenn man nach einer realistischeren Darstellung weiblicher Rollen fragt, ist das übertrieben?
Vielleicht entdeckst du ja darüber einen kleinen Zugang zu der Welt, mit der sich Spielerinnen immer wieder konfrontiert sehen, über die man aber keine Kritik üben darf, da man sonst als zickige Emmanze abgestempelt wird.


[Nachtrag]

--- Zitat von: Bluerps am 12.12.2013 | 16:08 ---Wenn Spiele im Allgemeinen so wären, das weibliche Charaktere interessant geschrieben wären, aktiv agieren würden, und nicht in sinnlos aufreizender Kleidung herumliefen, wenn sie im Schnitt genauso oft in Haupt- und Nebenrollen auftauchen würden wie männliche Charaktere - dann wäre ein gelegentliches Spiel, in dem Frauen garnicht vorkämen, oder nur als knapp bekleidetes Eye-Candy oder Trophäe, kein Problem. Es wäre immer noch sexistisch, aber das wäre kein Problem mehr. Es geht um den Normalzustand, und nicht direkt darum das in einem konkreten Spiel eine Frau ein Soldat sein muss.

--- Ende Zitat ---


Wundervoll zusammengefasst!

Bluerps:
@Fantomas: Natürlich müssen die Spieler das honorieren, aber bevor man etwas kaufen kann, muss es erstmal auf den Markt kommen. Vorher kann man als Spieler nur erklären was man gerne sehen würde, und was nicht.

Was die Männerrollen in den Bemus angeht - ich meinte das nur, weil du geschrieben hattest das es in letzter Zeit viele weibliche Charaktere in traditionell männliche Rollen geben würde, und du dann die Bemus als Beispiel angeführt hattest. Das funktioniert aber nicht, weil die Charaktere in Bemus zwar schon oft traditionell männliche Rollen verkörpern, aber immer nur absurd überzeichnet. Es hat einfach sehr wenig mit dem Rest der Welt zu tun, denke ich.


Bluerps

Yerho:

--- Zitat von: Seuchenschiff am 12.12.2013 | 19:09 ---Aber das ist eben nicht das, was ich überwiegend in Games wahrnehme. Da gehört zum Santitätsdasein gleichzeitig noch die Rolle als schutzbedürftiges Hascherl dazu. Und DAS ist es, was mich so total annervt.
--- Ende Zitat ---

Dann sind wir (siehe oben), ja schon mindestens zwei. Ich wollte nur noch einmal herausstreichen, dass nicht die Funktion eine Abwertung darstellt, sondern die Inszenierung als, wie du so schön schreibst, "Hascherl".

Ehrlich gesagt, fällt mir spontan gar kein Spiel ein, wo eine Sanitäterin vorkommt, weder als toughe Feldmedizinerin ("This is gonna ..." - "Sting a little? I know." - "No, actually it's gonna hurt like a motherfucker.") noch als Damsel.
Mir fällt da eher in etlichen Spielen die Tendenz auf, weibliche Scharfschützen-Charaktere zu basteln, weil das einen bequemen, aber faulen Kompromiss ermöglicht: Der weibliche Charakter ist am Kampf beteiligt und wird trotzdem in den Hintergrund ausgelagert. Das Gleiche in grün, wenn du so willst.


--- Zitat ---Da bin ich ganz bei dir, aber das entspricht nicht der Spielrealität. Wie gesagt: Bitte positive Beispiele, wo a) die Heilerin kein Hascherl ist oder b) der Heildienst von einem männlichen Hascherl Char versehen wird.
--- Ende Zitat ---

Das männliche Hascherl in Videospielen ist üblicherweise der Wissenschaftler, der von den "echten Männern" (tm) dahin eskortiert werden muss, wo er seine Arbeit machen soll.
Das einzige Sanitäter-Hascherl, das mir spontan einfällt, ist der Doc in der TV-Serie "Stargate: Atlantis". Aber diese Serie ist eigentlich ein gutes Beispiel, wie man's auch in Spielen machen kann, denn dort gab es genug starke Charaktere beiderlei Geschlechts in allen Bereichen, ohne dass es aufgesetzt gewirkt hätte.


--- Zitat ---Siehst du, ich habe auch kein Problem damit, wenn ein Spiel in bestimmten Bereichen reale gesellschaftliche Verhältnisse abbildet. Denn die wenigsten Frauen die ich kenne haben Körchengröße G-M oder sind total verschreckte Hascherl. Übrigens genausowenig, wie die meisten Kerle toughe Muskelprotze wären.
--- Ende Zitat ---

Schau Dir die gleichen Jahrgänge eine beliebigen Armee der Welt an, die Frauen in der kämpfenden Truppe zulässt: In der Summe gibt es eben doch mehr Männer, die in diesem speziellen Sektor eher den Anforderungen genügen oder sich überhaupt dafür interessieren und dafür bewerben.
ABER: Videospiele sind Kunst und müssen daher solche Verteilungen nicht abbilden - allerdings müssen sie diese auch nicht nicht abbilden, wenn es für das Szenario sinnvoll erscheint. Und bevor man dann einen weiblichen Alibi-Charakter einbaut und daraus ein Häschen macht, lässt man lieber weibliche Charaktere in diesem speziellen Fall ganz außen vor - es ist plausibler und gleichzeitig korrekter.

