Autor Thema: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?  (Gelesen 1805 mal)

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alexandro

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Ich hatte kürzlich ein negatives Erlebnis auf einer Con-Runde und nachdem ich die Gelegenheit hatte, das Ganze erstmal "sacken" zu lassen, versuche ich hier mal dazulegen, was das Problem war.

Gespielt wurde Marvel Heroic, Charaktere wurden gestellt. Ich habe das Grundsystem (Würfelpool, 2 Würfel behalten, Effektwürfel für Auswirkung) angerissen und die Spieler dann (statt Feinheiten und Sonderregeln in der "grauen Theorie" zu erklären) gleich ins Geschehen geworfen und den ersten Teil des Abenteuers als "Tutorial" benutzt, um ihnen die Regeln in einer Praxissituation zu vermitteln.

Dabei habe ich die Spieler zunächst immer gefragt, was sie machen wollen, ihnen dann geholfen passende Eigenschaften zum würfeln auszuwählen und ihnen zu guter Letzt Optionen gegeben, was sie mit ihrem Effektwürfel anfangen können. Dieser Tutorial-Teil des Abenteuers ging vielleicht 5-10 Minuten... und danach begannen sich die Spieler auf einmal auszuklinken.

Einer der Spieler legte minütlich eine Raucherpause ein, ein anderer spielte nebenbei ein Dumme-Jungen-Kartenspiel am Nachbartisch und ein dritter verschwand ganz. Ein einziger Spieler blieb sitzen und spielte mit, hatte offensichtlich auch die Möglichkeiten des Systems verstanden und nutzte diese. Die beiden anderen kamen nur an den Tisch zurück, wenn ihre Figur gerade "dran" war und würfelten dann kurz irgendwas, machten keine Anstalten ihre Handlungen zu beschreiben oder sich zu überlegen was sie erreichen wollten. Einer der Spieler sagte, dass ihm das System "zu wirr" sei, ließ aber Erklärungsversuche gar nicht zu, sondern spielte lieber weiter Kartenspiele.

Irgendwann brach ich die Runde dann frustriert ab, weil ich effektiv die Charaktere der beiden Spieler mitführte (sie kamen, würfelten, und sagten dann so etwas wie "Was passiert jetzt?", ohne mir irgendeinen Kontext für den Wurf zu liefern). Ich entschuldigte mich bei dem verbliebenen Spieler (die beiden anderen waren sowieso schon wieder woanders - und hatten imo auch keine Entschuldigung verdient) und packte meinen Kram zusammen.

Das war das erste Mal, dass ich als SL das Handtuch geschmissen habe. Ich hatte schon öfter schwierige Spieler, aber bisher konnte ich mich immer irgendwie mit denen arrangieren (und sei es nur für einen One-Shot). Dass es hier nicht geklappt hat, gibt mir zu denken und ich versuche zu überlegen, was ich anders hätte machen können.

Hätte ich vor Spielbeginn sämtliche Spieloptionen durchgehen sollen? Oder gar während des Spiels dem Spieler ständig vorkauen, was er jetzt machen kann? Hätte ich den Regelteil ganz "auslagern" sollen, für die Spieler würfeln und mehr Wert auf die "Color" legen sollen?

Was denkt ihr?

Offline Bad_Data

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #1 am: 29.05.2013 | 20:08 »
Mir scheint es bei deinem Problem eher um mangelndes Benehmen zu gehen.
Und das zu vermitteln ist definitiv nicht die Aufgabe des Spielleiters.

Es kann immer mal sein, dass die Spielstile kollidieren, gerade bei Cons, aber einen auf Teilzeitmitspieler zu machen ist der falsche Weg. Dann lieber gleich ganz wegbleiben, was einer ja auch so getan hat. Höflich wäre es noch eine Erklärung anzubieten, so was wie:"Ich glaub das Spiel ist doch nichts für mich, ich zieh mich mal zurück, Euch viel Spass noch. Tschüss!"

Schöner wäre es allerdings gewesen, wenn du mit dem letzten verbliebenen Spieler weitergemacht hättest.
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Online 1of3

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #2 am: 29.05.2013 | 20:11 »
Ich wage zu bezweifeln, dass das etwas mit dem Regelwerk zu tun hatte.

Offline yennico

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #3 am: 30.05.2013 | 10:22 »
Ich nehme mal nicht an, dass das Thema extrem langweilig, du es langweilig dargestellt hast oder eine monotone, einschläfernde Stimme hast. ;)
Die beiden Spieler waren für Deine Runde oder das System nicht motiviert genug oder nicht lernbereit.

