Autor Thema: [Night´s Black Agents] Unto the fourth generation  (Gelesen 6141 mal)

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Offline Chiarina

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Re: [Night´s Black Agents] Unto the fourth generation
« Antwort #75 am: 24.01.2020 | 11:19 »
Wie kriegt man es hin, dass es kein Cthulhu wird? Zunächst mal geht es natürlich ganz simpel nicht um irgendwelche Mythosmonster, sondern um Vampire. Dann sind die Figuren relativ kompetent. "Night´s Black Agents" ist kein dekadent-masochistisch-wolllüstiges Miterleben des Untergangs, sondern handelt von Leuten, die an den Sieg glauben, und alles, was Kultur und Wissenschaft zu bieten haben, gegen den übermächtigen Gegner in die Waagschale werfen. Das Spiel geht darum, diesen Sieg herbeizuführen (Wenn er da ist, kann es allerdings sein, dass die Spielerfiguren nicht mehr dieselben sind. Es kann auch sein, dass sich der vermeintliche Sieg als Niederlage entpuppt. Ob sich der Kampf gelohnt hat, erfährt man manchmal erst, wenn es zu spät ist. Dennoch: Es geht darum, zu siegen!). Die Einstellung lässt sich Rollenspielern relativ einfach vermitteln. Sie müssen eben alles geben und den Feind vernichten. Das tun sie in anderen Spielen auch. Bei "Night´s Black Agents" verlangt niemand, dass sich die Spieler über den grauenvollen Untergang ihrer Figuren auch noch freuen.

Das mit der cineastischen Action kommt gaaaanz allmählich. Ich habe eine Gruppe vor mir, deren Mitglieder zwar sehr unterschiedlich spielen, im Prinzip aber alle betonkonservative Traditionsrollenspieler sind.

Hier nur ein Beispiel: Wir haben über die Laber-Cherries (Technothriller Monologue, Martial Arts, etc.) gesprochen, die Leute haben es zur Kenntnis genommen und genickt. Geändert hat sich nichts. Warum auch? Das Spiel funktioniert ja auch ohne, dass sich etwas ändert!

In der vorletzten Sitzung ist ein Abenteuer verheerend schief gegangen. Von den fünf beteiligten Spielerfiguren haben am Ende zwei überlebt, der Feind konnte untertauchen. Da haben die Leute hinterher mal ganz vorsichtig angefangen darüber nachzudenken, wie das mit 3 Poolpunkten mehr ausgesehen hätte.

In der letzten Sitzung hat es jemand versucht (Parcour, angewendet bei einer Verfolgungsjagd):
Er: "Ich mache dann mal Parcour."
Ich: "Ganz so ist das nicht gedacht, du solltest etwas erzählen."
Er: "Ah. Also gut, äh... (Pause)... ja, weiß nicht... ich renne eben ganz schnell hinter der alten Frau her."
Ich: "Vielleicht versuchst du eine Abkürzung? Rutscht ein Treppengeländer hinab? Oder aktivierst deine letzten Kraftreserven?"
Er: "Ja, genau, so etwas."
Ich: "(seufz) Alles klar, das sind drei Punkte für dich."

Nun ja. Ähnliche Geschichten könnte ich über "Tactical Fact Finding Benefits" und andere Spirenzchen dieser Art erzählen. Wir arbeiten daran...

Nur einen Tipp will ich dir geben: Lies den Roman! Ich habe auch gedacht, was soll ich mit so einer ollen Schmonzette. Aber dann habe ich "The Thrill Of Dracula" von Kenneth Hite gelesen und gesehen, mit was für einem Enthusiasmus der Mann sich in diese Geschichte hineinkniet. Da habe ich den Stoker dann doch mal gelesen... und was soll ich sagen? Es ist ein ganz toller Roman! Ich war so angetan, dass ich in meiner Begeisterung sogar einen kleinen Ausschnitt davon im Deutschunterricht vorgelesen habe. Hinterher war mein ganzer Kurs begeistert und drei oder vier meiner Schüler haben dann wahrhaftig auch selbst den Roman gelesen. Wir Rollenspieler lesen so viel Scheiß! Wir sollten wenigstens auch Dracula lesen! Meine Meinung.