Stimmen wir soweit überein?

Für Spieldesigner ist es ohnehin eine Gratwanderung. Gestalten sie weibliche Charaktere, müssen sie es auch richtig machen, also so, dass sich auch Spielerinnen mit dem Charakter identifizieren können. Dieses Abstraktionsvermögen haben nur wenige Spieldesigner und Spieldesignerinnen sind immer noch eine Rarität. Der Markt - oder richtiger: die Publisher - hätten sicher kein Problem damit, wenn sie ihre bisher eher an Jungs gerichteten Triple-A-Titel auch an mehr an Frauen verkaufen könnten.
Das ist ein Teufelskreis: Man bräuchte mehr Käuferinnen, damit sich mehr weibliche Identifikationsfiguren und Unisex-Szenarien lohnen. Aber für mehr Käuferinnen muss man diesen erst einmal etwas anbieten, was sie auch kaufen würden. Und dass selbst an Actionspielen interessierte Spielerinnen vergrätzt sind, wenn man sie beispielsweise mit einer Sanitäterin abspeist, die dann obendrein noch so dargestellt wird, dass sie gar nichts (alleine) hinbekommt, ist wohl jedem klar.


--- Zitat ---Also wenn es darum geht, dass Kampfkraft real dargestellt wird, ist das okay, aber wenn man nach einer realistischeren Darstellung weiblicher Rollen fragt, ist das übertrieben?
--- Ende Zitat ---

Nein, eben nicht! Schreib' ich denn hebräisch, oder was? :o


--- Zitat ---Vielleicht entdeckst du ja darüber einen kleinen Zugang zu der Welt, mit der sich Spielerinnen immer wieder konfrontiert sehen, über die man aber keine Kritik üben darf, da man sonst als zickige Emmanze abgestempelt wird.
--- Ende Zitat ---

Entweder verwechselst du mich gerade oder du hast meine Beiträge nicht gelesen. Ich schreibe mit keinem Wort, dass es so okay ist, wie es gerade ist - ganz im Gegenteil. Mir geht es darum, wer die Veränderung herbeiführen muss. Nämlich alle.


--- Zitat von: Bluerps am 12.12.2013 | 19:38 ---Natürlich müssen die Spieler das honorieren, aber bevor man etwas kaufen kann, muss es erstmal auf den Markt kommen. Vorher kann man als Spieler nur erklären was man gerne sehen würde, und was nicht.
--- Ende Zitat ---

Wir haben bereits einen Ist-Zustand, den wir hier kritisieren. Es kommt fast nichts Neues mehr auf den Markt und wenn doch, ist es ganz selten ein Indy-Titel, der ohnehin schon mit den herkömmlichen Mustern bricht und meistens ein neuer Titel, der den erfolgreichen Mustern bis aufs i-Tüpfelchen folgt. Also muss man die Produzenten wissen lassen, dass sie sich ihre herkömmlichen Muster sonstwohin stecken können. So lange aber Spiele mit (unter anderem) sexistischen Mustern weggehen wie geschnitten Brot, wird es kein Umdenken geben.

Natürlich können Entwickler ein Risiko eingehen und Publisher es mittragen, aber wenn sie das tun, dann höchstens einmal und es muss sofort zünden. Und genau das wird es nicht, so lange unsere Denke nicht die von weiten Teilen der Spielergemeinde ist. Eine Veränderung ist viel leichter von der Seite zu gestalten, auf der das Risiko gering und der Gewinn hoch ist:

Der Publisher riskiert seine Investition und der Entwickler seine Existenz, wenn er den Spieler experimentell ein Angebot macht, das womöglich nicht angenommen wird. Und selbst wenn es angenommen wird, hat er davon nicht mehr als von den Angeboten, die wir auch jetzt schon annehmen, obwohl wir darüber schimpfen.

Wir riskieren nichts, wenn wir den nächsten AAA-Titel boykottieren, sparen unser Geld und kriegen dafür womöglich beim nächsten mal was Besseres angeboten, mindestens aber das gleiche wie vorher, mit dem wir auch lange klar gekommen sind.

Wer hat also den längeren Atem? Wir. Aber wir hyperventilieren lieber vor Freude, wenn uns der nächste Titel auch nur angekündigt wird, spielen uns dumm und dämlich und mosern zeitgleich in Foren herum, wie sehr uns die immer dümmer und neuerdings auch immer sexistischer werden Spiele doch ankotzen. Und angesichts dieser Umstände möge man mir verzeihen, wenn ich bei solchen Diskussionen herumalbere oder den Zyniker herauskehre. :gasmaskerly:

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