Autor Thema: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels  (Gelesen 8180 mal)

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Offline Celestine

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Am Anfang der Entwicklung von D&D standen da auf der einen Seite die Kriegsstrategiespiele und auf der anderen Seite der Roman, der Herr der Ringe. Gygax und Arneson, haben ihre Fähigkeiten und ihre Zeit darauf verwandt eine Fantasy-Welt begehbar und erlebbar zu machen und nicht z.B. ein historisches Setting. Warum? Aus einem Grund reagiert unsere Vorstellungskraft stärker auf die mythologischen Motive aus dem Herrn der Ringe, als auf den Flair vergangener Epochen und historischer Figuren und Ereignisse, wie sie zweifellos in den Strategiespielen denen sich Gygax und Arneson davor gewidmet hatten, behandelt wurden.

Heute wird ja immer wieder im Zusammenhang mit phantastischen Geschichten die Heldenreise oder der Monomythos herangezogen. Joseph Campbell, der Vorlesungen über vergleichende Religionswissenschaften hielt, die auch der junge George Lucas besuchte, versuchte aufzuzeigen, dass in den verschiedenen Mythen unabhängig von Zeit und Raum, stets ein gleiches Muster zu finden ist. Es handelt sich laut Campbell, um eine in Bildersprache übermittelte Weisheit einer Kultur, die versucht mitzuteilen, was es bedeutet ein Mensch zu sein und wie es sich anfühlt die Erfahrung eines Menschenlebens zu machen. Der Herr der Ringe ist da keine Ausnahme.

Geschichten dieser Art, die versuchen in Bildersprache etwas über das Menschsein und sein Potential auszusagen gibt es viele. Geschichten wie Elfquest, Sandman, Avatar, Elric, Hellraiser, Matrix, Prinzessin Mononoke usw, haben alle ein philosophises  Aroma. Wichtiger noch, sie verwenden Figuren und Motive, die eine Faszination ausüben.
Der weise Eremit, die böse Hexe, der junge Held, die schöne Prinzessin, das Monster, die schatttenhafte Gestalt, all das sind Figuren und Motive, die auch in Träumen auftauchen und das überall auf der Welt und zur jeder Zeit, laut Campbell jedenfalls.

Ob Nachts am Lagerfeuer, auf der Couch vor dem Fernseher oder mit Erdnussflips am Spieltisch, ich denke es ist ein urmenschliches Bedürfniss, uns in Form von Geschichten über diese Motive auszutauschen und sie zu betrachten.

Dieses Verhältnis zwischen menschlichen Helden, die sich mit diesen archetypischen Motiven, in Form von ewigen Göttern auseinandersetzten, erforschte z.B. die griechische Tragödie. In theatralischer Form wurde sich so ein Konflikt mit einzelnen Facetten des menschlichen Lebens bewusst gemacht. Das angestrebte Resultat war Katharsis, also eine emotionale Befreiung und Reinigung.

Diese Auseinandersetzung kann auch am Spieltisch stattfinden. Der Ansatz hier wäre erstmal sich darüber auszutauschen, was die einzelnen modernen, popkulturellen Mythen in einem Bewirken, was sie einem bedeuten, also wie gelunge sie tatsächlich sind.

Vielleicht erstmal soweit, so gut! Was fällt euch hierzu ein?



« Letzte Änderung: 7.03.2014 | 00:53 von Celestine »
"Before there was anything, there was nothing. And before there was nothing, there were monsters." https://www.youtube.com/watch?v=F2k7Jf9xO3g

Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #1 am: 7.03.2014 | 01:00 »
Ansonsten hier noch Joseph Campbell im O-Ton! Das habe ich gerade auf meiner Facebook Starseite gefunden:

“According to [Jung's] way of thinking, all the organs of our bodies—not only those of sex and aggression—have their purposes and motives, some being subject to conscious control, others, however, not. Our outward-oriented consciousness, addressed to the demands of the day, may lose touch with these inward forces; and the myths, states Jung, when correctly read, are the means to bring us back in touch. They are telling us in picture language of powers of the psyche to be recognized and integrated in our lives, powers that have been common to the human spirit forever, and which represent that wisdom of the species by which man has weathered the millenniums. Thus they have not been, and can never be, displaced by the findings of science, which relate rather to the outside world than to the depths that we enter in sleep. Through a dialogue conducted with these inward forces through our dreams and through a study of myths (ja oder vielleicht durch Rollenspiel  ;) ), we can learn to know and come to terms with the greater horizon of our own deeper and wiser, inward self. And analogously, the society that cherishes and keeps its myths alive will be nourished from the soundest, richest strata of the human spirit.”

