Autor Thema: Wie wollen (junge) Einsteigende spielen? (Zuvor: Bericht zu Schnupperspiel...)  (Gelesen 1838 mal)

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Offline flaschengeist

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Noch eine Ergänzung. Es klingt als wärst du ein richtig guter Spielleiter und würdest sicher 90% von uns Tanelornis abholen. Mich mit Sicherheit! Schon der kurz angerissene Plot ist MEGA.

Mich auch :d.


RPG-Verlage konzipieren RPGs für unterschiedliche Zielgruppen und zwar alt (uns) und jung (nicht uns). Die Bedürfnisse und Interessen sind da total unterschiedlich.

Wo siehst du entlang der Variable jung vs. alt die wesentlichen Unterschiede?
Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann (frei nach Antoine de Saint-Exupéry). Ein Satz, der auch für Rollenspielentwickler hilfreich ist :).
Hier findet ihr mein mittel-crunchiges Rollenspiel-Baby, das nach dieser Philosophie entstanden ist, zum kostenfreien Download: https://duodecem.de/download

Online Maarzan

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"Damals" hat Probespiel auch nicht bei allen gezündet, doppelt, wenn man nicht unter bereits hochinteressierten gefischt hat. Ich würde deine Beschreibung eher lesen: nur eine Rollenspielerin und einige Nieten getroffen. Gab's zu allen Zeiten.
Storytellertraumatisiert und auf der Suche nach einer kuscheligen Selbsthilferunde ...

Offline Philipp.Baas

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Wo siehst du entlang der Variable jung vs. alt die wesentlichen Unterschiede?

Ein ganz zentraler Faktor sind Regeln: Die müssen möglichst leicht sein und schnell anwendbar. Regelanwendungen - wie Kämpfe - müssen sehr schnell gehen. Das hat aber nichts mit dem Bashing junger Leute zu tun (Aufmerksamkeitsspanne, Konzentrationsschwäche etc.), sondern ist wirklich schlicht eine Vorliebe, die ich bei Jüngeren beobachte (Komm zum Punkt). Das ist so wie mir russische Autoren unerträglich sind und meine Mutter die ausgewalzte Erzählweise geliebt hat.

Dann sind die Lebenswelten und auch das schon erlebte Storytelling absolut unterschiedlich. Die modernen Helden und Figuren sind für meinen Geschmack viel zu edgy, fast ins Lächerliche überzeichnet und solche Helden und Storys sind dann auch gewollt.

Und anders als das bei uns war, muss irgendwo ein cosy-Faktor rein und spätestens da zerschießt es uns alten Säcke, weil wir das heroisch, edgy und cosy nicht zusammenbringen.

Aber nur meine Beobachtung... 

Offline Seba

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Das ist ein hochinteressanter Bericht, ganz lieben Dank für die Ausführlichkeit!

Deine Erfahrungen decken sich mit meinen: ausgeklügelte Systeme finden bei weniger erfahrenen Spielenden weniger Anklang. Das wichtigste ist, dass sie immer wissen, was sie tun können, beziehungsweise was das System von ihnen will.

Ganz besonders wichtig ist aber, dass du das Spiel so designst, wie es dir gefällt. Man muss sich echt davon freimachen, daß "perfekte Spiel" zu designen. Man kann nur ein Spiel designen, das die eigenen Vorlieben perfekt abdeckt. Irgendwie finden sich sicher auch Leute, die das selbe mögen.

Und danke, dass du in Erwägung gezogen hast, Mini D20 zu benutzen :)

MfG,
Seba

Offline flaschengeist

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Ein ganz zentraler Faktor sind Regeln: Die müssen möglichst leicht sein und schnell anwendbar. Regelanwendungen - wie Kämpfe - müssen sehr schnell gehen. Das hat aber nichts mit dem Bashing junger Leute zu tun (Aufmerksamkeitsspanne, Konzentrationsschwäche etc.), sondern ist wirklich schlicht eine Vorliebe, die ich bei Jüngeren beobachte (Komm zum Punkt). Das ist so wie mir russische Autoren unerträglich sind und meine Mutter die ausgewalzte Erzählweise geliebt hat.

Dann sind die Lebenswelten und auch das schon erlebte Storytelling absolut unterschiedlich. Die modernen Helden und Figuren sind für meinen Geschmack viel zu edgy, fast ins Lächerliche überzeichnet und solche Helden und Storys sind dann auch gewollt.

Und anders als das bei uns war, muss irgendwo ein cosy-Faktor rein und spätestens da zerschießt es uns alten Säcke, weil wir das heroisch, edgy und cosy nicht zusammenbringen.

Aber nur meine Beobachtung...