Kleiner Extratipp: Wer Dracula auf deutsch lesen will, dem empfehle ich die relativ neu erschienene Übersetzung von Andreas Nohl aus dem Steidl Verlag. Die Sprache wirkt an keiner Stelle antiquiert und trocken, sondern frisch und aktuell. Außerdem gibt´s einen netten Kommentar hintendran.
« Letzte Änderung: 24.01.2020 | 11:38 von Chiarina »
[...] the real world has an ongoing metaplot (Night´s Black Agents, The Edom Files, S. 178)

Offline Chiarina

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Re: [Night´s Black Agents] Unto the fourth generation
« Antwort #76 am: 14.02.2020 | 22:17 »
House of Shadows / 29. Sitzung
1906, Erste Erkundungen

Beteiligte Agenten:
Andrew F. Crosse aka Duke Teman (britischer Geologe, 54 Jahre)
Anne Waters aka Duke Alvah (Analystin, 29 Jahre)
Gino Magurano aka Duke Jetheth (ehemaliger Mafiosi, 26 Jahre)
Hagen Muller aka Duke Mibzar (Bastler und Einbrecher, 28 Jahre)
Francois Guillaume de Teterac (französischer Gerichtsmediziner in den Diensten Operation Edoms, 53 Jahre)



Bevor Anne Waters das Haus betritt, in dem die alte Frau verschwunden ist, zögert sie, dann sagt sie zu Arthur Holmwood: „Arthur, ich habe kein gutes Gefühl. Hol´ die anderen!“ Holmwood geht zurück zum Imbiss und sagt Crosse und Muller Bescheid. Francois Guillaume de Teterac hält sich im nahe gelegenen Büro der Zweigstelle von Operation Edom auf und wird ebenfalls informiert. Während ihrer Abwesenheit zeigt Gino Magurano Anne Waters die Feuerleitern, die an zwei Seiten des Hauses zu den Fenstern der Wohnungen führen. An der Nordseite enden sie auf dem Flachdach einer Weinhandlung, auf der Südseite reichen sie bis zum 1. Stock und verlängern sich bei entsprechender Belastung bis zur Straße hinab. Etwas später kommen alle Beteiligten vor dem Mietshaus zusammen. Auf einer in der Nähe befindlichen Parkbank kommen die Agenten zum Schluss, dass es noch zu früh für eine direkte Konfrontation mit der verdächtigen Alten ist. Sie versuchen daher zunächst ein paar Informationen bei der Polizei zu bekommen.

Bei den beiden zuständigen Beamten in nächstgelegenen Polizeiwache beißt Anne Waters zunächst auf Granit. Sie geben über den Unfall der Straßenbahn keine Informationen heraus. Erst als Hagen Muller berichtet, dass sie Zeugen seien und eine Aussage zu Protokoll geben wollen, tauen die Polizisten auf. Die Agenten erzählen wahrheitsgetreu davon, was sie gesehen haben. Als der englisch sprechende Muller allerdings von der alten Frau erzählt, wirken die Polizisten überrascht. Muller will wissen, was die Beamten so erstaunlich finden, und etwas mühsam geben ihm die Polizisten in schlechtem Englisch zu verstehen, dass keiner der sieben weiteren Zeugen, die sie zu dem Fall vernommen haben, die alte Frau, die das Opfer so in Furcht versetzt hat, dass er in die Straßenbahn hineingelaufen ist, erwähnt habe. Zögerlich nehmen sie trotzdem die Beschreibung, die die Agenten von der Alten liefern, zu Protokoll. Beiläufig fragt Anne Waters, wer der alte Mann gewesen sei und erfährt nun, dass es sich um den 74 Jahre alten Severin Chiriac handele, einen Bewohner des Hauses "mit den drei Bräuten an der Fassade", den Beamten zufolge „irgend so ein Künstlertyp“. Die Polizei forscht bereits nach nahen Angehörigen des Verstorbenen.