Joseph Campbell, Myths to Live By

Was das wohl in Bezug auf My little Pony bedeutet?  ;D
« Letzte Änderung: 7.03.2014 | 01:02 von Celestine »
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Luxferre

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #2 am: 7.03.2014 | 08:33 »
Ich hatte zu einem ähnlich gelagerten Thema mal dieses Buch empfohlen:

http://www.amazon.de/dp/3861508419/ref=cm_sw_r_fa_dp_aaQ1sb1CMX5X3

Ich finde das Thema recht spannend und habe Elemente davon bereits genutzt.
Für mich gibt es damit zwei Möglichkeiten, eine Geschichte aufzuziehen: top-down und bottom-up. Das ermöglicht plötzlich einige Sichtweisen, die mich als SL wirklich vorangebracht haben.

Offline Slayn

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #3 am: 7.03.2014 | 08:37 »
Wobei ich nicht glaube dass er sich auf die Technik bezieht sondern auf die Inhalte und deren Symbolik. Und das kann ich, ganz ehrlich, nicht mit den Hergängen in einem normalen Rollenspiel in Einklang bringen.
Wenn wir einander in der Dunkelheit festhalten .. dann geht die Dunkelheit dadurch nicht vorbei
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Luxferre

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #4 am: 7.03.2014 | 08:54 »
Wobei ich nicht glaube dass er sich auf die Technik bezieht sondern auf die Inhalte und deren Symbolik. Und das kann ich, ganz ehrlich, nicht mit den Hergängen in einem normalen Rollenspiel in Einklang bringen.

Du meinst die Symbolik der Figuren?
Gerade diese ist doch hervorragend für Rollenspielkampagnen geeignet. Zumindest bei klassischer SL/Spieler Aufteilung und recht klassischen Kampagnen.
Der "Magier" aka "Gandalf-Obi-Wan", der die Helden abholt und auf neue Pfade begleitet, bzw den Weg bereitet. Das ist doch (siehe Namen) eine total klassische Figur aus der Sagenwelt, welche man allenorts in Abenteuern und Kampagnen wiederfindet.
Als SL leite ich recht NSC-lastig. Da sind diese Techniken schon helfend. Hol' Dir mal das Buch und lies quer. Ich fands gut.

Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #5 am: 7.03.2014 | 12:14 »
Ach, das ist auf jeden Fall sehr schön und ermutigend für mich, wenn ihr mir Feedback gebt. Meine Arbeitshypothese also ist: Die Motive die in Fantasy, Horror und Science Fiction Medien vorkommen sind phantastisch, also unglaublich, versponnen, wunderbar und großartig, aber nicht zwingend wirklichkeitsfremd.
Sie sind genauso real oder irreal wie Träume, Gedanken und Gefühle, die obwohl nicht materiell, ein fester Bestandteil unserer menschlichen Erfahrung sind. Träumen ist lebensnotwendig. Was passiert bei Traumentzug? Die Idee von Jung und Campbell ist ja, dass diese festen Motive die sich im Traumleben der Menschen immer wiederholen, Ausdruck von organischen Aktivitäten im Körper sind. In der Ruhe und Entspannung des Schlafs, beginnt nervliche und muskuläre Anspannung nachzulassen, die Organe entspannen sich und wandern an ihren Platz. Im Idealfall ist man dann am nächsten Morgen frisch und ausgeglichen. Manchmal will sich dieser Ausgleich nicht so einfach einstellen. Zum einen wünscht die Person sich die Hingabe an den Schlaf andererseits gibt es vielleicht aber auch unverarbeitete Furcht und Schmerz die das nicht zulassen und so kommt es zum Konflikt. Die Teile und Organe des Körpers die sich im Konflikt befinden strahlen, dann eine verzerrte Empfindung ab, die sich albtraumhaft ins Bewusstsein einbildet.

Konflikt, ist ja das Herz einer Geschichte und findet sich auch im Traum, so wie in den alltäglichen Interaktionen mit unseren Mitmenschen. Ich denke, dass der Mythos eine Schattenarbeit ist, die sich mit verdrängten Ängsten und Vorbehalten gegen die Hingabe an das Leben auseinandersetzt.

Rollenspiel ist für mich eine Möglichkeit, die vierte Wand einer Geschichte durch Intiative von Seiten des Publikums  zu durchbrechen und selbst in das Geschehen einzutauchen und mit den Figuren und Orten zu interagieren, um schliesslich mit ihnen ins Reine zu kommen und um eine Katharsis wie bei der griechischen Tragödie zu erleben.

