Schatten der Vergangenheit (kleine Spoiler für „Tempel der tausend Tore“)
Kintai, zwischen Senrai und den nordwestlichen Zessho-Ebenen (Hao, Ren und Luo)
Mehr als eine Woche nach den letzten Ereignissen in der „Halle der Musik“ kehrte auch Hao nach Senrai zurück. Sie hatte ihr Bestes getan, um Rikoji Bayuri bei der Heilung zu helfen. Doch eine wirkliche Genesung würde lange dauern und ein magisches Ritual erfordern. Anscheinend waren die Kintarai nicht erpicht, die Irrungen des Großmeisters an die große Glocke zu hängen. Man würde den Seidenmaler im Auge behalten, aber nicht vor Gericht stellen. Ren tauschte sich intensiv mit Hao über die medizinischen Details der Behandlung aus, war sie doch selber medizinisch interessiert.
Keine Woche später erfuhren die Abenteurer von ihrem Kameraden Akira, dass Shibata Kaito in der Stadt weilte, ein Karo (hochrangiger Würdenträger) von Klan Ranku. Die drei Zhoujiangi hatten gewisse Vorbehalte, als sie die Einladung des Karo zu einem informellen Treffen vor der Stadt erhielten. Sie fürchteten, erneut in die Intrigen der hohen Häuser verwickelt zu werden. Natürlich nahmen sie die Einladung dennoch an.
In einem blühenden Apfelhain übte sich der Schwertalb im Bogenschießen. Er lud die Abenteurer ein, sich zu beteiligen, und Luo konnte gut mithalten. Kaito kam schnell zu seinem Anliegen: Sie sollten die Spur der Spionin und Attentäterin Tenja aufnehmen, deren Ränke gegen Generalin Ranku Kane sie ein Jahr zuvor verhindert hatten. Die Flüchtige war in der Verkleidung einer blinden Musikerin, einer Goze, gesichtet worden. Akira würde einen der Suchtrupps befehligen, die Helden einen weiteren bilden und Tenja – falls sie lebendig gefasst werden konnte – in die nächstgelegene Ranku-Feste bringen.
Natürlich wurde eine Belohnung offeriert. Die Abenteurer würden zudem ein Empfehlungsschreiben, ein Handgeld und Reittiere bekommen. Die drei Abenteurer sagten zu – sich die Ranku gewogen zu halten, konnte von Nutzen sein. Sie verabredeten mit Akira, sich in Atasato wieder zu treffen.
Rasch brach die Gruppe auf. Die Straße war wenig frequentiert. Neben Bauern waren vor allem Wanderhandwerker und weniger betuchte Händler unterwegs, seltener Söldner oder Geistliche. Es gelang Hao, der Spur Tenjas zu folgen. Eine teilweise eingestürzte Brücke hielt die Abenteurer kurz auf, doch dank Haos magischer Unterstützung überwanden sie das Hindernis. Es war Luo, der kurz darauf herausfand, dass die Goze nun die Richtung gen Westen gewechselt und offenbar Gesellschaft in Gestalt zweier Söldner gefunden hatte. Das war ungewöhnlich, denn die Musikerinnen mussten eigentlich auf ihren Ruf achten – und es mochte die Konfrontation komplizieren.
Am folgenden Tag durchquerten die Abenteurer einen schütteren Hochwald, als sie bemerkten, dass sämtliche Tiere verstummt waren. Als Luo vorausschlich, bot sich ihm ein verstörenden Anblick: Neben zwei frische Gräber kniete ein riesiger Oni mit grünbrauner Haut auf dem Boden und schärfte sein Schwert. Luo schlich zu seinen Kameradinnen zurück. Ehe sie ihr weiteres Vorgehen beschließen konnten, ließen schwere Schritte den Boden vibrieren und der Oni erreichte sie. Die Abenteurer behandelten das Wesen, das sich als Takuan vorstellte, mit vorsichtigem Respekt. Wie sie erfuhren, hatte er die beiden Begleiter Tenjas erschlagen, weil sie „den Wegzoll nicht zahlen wollten“. Das Wesen sah auf Anhieb, dass an den Abenteurern etwas Besonderes war – Hao als Götterdienerin, die die Aufmerksamkeit des Affengottes Ungoy geweckt hatte, und Luo wegen seiner „Drachenklinge“, der Takuan misstraute.
