Autor Thema: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis  (Gelesen 705 mal)

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Offline Gorilla

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Je mehr man sich zum Thema Rollenspiel mit Spielenden unterhält, desto häufiger stößt man auf den Begriff von Willkür - meist im Zusammenhang mit Spielleitungswillkür.
In den allermeisten Fällen erfolgt diese Wortwahl mit einer deutlich negativen Konnotation (und oft sind alle Anwesenden sich dann einig, dass in dem Moment geteilte Empörung angebracht wäre).

Ich würde an dieser Stelle den Begriff gerne einmal neutraler diskutieren wollen und dazu anregen, ihn zukünftig auch neutraler zu verwenden.
Es ist mir natürlich bewusst, das der Begriff "Willkür" negativ besetzt ist, was wohl vor allem aus der juristischen Tradition herrührt, wo er auch (in der Regel und mit Ausnahmen) genau so verwendet wird. Darüber will ich aber gar nicht sprechen, sondern im Kontext unseres Hobbys bleiben und ihn in diesem Zusammenhang diskutieren.

Ich spreche also ganz ausdrücklich nicht von Willkür (durch z.B. die Spielleitung) als eine Entscheidung, die sachlich nicht vertretbar ist. Sondern ich will sprechen über Willkür als "ursprünglich und wertneutral die Entscheidungsfreiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren" (Wiki).

Warum das?
Willkür liegt im Grunde immer dann vor, wenn keine (durch die Spielvorschriften im jeweiligen Rollenspiel vorliegende) Notwendigkeit besteht. Also immer dann, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, weil keine eindeutige Vorgabe von System, Abenteuer, Spielwelt usw. vorhanden ist, was als nächstes erfolgen muss.
Also immer, wenn wir aktiv das Spielgeschehen beeinflussen und nicht einfach nur die Regeln (im abstrakteren Sinne) abhandeln.
Am Ende des Tages ist also jede (echte) Entscheidung, die wir am Spieltisch treffen, zwangsläufig immer willkürlich (nach obiger Definition).
Das bedeutet, dass auch die Entscheidung, ob jetzt in diesem Moment am Dungeon nach rechts oder links weitergegangen wird, willkürlich (im eigentlichen Sinne) von der Gruppe getroffen wird.

Für mich persönlich ich es ein entscheidender Aspekt des Rollenspiels, der mir Spaß bereitet, dass ich willkürlich Dinge entscheiden darf, die meine Spielfiguren betreffen, um damit das geteilte Spielerlebnis und das gemeinsam gestaltete Spielgeschehen aktiv mitzugestalten.

Deshalb mein Appell, mit dem Begriff "Willkür" allgemein etwas entspannter umzugehen und ihn nicht immer nur ausschließlich negativ zu bewerten.

---
Ich möchte hier ausdrücklich nicht darüber sprechen, dass Spielleitungen (aber auch andere Spielende) ihre Entscheidungsmacht manchmal missbräuchlich einsetzen und dadurch das Spielerlebnis stören. Mir ist völlig klar, was unter dem Schlagwort "Spielleitungswillkür" verstanden wird. Ich würde das aber als disruptiven Einsatz von Spielleitungsmacht verbuchen - ist allerdings ein sperriger Begriff und "Spielleiterwillkür!" lässt sich einfach gut brüllen  ;D

Offline Luxferre

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #1 am: 10.04.2026 | 11:47 »
Hast Du sehr schön zusammengefasst und elaboriert!  :d
Meinerseits bedarf es dazu keiner weiterer Stellungnahme/Diskussion/whatever.
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Offline Edgar Allan Poe

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #2 am: 10.04.2026 | 11:50 »
Ich stimme dem Thread-Ersteller grundsätzlich zu, möchte aber noch ergänzen:

Rollenspiel besteht imho doch zu großen Teilen aus Willkür. Also aus Dingen, die ich als Spielleiter oder als Spieler einfach entscheide. Wenn man so etwas komplett streicht, ist man am Ende bei einem Brettspiel. Das kann Spaß machen. Kann aber auch langweilig sein.