Ein bisschen wie der Kleiderschrank in Narnia!  ;)

Es gibt da verschiedene Techniken, die in dem Zusammenhang hilfreich sind. Ich würde mich sehr freuen, mit Leuten von euch in Kontakt zu kommen, die an einer Erforschung dieser Variante des Rollenspiels interessiert wären. Das ist sicherlich nicht für jedermann, aber es soll sich auch keiner ausgeschlossen fühlen. Welche Geschichten oder Motive aus dem phantastischen Hobby, haben für euer Leben Wert und Bedeutung gehabt? Zu welchen Comics, Videospielen, Romanen, Cartoons, RPGs kehrt ihr immer wieder zurrück weil sie euch immer etwas neues geben? Hier wären wir im Bereich wo Hobby, Spass und Zeitvertreib die Urbilder des menschlichen Seelengrunds berühren.
« Letzte Änderung: 7.03.2014 | 12:24 von Celestine »
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Offline Gorilla

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #6 am: 7.03.2014 | 13:55 »
Jein. Grundsätzlich auf einer Metaebene hast du wahrscheinlich recht.
Allerdings sieht die Wirklichkeit am Spieltisch in meinen Augen komplett anders aus. Da steht oftmals weniger die Läuterung, die Persönlichkeitsentwicklung und die Auflösung (oder der Untergang) im Vordergrund, sondern die Befriedigung der Sammelleidenschaft, die Erfüllung von Allmachtsfantasien und der wettbewerbliche Sieg über andere beteiligte Figuren - aka "Spaß" am Spiel.

Offline Slayn

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #7 am: 7.03.2014 | 20:02 »
Jein. Grundsätzlich auf einer Metaebene hast du wahrscheinlich recht.
Allerdings sieht die Wirklichkeit am Spieltisch in meinen Augen komplett anders aus. Da steht oftmals weniger die Läuterung, die Persönlichkeitsentwicklung und die Auflösung (oder der Untergang) im Vordergrund, sondern die Befriedigung der Sammelleidenschaft, die Erfüllung von Allmachtsfantasien und der wettbewerbliche Sieg über andere beteiligte Figuren - aka "Spaß" am Spiel.

Jupp - Genau das.
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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #8 am: 7.03.2014 | 20:18 »
I feel you Gorilla!  ;)

Es ist eine Sache mit guten Freunden über eine Zeit, Rollenspiel zu machen und eine völlig andere sich über Foren zu verabreden und dann so eine sozial schwache Zitterpartie durchzustehen. Das hat aber wieder mit diesen verdrängten Spannungen zu tun, jeder glaubt sich gegen die allgemeine Verunsicherung aus Eigenliebe behaupten zu müssen und dann bleibt das Spiel oft auf ein und der selben Note hängen. Viele haben sich mit dieser Art Gemeinschaft zu suchen abgefunden und gehen mit dem Ganzen zynisch um. Für mich liegt der Schlüssel im gegenseitigen Vertrauen und Respekt. Der Wettbewerb und die Allmachtsphantasien in Grenzen, genau wie Powergaming haben ihre totale Berechtigung, aber es muss nicht bei dieser Eintönigkeit bleiben.

Gerade das Fantasy Rollenspiel, wenn es in seiner Ganzheit angenommen wird, kann eine sehr heilsame Gedankenspielerei sein. Der Heldencharackter besitzt Würde, weil er seine Existenz trotz ihrer Schatten bejat und sich ihren Herausforderungen stellt, darüber hinaus gillt es eine Welt zu befreien in der alles lebt und von Zauber erfüllt ist. "Ich bin Leben das Leben will inmitten von Leben das Leben will!" Albert Schweizer
« Letzte Änderung: 7.03.2014 | 20:20 von Celestine »
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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #9 am: 7.03.2014 | 21:07 »
Meinst Du vielleicht sowas?
Ich bin viel lieber suess als ich kein Esel sein will...
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Nicht Sieg sollte der Zweck der Diskussion sein, sondern
Gewinn.

Joseph Joubert (1754 - 1824), französischer Moralist

Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #10 am: 7.03.2014 | 21:55 »
Wanted for crimes against interdimensional space!  ;)  ;D

http://1.bp.blogspot.com/-Hch35PjLvFY/UpKqpwrJMNI/AAAAAAABOho/tKfLpno_4Yk/s800/rick+and+morty+season1+billboard.jpg

Lieber 6, da ist auf jeden Fall bei den Sessions von diesen Leuten etwas Verkrustetes in der Tiefe wieder in den Fluss gekommen und hat sich während des Prozesses irgendwie verselbständigt. Wie ein emotionales Feld in das man eintuned und das dann die Spieler bis zur Bereinigung und Entladung im Atem hält. Der Titel Flow my tears, the policeman said ist ja einer Kurzgeschichte von Philip K Dick entnommen, deren Entstehungsumstände ebenfalls sehr mysteriös und inspirierend waren.