Etwas schlauer kehren die Agenten daraufhin zum besagten Haus zurück und betreten es. Sie stehen in einem breiten Korridor, zur Rechten befinden sich einige Briefkästen, von denen einer gerade von einer älteren, einfach aussehenden Frau entleert wird. Rechts und links sind Eingänge zu Wohnungen zu sehen, am Ende des Flurs führt ein Treppenhaus in die oberen Stockwerke und in den Keller. Die Wohnungstüren sind durchnummeriert und mit Namen beschriftet. Neugierig schaut sich Andrew F. Crosse um und sammelt ein paar Informationen: Wohnung 1: Victor und Saveta Gavrila, Wohnung 2: Leontin und Teea Ganea, Wohnung 3: Tiberiu Ionita. Der Flur führt noch am Treppenhaus vorbei und macht dann einen Knick, wo er zu einem Paternosteraufzug führt, über den sich ebenfalls die oberen Stockwerke erreichen lassen.

Anne Waters unterhält sich währenddessen mit der Frau, die den Briefkasten leert. Sie ist um die 60, scheint vom Auftreten der Agenten überrascht zu sein, stellt sich aber schließlich als Saveta Gavrila vor. Anne Waters erzählt ihr, dass Herr Chiriak Opfer eines Verkehrsunfalles geworden sei. Er sei dabei in Begleitung einer alten Frau gewesen. Frau Gavrila zeigt sich erschüttert: „Herr Chiriak? Wie schrecklich! So ein netter alter Herr! Und eine Frau hier aus dem Haus? Hier lebt Frau Ivan, die hat aber nichts mit Herrn Chiriak zu tun.“  Die Agenten erfahren, dass sich sowohl die Wohnung von Herr Chiriak als auch die von Frau Ivan im dritten Stock befinden. Frau Gavrila gibt den Agenten außerdem noch den Tipp, dem Hausmeister Tiberiu Ionita Bescheid zu sagen. Dabei deutet sie auf die Tür zur Wohnung 3, direkt hinter ihr. Schließlich verschwindet sie sichtlich erregt in ihrer eigenen Wohnung.

Die Agenten fahren im Paternoster in den dritten Stock. Neben dem Aufzug befindet sich eine Minimax Spritztüte zur Brandbekämpfung und eine Feueraxt. Im 3. Stock klappert Andrew F. Crosse die Wohnungstüren ab: Wohnung 9: Otilia Nistor, Wohnung 10: Loredana Ivan, Wohnung 11: Severin Chiriak, Wohnung 12: Panait Prodan. Crosse schaut auch noch ein Stockwerk höher nach und entdeckt, dass der Flur dort seltsamerweise durch eine eingezogene Zwischenwand abgeriegelt ist. Vom zugänglichen Teil führen noch zwei weitere Wohnungstüren ab: Wohnung 13: Zarmik Hakobyan und
Wohnung 16: Miroslav Sololev, Agnos Neamtu, Alex Croitoru. In das vierte Stockwerk fährt der Paternoster nicht mehr. Crosse will die Treppe nehmen, stellt aber fest, dass auch das Treppenhaus auf halbem Weg durch eine provisorische Wand blockiert wurde. Die Wand enthält eine Tür, die aber mit einem Vorhängeschloss gesichert ist.