Bedeutet: Solang wir hier nicht von Willkür alá "Du kannst die Tür nicht öffnen, weil halt!" sprechen ... ist alles fein, denke ich.
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Offline Holothuroid

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #3 am: 10.04.2026 | 11:59 »
Das ist ein guter Hinweis. Aber warum sagen wir Willkür, wenn das Wort regelmäßig missverstanden wird?

Wir treffen beim Rollenspiel ständig Entscheidungen.
Let's Go To Magic School - Wenn man einen Zauberschulroman liest (und davon gibt's viele), lernt man mit den Charakteren über die Welt und die Magie. In diesem PbtA-Spiel, spielt ihr um herauszufinden, wie es mit Welt und Magie steht.

Offline nobody@home

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #4 am: 10.04.2026 | 12:00 »
Kurzer Blick ins Wiktionary...ja, "Willkür" ist da ein wenig doppeldeutig und hat insbesondere keine eindeutig positive Bedeutung, die den teils an diesem Wort hängenden negativen Assoziationen entgegenstehen könnte; wenn wir von "positiver Willkür" sprechen wollen, verwenden wir im gängigen Sprachgebrauch wohl eher Begriffe wie beispielsweise "Freiheit".

Nichtsdestotrotz kann der Begriff auch wenigstens "neutral" verwendet werden, ist also nicht komplett einseitig als Schimpfwort vorbelastet. :)

Offline Der Hasgar

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #5 am: 10.04.2026 | 12:03 »


Warum das?
Willkür liegt im Grunde immer dann vor, wenn keine (durch die Spielvorschriften im jeweiligen Rollenspiel vorliegende) Notwendigkeit besteht. Also immer dann, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, weil keine eindeutige Vorgabe von System, Abenteuer, Spielwelt usw. vorhanden ist, was als nächstes erfolgen muss.
Also immer, wenn wir aktiv das Spielgeschehen beeinflussen und nicht einfach nur die Regeln (im abstrakteren Sinne) abhandeln.
Am Ende des Tages ist also jede (echte) Entscheidung, die wir am Spieltisch treffen, zwangsläufig immer willkürlich (nach obiger Definition).
Das bedeutet, dass auch die Entscheidung, ob jetzt in diesem Moment am Dungeon nach rechts oder links weitergegangen wird, willkürlich (im eigentlichen Sinne) von der Gruppe getroffen wird.

Für mich persönlich ich es ein entscheidender Aspekt des Rollenspiels, der mir Spaß bereitet, dass ich willkürlich Dinge entscheiden darf, die meine Spielfiguren betreffen, um damit das geteilte Spielerlebnis und das gemeinsam gestaltete Spielgeschehen aktiv mitzugestalten.

Deshalb mein Appell, mit dem Begriff "Willkür" allgemein etwas entspannter umzugehen und ihn nicht immer nur ausschließlich negativ zu bewerten.

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Ich möchte hier ausdrücklich nicht darüber sprechen, dass Spielleitungen (aber auch andere Spielende) ihre Entscheidungsmacht manchmal missbräuchlich einsetzen und dadurch das Spielerlebnis stören. Mir ist völlig klar, was unter dem Schlagwort "Spielleitungswillkür" verstanden wird. Ich würde das aber als disruptiven Einsatz von Spielleitungsmacht verbuchen - ist allerdings ein sperriger Begriff und "Spielleiterwillkür!" lässt sich einfach gut brüllen  ;D

So wie Du den Begriff jetzt umschreibst, ist er absolut unproblematisch. Auf Spielerebene sowieso, weil hier ja genau das gemacht werden soll: Eigene Entscheidungen treffen.

Relevant wird der Begriff eigentlich immer nur dann, wenn "die Welt" in irgendeiner Form auf die SCs reagiert. Die Welt ist in diesem Zusammenhang ja oft die SL (manchmal auch die Spielenden).

Jetzt könnte man vorher festlegen: "Wenn die SL das so entscheidet, dann ist das in der Welt eben so." Dann wäre "Willkür" in diesem Zusammenhang kein Problem.