Das ist ein Beispiel, wie sich freilaufende Gedankeströme in entspannter Atmosphäre zu einem sehr orginellen Spielerlebnis verdichten können, bei dem sich Inhalte aus dem persönlichen und kollektivem Unbewussten energetisch manifestieren.

Das ist allerdings bereits etwas für Fortgeschrittene!  ;)
« Letzte Änderung: 7.03.2014 | 21:59 von Celestine »
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Offline Beral

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #11 am: 11.03.2014 | 14:03 »
Mein persönlicher Raum für mythisch-emotionale Projektionen ist Mittelalterfantasy. In anderen Settings werde ich einfach nicht warm.

Rollenspiel sehe ich ebenfalls als ein Medium, das prädestiniert ist für mythische Erlebnisse. Das gezielt anzuregen ist aber nicht einfach. Einen sehr direkten Versuch habe ich mal unternommen: http://www.tanelorn.net/index.php?topic=71521.0

Jörg hat ebenfalls schon beschrieben, wie die Heldenreise als Leitfaden im Rollenspiel verwendet werden kann: http://www.tanelorn.net/index.php?topic=46422.0

Zum tieferen Verständnis der Materie ist "Das Kraftfeld der Mythen" sehr gut geeignet.
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Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #12 am: 11.03.2014 | 21:35 »
Ah Beral, danke das es dich gibt!  :d Nørdmännchen ist auch ein sehr fähiger Typ und ein angenehmer Kontakt! Bei mir spielt das Mythisch-emotionale auch im Alltag und in meiner Arbeit eine Rolle und ist Ausdrucke eines Selbstfindungsprozesses. Rollenspiel als Phantasiereise und Erkundungsgang nach Innen oder wie du sagst Rollenspiel ist prädestiniert für mythische Erlebnisse. Das passiert jetzt schon wenn auch unbewusst und hält die Leute was das Hobby angeht bei der Stange, auch im Zeitalter von World of Warcraft!  :) Eine Session in der alles fliesst und immer neue Orte und Begegnungen fast mühelos in der Vorstellungskraft aufsteigen, hat der eine oder andere im entspannten Rahmen unter Freunden vielleicht schon erlebt. Manchmal war ich als Spielleiter selbst sehr gespannt wohin die Reise und die Stimmung in der Gruppe die Geschichte wohl führen würde.

Im Zusammenhang mit dem von dir verlinkten Buch von Herrn Bischof fiel oft der Begriff Biopsychologie im Zusammenhang mit der Faszination die Mythen ausüben und hier liegt für mich ein springende Punkt! Für mich geht es hier um eine Integrationsarbeit von Impulsen aus dem menschlichen Organismus in das Bewusstsein des Einzelnen. Das ist keine exakte Wissenschaft! Obwohl es Motive gibt die sehr universell sind, transportieren verschiedenste Motive, feinste Schattierungen. Die Bioenergien in Hessen sind anders als in Bayern oder in Barcelona.  ;)
Jede Spielerrunde hat ihre Chancen und Limitierungen, je nach den Leuten oder ob das  z.B. ein Con ist oder bei jemanden zu Hause.

Ich möchte mich einfach gerne über diese mythisch-emotionale Ebene mit Leuten austauschen die sich dieser Bewusst sind, ich bin mir sicher jeder von uns hat da ein Puzzleteil in seinem reichen Innenleben, das seinen Beitrag leistet kann, das Rollenspiel im neuen Jahrtausend ankommen zu lassen.
« Letzte Änderung: 11.03.2014 | 21:46 von Celestine »
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Offline Beral

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #13 am: 12.03.2014 | 09:16 »
Im Zusammenhang mit dem von dir verlinkten Buch von Herrn Bischof fiel oft der Begriff Biopsychologie im Zusammenhang mit der Faszination die Mythen ausüben und hier liegt für mich ein springende Punkt! Für mich geht es hier um eine Integrationsarbeit von Impulsen aus dem menschlichen Organismus in das Bewusstsein des Einzelnen. Das ist keine exakte Wissenschaft! Obwohl es Motive gibt die sehr universell sind, transportieren verschiedenste Motive, feinste Schattierungen. Die Bioenergien in Hessen sind anders als in Bayern oder in Barcelona.  ;)
Norbert Bischof ist alles andere als ein Esoteriker. Über Bioenergien lässt er sich nicht aus und ich kann dazu auch nichts sagen. Wenn die Hessen glauben, dass die Dopaminrezeptoren in ihrem Hirn anders funktionieren als bei einem Spanier... sollen sie halt machen. ;)

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Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #14 am: 12.03.2014 | 11:17 »
Bioenergien nicht, das Wort Biopsychologie viel des öfteren in den Rezensionen. Sprich Archetypen sind die Manifestationen von Organaktivitäten im Bewusstsein. Das ist erstmal ziehmlich materialistisch.
Was Neurotransmitter anbelangt, werden die überall gleich sein, aber das ist nicht das was die Mythologie ausschliesslich Prägt. Ein Schuplattler ist anders als Flamenco und das ist vom Klima her und auch geschlichtlich nachvollziehbar und diese und andere Faktoren schlagen sich auch in den Mythen nieder.

