Was lassen wir die beiden Wild Cards nun machen? Zeit, dass sie in Aktion treten!
Dann kommt an dieser Stelle vielleicht mal Naomhs Folge-Move, das wird logischerweise Face Danger. Jetzt heißt es, den Schlosswachen auszuweichen, und dabei nicht von den Panischen zertrampelt zu werden! Sie bekommt +1 auf ihr Wurfresultat aufgrund ihres Strong Hit eben.Balthasar derweil hat bisher untätig zugehört, jetzt wird er handeln müssen. Sich dem König zu widersetzen oder auf ihn einzuwirken empfindet er als ungeziemlich, also versucht er einfach, sich im Trubel der Szene auf dem Balkon zu entziehen, das wollte er doch sowieso insgeheim von Anfang an.
Das wird ein Secure-an-Advantage-Move, wie Naomh ihn eben gemacht hat.Naomh würfelt für ihren Face-Danger-Move Agility, um sich vor dem Getrampel zu retten, und keinen der Steine abzukriegen, die jetzt als Wurfgeschosse zu fliegen begonnen haben! Sie erreicht mit ihrem Agility-W8 eine Fünf; die Challenge Dice setzen eine glückliche Vier dagegen, aber auch eine ungnädige Zehn. Das ist dann also ein Weak Hit: Wir müssen bei ihrem Entkommen eine Negativkonsequenz aussuchen, da bekommt sie passenderweise ein Level Fatigue durch zahlreiche blaue Flecke und Schrunden.Zerwühlt entkommt Naomh Lorlin zum Rand des Schlossplatzes, wo sie zwischen ein paar Säulen weiter das Geschehen beobachten kann. Ihr Gesicht ist von einem fliegenden Dreckklumpen geschwärzt, ein Sirren klingt in ihrem getroffenen Ohr, ihre Augen blicken fassungslos zum Balkon.
Balthasar derweil würfelt Stealth, um sich durch die Balkontür ins Innere zu drücken. Er hat den Blick auf den Tumult dort unten gerichtet, und ist sich partout nicht sicher, ob er vielleicht noch die Gemeinen gegen die Schlosswachen beschützen muss, oder einzelne Schlosswachen gegen die Wut der Gemeinen. Für Stealth hat er leider nur einen W4, und das Ergebnis ist eine magere Drei. Die Challenge Dice machen daraus einen Fehlschlag, offensichtlich gibt es scharfäugige Beobachter hier auf dem Balkon. In diesem Fall ist der Folge-Move automatisch Pay the Price!
Ich würfele auf der Tabelle von Pay the Price, und bekomme, A new danger or foe is revealed. Ui, spannend: Wer richtet sich denn da nun gegen Balthasar Hanrahan? … Leader who wants to rebel against power, sagen die Orakelwürfel. Ein Anführer, damit hätte König Donnacha selbst gemeint sein können, aber ein Anführer der gegen die Macht aufbegehren will, das wird vielmehr ein verdeckter heidnischer Machthaber sein. Das machen wie wie folgt:Kaum hat der Ritter den Balkon verlassen, legt sich ihm hinterrücks eine Hand auf die Schulter.
„Du glaubst nun, das Auftauchen des großen Vaynevolarn sei Anlass genug für Dich, das Weite zu suchen, Balthasar vom Glân der Hanrahan!“, faucht eine erboste Stimme, „Du misstraust natürlich allem Heidnischen, und auch dem Hofmagier! Gib‘ es zu, Lump!“
Balthasar fährt herum, aber mal wieder zu langsam. Der Adelige hat bereits seinen Dolch gezogen, und bedrohlich auf Halshöhe erhoben!
„Was kümmert es Dich, Herr?“, fragt der Ritter defensiv, „So manches ist anders geworden bei Hofe, während des Kreuzzuges, ja, das ist gewiss!“
„Und Du bist dem Kodex der Runde hörig, mehr als allem anderen! Man kennt Dich ja. Und Dein Blick verrät Dich. Du willst jetzt stracks zu den anderen Rittersleuten gehen, und sie gegen Vaynevolarn aufwiegeln. Ich hatte ja nur darauf gewartet!“
„Da dünkt Euch falsch. Ich bin nur ermattet von der langen Rückreise. Und ich will unten nach dem Rechten sehen. Steckt bloss Eure Klinge weg, Mann.“
„Wenn ich Dich, Balthasar von Glân Hanrahan, dabei erwische, etwas gegen Hofmagier und Herrscher auszuhecken, dann hat Dein letztes Stündlein geschlagen! Dies vergiss‘ besser nicht!“, zischt der heidnische Adelige. Aus seiner Stimme ist klar zu hören, dass es ihm um den König gar nicht geht, er verabscheut Donnacha Thainbar ja seinerseits! Das könnte er natürlich niemals öffentlich zugeben! Er sieht sich jedoch als ein Verteidiger von Vaynevolarn. Ab jetzt wird er hier in Dún Bréanport den Hanrahan-Ritter auf dem Kiecker haben.