Die Forderung des Oni war simpel – um passieren zu können, sollte sich einer der Abenteurer zum Zweikampf stellen. Sollte Takuan siegen, würden die Abenteurer ihm einen Dienst schulden. Gegen Rens Bedenken nahm Luo die Herausforderung an, erwies sich dem Oni aber nicht als gewachsen. Als Verlierer mussten die drei Takuan folgen. Ren versuchte, Takuan mit einem Bericht über ihre frühere Begegnung mit einem Oni beim „Tempel der tausend Tore“ und dem Kampf gegen den Dämon Kokumo zu beeindrucken. Sie hoffte, Takuan für die Bewachung des Tempels gewinnen zu können. Kurze Zeit später erreichte man das Ziel des Hünen: eine hinter einem Wasserfall gelegene Höhle.
Dort erwartete die Abenteurer eine Überraschung: die falsche Goze Tenja. Rasch stellte sich heraus, dass sie tatsächlich erblindet war – unter der Augenbinde waren nur leere Höhlen verblieben. Die Abenteurer fragten sich, ob dies eine Strafe für das Scheitern der Agentin gewesen war. Begreiflicherweise behandelte Tenja sie feindselig. Der Oni bewirtete seine „Gäste“ und die Blinde spielte auf sein Geheiß mit erstaunlichem Geschick auf ihrem Instrument. Natürlich blieben die Abenteurer misstrauisch, auch wenn Luo Tenja insgeheim bemitleidete. Takuan schien zu wissen, wem die Spionin diente. Die Abenteurer schlossen aus seinen Andeutungen, dass sie vermutlich eine Gojoshu war, Angehörige eines mysteriösen Schattenkrieger-Ordens, der seinen Hauptsitz im nördlichen Sadu hatte.
Was den Dienst anging, den die Abenteurer für Takuan leisten sollten, so erklärte er, nach einem Hort des Wissens zu suchen. Die „zweiten Herrscher des Landes“ (vermutlich meinte er die Drachlinge) hätten zahlreiche Wissensverstecke angelegt. Viele dieser Orte seien während des Mondfalls zerstört oder später geplündert worden, doch er wisse von einem, der wahrscheinlich erhalten geblieben sei. Dieser Hort war dem Oni jedoch verschlossen und er wollte, dass die Abenteurer ihn durchsuchten. Was genau dort zu finden war, wusste er nicht. Die drei Reisenden sagten wohl oder übel ihre Hilfe zu.
Für die Nacht richteten die Abenteurer einen Wachdienst ein. Sie trauten Takuan nicht ganz, der sich meditierend niedergelassen hatte. Noch viel weniger wollten sie riskieren, dass Tenja ihre offene Rechnung beglich. Während Luos Turnus ereignislos blieb, suchte Tenja die Wachen der Frauen dazu zu nutzen, um sie zu beeinflussen. Hao erinnerte sie daran, dass die Kintarai-Gesellschaft auf strikter Unterordnung und bedingungsloser Loyalität basierte, was den Prinzipien Unggoys widersprach. Zudem betonte Tenja die Gefährlichkeit von Ranku Kane und ihre blutige Rolle im sadischen Grenzland. Ren gegenüber verwies Tenja auf die Bedrohung, die die Kintarai für Zhoujiang darstellten. Ren konterte, dass es angesichts des Bürgerkriegs besser sei, sich mit Kintai gut zu stellen, und dass Myuriko seit über 400 Jahren jede Expansion des Kranichreiches unterbunden hatte. Die Spionin blockte alle Fragen nach ihren Verletzungen ab.