Es gibt aber durchaus Entscheidungen, die der SL vielleicht schwerfallen oder deren Konsequenzen für einen SC (und damit auch für den jeweils Spielenden) äußerst unangenehm sind. Es dürfte nicht wenigen Menschen dann ganz automatisch der Gedanke kommen: "Warum hat es mich getroffen und nicht SC X/Y/Z?" Oder "Warum trifft es mich so hart?". In solchen Fällen ist es doch mehr als genial, das vielleicht den Zufall (Würfel, Karten usw...) entscheiden zu lassen.
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Offline Maarzan

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #6 am: 10.04.2026 | 12:10 »
Ich halte es nicht für zielführend einen effektiv etablierten Begriff umdeuten zu wollen, davon geht die typischerweise damit beschriebene Unwohllage des sich Ausdrückenden auch nicht weg, sondern erschwert es ihm nur sich anderen verständlich zu machen. Das halte ich für weitaus negativer als den mir hiernach nicht erkennbaren positiven Effekt der Umdeutung.
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Offline Zed

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #7 am: 10.04.2026 | 12:11 »
Ich würde an dieser Stelle den Begriff gerne einmal neutraler diskutieren wollen und dazu anregen, ihn zukünftig auch neutraler zu verwenden.

Wenn Du diesen negativ gefärbten Begriff neutral diskutieren möchtest, empfehle ich, dass Du den Threadtitel in irgendetwas mit „Willkür“ UND zusätzlich etwas mit „Improvisation“ wechselst.

Damit machst Du deutlich, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Sonderrechte gibt, die Spielleitungen - je nach Auffassung - haben, oder die sie - je nach Auffassung - „sich anmaßen zu nehmen“.

Vielleicht „Willkür oder Improvisation? Was SLs „sich anmaßen“ oder „können sollten“

Geht vielleicht noch besser, aber die Idee ist klar.

Threadtitel ändern: Den ersten Beitrag ändern und dabei den Threadtitel ändern - ab dem Moment der Änderung wird der neue Titel angezeigt.

Offline Gorilla

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #8 am: 10.04.2026 | 12:51 »
Kurzer Blick ins Wiktionary...ja, "Willkür" ist da ein wenig doppeldeutig und hat insbesondere keine eindeutig positive Bedeutung, die den teils an diesem Wort hängenden negativen Assoziationen entgegenstehen könnte; wenn wir von "positiver Willkür" sprechen wollen, verwenden wir im gängigen Sprachgebrauch wohl eher Begriffe wie beispielsweise "Freiheit".

Nichtsdestotrotz kann der Begriff auch wenigstens "neutral" verwendet werden, ist also nicht komplett einseitig als Schimpfwort vorbelastet. :)

Genau darum geht es mir.
Der Begriff wird inflationär verwendet, ohne dass er irgendetwas erklärt, sondern impliziert i.d.R. von der Person, die ihn verwendet, dass es irgendwie per Definition schlecht wäre.

Ganz im Gegenteil ist der Begriff an sich nicht negativ gesetzt. Das ist keine "Umdeutung", sondern einfach Hermeneutik, also die Frage, was der Begriff aussagen soll. Er wird oft - wahrscheinlich meist - negativ verwendet, aber was ist denn die Aussage.

"Da hat die SL mal wieder willkürlich entschieden." Äh, ja. Was willst du mir damit sagen. Das ist eine Tautologie bzw. ein Pleonasmus.
Die Frage ist dann was empfandest du als willkürlich? Und war es in der Situation nicht die Aufgabe der SL, Dinge zu entscheiden?
Deshalb ist der Begriff halt unzureichend, um ein Problem zu beschreiben.

Will man lediglich emotionale Unterstützung? Dann wäre "ich fühle mich von der SL ungerecht behandelt" die bessere Aussage.
Hat es irgendwie die Glaubwürdigkeit der Spielwelt beschädigt? Dann vielleicht eher "also irgendwie hat diese Entscheidung der SL keinen Sinn gemacht".
Usw.

Der Aussagegehalt von "Willkür" ist oft sehr begrenzt. Ich würde mir präzisere Benennung der konkreten Probleme wünschen, dann kann man auch darüber sprechen.