Die Hand demonstrativ nahe seines Schwertgriffs entfernt Balthasar sich, den Blick auf den Widersacher geheftet.
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Unten auf dem Schlossplatz treffen Naomh und Balthasar aufeinander, in der sich langsam auflösenden Menge. Es gibt nur wenige Verwundete, aber zahllose, die durch die überzogenen Machtdemonstrationen gründlich verschreckt sind. Und dass die Kundgebung vorbei ist, das ist klar. Während Balthasar sich etwas unschlüssig umsieht, und versucht, einen Überblick zu bekommen über das allgemeine Durcheinandergerenne, packt Naomh ihn beim Ärmel.
„Ihr! Ihr seid doch einer der Kreuzritter! Ich sah Euch heute früh im Thronsaal!“
„Oh …?“
„Steht hier nicht so herum, wie ein verlorenes Schaf, Herr!“
„Verlorenes Schaf?“
„Kommt mit, Ihr könnt hier nichts mehr ausrichten! Besser, ich bringe Euch hier weg, nicht, dass Ihr Euch noch daselbst zur Zielscheibe macht.“
„Wer seid Ihr?“
„Naomh vom Glân der Lorlin, Herr. Ich bin eine Magd bei Hofe. Kommt jetzt!“
„Was ist mit diesem Vaynevolarn? Ist er wirklich wieder fort?“, fragt Balthasar misstrauisch.
„Vaynevolarn, der Hofmagier? Nun, seht Ihr ihn noch auf einem der Türme, Herr?“
Balthasar schweigt, und blickt zu den vielen Turmspitzen hinauf. Der junge Ritter scheint nicht von der schnellsten Sorte zu sein.
Naomh ergänzt, „Der ist seit einiger Zeit die rechte Hand des Königs! Der ist einer seiner wichtigsten Vertrauten und Berater! Er kommt, wenn seine Majestät ihn herbeiruft, ansonsten geht er seiner Wege wie‘s ihm beliebt. Der ist lange wieder fort. Kommt jetzt, Herr, wir dürfen nicht verweilen!“
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Sie sitzen wenig später bei einem der nahen Hökerplätze in der Nähe des Schlosses, wo Naomh sich auskennt. Hier haben sich zur Stunde viele Verängstigte vom Schlossplatz verkrochen. Obendrein hat das irische Sauwetter eingesetzt, es regnet wie aus Kübeln, wie in trotziger Reaktion der Naturkräfte auf Vaynevolarns künstlichen Blitzschlag.
Ein Unterstand gegen das irische Regenwetter ist gefundenNaomh hat eine alte Laute aufgenötigt bekommen, und ein paar ihrer Lieder gesungen, die den Wartenden die Herzen etwas leichter machen. Sie singt in einem der alten Dialekte von Hy-Brasil, welche dem Glân Lorlin noch geläufig sind:
… Druenach sílvar bráth-na glae
Mórith faelun — crían na sláe.Mit diesem Vers endet ihr Lied, und sie lässt die Laute sinken.
„Sing‘ uns als nächstes
Únath na Glaemór!“, fordert einer der Händler.
„Ach das? Das ist so schwermütig! Wenn das gespielt wird, denken alle nur an die Zerbrochene Runde!“, wiegelt Naomh ab.
„Es passt zum Regenwetter!“, wendet eine Bäuerin ein.
Naomh überlässt die Laute den anderen, die daraufhin tatsächlich in klagevollem Ton
Únath na Glaemór anstimmen, und setzt sich wieder neben Sir Hanrahan, zwischen ein paar Fässer und Taurollen.
„… Was ist nur mit König Donnacha geschehen?“, fragt Balthasar nachdenklich, seinen dampfenden Holzbecher in beiden Händen.
„Er ist des Wahnsinns!“, sagt Naomh, dann aber sieht sie den konsternierten Blick des Ritters, und ergänzt schnell, „… Das ist’s, was seine
Gegner behaupten. … Auftritte von ihm wie vorhin sind nur Wasser auf ihre Mühlen. ‚Zerbrochene Runde‘, sagt man, ‚Letzter in der Linie der großen Thainbar-Könige‘, sagt man. Das Land ist uneins … und hier in Dún Bréanport versucht der König nun einmal, alle Fäden zusammenzuhalten. Notfalls mit aller Gewalt.“
„So war er nicht, bevor der Ruf des Papstes uns Rittersleute in die Ferne zog ...“
„Doch, ein Wüterich, das war Donnacha Thainbar schon immer“, widerspricht Naomh, aber in gedämpftem Ton, „Er stand immer zurück hinter seinen Vorvätern von den Thainbar, so sagen‘s uns die Älteren. Aber in den vergangenen Monaten ist er immer rätselhafter geworden: Ungnädig zu denen von den Glâns mit altem Blut, aber auch verschlossen gegenüber den Priestern der Kirche. Auf keiner der beiden Seiten scheint er wirklich zu stehen. Stets fordert er unbedingten Gehorsam, von Christen sowie von sogenannten Heiden.“
„Und er hat sich einen Magier an seinen Hof geholt! Er macht nicht einmal ein Geheimnis daraus!“, sagt Balthasar fassungslos. Vor seinem geistigen Auge tanzen immer noch die magischen Blitze.