Am nächsten Morgen führte Takuan die Gruppe in die Wildnis. Der Oni kam rasch voran, sodass Ren und Hao nur dank ihrer Reittiere mithielten. Der flinkfüßige Luo überließ Tenja sein Pferd. Die Blinde kam trotz ihres Gebrechens gut zurecht. Der Oni schien genau zu wissen, wohin er wollte, doch einzig Hao war in der Lage, sich die mäandernde Route zu merken.
Der Lagerplatz am Abend erschien fast zu perfekt, um natürlich zu sein – eine geschützte Lichtung nahe eines kleines Sees. Takuan und Luo trainierten, während Tenja ein Bad nahm. Ren unterhielt sich mit Hao über die blinde Spionin. Sie nahm an, dass diese die Abenteurer verunsichern wollte, erkundigte sich aber zugleich über Heilungsmöglichkeiten für Tenjas Verletzungen. Sie überlegte, ob sie Tenja an die Kintarai ausliefern oder versuchen sollte, sie als Verbündete zu gewinnen. Als (vermutliche) Gojoshu konnte sie selbst geblendet wertvolles Wissen und Können vermitteln. Hao wollte nicht in die zhoujiangisch-kintarische Politik involviert werden. Sie vermutete, dass eine „gewöhnliche“ Blendung durch ein mäßig komplexes Heilungsritual geheilt werden könnte. Doch wenn ein Feenpakt oder höhere (besonders göttliche) Magie dahinter steckte, mochte das nicht ausreichen. Ren wusste, dass es Zauber gab, mit denen man die Sinne von Tieren „leihen“ konnte. Vielleicht konnte man Tenja damit ködern?
Später am Abend erzählte Ren Takuan mehr vom Tempel der tausend Tore und der dortigen Wacht, wobei sie – dessen gewahr, dass Tenja lauschen mochte – einige heikle Details für sich behielt. Der Oni war sichtlich beeindruckt.
Der nächste Tag führte die Abenteurer durch zunehmend felsigeres Gelände, das von einer Vielzahl kleinerer Bäche durchschnitten wurde. Am Abend schlug man das Lager unter einem Felsüberhang auf. Tenja, die in der Nacht zuvor schweigsam geblieben war, suchte die Abenteurer in einem günstigen Moment gegen den Oni aufzubringen: Immerhin wolle er sie an einen Ort schicken, den nicht einmal er zu betreten wagte. Doch damit kam sie nicht weit, auch weil Hao auf den „Wissenshort“ gespannt war. Ren versuchte später, von Takuan mehr über das Ziel zu erfahren, erhielt aber keine klare Antwort.
Früh am dritten Marschtag erreichte die Gruppe das Ziel. Es wurde klar, warum Takuan Hilfe benötigte. Die Klamm, hinter der der Hort liegen sollte, war durch einen Felssturz versperrt worden. Nur ein schmaler, teilweise fast tunnelartiger Durchgang, den der Oni niemals passieren könnte, war durch die brüchigen Geröllmassen verblieben, die gefährlich instabil wirkten. Mit einigen Bedenken machten die drei Abenteurer sich auf den Weg. Es gelang ihnen, sich selten aufrecht, oft gebückt, und an einigen Stellen nur kriechend durch die enge Passage durchzukämpfen. Die Luft war stickig und schal. An einigen Stellen bemerkten sie beunruhigend dicke Spinnweben, denen sie jedoch auszuweichen konnten. Irgendwann kamen sie glücklich ins Freie – vor sich ein kleines von dichten Nebelschwaden verhülltes Tal. Schemenhaft waren in der Ferne Bauten oder ein Höhleneingang zu erkennen.