Egal ob Bilder oder Worte, bei Musik ist es am auffälligsten, igendwas kommt bei diesen Reizen im menschlichen Körper in Bewegung. Wie es Musik gibt, die traurig macht, oder Lust auf Tanzen oder Sex, so erfüllen auch die verschiedenen Motive im Mythos ihre funktion. Sie bewegen die Menschen auf einer tiefen Ebene und das macht ihre Bedeutung für die einzelnen Kulturen aus.
 
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Offline Gaukelmeister

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #15 am: 12.03.2014 | 16:41 »
Lieber Celestine, ich bin gerade auf deine Ausführungen gestoßen und gleichzeitig fasziniert, verwirrt und etwas verloren. Kannst du, wenn du magst, dein Thema oder Anliegen noch einmal für mich zuspitzen? Im Startpost schreibst du unter anderem Folgendes:

[...]Das angestrebte Resultat war Katharsis, also eine emotionale Befreiung und Reinigung.

Diese Auseinandersetzung kann auch am Spieltisch stattfinden. [...]

Geht es dir hier in diesem Thema darum, Rollenspiel als (zumindest potentiell) emotional befreiend und reinigend zu verstehen? Oder gehst du bereits fest davon aus, dass Katharsis beim Rollenspiel möglich ist, und möchtest nun ausloten, wie man diese Wirkung erzeugen oder unterstützen kann? Oder zielst du noch in eine ganz andere Richtung (und möchtest beispielsweise die Theorien von Archtypen und kollektivem Unbewussten stark machen)?

Noch einmal auf den Punkt gebracht: Was ist dein Punkt und welche Art von Antworten und Ideen wünscht du dir?
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Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #16 am: 12.03.2014 | 18:03 »
Lieber Gaukelmeister  ~;D

Erstmal ja, natürlich, ich probiere mich gerne deutlicher auszudrücken und ja, ich bin davon überzeugt, dass Rollenspiel eine katharsische Wirkung haben kann. Wie man diese Wirkung ausloten und unterstützen kann, ist tatsächlich das Nächste, das ich besprechen möchte.  :d

Auch was die Beziehung zum kollektiven Unterbewusstsein anbetrifft,liegst du mit deiner Intuition richtig! Ich würde das vorsichtig eine mögliche, schamanische Dimension des Rollenspiels nennen.

Mich hat Rollenspiel im Alter von 12 Jahren auf einer Ebene geprägt, die während meiner weiteren Schulausbildung weitestgehend unadressiert blieb. Ich benutze immer noch die Symbole aus dem Nerd Hobby-Bereich um meine Entwicklung auf dieser geistigen Ebene, die reine intellektuelle Überlegungen transzendiert zu verarbeiten. Für die Kommunikation in diesem Bereich eignen sich Bilder, Symbole und Metaphern besser als Worte.

Ich glaube daran, dass es im Hobbybereich des Rollenspiels und auch in diesem Forum Menschen gibt, die progressive Elemente sind, was die kulturelle Entwicklung der Menchheit anbelangt, ähnlich wie bei Star Trek (Transfigurations, ist eine Wahsinnsfolge) und das oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Nachdem die materiellen, sozialen und intellektuellen Bedürfnisse  halbwegs befriedigt sind, kommen die emotionalen Bedürfnisse an die Reihe. Das ist ein Thema, was bei den meisten Menschen die ich kenne vollkommen verwildert und verdrängt  ist und deswegen vor allem mit Scham und Schwäche assoziiert wird. Scrubs, Adventure Time und die Beatles (alles Mythologien für sich!) z.B. haben mir gezeigt, was für eine Freude, Schönheit und Kraft in einem kultiverten Gefühlsleben liegt.

Entschuldigung, wenn ich anfange meine Gedanken beim Schreiben zu ordnen, ufert das immer etwas aus, deshalb erstmal bis hier!  :)
Ist das soweit  nachvollziehbar für dich?
« Letzte Änderung: 12.03.2014 | 18:13 von Celestine »
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Offline Gaukelmeister

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #17 am: 12.03.2014 | 20:38 »
Entschuldigung, wenn ich anfange meine Gedanken beim Schreiben zu ordnen, ufert das immer etwas aus, deshalb erstmal bis hier!  :)

Kein Problem. Ich picke mir zunächst einfach mal ein Thema raus (das finde ich ohnehin für mich einfacher - und für Gespräche im Internet schon mal sowieso).