Gerade als die Agenten bei Loredana Ivan klopfen wollen, erscheint ein kräftiger, harter Mann im Flur und fragt sie, was sie hier im Haus eigentlich suchen. Anne Waters erzählt ihm, dass sie Zeugen eines Verkehrsunfalles waren, bei dem Herr Chiriak ums Leben kam, eventuell sei auch Frau Ivan vor Ort gewesen. Sie seien nun hier um mögliche Angehörige zu informieren. Der Mann stellt sich als Hausmeister Ionita vor und ist misstrauisch. Er will wissen, mit wem er es zu tun hat. Anne Waters behauptet, sie seien Rettungssanitäter und Francois Guillaume de Teterac zeigt seinen internationalen Ärzteausweis vor, der Hausmeister bleibt aber misstrauisch und sagt: „Sie sind sicher, dass es der Schriftsteller war?“ Nach kurzem Zögern nestelt er an einem großen Schlüsselbund herum und öffnet die Wohnungstür von Severin Chiriak. Er macht zwei Schritte in den Flur und ruft: „Herr Chiriak? Sind sie hier?“ Diese Gelegenheit lässt sich Andrew F. Crosse nicht nehmen. Schnell präpariert er das Schloss der Wohnungstür, so dass es nicht mehr richtig schließt. Der Hausmeister kommt zurück und behauptet: „Er ist nicht da. Vielleicht haben sie Recht. Ich werde sicherheitshalber die Moldovans informieren. Sie können übrigens wieder gehen. Sowohl Chiriak als auch Ivan leben allein.“ Dann kehrt er mit den Agenten gemeinsam ins Erdgeschoss zurück. Nur Andrew F. Crosse lässt sich etwas zurückfallen, betritt Chiriaks offenstehende Wohnung, öffnet das Fenster seiner Wohnung, das sich in der Nähe der Feuerleiter befindet und eilt dann schnell seinen Gefährten hinterher. Der Hausmeister scheint nichts bemerkt zu haben, grüßt mürrisch und verschwindet in seiner Wohnung. Die Agenten verlassen vorerst das Haus.

Vor der Tür schauen die Agenten noch einmal nach oben. Die Fenster zu den Wohnungen im vierten Stock lassen sich über die Feuerleitern eventuell erreichen. Die Fenster im fünften Stock sind mt Brettern vernagelt.

Schließlich meint Hagen Muller: „Schriftsteller also... dann lasst uns doch in einer nahen Buchhandlung mal nachfragen, ob es irgendwelche Werke von Chiriak gibt. Ich wüsste gern, was er geschrieben hat." Nach Erkundigungen bei einigen Passanten erfährt Anne Waters, dass es zwei Buchhandlungen in der Nähe gibt.

Schließlich stehen die Agenten vor „Cărți din răsputeri”, einem großen Buchladen in einer Seitenstraße, nur wenige Blocks von der Universität entfernt. Das Geschäft ist hell, sauber und gut sortiert und verkauft sowohl Neuware als auch um gut 50% verbilligte Remittenten. Auch Musikalien und Kalender sind hier erhältlich. Schnell lernen die Agenten Francisc Szabo, den Eigentümer und Betreiber des Ladens, kennen. Er ist ein 36 Jahre alter etwas dandyhafter Mann mit einem feinen Lächeln und gelassener Wesensart. Anne Waters erfährt, dass Chiriak Geschichten über irgendwelche übernatürlichen Ereignisse verfasst hat. Szabo zufolge hat er auch ein oder zwei Literaturpreise gewonnen, seine große Zeit sei aber schon eine ganze Weile vorbei. Szabo bietet ihnen ein paar Romane mit ähnlichen Inhalten an, Bücher von Chiriak hat er allerdings nicht. Etwas später empfiehlt er den Agenten an die Buchhanldung „Antonului Cărți“, die auch seltenere Bücher führe. Er warnt allerdings vor deren Besitzer Anton Sima, der ein übler Wucherer sei und seine Ware zu teuer verkaufe. Die Agenten machen sich erneut auf den Weg.

Auf der Straße kommt es zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Die Agenten hören den ungewöhnlichen Ruf eines Vogels. Anne Waters und Hagen Muller schauen sich um und entdecken auf dem Sims eines nahestehenden Hauses einen Seeadler. Waters weiß, dass solche Vögel in den Karpathen hin und wieder gesichtet werden... aber mitten in Bukarest? Das ist doch sehr seltsam! Muller betritt einen nahe gelegenen Lebensmittelladen und will einen Fisch kaufen um den Vogel damit anzulocken. Der Adler fliegt aber schon bald davon. Achselzuckend bewegen sich die Agenten weiter auf die zweite Buchhandlung zu.