Während die drei sich in diese Richtung bewegten, vernahmen ein immer lauter werdendes Wispern und Rascheln. Bald erblickten sie eine verdorrte und blattlose Dornenhecke. Gerade noch rechtzeitig bemerkten sie Bewegungen im Gestrüpp, dann glitten drei bizarre Gestalten aus der Hecke heraus. Sie schienen vollständig aus Ranken und Dornen zu bestehen und schwangen scharfe Holzschwerter. Hao und Ren erkannten, dass es sich um „Dornlinge“ handelte. Diese Feenwesen galten als gefährliche Gegner, zumal sie ein starkes Gift in sich trugen. Die drei wirkten allerdings seltsam verkümmert und deformiert. Es gelang den Abenteurern, ihre Gegner zu überwältigen oder zu vertreiben. Sie mutmaßten, dass die Wesen als Wächter beschworen oder mit einem Pakt gebunden worden waren – gleichzeitig aber unter einem Fluch oder Verderbtheit litten, denn nicht nur waren sie eigentümlich verwachsen, auch die Hecke war deformiert, mit Schatten zwischen den Zweigen, wo keine sein sollten.
Die drei fühlten, dass sie beobachtet wurden, als sie die Hecke abschritten, um vergeblich nach einem Durchgang zu suchen. Schließlich schlug Ren vor, mit magischem und normalem Feuer einen Weg zu brennen. Hao hätte sich lieber mit den Pflanzenwesen geeinigt, aber die Hecke zu heilen überstieg ihre Fähigkeiten. Sie vermutete zudem, dass die Dornlinge nicht auf einen Handel eingehen würden. So folgte sie Rens Plan. Die unsichtbaren Beobachter zogen sich eilig vor dem Feuer zurück, und die Abenteurer konnten die Hecke passieren. In der Asche fanden sie eine verschmorte Leiche: ein Zhu-Yao, ein Spinnendämon. Das war eine beunruhigende Entdeckung und führte dazu, dass Ren und Hao sarkastisch darüber witzelten, dass sie wie beim „Tempel der tausend Tore“ erneut in einer Ruine aus Drachlingszeiten stünden, ein Oni etwas damit zu tun habe, und Spinnendämonen in der Nähe wären – es fehlte nur noch ein Dämon…
Die Ruine erwies sich als schwer zugänglich, da der Eingang in acht Metern Höhe lag. Es mochte früher eine Holztreppe gegeben haben, und zudem fanden die Abenteurer einige verwitterte Seidenseile jüngeren Datums. Vermutlich hatten Kameraden des Spinnendämons diese gesponnen. Luo kletterte die Wand hinauf. Oben erwartete ihn ein rechteckiger Raum – und zwei schon seit einigen Monden tote Spinnendämonen, die von den Speeren einer Falle aufgespießt worden waren. Er befestigte ein Seil und half seinen Kameradinnen hinauf. Eine vorsichtige Suche erbrachte eine weitere Falle, die Luo entschärfte. Dann stießen die drei weiter vor.
Der nächste Raum war eine quadratische Kammer, in der sich die Reste eines alten Lagers fanden. Ein vierter toter Spinnendämon lag nahe einem lange erloschenen Feuer. Offenbar war er an seinen Wunden gestorben. Die Wände des Raums waren mit halbfertigen Inschriften bedeckt, die Ren – seit einem „Zwischenfall“ mit einem Gedankenkristall des Drachischen mächtig – übersetzte und notierte. Es handelte sich um die rudimentäre Chronik des Ortes. Sie stammten aus der Zeit kurz nach dem „Siegelbruch“ – dem Fall des Blauen Mondes? – als der Bau dieser Anlage begonnen wurde. Einige Zeilen beklagten das Wirken des oder der „Vergifter“ und das Unruhigwerden der „niederen Völker“. Drei Gänge führten weiter in den Berg. Die Abenteurer folgten dem rechten, stark ansteigenden, was sich als mühselig erwies. Die Wände und Decke waren mit Stern- und Mondkonstellationen verziert, doch auch diese waren unfertig – eine zeigte ein beunruhigend nahes Datum. Die Kletterpartie brachte die drei zu einer Aussichts- oder Observationsplattform, die sich in das Tal öffnete. In die Felswand war ein verwitterter aber unfertiger Mondkalender gemeißelt worden. Doch fand sich hier nichts Aufschlussreiches, und so machte man sich wieder auf den stark abschüssigen Rückweg. Auf diesem rutschten Luo und Hao aus und zogen sich einige Blessuren zu.