Danke für deine Erläuterungen :d. Auch in meiner Blase bevorzugen jüngere Spielerinnen und Spieler eher regelleichte und narrative Systeme. Ich denke, das hat viel mit der Sozialisation durch Critical Rolle und andere RPG-Streamer zu tun.
Ich meine aber, dass noch einige andere Faktoren reinspielen. Beispielsweise beobachte ich auch einen Geschlechterunterschied: Spielerinnen egal welchen Alters mochten es in meinem Umfeld schon immer tendenziell regelleichter als Spieler.

@Zed Falls ich den Beitrag zu sehr entführe, bitte Bescheid geben.
Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann (frei nach Antoine de Saint-Exupéry). Ein Satz, der auch für Rollenspielentwickler hilfreich ist :).
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Online Zed

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@Metamorphose
Ja, so ist es wohl. Du hast nun schon wieviele Projekte marktreif entwickelt, mehr als drei? Da hast Du auf jeden Fall viel Erfahrung, auch mit den Sackgassen, die auftauchen.

@Philipp
Danke, da werde ich rot.
Da die fünf Einsteigenden gar keine Erfahrung in Rollenspielfragen mitbrachten, hätte ich angenommen, dass sie noch nicht auf einen schlanken Spielstil vorgeprägt waren. Aber vielleicht ist es tatsächlich die Frage, ob es aktuell eine Jugendkultur gibt, die ich bislang nicht wahrgenommen habe, die mit Inkompatibilität zu aufwändigeren Spielformaten korreliert.

@flaschengeist
Das sind spannende Fragen. Mit denen kann es hier gerne weiter gehen. Ich habe den Threadtitel angepasst.

"Damals" hat Probespiel auch nicht bei allen gezündet, doppelt, wenn man nicht unter bereits hochinteressierten gefischt hat. Ich würde deine Beschreibung eher lesen: nur eine Rollenspielerin und einige Nieten getroffen. Gab's zu allen Zeiten.

Ich glaube, Maarzan, da hast Du einen blinden Fleck bei mir entdeckt. Meine engeren Kollegen sind nur eine Generation jünger als ich und aktive DSA-Spieler. Am Mittagstisch sprechen wir alle - auch mit denen, mit denen ich jetzt das Schnupperspiel hatte - also von ganz jung bis alt - über dieselben Pop-Kultur-Themen, und ich finde, wir sind altersunabhängig insgesamt auf ähnlicher Wellenlänge. Und dann tummle ich mich noch hier unter uns RPG-Veteran:innen: Da kam ich gar nicht auf die Idee, dass Menschen etwas anderes sein können, als unentdeckte Rollenspieltalente!

Aber natürlich hast Du Recht, und zu meiner Einstiegszeit war es auch schon so: Nicht alle packt das Rollenspiel, nicht alle haben einen Sinn dafür. Vielleicht ist es zu einem Teil das.

Das ist ein hochinteressanter Bericht, ganz lieben Dank für die Ausführlichkeit!

Deine Erfahrungen decken sich mit meinen: ausgeklügelte Systeme finden bei weniger erfahrenen Spielenden weniger Anklang. Das wichtigste ist, dass sie immer wissen, was sie tun können, beziehungsweise was das System von ihnen will.

Ganz besonders wichtig ist aber, dass du das Spiel so designst, wie es dir gefällt. Man muss sich echt davon freimachen, daß "perfekte Spiel" zu designen. Man kann nur ein Spiel designen, das die eigenen Vorlieben perfekt abdeckt. Irgendwie finden sich sicher auch Leute, die das selbe mögen.

Und danke, dass du in Erwägung gezogen hast, Mini D20 zu benutzen :)

MfG,
Seba

So designen, dass es mir gefällt: Das muss die Hauptmotivation bei der (Hobby-) Spielentwicklung sein, absolut! Und das habe ich auch mit Freude jahr(zehnt)elang gemacht. Sehenden Auges habe ich weiter gebastelt, wissend, dass ich es zwischendurch mal testen muss - und das habe ich versäumt. Und nun habe ich wahrgenommen, dass die vielen Ideen, die mir im einzelnen Freude gemacht haben, im ganzen Zusammenspiel wohl nur schwer erfüllen, was ich mir als Designziele erhofft hatte.

Wenn man nicht wie ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen möchte, dann ist Dein MINI D20 hervorragend geeignet, mit Einsteigenden einfach mal loszuspielen. Insbesondere für DnD-sozialisierte Leute wie mich ist es eine große Hilfe.

Vielen Dank für Euer aufmerksames Lesen und Hineindenken!

