So sehr ihr euch an anstrengt, Ausschau haltet, ihr könnt keine Spur von dem Ort des Überfalls auf das Brautpaar finden. Zwei, dreimal glaubt ihr etwas gesehen zu haben und der Wagen hält an. Ihr untersucht die Stellen aber findet keine weiteren Spuren oder Hinweise darauf, dass hier wirklich mehr stattgefunden hat als der Brunftkampf zweier Hirsche von denen jetzt keine Spur mehr zu sehen ist. Hier oben im Norden hat der Kupferweg durch Witterung und Unwetter stärker gelitten und erste Spuren des Verfalls werden sichtbar. Mal ist eine Böschung abgerutscht und der Weg verjüngt sich auf eine schmale Fahrspur, an anderen Stellen ist er fast gar nicht mehr von der umliegenden Vegetation zu unterscheiden. Alleine der feste Untergrund zeugt noch davon das ihr weiter auf dem Weg seid.
Der Waldrand liegt mal näher mal ferner am Weg und die Berge nördlich von euch sind imposante Gipfel an denen sich die Wolken auftürmen. Schneebedeckt sind ihre Gipfel und dunkel die Schluchten welche ihr aus der Entfernung sehen könnt. Immer wieder stoßt ihr auf die Spuren wilder Tiere, es scheint tatsächlich große Bären zu geben die in diesem Teil des Waldes hausen. Zumindest wenn man ihre Spuren sieht, ein lebendes Exemplar bekommt ihr nicht zu sehen sind sie doch zu scheu.
Am zweiten Tag kommt ihr an einen weiten See, dessen gegenüberliegendes Ufer kaum zu erkennen ist.
„Das ist das niedere Wasser!“ sagt Sote. „Einer der Seen an denen wir vorbeikommen werden, manche halten ihn schon für einen Fjord, aber es ist Süßwasser, auch wenn es kaum Fisch enthält. Es braucht mit dem Wagen in der Tat mehrere Stunden die sich der Kupferweg an dem See entlangschlängelt. Kleine Wellen schlagen gegen das Ufer, das reich an rundgeschliffenen Kieselsteinen ist. Schilfgürtel bedecken die Ufer, hin und wieder könnt ihr Wasservögle sehen die in Gruppen auf dem Wasser treiben und nur aufflattern, wenn ihnen danach ist.
Dann bleiben die Ufer zurück und machen wieder dem Hochmoor platz doch schon am Abend erreicht ihr eine weitere Wasserfläche. Fast vollkommen zugewuchert mit Schilf scheint sie versandet zu sein. Ein fauliger Geruch steigt vom Wasser auf und weht über das Land. Das Wasser selbst wenn es durch das Schilf zu sehen ist, ist pechschwarz und spiegelt den Himmel über dem Gewässer
„Der schwarze Wasserlauf oder wie ihn viele auch nennen, der tote Wasserlauf. Anders als es hier aussieht war es mal ein Fluss, der sein Wasser vom hohen Wasser bekommt. Während der Schneeschmelze leiten wir das Wasser des hohen Wassers hier hinein. Es gibt keine Fische in ihm und selbst die Vögel meiden das Wasser!“
Ihr verbringt eine letzte Nacht in der Wildnis und seit dabei immer dem Ufer des schwarzen Wasserlaufs gefolgt. Früh am nächsten Morgen, es steht noch Nebel in den Niederungen und Raureif bedeckt Reet macht ihr euch auf zu letzten Etappe nach Wretguard.