Im linken, ebenen Gang hörten sich die Echos so an, als würde er nicht allzu weit reichen. Gang war in einem sehr schlechten Zustand. Die Wände wirkten instabil, waren unverziert und wirkten, als wären sie in den Berg geschmolzen worden. Luo schlich voraus. Er stellte fest, dass der Stollen schon bald endete.
Somit blieb nur der mittlere Gang, der leicht nach unten in den Berg führte. Dieser wirkte ebenfalls teilweise wie in den Berg gebrannt, war zwar in besserem Zustand, aber auch nur halbfertig. Nur partiell vollendete Reliefs zeigten Drachlinge beim Sternedeuten, Schreiben und im Kampf gegen oft nur schemenhaft erkennbare, teils riesige Gegner, die der lange verstorbene Künstler nur verschwommen abgebildet hatte und deren markanteste Merkmale gefährliche Klauen und Sichelklingen waren. Sie wurden zum Teil von Menschen, Zwergen, Alben, Gnomen und Vargen unterstützt. Im Schutt des Gangs entdeckte und entschärfte Luo eine alte Dornenfalle. Der Raum, der sich vor den Abenteurern dann auftat, war so groß wie die ganze bisher erkundete Anlage zusammen. Nur dank Rens Leuchtzauber konnten sich die Abenteurer orientieren. An den Wänden fanden sich wieder unfertige Reliefs, die schlafende, tot oder in Starre befindliche Drachlinge zeigten. Mehrere kleine Nischen enthielten Gedankenkristalle, wie die Abenteurer sie schon einige Male gesehen und benutzt hatten. Zahlreiche dünn leuchtende Linien durchzogen den Raum und die Wände. Im Zentrum des Raums lag der vertrocknete Leib einer Spinnenfrau, von der eine graue Flechte den Raum durchwucherte, die teilweise das Liniennetz unterbrochen, einige der Kristalle erreicht und deren Licht ausgelöscht hatte.
Die Abenteurer wollten den Raum erkunden, ohne die Flechte oder das Netz zu berühren. Doch als Hao eine der leuchtenden Linien überstieg, durchfuhr sie ein brennender Schmerz. Zeitgleich begann der Leichnam zu zucken, und über ihm manifestierte sich ein geisterhaftes Ebenbild der Toten, das sofort angriff. Es gelang den Abenteurern, das Wesen unschädlich zu machen. Eine Untersuchung des Liniennetzes enthüllte Ren, das es sich um eine Art magische Falle handelte, die vermutlich einen Lebensraub mit einer Art Geisterbeschwörung kombinierte.
Die Abenteurer beschlossen, zunächst die Flechte zu bekämpfen, die sie als ebenfalls gefährlich einschätzten. Der Einsatz von Feuer erwies sich als fast zu effektiv – nicht nur füllte beißender Qualm den Raum, auch der Leichnam fing Feuer. Die Abenteurer mussten sich zurückziehen, bis die Flammen erstorben waren, aber dann war die Flechte weitgehend beseitigt. Nun konnten die Abenteurer die drei erloschenen Kristalle erreichen, doch ließen sich diese nicht aktivieren, sondern vermittelten nur das Gefühl, als würde man die Hand in von einer klebrigen Ölschicht bedecktes Wasser strecken. An die noch leuchtenden Kristalle heranzukommen war erst möglich, als Luo mit seiner Steinschleuder die dünnen Linien des leuchtenden „Netzes“ an einigen neuralgischen Punkten beschädigte. Nun konnten vier unversehrte Kristalle geborgen werden. Eine Durchsuchung des Leichnams förderte ein durch das Feuer zerstörtes Tagebuch und ein Wakizashi zu Tage.