Offline heja

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #9 am: 10.04.2026 | 12:53 »
Positiv besetzt sind z.B. Gutdünken, oder falls dir das zu altmodisch ist: Entscheidungsfreiheit.
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Offline Maarzan

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #10 am: 10.04.2026 | 12:57 »
Mit der potentiellen Mehrdeutigkeit diesen Ausdrucks der Unwohllage stimme ich dir zu.
Meiner Erfahrung nach ist die häufigste Ausprägung, dass der Spielleiter dem Eindruck nach
a) sich über geltende Spielregeln ungerechtfertigt hinweg gesetzt hat
oder
b) in einer tatsächlichen Auslegungssituation sich bei der Ausübung seiner Interpretationsaufgabe nicht an den angenommenen (oder auch explizit festgelegten) Spielstil gehalten hat, sondern von diesem Leitgedanken dann unlauter abgewichen ist.
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Offline Ma tetz

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #11 am: 10.04.2026 | 13:00 »
Er wird eben mit Willkürherrschafft assoziiert.

Deshalb spricht man im Bereich der Verwaltung auch von Ermessen. Das trifft es auch ganz gut, weil die Spielleitung ja auch nicht gut ganz frei in seinen Entscheidungen ist, weil er imho ja auch die Weltlogik und ähnlich gelagerte Fälle, die bereits geregelt sind oder in der Vergangenheit ge(haus-)regelt wurden berücksichtigen muss.
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Offline Issi

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #12 am: 10.04.2026 | 13:09 »
Ich finde in dem Zusammenhang den Begriff "eigenmächtig "angebracht.

Ein Spielleiter bzw die Spielleitung nutzt ihre Rolle um etwas eigenmächtig festzulegen.
Sprich: Etwas spontan zu entscheiden bzw zu etablieren, was sie nicht vorher mit der Gruppe absprechen muss.
IdR. ist das etwas, dass das Spiel ihrer persönlichen Ansicht nach verbessert.

"Willkürlich" hingegen bedeutet dass diese Entscheidung nicht nur eigenmächtig getroffen wird, sondern dass auch nicht wirklich nachvollziehbar ist, warum wie was entschieden wurde.

Also quasi eine nicht nur eigenmächtige, sondern eine vor allem "beliebig wirkende" Entscheidung.
Die auf den ersten Blick nicht das Ziel verfolgt , dem Spielerlebnis zu dienen.

Edit.
Willkürlich ist etwas, wenn die Gruppe
1. Nicht nachvollziehen kann, warum etwas wie festgelegt wird.
2. Kein Nutzen erkennbar ist und uU. Vielleicht sogar ein Schaden wahrgenommen wird.
« Letzte Änderung: 10.04.2026 | 13:15 von Issi »

Offline Ma tetz

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #13 am: 10.04.2026 | 13:16 »
Ich finde die Definition des Begriffs laut Duden sowohl eindeutig, als auch gebräuchlich. Das Begriffe Ihre Bedeutung/Konnotation im Laufe der Zeit ändern ist ja nicht ungewöhnlich.

Das man im Gespräch klären muss, was genau zu der Einschätzung geführt hat, ist doch nichts ungewöhnliches.

Quelle:

https://www.duden.de/rechtschreibung/Willkuer
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Offline blackris

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #14 am: 10.04.2026 | 13:33 »
Ich gehe auch mit, dass Willkür recht eindeutig besetzt ist und man nichts gewinnt, wenn man den Begriff mit dem der Entscheidung gleichsetzt. Gerne als Gedankenspiel, als Anstoß für eine (diese) Diskussion. Aber in anderen Zusammenhängen sehe ich, ehrlich gesagt, auch keinen Mehrwert.

Willkür liegt im Grunde immer dann vor, wenn keine (durch die Spielvorschriften im jeweiligen Rollenspiel vorliegende) Notwendigkeit besteht. Also immer dann, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, weil keine eindeutige Vorgabe von System, Abenteuer, Spielwelt usw. vorhanden ist, was als nächstes erfolgen muss.

Wäre das nicht wieder eine negative Besetzung? Ich will ja als Spieler eine Vorgabe. Die langweiligste Entscheidung ist doch die, bei der zwei exakt gleiche Gänge vor einem liegen. Der eine führt nach Süden, der andere nach Norden. Ist das überhaupt eine Entscheidung? Sie basiert ja auf nichts. Man könnte genauso gut würfeln. Ich will eindeutige Vorgaben, auf deren Basis ich dann aber nicht gegängelt (pun intended) werde: der eine Gang ist dunkel und verlassen, aus dem anderen hört man Stimmen und sieht einen Lampenschein. Was macht ihr?