Der Kupferweg biegt nach Norden ab und im Osten könnt ihr eine weiter Wasserfläche sehen. „Das ist das hohe Wasser, hier kann man fischen und es ist noch nicht das Meer, auch wenn man das glauben mag. Es gibt Stürme auf ihm und das hohe Wasser kann über die Ufer treten, wenn der Schnee in den Bergen schmilzt. Jetzt jedoch haben wir nichts zu befürchten.“
Der See ist so weit, dass in der Tat kein anderes Ufer zu sehen ist, das windgepeitschte Wasser erinnert ein wenig an eure Ankunft mit dem Boot, doch die See war noch ein ganzes Stück rauer. Der Kupferweg ist hier höher angelegt, auf einem Damm so dass er auch während der Schneeschmelze ganzjährig zu befahren ist. Im Westen liegt der schwarze Wasserlauf im Osten das hohe Wasser, durchschnitten nur von einer schmalen Landzunge auf welcher der Kupferweg entlangführt. Wo sich der schwarze Wasserlauf und das hohe Wasser am nächsten sind durchschneidet ein steinerner Kanal mit einem Schleusenwerk die Landzunge. Das Bauwerk ist aus riesigen Steinquadern errichtet worden und dient dazu den Pegelstand des hohen Wassers zu regulieren. Einst der Stolz der Wildlande. Türme, Zahnräder und eisenbeschlagene Eichentore dienen dazu dem Wasser den Weg zu weisen. Algen wachsen an den Wänden der Steine und man kann die Wassermarken der Hochwasser sehen die sich in den Stein geschliffen haben. Glucksend und rauschend fließt das Wasser durch den Kanal welcher unter einer Brücke verläuft. Einst wurde hier wohl Zoll verlangt, denn eine kleine Wehranlage auf der Südseite des Kanals kann den Weg für Reisende versperren, doch die Dächer sind eingefallen und kein Wachmann versieht hier seinen Dienst.
Hinter dem Kanal liegt ein hoher Hügel auf der Westseite des Kupferweges. Ringförmig führt ein Weg bis zur Spitze.
„Das ist der Henkershügel, dort stand auch die Hütte von Ouvars Familie welche seiner Familie zum Verhängnis wurde. Er und die seinen sind an den Hängen des Hügels beerdigt worden!“ Sote vermeidet es zu lange zum Hügel zu blicken.
Dann endlich gegen Mittag könnt ihr die Stadt
Wretguard am Horizont erblicken, doch es ist mehr eine Siedlung. Viel kleiner als Storhavn, Hallwind oder Nordhalle. Mehr ein Dorf als eine Stadt, bestand die Siedlung wohl mal aus vielleicht 60 großen Häusern. Bis auf wenige alles Holzgebäude und der Hauch des Verfalls liegt über allem. Das Holz schwarz von Feuchtigkeit und Witterung scheinen viele der Häuser unbewohnt zu sein und das seit langer Zeit. Einst muss die Siedlung reich gewesen sein, Kupferverzierungen schmücken Fenster und Türrahmen, das Dach eines großen Steingebäude in der Mitte besteht gar vollständig aus Kupfer.
Wretguard hat keine Mauer und keine Palisade, die Stadt war auf die Beherbergung von Bergleuten und Arbeitern spezialisiert. Viele ließen sich hier nieder aber jetzt sind von den ehemals vielleicht 1000 Bewohnern nur noch etwa 100 übrig. Ein großer Friedhof mit alten Grabsteinen welche von Moos und Flechten überzogen sind gibt einen Hinweis auf das Schicksal der Bewohner.
Vor Wretguard liegt ein kleines Gewässer, vielleicht ein paar hundert Meter lang und halb so breit. Eine Pumpenmechanismus vollständig aus Kupfer und ein großer Kupfertank stehen am Ufer. Der Tank ruht auf einem Podest aus Stein.
„Der glitzernde See!“ sagt Sote „Wenn ihr Wasser braucht holt es euch dort. Er wird von einer unterirdischen Quelle gespeist die den Erzählungen nach am Tag von Marias Geburt die Oberfläche durchbrach. Das Wasser ist immer sauber und rein, ihr könnt es trinken ohne es abzukochen.“
Dann bleibt der kleine See zurück und vor euch, rechts und links vom Pfad zeugen zwei Hölzerne Säulen das ihr die Außengrenze von Wretguard erreicht habt. Schwere Eisengringe Garbanis hängen rostig an den Seiten der Säulen und sie erinnern an die Blutsäulen der Kirche von Serdajn in Storhavn.
Eine Gruppe aus etwa dreißig Dorfbewohnern lungert zwischen den Häusern herum. Kalte, misstrauische Blicke beobachten euch. Kein Empfangskomitee, sondern Leute in voller Kampfmontur sind gekommen um zu sehen ob es Ärger gibt.
Obwohl es Tag ist liegt ein gespenstischer Schleier über dem Ort, er strahlt die Trauer vergangener Grausamkeiten aus.