Erschöpft von der Erkundung kampierten die Abenteurer in dem alten Lager der Spinnendämonen. Am nächsten Tag versuchte Hao, das Tagebuch und die „blinden“ Kristalle mit einem Reparatur-Zauber wiederherzustellen, doch die Schäden erwiesen sich zu schwer. Dann untersichten sie und Ren die intakten Kristalle. Mit einiger Mühe gelang es, sich geistig mit den Kristallen zu verbinden. Einer zeigte die Kämpfe der Drachlinge gegen aufmüpfige „Dienerrassen“, aber auch gegen die Schattenwesen von den Reliefs. Mindestens eines von ihnen erinnerte an den „Dämon“ Kokumo, dem die Abenteurer im „Tempel der tausend Tore“ gegenübergestanden hatten. Der zweite Kristall enthüllte Drachlinge an einem fernen Ort bei der Durchführung von Schutzritualen, die nach oder auf die Monde ausgerichtet waren. Die Erinnerungen endeten in einem grauenvollen Kataklysmus, vermutlich dem Sturz des Blauen Mondes. Der dritte Kristall berichtete von der Einkerkerung eines „Dieners“ einer Entität, die als „die Ungemachte“ oder „die Verderbnis“ bezeichnet wurde. Ren war sich sicher, dass sich diese Erinnerung auf den „Tempel der tausend Tore“ bezog. Der Kristall warnte, dass die Gefahr nicht beseitigt sei und im Untergrund weiterbestünde, Die Einkerkerung sei nur ein Schritt beim Kampf gegen den Feind. Der vierte Kristall schließlich enthielt bruchstückhafte Hinweise auf Verstecke von Drachlingen, die den Mondfall überlebt hatten. Leider war nichts dabei, was im heutigen Zhoujiang verwendbar war – eines der möglichen Verstecke lag wohl in der fernen Schattenwand, andere Drachlinge waren in die Wälder des fernen Südens aufgebrochen und es gab auch einen Hinweis auf Sadu. Neben einer Erwähnung des Tempels der tausend Tore wurde zudem beklagt ein „Spielzeug habe sich losgerissen“ und sei gen Südosten geflohen. Zudem klagte der Schaffer des Kristalls über Kommunikationsprobleme. Selbst die verlässlichsten Diener würden sich der Kontrolle entziehen. Ren hielt die Erkenntnisse so genau wie möglich fest, dann traten die drei den Rückweg an.
Bei der Durchquerung der vertrockneten Hecke hielten die Dornlinge diesmal Abstand, und die Abenteurer konnten den mühseligen Weg durch den Felsabbruch antreten. Sie hatten ihn fast komplett durchquert, als sie Kampflärm hörten. Als sie das Freie erreichten, erwartete sie ein alptraumhaftes Szenario: Tenja war nirgends zu sehen, und Takuan kämpfte gegen eine Schar schattenhafter Angreifer. Etliche waren wolfgroß, aber zwei Gestalten waren größer, vage humanoid mit langem schwarzen Haar und weißen Dämonenmasken. In ihren spinnenhaften Armen hielten sie lange Sichellanzen. Der Oni war bereits verwundet. Die Abenteurer stellten sich einer der Gestalten. Obwohl Luo, durch den schrecklichen Anblick eingeschüchtert, nur zögerlich angriff, streckten Haos Stab und Rens Kampfzauber den Gegner nach hartem Kampf nieder. Takuan gewann nahezu zeitgleich seinen Zweikampf. Die übrigen Gegner lösten sich in Schattenfetzen auf, die mit dem Wind davonwehten. Wie sich herausstellte, hatte Takuan Tenja in einem Baum in Sicherheit gebracht (oder so am Weglaufen gehindert). Ren verarztete die Verwundeten. Der Oni war mit dem Ergebnis der Suche zufrieden. Er vermutete, dass die Schatten den Abenteurern gefolgt waren, was diese allerdings bezweifelten. Takuan erklärte die Verpflichtung der Abenteurer für erfüllt. Er behielt die vier intakten Gedankenkristalle, überließ aber den Abenteurern die drei zerstörten, die allerdings nur noch einen Materialwert hatten oder für Grundlagenforschungen zu Drachlingsartefakten taugten. Zudem erklärte er, dass Tenjas Zukunft nicht auf einem kintaraischen Richtblock lag. Sie habe ihr Augenlicht verloren, aber die Chance gewonnen, „wahrhaft zu sehen“. Doch um wirklich frei zu sein, müsse sie sich erneut binden. Dazu sollten die Abenteurer sie zum „Kreis aus Stahl und Jade bringen“, zu „seinem Bruder, der nicht sein Bruder sei“, dem „Helden, der keiner gewesen wäre“. Ren und Luo errieten, dass damit der „rote Oni“ Benkei gemeint war, das Feenwesen, das sie bei Atasato getroffen hatten.