Offline Germon

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #4 am: 30.05.2013 | 10:30 »
Da natürlich niemand hier vor Ort dabei war kann an die Situation schlecht beurteilen.

Deshalb nur hierzu
...Ich habe das Grundsystem (Würfelpool, 2 Würfel behalten, Effektwürfel für Auswirkung) angerissen und die Spieler dann (statt Feinheiten und Sonderregeln in der "grauen Theorie" zu erklären) gleich ins Geschehen geworfen und den ersten Teil des Abenteuers als "Tutorial" benutzt, um ihnen die Regeln in einer Praxissituation zu vermitteln....

Das finde ich super!
Nichts ist ätzender als bei einer Con Runde -mit eh begrenzter Spieldauer- die Hälfte der Zeit mit Regeleinführung zu verbringen.
Von daher finde ich zumindest den von Dir gewählten Ansatz völlig richtig.


edit: Wobei es natürlich grob unhöflich ist sich zu ner Runde anzumelden und dann noch was nebenher zu spielen!
« Letzte Änderung: 30.05.2013 | 10:38 von Germon »
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Offline Lord Verminaard

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #5 am: 30.05.2013 | 11:11 »
Offensichtlich haben sich diese Spieler nicht für deine Runde interessiert. Vielleicht war es nicht so ihr Ding, das System, das Abenteuer oder beides. Vielleicht haben sie sich eher aus Verlegenheit für Marvel eingetragen, weil alle Shadowrun-Runden schon voll waren. Oder sie fanden dich als SL und/oder den anderen Mitspieler blöd. In jedem Fall glaube ich nicht, dass mehr "Vermittlungsarbeit" deinerseits etwas geändert hätte.

Natürlich war ihr Verhalten grob unhöflich. Grundsätzlich gebietet es die Rücksichtnahme gegenüber den Mitspielern und dem SL, dass man sich bemüht, so gut man kann zur Spielrunde beizutragen, für die man sich eingetragen hat (und ggf. damit auch anderen interessierten Spielern zuvorgekommen ist) – selbst wenn einem die Runde nicht so gefällt. Natürlich gibt's auch dafür Grenzen, wenn sich Mitspieler ihrerseits rücksichtslos verhalten, das kenn ich aber nur aus Legenden, mir selbst ist das noch nie unter gekommen.

Ich habe gelegentlich auf Cons schon auch gelitten, zwei Spielrunden sind mir in besonderer Erinnerung geblieben, bei denen ich gerne vorzeitig "geflohen" wäre, weil ich sie anstrengend und blöd fand. Beide Male lag es übrigens eher an Mitspielern, als am SL. Ich habe die jeweils bis zum Ende "ausgestanden", auch wenn mein Einsatz vielleicht etwas nachgelassen hat. Aber wenn man schon die Runde nicht mit Anstand durchsteht, sollte man sie wenigstens mit Anstand beenden. Ob nun mit einer Notlüge oder der Wahrheit, jedenfalls sollte ein "ich muss die Runde leider Abbrechen, tut mir leid" drin sein.
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Offline Lichtschwerttänzer

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #6 am: 30.05.2013 | 11:21 »
Wenn ich mit dem System nicht klarkomme, sage ich es und gehe.
Wenn ich mit SL oder Mitspieler nicht klarkomme auch.

Beides ist einmal passiert,
System: ich kam mit dem Char nicht klar, bekam keinen Zugang zu ihm.

Das andere mal, nach ner 1/2  h Charakterkleinhalten, schikanieren, zu Statisten reduzieren habe ich intuitiv  Regel 0 angewandt.

“Uh, hey Bob?”
“What Steve?”
“Do you feel like we’ve forgotten anything?”
Sigh. “No Steve. I have my sword and my bow, and my arrows and my cloak and this hobbit here. What could I have forgotten?”
“I don’t know, like, all of our stuff? Like the tent, the bedroll, my shovel, your pot, our cups, the food, our water, your dice, my basket, that net, our spare nails and arrowheads, Jim’s pick, my shovel, the tent-pegs…”
“Crap.”

Offline Shadom

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #7 am: 30.05.2013 | 16:27 »
Selbst wenn du absoluten Mist geleitet hast und das Tuturial bescheuert war... korrekt war das so oder so nicht.
Die Spieler hätten den Mund aufmachen sollen.
Notfalls auch ehrlich "Mir macht das hier keinen Spaß. Ich gehe."
So oder so besser als das.