[...] ja, ich bin davon überzeugt, dass Rollenspiel eine katharsische Wirkung haben kann. Wie man diese Wirkung ausloten und unterstützen kann, ist tatsächlich das Nächste, das ich besprechen möchte.  :d

Um hier vorwärts zu kommen, fände ich zunächst zwei Dinge sinnvoll:

Erstens lohnt es sich meiner Meinung nach, noch einmal genauer zu skizzieren, was du hier unter der kathartischen Wirkung verstehst. Wahrscheinlich ist ja nicht jede emotionale Reaktion als Katharsis zu verstehen. Was unterscheidet also starke Gefühle im Allgemeinen von solchen, die man als Katharsis beschreiben kann? Anders gefragt: Worin besteht die Reinigung? (Um die Metapher fortzuspinnen: Inwiefern ist da irgendetwas unrein? Wie funktioniert das Saubermachen? Wie sieht das blitzblanke Endprodukt aus?) Mir helfen da immer auch Beispiele.

Im zweiten Schritt könnte man dann schauen, unter welchen Umständen und auf welche Weise kathartische Erlebnisse im Rollenspiel auftreten. Ich vermute, dass es da einen ganzen Blumenstrauss voller unterschiedlicher Möglichkeiten gibt.

Erst vor dem Hintergrund dieser beiden Dinge - also einer etwas klarer konturierten Begrifflichkeit und einer Sammlung von Katharsiserfahrungen im und durch Rollenspiel - macht es dann Sinn, der Frage nachzugehen, wie man diese Wirkung unterstützen kann (um deine Worte aufzunehmen).

Ich vermute, dass diese Unterstützung nicht ausschließlich durch den Bezug auf Mythen oder Archetypen erfolgen kann. Aber das lässt sich wohl erst sinnvoll abwägen, wenn man den Dreischritt vorher vollzogen hat. (Möglicherweise steht dir das alles klar vor Augen. Für mich ist das aber nicht so ohne Weiteres offensichtlich.)
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Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #18 am: 13.03.2014 | 00:42 »
Also erstmal nur der 1. Schritt Gaukelmeister :


Katharsis unterscheidet sich von anderen starken Gefühlen dadurch, dass mit ihr ein Gefühl von Befreiung einhergeht. Die Reinigung besteht darin, dass eine angestaute Emotion wieder in den Fluss kommt. Unrein ist in sofern hier etwas, wie stehende Gewässer trübe werden, dass lässt sich ganzheitlich auf den Menschen übertragen: Trübe Augen, trübe Gedanken, trübe Stimmung. Das Saubermachen funktioniert so: Der Lebensbereich, der ins Stocken geraten ist, wird thematisert, die mit ihm verbundenen negativen Gefühle (Angst, Wut, Trauer, Schmerz etc), werden bewusst noch einmal zugelassen und durchlebt (hier hilft bewusstes Atmen). Dadurch kommt die angestaute Emotion wieder in den Fluss und kann sich wieder einpendeln.

Eine Emotion konnte zu einer Zeit  nicht gelebt werden und wurde durch z.B. muskuläre Anspannung und Verflachung der Atmung verdrängt.

Wenn man den Mensch in Verstand, Psyche und Körper aufteilen mag, kann die Katharsis über jede Ebene erfolgen. Mythen mit ihren Archetypen werden zunächst vom Verstand erfasst und sickern von dort über die Gefühle in der Psyche bis in den Körper ein, von wo sie Ausdruck ins Leben suchen.  Deshalb stand im Mittelpunkt vieler alter Kulturen der Mythos und sein Kult. Sowie z.B. die Sage von Prometheus und die griechische Tragödie. Oder jemand kauft sich von einer Band das Album hört es zu Hause rauf und runter und irgendwann spielt die Band dann live in der Stadt und die Person geht hin um die Musik zu feiern und um ihren Vibe stärker auf sich übergehen zu lassen.