Was die ursprüngliche Mission der Abenteurer anging, so trug Takuan ihnen auf, dem Schwert des Ehernen Kranichs mitzuteilen, dass all ihre Ahnungen wahr – und doch nicht die halbe Wahrheit wären. Diese liege jenseits der Flüsse, verborgen in einem Netz aus Schatten. Wer nach ihr greife, könne allzu leicht gefangen werden. Das Licht würde sehen, die Dunkelheit wissen – und das Verderben warten.
Anschließend hatte Takuan auch warnende Worte für die Abenteurer: Sie hätten schon mehrfach die Fäden des Schattennetzes berührt. Das Licht sehe, die Dunkelheit wisse von ihnen. Ob die Helden selber ein Faden im Netz, eine Bedrohung dafür oder eine Beute werden würden, könne Takuan nicht sagen.
Auf jeden Fall seien die Helden Teil einer größeren Geschichte, wie auch andere, deren Schicksal sie gekreuzt hatten: das Schwert des Ehernen Kranichs, die Tochter des Drachenfischs, das Gesicht hinter der Maske eines Toten, die Herrin von Blitz und Donner, der zweimal versklavte Meister. Ren und Luo vermuteten, dass mit dem Schwert des Ehernen Kranichs Ranku Kane gemeint war, und mit der Tochter des Drachenfisches die Drachenfisch-Tätowierungen tragende Kurtisane Jiao. Das Gesicht hinter der Maske eines Toten war vermutlich der Jadedrache, um dessen Geheimnis sie wussten, und die Herrin von Blitz und Donner Prinzessin Hui Amui, deren beide Klingen diese Namen führten. Die letzte Gestalt blieb fürs erste ein Rätsel.
Ren war mit dem Ausgang des Abenteuers nicht zufrieden. Sie würde weder die Gunst der Ranku gewinnen, noch Tenja als Ausbilderin für die Sache Prinzessin Yis. Aber sie widersprach auch nicht, da sie hoffte, Takuan als Unterstützung gegen diesen schattenhaften Gegner gewonnen zu haben. Und so machten sich die drei mit der sichtlich erschütterten Tenja auf den Weg nach Atasato. Ren nutze die eine Woche währende Reise, um Tenja über die Dinge aufzuklären, die sie über den geheimnisvollen Gegner wusste. Sie war aber nicht in der Lage, im Gegenzug der Spionin Geheimnisse zu entlocken, oder zu durchschauen, was Tenja von ihrer künftigen Rolle hielt. Luo ging der Blinden gelegentlich zu Hand. Auch er wurde aus ihr nicht klug.
Die Abenteurer schafften es, Tenja verkleidet in die Stadt zu schaffen. Sie gaben die Reitpferde an einen örtlichen Gefolgsmann der Ranku zurück – ohne über ihre Mission ins Detail zu gehen – und arrangierten ein Treffen zwischen Tenja und dem „roten Oni“, der die blinde Spionin bereitwillig in seine Obhut nahm.