„Antonului Cărți“ liegt in einer Seitenstraße in der Nähe des Geschäftsviertels der Stadt. Der Laden ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von „Cărți din răsputeri” – klein, schäbig und dunkel, aber bis obenhin voll mit alten, wertvollen Büchern und Sammlungen. Es scheint von allem etwas vorhanden zu sein: von Tierbüchern über Western bis hin zu phantastischer Literatur. Nahe der Eingangstür steht ein kleiner Schreibtisch, an dem ein schmächtiger, dünner, bärtiger Mann mit grauem, zurückgekämmtem Haar, kalten Augen und nikotingelben Fingern sitzt. Er stellt sich den Agenten als Anton Sima vor und fragt nach ihrem Begehr. Als er hört, dass sie Schriften von Chiriak suchen, wühlt Sima eine Weile in seinen Regalen herum und fördert schließlich drei Romane des Autors hervor: Der Sternenritter (handsigniert, Sima will 10 Pfund), Die Schuldlosen (in einer kostbaren Leinenausgabe, Sima will 40 Pfund) und Pennys Boot  (eine einfache, gebundene Ausgabe für 3 Pfund). Als Sima im Gespräch mit den Agenten erfährt, dass Chiriak bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei, zieht er seine Angebote zurück und behauptet, solche Ereignisse könnten den Wert der Romane erheblich erhöhen. Sie könnten doch eventuell in ein paar Tagen noch einmal vorbeikommen. Er bietet außerdem seine Dienste an, falls die Agenten nach ganz bestimten Schriften suchen sollten. Über Simas Geschäftgebahren etwas verärgert ziehen die Agenten wieder ab.

Langsam wird es dunkel. Die Agenten schleichen sich an das Haus der drei Bräute heran. Der riesige Gino Magurano nimmt Hagen Muller auf die Schultern, der sich an die Feuerleiter im ersten Stock der Südseite hängt und zieht sie mit seinem Körpergewicht nach unten. So steigen die Agenten durch das von Andrew F. Crosse offen stehen gelassene Fenster in die Wohnung von Severin Chiriak ein.

Andrew F. Crosse entzündet im Flur eine mitgebrachte Lampe. Es ist der Ort der Wohnung, der keine Fenster nach außen besitzt. Ein hier brennendes Licht kann bestenfalls sehr, sehr schwach von der Straße aus gesehen werden. Dafür findet die Untersuchung der Agenten aber auch weitgehend im Halbdunkel statt.

Die ehemalige Wohnung von Severin Chiriak ist voll von Regalen mit Büchern, Magazinen und Nippessachen. Sie ist ein wenig unaufgeräumt und riecht nach Körper und Tabak. Ein schäbiger Schreibtisch steht neben einem Fenster. Auf ihm steht eine staubige Schreibmaschine, die offensichtlich schon länger nicht mehr benutzt wurde.

Auf einem der Regalbretter befindet sich ein Sammelordner, der Briefe enthält. Es handelt sich um Chiriaks Briefverkehr mit Schriftstellerkollegen. Hagen Muller steckt den Umschlag ein und nimmt ihn mit. Dann findet Andrew F. Crosse ein zerlesenes Exemplar des Werkes „The Paramental Factor“ von Richard Ahern. In den Umschlag ist notiert: „Für Severin Chiriak, ein Gefährte auf den Forschungsreisen ins Obskure. In Verehrung und mit den beste Wünschen, Richard Ahern.“  Das Werk ist auf Englisch verfasst. Die Agenten versammeln sich im Flur und Crosse liest ein paar Ausschnitte aus dem Werk vor:

Sie werden nicht glauben, was sie in diesem Buch lesen werden. Das ist bedauerlich, denn jede hier abgedruckte Geschichte ist ohne Zweifel von vorn bis hinten wahr.  Ich habe versucht, einige Gemeinsamkeiten der geschilderten Erlebnisse herauszuarbeiten um ihrer Bedeutung auf die Spur zu kommen: offensichtlich gibt es Wesen unter uns, die keine Menschen sind, vielleicht noch nicht einmal Teil der Realität, wie wir sie definieren. Ich nenne sie Paramentare – „para“ für außenstehend und „elementar“ für Naturgewalt. Ein Paramentarer ist eine Kraft, deren Ursprung außerhalb unserer Realität liegt.