In dieser Hinsicht ist die Katharsis eigendlich nur der Anfang, jetzt kann man sich mit der bereinigten und reintegrierten Facette des eigenen Wesens überhaupt erst richtig auseinandersetzen, sie kultivieren und ins Leben kanalisieren.
« Letzte Änderung: 13.03.2014 | 00:46 von Celestine »
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Offline Sashael

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #19 am: 13.03.2014 | 05:44 »
Das Saubermachen funktioniert so: Der Lebensbereich, der ins Stocken geraten ist, wird thematisert, die mit ihm verbundenen negativen Gefühle (Angst, Wut, Trauer, Schmerz etc), werden bewusst noch einmal zugelassen und durchlebt (hier hilft bewusstes Atmen). Dadurch kommt die angestaute Emotion wieder in den Fluss und kann sich wieder einpendeln.
Ohne jetzt den Spielverderber geben zu wollen..:
Hältst du es nicht fur gefährlich,  wenn Leute,  die halt ihrem Hobby nachgehen, mit Dingen rumpfuschen, die eine so starke tiefenpsychologische Wirkung haben können/sollen?
"Ja natürlich ist das Realitätsflucht. Was soll daran schlecht sein? Haben Sie sich die Realität in letzter Zeit mal angesehen? Sie ist grauenhaft!"


Leitet Itras By mit Battlemap. ;D

Offline Beral

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #20 am: 13.03.2014 | 08:18 »
Ohne jetzt den Spielverderber geben zu wollen..:
Hältst du es nicht fur gefährlich,  wenn Leute,  die halt ihrem Hobby nachgehen, mit Dingen rumpfuschen, die eine so starke tiefenpsychologische Wirkung haben können/sollen?
Wer hat eigentlich die Psyche zum Sperrgebiet erklärt? Sie wird jeden Tag deines Lebens beeinflusst, bewusst und unbewusst, von dir und von anderen. Das Wort "rumpfuschen" ist fehl am Platz. Es suggeriert, dass da etwas unübliches und gefährliches getan wird. Beides stimmt nicht.

 
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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #21 am: 13.03.2014 | 09:16 »
Sashael, ich hätte höchstens Bedenken bei Leuten die wirklich schwer psychisch krank und instabil sind und bei dem was Beral schreibt muss ich z.B. an die psychische Beeinflussung durch Werbung denken.
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Offline Gaukelmeister

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #22 am: 13.03.2014 | 09:48 »
@ Celestine
Dank dir für Erklärung. Nun sehe ich klarer und wüsste gern, wie Katharsis deiner Meinung nach im Rollenspiel funktioniert. Gibt es da einen (zusätzlichen?) Aspekt, der anderswo - also beispielsweise beim Lesen eines Mythos oder dem Hören von Musik - nicht vorkommt? Hintergrund dieser Frage ist eine andere Frage, nämlich: Ist Rollenspiel in irgendeiner Weise besonders, speziell, einzigartig hinsichtlich seiner Möglichkeiten, befreiende Gefühle zu erzeugen?

Wenn ich die letzte Frage mit Nein beantworte, dann lohnt es sich meiner Meinung nach, insbesondere der Frage nachzugehen: Auf welchen Wegen kommen Menschen zu kathartischen Erfahrungen? Der Fokus ist in diesem Fall fast gänzlich weg vom Rollenspiel und liegt vielmehr auf unserem Verständnis von Katharsis und ihrer Entstehung/Ermöglichung im Allgemeinen. Und die Antwort auf Frage, wie Katharsis im Rollenspiel unterstützt werden kann, findet man in diesen allgemeinen Überlegungen. Anders gesagt: Rollenspiel wäre dann lediglich ein Medium von vielen, in dem sich reinigende Erfahrungen machen lassen. Es bräuchte aber keine eigene Beschäftigung mit der Katharsis im und durch Rollenspiel - zumindest nicht in dem Sinne, dass hier irgendetwas Besonderes passiert, was nicht auch beim Filme gucken, Musik hören oder Bilder malen vorkommt.

Wenn ich im Unterschied dazu davon ausgehe, dass Rollenspiel zu einer spezifischen Form von Katharsis führt oder spezifische Wege zur kathartatischen Erfahrung eröffnet, dann wird es meiner Meinung nach viel spannender den Blick aufs Rollenspiel zu lenken. Der Fokus ist dann nicht mehr einfach nur Katharsis (diskutiert am Beispiel des Rollenspiels), sondern die besondere kathartische Wirkung des Rollenspiels. Antworten auf die Frage, wie Rollenspiel das genau macht, sind dann viel interessanter (weil nicht einfach dieselben wie in allen anderen Bereichen auch).

Ich bewege mich mit diesen Überlegungen und Fragen immer noch im oben angerissenen Dreischritt. Und nun bin ich sehr interessiert daran, was du glaubst, in welche Richtung das mit Katharsis und Rollenspiel läuft.
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Offline Celestine

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #23 am: 13.03.2014 | 20:20 »
Gaukelmeister, es tut mir gerade sehr gut, dir die Konzepte an denen ich Arbeite mitzuteilen. Ich antworte erstmal auf folgende Frage von dir und gehe gerne auf alles weitere näher ein,  was du oder auch jeder andere Forumskollege wissen möchte. Die Struktur die du der Darlegung meiner Ideen gibts ist sehr hilfreich!  :) ;)

Ist Rollenspiel in irgendeiner Weise besonders, speziell, einzigartig hinsichtlich seiner Möglichkeiten, befreiende Gefühle zu erzeugen?

