Für die Fantasy-Kultur ist Tolkien maßgeblich, weil er einen Kosmos von bis dahin unvergleichlicher Tiefe geschaffen hat. Und alles von unfassbarer Qualität.
Als ich den Herrn der Ringe Anfang der 80er zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich den Eindruck, ich könnte an jeder Stelle der Geschichte anders abbiegen und höher steigen oder tiefer graben und würde mich immer noch in einer von Tolkien erdachten und konsistenten Welt aufhalten.
Hingegen sind viele andere klassische Fantasyromane viel weniger und weniger umfassend durchdacht. Da marschierst du durch Kulissen, die es für die Handlung braucht, die aber rings um den betrachteten Ausschnitt abbrechen und nicht wirklich durchdacht sind. Eben Pulp.
Dazu kommt, dass Tolkien sich mit Mythologie auskannte und deren Kraft wecken und transformieren konnte. Insofern bewegt man sich bei Tolkien gedanklich in und durch einen Mythos. Bei vielen anderen Autoren erscheint mir das viel platter und viel banaler.
Das ist auch der Grund, warum Religion explizit im Herrn der Ringe keine Rolle spielt. Der ganze Stoff, das ganze Drumherum ist ein apokalyptischer Endkampf. Aus dieser umfassenden Sicht einzelne Tempel, Kulte oder religiöse Überzeugungen rauszulösen und zum Inhalt der Story zu machen, würde den Mythos spieltechnisch verzwecken und seiner Kraft, Erhabenheit und Funktion berauben. Pulp würde genau das machen, aber Tolkien hat einfach ein besseres Gespür dafür. Und vielleicht hängt das eben auch mit seinem eigenen, christlichen Glauben, aber auch mit seiner Faszination für die nordisch-heidnische Sagenwelt zusammen: Was man liebt, das verzwergt man nicht gern. Man gibt ihm den Raum, den es verdient.
Und warum wurde der Herr der Ringe stilbildend auch für viele Rollenspiele? Weil es natürlich mehr hermacht, wenn man Qualität liefert und keinen zum Teil fadenscheinigen Schund. Und weil Mittelerde mit seiner kulturellen Dichte und Unterfütterung es trägt, dass Spieler in dieser Welt ganz andere und eigene Abenteuer bestehen wollen. Wo die Kulissen eben dürftiger und weniger stimmig sind, da kommt der Erfolg eher von einer haarsträubenden Story. Die nützt mir aber fürs Rollenspiel nichts. Eine bekannte Story kann ich nicht nachspielen.
Die Welt und ihre Geschichte liefern bei Tolkien die Inspiration. Die Handlung ist nicht annähernd so orignell oder einzigartig.