Geflügelte Wesen, der schwarze Mann, Außerirdische, Geister, Riesen, Hexen – das sind nur einige der Masken, die sie tragen. Sie bevölkern unsere Städte, unsere Landstraßen, unsere Wälder, unseren Himmel – selbst unsere Schlafzimmer. Sie sind ohne Frage real – so real wie sie eben sein können. Die Frage ist: Was zur Hölle wollen sie von uns? Warum sind sie hier? Wer oder was sind sie?

Ich persönlich finde, dass der Nachtmahr der Mysteriöseste und Schreckerregendste der Paramentare ist. Wir haben hier ein Wesen – oder mehrere – die trotz geschlossener Türen jederzeit in unsere Wohnungen eindringen können – ob wir allein sind oder in Gesellschaft. Er verfolgt uns bis in unsere Schlafzimmer. Wenn wir am verwundbarsten sind versetzt er uns in Angst und Schrecken und jagt uns. Er scheint physische Präsenz annehmen zu können – zumindest scheint es uns so: das Geräusch von Fußschritten, säuerlicher Geruch, das erdrückende Gewicht auf der Brust. Seltsamerweise ist das Wesen ausreichend formlos um durch Türen zu gelangen und Ehegatten nicht aufzuwecken, und trotzdem können mehrere unserer Sinne seine Präsenz wahrnehmen. Ein echter Paramentar.

Studien haben ergeben, dass jeder sechste oder siebte Mensch Erfahrungen mit Nachtmahren macht. Denken sie an ihre Nachbarschaft, ihre Arbeitskollegen oder ihre Mitstudenten, was auch immer. Stellen Sie sich vor, wie viele ihrer Bekannten bereits einem Nachtmahr begegnet sein müssen.

Wenn der Nachtmahr nur ein Traum ist, warum haben dann so viele Menschen in der ganzen Welt so ähnliche Träume? Ist der Nachtmahr ein Teil unserer Natur, ein Teil unseres kollektiven Bewusstseins oder irgendein akaschisches Konstrukt? Wenn das zutrifft: woher stammt er? Könnte der Nachtmahr nicht auch ein reales, lebendes Wesen sein? Eines, das sich von uns ernährt und dann zurück durch unsere Nervenstränge in das kollektive Unterbewusstsein flieht?


In der obersten Schublade des Schreibtisches findet Anne Waters ein Büchlein mit handgeschriebenen Notizen – Chiriaks Ideen, Zitate und verschiedene Gedanken. Wieder versammeln sich die Agenten im Flur und Waters übersetzt ein paar Abschnitte:

Ich hatte wieder den Traum. Ging los wie sonst auch, wie ein Sextraum von früher (ich vermisse die alten Zeiten – sogar die Träume von damals), aber dann wurde ein Alptraum draus. Irgendeine schwarze Gestalt beugte sich zu mir herab, zerquetschte mich, hielt mich fest in ihrem Klammergriff während sich ihre blassgelben Augen bis in mein Innerstes brannten. Bin in kaltem Schweiß aufgewacht.

Nachtmahr. Ich erinnere mich! Ein paar Nachforschungen im Tempel des Wissens haben meine staubigen Gehirnzellen wieder auf Trab gebracht. Ich werde von einem Nachtmahr heimgesucht – und das in meinem Alter! Vielleicht gibt das eine Geschichte oder sogar einen kompletten Roman. Geisterwesen waren allerdings nie meine Stärke und heutzutage muss ich schon froh sein, wenn ich  mehr als eine Einkaufsliste zu Papier bringe. Ach ja... so eine Geschichte gehört wohl doch eher in den Aufgabenbereich von Henry James und Robert Chambers.

Costel hat sie also auch. Nicht allzu überraschend. Irgendwo habe ich gelesen, dass 10% aller Menschen mit Nachtmahren zu tun bekommen. Wenn das stimmt, müsste es direkt hier im Haus der „drei Bräute“ noch ein oder zwei „Opfer“ geben. Vielleicht bitte ich Loredana darum, für mich zu beten. Wahrscheinlich lasse ich´s aber, sie würde es ja schätzungsweise sowieso nicht machen.