„Viele Stimmen sind in letzter Zeit laut geworden, dass die Priester dem Lande Hy-Brasil nicht zu helfen vermögen, Herr. Viele von jenen mit keltischem Blut wenden nun den Blick nach Norden … nach den großen Wäldern. Dorthin, wo die Druiden sind, und noch andere Kräfte aus alter Zeit.“
„Das ist Blasphemie“, sagt Balthasar Hanrahan, wenn auch ohne Feuer in der Stimme, „Und es ist empörend. Druiden und vorzeitliche Kräfte, soso! In Irland, oder gar auf dem Festland, da gäbe es so etwas nicht. Nun, der König hat sich auf abwegige Pfade begeben, fürwahr, wenn er sich einen solchen Ketzer zum Berater ernannt hat. Und noch dazu genau unter den Augen der Kirche, hier in Dún Bréanport! Und das, während gleichzeitig in Simbollough die erste Kathedrale unseres Landes erbaut wird, um die fortschrittliche Zeit endgültig einzuläuten!“
„Der Bau der Kathedrale von Simbollough hat die Staatskasse mehr geleert, als der Klerus und das Herrscherhaus zugeben möchten“, gibt Naomh zu bedenken, „Und immer noch ist sie nicht fertig!“
„Immer noch nicht? Ich hatte mir erhofft, meinen ersten Gottesdienst auf irischem Boden dort tun zu können … Es war mir ein tröstlicher Gedanke in der Fremde …“
Womit sie endlich beim Thema wären — das war es nämlich, worauf Naomh subtil hinzusteuern versucht hatte. Mit leuchtenden Augen sagt sie, „Sir Hanrahan! Erzählt mir von Euren Abenteuern in jenen fremden Landen!“
Sie wechseln einen Blick. Balthasar wirkt plötzlich sehr zurückhaltend.
„Kommt schon!“, bittet Naomh, „Wir kommen hier sowieso nicht weg, so lange es derart sintflutartig regnet!“
„Warum fragst Du mich danach? Du bist nur eine Magd bei Hofe, sollte ich nicht …“
„Oh, nicht allein das. Ich bin ein Spross der Lorlin, Sir. Im Nordwesten von hier sind wir dafür bekannt, alle Lieder und Weisen zu kennen, und alle Kunde zu bewahren. Keiner der ländlichen Glâns vermag die großen Heldensagen Hy-Brasils so zu rezitieren wie ein Lorlin! Das weiß jedes Kind, wenn es aus einem alteingesessenen Glân stammt. Wisst Ihr denn nichts davon, Ihr, der Ihr ursprünglich aus dieser Stadt kommt?“
„Die Lorlin … sind ein sehr einflussreicher Glân, und wohlhabend, nicht wahr? Warum seid Ihr dann eine einfache Dienerin?“
„Meine Familie hat mich hierher an den Hof entsandt, damit ich Dún Bréanport kennenlernen möge. Es ist eine große Gunst, König Thainbars Wämse und Pluderhosen falten zu dürfen!“, sagt sie, aber ihrer Stimme mangelt es in dem Moment an jeder Demut.
„Wenn Du helfen willst, Erzählungen zusammenzutragen für eins der ruhmreichen Heldenlieder von Glân Lorlin, junge Frau, dann empfehle ich Dir, Dich an Sir Gáthoin Gâlthar zu wenden. Mit ihm bin ich heute morgen gemeinsam an Land gegangen. Er ist ebenfalls Kreuzritter, und er ist ein guter Erzähler.“
„Das tue ich vielleicht auch noch. Jetzt aber frage ich Euch!“
„Ich …
war nicht drunten in Jerusalem.“
Naomh blinzelt überrascht, „Nicht? War es denn etwa nicht der Kreuzzug, wo ihr diese Gesichtsnarben davongetragen habt?“
„Nein. Ich wurde unterwegs bereits verwundet, und das hat mir die Weiterreise verwehrt. Ich habe daraufhin in Lissabon ausgeholfen, das ist einer der Wegposten der Kreuzritter. Meine Gefährten waren längst von dort weitergereist. Als ich schließlich genug wiederhergestellt war, um meinerseits gen Damaskus nachzurücken, ereilte uns jedoch die Kunde davon, dass Jerusalem verloren sei, und die anderen Ritter ebenfalls bereits von dort zurückkehren würden.“
„Was war es, das Euer Gesicht auf dem Gewissen hat, Herr? Schwertstreiche waren dies nicht!“
„Ein wildes Tier.“
„Was für Tiere gibt es denn in diesem Lissabon? Bären etwa, und große Raubkatzen?“
„Es tut nichts zur Sache. … Schau‘, der Regen wird weniger!“