Autor Thema: These: Nischen-Systeme werden selten so gespielt wie sie designed wurden  (Gelesen 143 mal)

Mad Duck, Teyron, Fezzik, blackris, Runenstahl (+ 1 Versteckte) und 5 Gäste betrachten dieses Thema.

Offline Radulf St. Germain

  • Famous Hero
  • ******
  • Beiträge: 2.443
  • Geschlecht: Männlich
  • Username: Radulf St. Germain
    • Studio St. Germain
Ich schaue mir gerne neue Systeme an. Vielleicht nicht so viel wie manch einer aber mehr als meine Kumpels, die seit 30 Jahren jede Woche Shadowrun spielen.  ;D

Aber ich werde einen Eindruck nicht los (Achtung: steile These kommt jetzt, bitte anschnallen) - kleinere Systeme kannst Du kaum so spielen wie im Buch beschrieben.

Was meine ich damit? Um es so zu spielen wie im Buch steht, brauchst Du einen SL, der:

* das Buch ganz gelesen hat
* das Buch aufmerksam gelesen hat statt die überflogenen Überschriften mit Rollenspielvorwissen zu füllen.
* das Buch so verstanden hat, wie es der Autor gemeint hat

Das ist gar nicht böse gemeint. (Naja, vielleicht ein bisschen  >;D)

Ich selber habe auch viele Bücher, die ich gekauft habe nur überflogen.
* 25 Tipps, wie man partielle Miserfolge im Spiel umsetzen kann? Geschenkt.
* Regelabschnitte die ich aus anderen verwandten Systemen kenne - wahrscheinlich nur überflogen. Ob sie wirklich identisch waren? Man wird es nie erfahren.

--------------

Wie komme ich also zu dieser These? Verschiedene Anlässe aber gerade habe ich "Brindlewood Bay" durchgelesen. Ein Spiel, dass ich als Cozy Crime kenne. Alle Erzählungen von Freunden sind Cozy Crime. Einen Freund gefragt: "Kommt da nicht auch Cosmic Horror vor?" - "Ne, nur ganz am Rande und eher optional!"

WTF? Auf der ersten Seite gleich die Warnung, dass Leute, die nicht mit Horror umgehen können, das Buch gleich wieder weglegen sollten.  :o
Das ist so als würde jemand sagen "Pride and Prejudice and Zombies" ist ein Jane Austen Rollenspiel. Ja, ABER MIT ZOMBIES!  ;D

Das bringt mich zu dem Verdacht, dass mehr als ein SL das Buch überflogen hat (Vorwort überspringt ohnehin jeder), sich das Handoutmaterial genommen hat und losgelegt hat. Basierend auf den Erfahrungen beim Spielen mit anderen wurde dann losgelegt - das System ist ja auch regelleicht.

-------------------

Das ist jetzt nur ein Beispiel. Dieses Wrestling-PbtA? Superkomplexe Regeln für Kämpfe mit Griffen, von denen ich als Wrestlingbanause noch nie gehört habe. Am Tisch nie gesehen.
Daggerheart? Projektionsfläche für Wünsche aus allen Richtungen. Da spielen die Leute alles zwischen 4e und PbtA.

Mich interessiert, was ihr so denkt dazu. Und bitte nicht als Rant oder Geläster verstehen. Das ist ehrliche Belustigung und Neugierde warum das so ist.
« Letzte Änderung: Gestern um 22:31 von Radulf St. Germain »

Online Runenstahl

  • Famous Hero
  • ******
  • Beiträge: 2.521
  • Geschlecht: Männlich
  • Username: Runenstahl
Ich würde das eher erweitern: Rollenspielsysteme* werden selten so gespielt wie sie designed wurden.