Offline Gorilla

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #15 am: 10.04.2026 | 13:39 »
Wäre das nicht wieder eine negative Besetzung? Ich will ja als Spieler eine Vorgabe. Die langweiligste Entscheidung ist doch die, bei der zwei exakt gleiche Gänge vor einem liegen. Der eine führt nach Süden, der andere nach Norden. Ist das überhaupt eine Entscheidung? Sie basiert ja auf nichts. Man könnte genauso gut würfeln. Ich will eindeutige Vorgaben, auf deren Basis ich dann aber nicht gegängelt (pun intended) werde: der eine Gang ist dunkel und verlassen, aus dem anderen hört man Stimmen und sieht einen Lampenschein. Was macht ihr?
Wo wäre das jetzt normativ negativ besetzt? Auch die Auslagerung der Entscheidung an einen Zufallsmechanismus ist ja eine "willkürliche" Entscheidung.
Und aus deinem modifizierten Beispiel ergibt sich noch keine Notwendigkeit. Die Spielenden können immer noch rein willkürlich entscheiden, welchem der beiden Gänge sie folgen wollen. Sie erwarten zwar unterschiedliche Ergebnisse, aber es gibt ja nicht die zwingend notwendige Vorgabe, dass Richtung Stimmen und Licht gegangen werden muss.
Vielleicht wollen die Spielis erst den ruhigen Gang erkunden, um sich abzusichern?

Offline blackris

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #16 am: 10.04.2026 | 14:31 »
Eine willkürliche Entscheidung hat keine Grundlage. Es wird „aus dem Bauch heraus“ entschieden, ohne jegliche vorherige Abwägung. Natürlich möchte ich das eine SL nach Maßstäben wie der Fairness, dem Spielspaß oder einer interessanten Geschichte entscheidet. Das wäre nicht willkürlich.

Wenn ich als Spieler vor eine Entscheidung gestellt werde, bei der ich genauso würfeln könnte, ist es eben auch keine wirkliche Entscheidung. Es ist wieder willkürlich oder zufällig und nimmt mich als Individuum raus. Ich kann nicht sinnvoll abwägen, wenn mir keine Informationen vorliegen. Der eine Gang ist hell, der andere dunkel, ist eine Vorgabe. Es werden Zustände in der materiellen Welt beschrieben, die sich ohne Zutun der Spielenden nicht ändern werden. Daraus ergeben sich auch Notwendigkeiten: Wenn die SC kein Licht dabei haben, sollten sie sich vielleicht den Gang entlangtasten um sich nicht zu verletzen. Wenn sie in feindlichem Gebiet sind, sollten sie sich vielleicht leise in die andere Richtung bewegen. Nicht vorgegeben wird nur, was die SC daraus machen. Daraus entsteht eine echte, nicht willkürliche Entscheidung.

Edit: Ich schreibe das hier gerade schnell nebenbei runter. Ich glaube mein Punkt ist: Willkür ist am Spieltisch Mist, weil sie alles (Zwischen-)menschliche rausnimmt. Wozu muss man dann noch gemeinsam spielen?
« Letzte Änderung: 10.04.2026 | 14:42 von blackris »

Offline Maarzan

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #17 am: 10.04.2026 | 14:48 »
Ich denke der Willkürvorwurf ist bei all den vielen einzelnen Vorgängen, welche beim Spielen passieren und auch weitgehend so notwendig sind aber ohne Bezug "willkürlich" genannt werden könnten, spezifisch auf das (wahrgenommene) Verlassen des erwarteten und berechtigten Entscheidungsspielraums zu beziehen.
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Offline Tudor the Traveller

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #18 am: 10.04.2026 | 15:01 »
Warum das?
Willkür liegt im Grunde immer dann vor, wenn keine (durch die Spielvorschriften im jeweiligen Rollenspiel vorliegende) Notwendigkeit besteht. Also immer dann, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, weil keine eindeutige Vorgabe von System, Abenteuer, Spielwelt usw. vorhanden ist, was als nächstes erfolgen muss.
Also immer, wenn wir aktiv das Spielgeschehen beeinflussen und nicht einfach nur die Regeln (im abstrakteren Sinne) abhandeln.
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Das bedeutet, dass auch die Entscheidung, ob jetzt in diesem Moment am Dungeon nach rechts oder links weitergegangen wird, willkürlich (im eigentlichen Sinne) von der Gruppe getroffen wird.