Da du so keinerlei Feedback bekommen hast, kannst du die Schuld nicht bei dir suchen. Deren Benehmen war nicht tragbar.

Offline Smaragdauge

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #8 am: 1.06.2013 | 13:10 »
Ich würde es auch so sehen, dass das Verhalten der Spieler mehr als unhöflich war.
Selbst, wenn ich meine Probleme mit einem neuen System oder dem Spielverhalten der übrigen Teilnehmer hätte, würde ich wirklich nur in Extremfällen das Spiel unterbrechen und gehen. Wenn ein SL sich die Mühe macht, eine Vorstellungsrunde anzubieten, dann sollte man sich auch ruhig darauf einlassen.
Ich würde mir als SL ziemlich beschissen vorkommen, wenn die Hälfte meiner Gruppe nach 30 min. den Spieltisch mit den Worten "Gefällt mir nicht." verlassen würde.

Offline D. Athair

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #9 am: 3.06.2013 | 23:27 »
Das einzige, was von SL-Seite mMn noch drin gewesen wäre:
Kurz aus dem Spiel rausgehen und nachhaken. ("Leute, so macht das keinen Sinn, was ist los?")
Durch die Rückmeldungen hätte das Spiel wohl besser zu Ende gebracht werden können.
(Unabhängig davon, ob das ein Fertigspielen oder Abbrechen bedeutet hätte.)

Vielleicht hättest du dann noch den Nerv gehabt dem "guten" Spieler anzubieten:
a) weiterzuspielen oder
b) mit ihm über die Runde eben ins Gespräch zu kommen oder
c) ihm MH noch ein bißchen zu zeigen (Regelbuch durchblättern, etc.)


Zum Verhalten des Simultan-Players und des Rauchers an sich, wurde schon alles gesagt.




Hätte ich den Regelteil ganz "auslagern" sollen, für die Spieler würfeln und mehr Wert auf die "Color" legen sollen?
Find ich nicht so gut. Dadurch haben die Spieler keine Möglichkeiten das Spiel wirklich kennen zu lernen.
Für mich stellt sich die Frage, warum man dann nicht gleich Freiform spielt.
(Am Gratis-Rollenspiel-Tag hatte ich so ein Erlebnis mit Pathfinder. Da hatte ich keine Chance einen
vernünftigen Einblick in die Regeln zu gewinnen.
Die Runde war trotzdem ganz nett.)

Andersrum: Die Vorgehensweise, die du gewählt hast, finde ich schon recht optimal.
"Man kann Taten verurteilen, aber KEINE Menschen." - Vegard "Ihsahn" Sverre Tveitan

Offline Feuersänger

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #10 am: 4.06.2013 | 01:52 »
Fühl dich getröstet: ich glaube auch, deiner Beschreibung nach jedenfalls, dass du schon alles richtig gemacht hast, auch und gerade was die kompakte Einführung angeht. Die anderen Spieler (bis auf den einen) waren halt Sackgesichter. Pech. Du hast halt deinen Rundenzusammenstellungswurf versiebt.
Aber ich hätte da sicherlich genauso reagiert wie du, und die Runde eher früher als später entnervt abgebrochen.

Da, hast nen Lolli.
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Zitat von: ErikErikson
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"I blame WotC for brainwashing us into thinking that +2 damage per attack is acceptable for a fighter, while wizards can get away with stopping time and gating in solars."

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Offline Hróđvitnir (Carcharoths Ausbilder)

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #11 am: 4.06.2013 | 03:21 »
Von mir auch einen.
I'm not nice. I'm on medication.

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Zitat von: korknadel
Rollenspiele sollen bei Dir im besten Fall eine gewisse Schwermut, Resignation und Melancholie hervorrufen.

Zitat von: Dolge
Auf Diskussionen, was im Rollenspiel realistisch ist und was nicht, sollte man sich nie unter gar keinen Umständen absolut gar überhaupt vollständig nicht einlassen.

Offline Benjamin

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Re: Wie viel "Vermittlungsarbeit" kann man vom SL erwarten?
« Antwort #12 am: 4.06.2013 | 08:44 »
Ich hatte auch mal ne Runde, in der zwei WH40k-Rüpel Traveller spielen kamen und dermaßen unbegeistert waren, dass ich eigentlich besser hätte abbrechen sollen.

Lediglich als sie meine selbstbemalten Minis bemerkt haben, ist ihnen noch kurz die Kinnlade runtergeklappt, aber anders war denen nicht beizukommen.

Sowas passiert. Schade um die Zeit.