Habe Hufford und Ahern gelesen und so langsam frage ich mich – ist das real?

Ahern hat zurückgeschrieben... er scheint sich aber nur für den Austernmann zu interessieren, der Nachtmahr ist ihm egal. Er hat nichts geschrieben, was ich nicht sowieso schon wusste. Costel ist andererseits völlig überzeugt davon, dass es im Haus spukt. Es scheint ihn sogar irgendwie zu amüsieren. Oh, wäre ich nur noch einmal genauso jung und furchtlos... und dumm.

Wer waren eigentlich diese drei Bräute? Glaube, Liebe und Hoffnung? Klotho, Lachesis und Atropos? Stheno, Euryale und Medusa? Die drei unheimlichen Schwestern des alten Will? Das Mosaik sieht für mich griechisch oder römisch aus. Ich muss irgendwann Frau Moldovan nach ihnen fragen. Wahrscheinlich wird sie mir das Rückporto auf die Miete draufschlagen! Trotzdem habe ich einen Verdacht, die drei Bräute könnten irgendetwas mit dem Spuk im Haus zu tun haben. Ich werde ja miterleben, was Costel über das Haus herausfindet – besonders über das Feuer, das die beiden oberen Stockwerke unbewohnbar gemacht hat. Ist da oben jemand gestorben und hat einen nymphomanischen Geist zurückgelassen?

Mich sucht etwas heim! Flüstern im Dunkeln. Der verdammte Nachtmahr. Paranoia. Die verrückte Loredana starrt mich an. Dieses verwahrloste Horvath Balg starrt mich an. Ich werde wahnsinnig. Muss hier weg. Raus aus dem Haus, weg von dem verdammten Nachtmahr. Frische Luft. Andere Umgebung. Ich würde ja zurück nach Constanta gehen, wenn ich nicht Angst davor hätte zu erfahren, wie meine Träume gegenwärtig dort aussehen würden.

Thomas De Qunicey, Levana und unsere Damen? Hat, so ähnlich wie in Fausts Hexenküche, irgendwas mit Halluzinationen oder Drogenträumen zu tun? Muss ich überprüfen!

Was habe ich getan? Was haben wir getan? Ich sollte mich neu belebt und bestärkt fühlen! Das tat ich zuerst auch, aber nun...? Ich kann kaum glauben, wie dumm ich war! Dummer, dummer alter Narr. Ich habe uns vernichtet. Uns alle.


Die Agenten suchen weiter und finden in den Regalen etliche Exemplare von Chiriaks eigenen Werken über sein gesamtes schriftstellerisches Schaffen hinweg in unterschiedlichen Ausgaben und Sprachen, außerdem hunderte anderer Bücher: von Krimis über Shakespeare und fantastische Geschichten bis hin zu griechischen Tragödien. Über einem Regal hängen gerahmt Chiriaks Preise: ein O. Henry, ein Edgar Allen Poe, ein Golddolch und zwei Silberdolche.

Schließlich entdecken die Agenten noch über einem anderen Regal von Chiriak einen kleinen Rahmen mit einem präparierten handtellergroßen Totenkopfschwärmer. Die Wohnung ist abgesehen davon wenig bemerkenswert. Es ist eine einfache, abgenutzte und verlebte Bude mit alten Kleidungsstücken und ein paar einfachen Lebensmitteln, alten Andenken, einem etwas verstimmten Klavier samt Notensammlung mit Chansons und Operettenmelodien und abgenutzten Möbeln.

Die Nacht war lang. Über die Feuerleiter verlassen die Agenten das Haus und gehen in der Filiale des neuen Hauptquartiers von Operation Edom zu Bett.

-

Das Abenteuer kommt langsam in Gang. Viele von uns waren während der Sitzung allerdings geschafft und müde. Ein paar Vorahnungen und seltsame Ereignisse haben schon ein klein wenig mulmiges Gefühl verursacht. Beim nächsten Mal dann mehr davon.

Der Spieler von Arthur Holmwood war leider krank, der von Francois Guillaume de Teterac dafür wieder gesund.
« Letzte Änderung: 17.02.2020 | 00:15 von Chiarina »
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