Das fängt beim Marktriesen D&D an bei dem (wenn man nicht gerade Fertigabenteuer spielt) kaum jemand 6-8 Begegnungen am Abenteuertag hat.
Wurde beim (alten ?) DSA wirklich regelmäßig geprüft ob der Krieger die nötigen Papiere hat um seinen Zweihänder schwingen zu dürfen ?
Spielt ihr Cthulhu stets so das die SCs am Ende des Abenteuers immer tot und/oder Wahnsinnig sind ?

Meiner Meinung nach ist das aber völlig okay und sogar auch von den Designern gewollt. Viele mir bekannte Systeme enthalten Passagen die mehr oder weniger expliziet sagen "Hey, die Regeln sind ein Vorschlag von uns, am Tisch könnt ihr machen was ihr wollt". Da jede Gruppe und jeder SL anders sind macht das auch Sinn die Spielweise anzupassen. Ob man das nun aus Unkenntnis macht (weil man nicht gründlich genug gelesen hat) oder aus Absicht macht dafür wenig Unterschied.

Sinnvoller ist es jedoch sicherlich Regeln gründlich zu lesen um bewußt zu Entscheiden wie man spielen möchte. Und wer weiß, vielleicht findet man dabei auch tolle Reln/Ideen/Spielweisen etc die bislang an einem vorbeigegangen sind.

PS: * Das gilt übrigens auch für viele Brettspiele. Kaum jemand spielt z.B. Monopoly wirklich nach den Regeln. Und zumindest in der Gruppe in der ich mal eine Weile lang Brettspiele gespielt habe, wurden auch viele Hausregeln benutzt und gerade bei Co-op Spielen wurde da auch viel Gehandwedelt wenn den Leuten die Regeln oder die Ergebnisse nicht gefielen.
"Reading is for morons who can't understand pictures"
   Gareth (aus der Serie "Galavant")

Offline Yney

  • Hero
  • *****
  • Beiträge: 1.093
  • Geschlecht: Weiblich
  • Username: Sagadur
    • Feenlicht, ein Rollenspiel mit Charakter
Wenn die Prämisse „so verstanden, wie es der Autor gemeint hat“ dazu gehört, dann hast du auf jeden Fall Recht. Denn aus eigener Erfahrung: Ich mag noch so viel geschrieben haben und manche Dinge noch so oft meiner Meinung nach klar dargestellt haben, aber beim Leser kommt es sicherlich nicht zu 100 % so an, wie ich mir etwas gedacht habe. Das ist vermutlich unvermeidbar.

Wenn man das etwas weniger strikt auffasst, dann kann das schon klappen, denke ich. Allerdings bin ich komisch: Ich lese Bedienungsanleitungen (teils mit Genuss), zumindest wenn sie ordentlich geschrieben sind. Ob ich das auf Rollenspiele übertragen könnte (ich habe kaum Erfahrungen neben meinem eigenen), möchte ich nicht beschwören.

Fazit: Ich denke deine These ist keineswegs steil, sondern ein Resultat das Menschen nun mal Menschen sind.

Fußnote: So lange das, was dann gespielt wird, allen Beteiligten Spaß macht ist es ja dennoch eine gelungene Sache. Wenn nett zu Autorin und Autor sein will sagt man es diesen aber villeicht nicht laut. Vielleicht sorgt das für zu viel Herzblut bei einem Produkt, in das viel Herzblut floss ;)

Offline Luxferre

  • Mythos
  • ********
  • Flim Flam Flunkel - DAS Nutella ist recht dunkel
  • Beiträge: 9.763
  • Geschlecht: Männlich
  • Username: Luxferre
Perspektive drehen:
Deshalb sucht mancheine/r ja auch ein System, das zu den eigenen Vorlieben passt und passt seinen Stil nicht dem zugrundeliegenden System an.
Andere wiederum passen ein System den Vorlieben an.
Warum also sollte überhaupt irgendein System by-the-Book gespielt werden?  >;D
ina killatēšu bašma kabis šumšu Tišpak
-

"Consider the seed of your generation. You were not born to live like animals, but to pursue virtue and possess knowledge"