Wie bei dem Lesen eines Mythos oder dem Hören von Musik, handelt es sich beim Rollenspiel um einen Reiz, der potentiell auf der verstandes Ebene in der Lage ist an einem ins Stocken geratenen Lebensimpuls zu rütteln. Die daraus resultierende Einsicht überträgt sich auf das Gefühl, was dann wieder über den Körper seinen Ausgleich sucht. Eine komische Situation in einem Film z.B., thematisiert charmant ein Tabu und der Zuschauer auf seinem Sofa fängt an zu lachen, oder knuddelt mit seinem Partner wegen der Romantik oder entschliesst sich mit seiner kleinen Schwester zu Catchen, wegen Hulk Hogan!  ;)

Selbst, z.B. wie beim Theater eine geschriebene Geschichte als Schauspieler über den eigenen Körper zu einem lebendigen Moment werden zu lassen, ist natürlich Kraftvoller, als das Ganze nur aus dem Publikum zu beobachten.  Beim Rollenspiel spielt sich wie beim Zuschauer auf seinem Sofa viel im Kopf ab, aber die soziale Interaktion am Spieltisch fordert von ihm ständig Reaktionen, ähnlich wie beim Schauspielen ( "acting is reacting" Stanislavski, russischer Theaterdirektor). Das Besondere hinsichtlich der Möglichkeiten des Rollenspiels befreiende Gefühle zu erzeugen ist, der relativ geringe Aufwand, mit dem man mit einer Spielrunde am Tisch eine Atmosphäre erzeugen kann, in der man sich kreativ und ganzheitlich in einer Gruppe(über verstand, psyche & körper) mit Elementargedanken und Lebensimpulsen  auseinandersetzen kann.

« Letzte Änderung: 13.03.2014 | 20:28 von Celestine »
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Offline Gaukelmeister

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Re: Vorstellungskraft und die Zukunft des Rollenspiels
« Antwort #24 am: 14.03.2014 | 14:20 »
Das Besondere hinsichtlich der Möglichkeiten des Rollenspiels befreiende Gefühle zu erzeugen ist, der relativ geringe Aufwand, mit dem man mit einer Spielrunde am Tisch eine Atmosphäre erzeugen kann, in der man sich kreativ und ganzheitlich in einer Gruppe(über verstand, psyche & körper) mit Elementargedanken und Lebensimpulsen  auseinandersetzen kann.

Dies verstehe ich als deinen zentralen Gedanken. Ein schöner Weg, um deine Ideen von Katharsis und Rollenspiel auszuformulieren, könnte darin bestehen, diesen Satz nach und nach zu präzisieren und mit knackigen Beispielen zu illustrieren. Da ich immer gerne ein wenig systematisiere, nenne ich mal einfach die beiden für mich wesentlichen Aspekte, die da drin stecken.

Erstens: Rollenspiel eignet sich gut fürs Erzeugen einer Atmosphäre (welche das ist, ist dann der zweite Punkt). Wenn du deiner Frage nachgehen willst, was man konkret tun kann, um beim Rollenspiel reinigende Emotionen zu erzeugen, dann ist gewiss ein Teil der Antwort hier verborgen - du erklärst dann, wie man die fruchtbare Atmosphäre erzeugen kann. (Klingt ein bisschen nach Kerzen und Musik.)

Zweitens: Die eigentlich kathartische Wirkung entfaltet sich dann durch kreative und ganzheitliche Auseinandersetzung mit Elementargedanken und Lebensimpulsen. Das ist nun durchaus ein anspruchsvoller Gedanke, der nicht selbsterklärend ist. Welche Art von Kreativität? Was genau bedeutet ganzheitlich beim Rollenspiel dabei zu sein (ist das beispielsweise etwas, das mir einfach passiert oder kann ich das aktiv unterstützen - wenn ja: wie?)? Was sind Elementargedanken? Und an welche Lebensimpulse denkst du hier so? Mich würde hier vor allen Dingen auch interessieren, ob das manchmal beim Rollenspiel fehlt. Im ersten Moment hört sich das für mich so an, als hätten all die immersiven Vampire-Stimmungsspieler alles richtig gemacht mit Blick auf persönliche Reinigung. Stimmt das und was ist mit den anderen?
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