Offline Tudor the Traveller

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Aber natürlich hast Du Recht, und zu meiner Einstiegszeit war es auch schon so: Nicht alle packt das Rollenspiel, nicht alle haben einen Sinn dafür. Vielleicht ist es zu einem Teil das.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass Menschen, die in RPG als Hobby aufgehen, eher die Ausnahme als die Regel sind. Das ist für ein Hobby aber ja auch irgendwie normal. Ich treffe immer mal Leute, die es mal probiert haben aber nicht dabei geblieben sind.
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Offline Kurna

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[...]
Da die fünf Einsteigenden gar keine Erfahrung in Rollenspielfragen mitbrachten, hätte ich angenommen, dass sie noch nicht auf einen schlanken Spielstil vorgeprägt waren. Aber vielleicht ist es tatsächlich die Frage, ob es aktuell eine Jugendkultur gibt, die ich bislang nicht wahrgenommen habe, die mit Inkompatibilität zu aufwändigeren Spielformaten korreliert.

[...]

Da wollte ich noch einhaken. Selbst wenn sie an komplexeren Regeln Interesse hätten, heißt auch das nicht automatisch, dass sie an deinen komplexen Regeln gefallen finden. Und damit meine ich nicht, dass deine Regeln schlecht wären, sondern nur vielleicht anders komplex als sie es wollten. Wir bilden uns oft ein, dass man die Spielenden in komplex/nicht komplex plus vielleicht noch Narrativist etc. in wenige Gruppen teilen könnten, die dann untereinander immer klar kämen.
Das ist nicht meine Erfahrung. Ich finde, Geschmäcker beim Rollenspiel sind viel individueller als wir das wahrhaben. Ich sage gerne: In Deutschland werden 200 verschiedene Rollenspielsysteme verkauft, aber 20000 verschiedene Systeme an den Tischen gespielt. (Zahlen natürlich nur grobe Hausnummern, bitte nicht daran festbeißen.)
Irgendwie finden sich dann zwar doch diese Runden, aber da sind fast immer Kompromisse drin. Kaum jemand spielt wirklich genau das, was für ihn/sie das perfekte Spiel wäre.

Unabhängig davon stimmt natürlich auch, dass nicht unbedingt jede/r Spaß am Rollenspiel hat.
"Only the good die young. The bad prefer it that way." (Goblin proverb)

Offline Quaint

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Ja, naja, so sehr ergiebig wird die Frage nicht zu beantworten sein. Man könnte ja auch fragen, was Menschen aus dem ehemaligen Ostdeutschland gerne spielen. Ich hab einen Mitspieler mit 20 ungrad, der kommt auch mit komplexen Systemen sehr gut klar. Ich hab einen Mitspieler mit mitte 40, der kann mit Regeln garnix anfangen egal ob einfach oder nicht.
Die einfachste Antwort ist wohl: DnD will gespielt werden, weil das einfach praktisch gesehen der absolute Platzhirsch ist. In der aktuellen Edition. Ob das auch eine Mehrheit der Spielvorlieben abdeckt? Fraglich. Aber ich sag auch ganz frech: Sehr viele Rollenspieler haben nicht soviel Überblick, was es alles an Spielarten gibt. Und selbst wenn sie was anlächelt, muss man dann ja erstmal jemanden finden, der das mit einem spielt.
Das :t: ist halt nicht nur mit älteren Zockern bevölkert, sondern auch mit solchen, die sich eher intensiv damit auseinandersetzen.
Besucht meine Spielkiste - Allerlei buntes RPG Material, eigene Systeme (Q-Sys, FAF) und vieles mehr
,___,
[o.o]
/)__)
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Online Maarzan

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Meine Eindrücke:
Wer die Idee eh nur so lala findet , will sich nicht unbedingt besonders anstrengen um sich in das Angebot rein zu finden.

Mit zu viel Komplexität kann man auch wohlwollende Spieler abschrecken.
Ist nicht D&D oder welche Marke er in dem Zusammenhang zum ersten Mal gehört hat kann auch abschrecken. Viele woll(t)en "das Original".

Ohne weiteres, geschmackspassendes "Beissmaterial" an der Hand, verliert man aber auch wieder interessierte Spieler, welche dann nach den Einführungen mehr von dem sehen und vor allem auch an für sie greifbaren Werkzeugen und Ansatzpunkten haben wollen, was sie am Spielen jeweils packend fanden.
Dieses mehr ist meiner Erfahrung nach nahezu nirgends mehr vorgekauter (und spielfigurferner zu lernender)  Fluff. Die Angeköderten wollen dann Unterstützung beim kommenden selber machen, sei es als SL oder auch beim insbesondere auch eigenständigen Bau bestimmter SC (Lösung ist also nicht einfach nur: dann frag deinen SL, auch wenn es am Ende bei der praktischen Integration in ein Spiel trotzdem darauf hinausläuft).
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