Für mich persönlich ich es ein entscheidender Aspekt des Rollenspiels, der mir Spaß bereitet, dass ich willkürlich Dinge entscheiden darf, die meine Spielfiguren betreffen, um damit das geteilte Spielerlebnis und das gemeinsam gestaltete Spielgeschehen aktiv mitzugestalten.

Das ist meines Erachtens zu kurz gegriffen, da die Entscheidungsfreiheit - Willkür - auch abseits der Regelmechanismen eingeschränkt ist und bestimmten Regeln folgen muss. Setting, Genrekonventionen, Gruppenabsprachen, Plausibilität. Du kannst also nicht vollkommen willkürlich verfahren.  Ich denke, wenn SL-Willkür kritisiert wird, zielt das auf eine Verletzung in diesem Bereich.
« Letzte Änderung: 10.04.2026 | 15:02 von Tudor the Traveller »
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Offline Zed

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #19 am: 10.04.2026 | 15:45 »
"Entscheidungsfreiheit" gefällt mir sehr gut.

Freiheit kann man nutzen, Freiheit kann man missbrauchen, manche sagen: Freiheit muss man lernen.

Das ganze Spannungsfeld an Chancen und Risiken von "Freiheit" erfasst man mit dem Begriff "Willkür" nicht. Das lässt sich auch umdefiniert (oder "richtig" definiert) aus der Schmuddelecke nicht herausholen. Die negativen Konnotation hängen zu fest an "Willkür".

Ich meine, es ist für viele Gruppen und Systeme richtig, dass der Spielleitung Sonderrechte eingeräumt werden. Die Analogie ist: Polizei- und Rettungskräfte gegenüber den normalen Verkehrsteilnehmenden.

Wichtig ist hier, dass eine Partei mehr Eingriffsrechte gegenüber der anderen Partei hat. Zugleich sind aber auch diese Sonderrechte begrenzt. Missbrauch ist, wenn die Partei mit Sonderrechten sich mehr Rechte nimmt, als angemessen ist. Willkür in diesem Sinne ist ein spontanes Ausweiten der Sonderrechte oder eine spontane Beschneidung der Rechte der Anderen.

Offline Eleazar

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Re: Willkür - als Begriff in der Rollenspielpraxis
« Antwort #20 am: 10.04.2026 | 16:05 »
Hmm.

Ich halte Willkür im normalen Sprachgebrauch für eindeutig negativ besetzt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand das Wort mal in einem anderen Sinne benutzt hätte. Und dann kann ich kommunikativ keinen Sinn darin entdecken, diesen Begriff aufgrund einer überholten, einer spezifischen oder Sonderbedeutung noch mal umzudefinieren. Das bringt keinen Erkenntnisgewinn, sondern Verwirrung, beziehungsweise eine Verunklarung mit Mitteln der Wortklauberei.

Vor allem wenn es doch Worte wie Entscheidungsfreiheit oder Ermessen gibt, die einen neutralen oder positiven Aspekt eindeutiger beschreiben.

Zur Verwirrung trägt zudem bei, dass Willkür und willkürlich eben nicht mehr genau das Gleiche ausdrücken, das eine als Adjektiv und das andere als Nomen. Willkürlich wird öfter als das Gegenteil von unwillkürlich definiert, so dass willkürlich in dem Sinne tatsächlich nicht mehr fast ausschließlich negativ definiert ist.

Zuguterletzt: Das Wort "Spielleiterwillkür" wird sicher überhaupt nicht anders als negativ verwendet. Es bezeichnet ein Verhalten, von dem wir wohl alle eine Vorstellung haben oder wo uns Erinnerungen an ein Spielleiterverhalten hochkommen, das hochproblematisch ist. Das soll beschrieben werden und das geht mit dieser Vokabel hervorragend. Was soll der Nutzen sein, diesen Konsens aufzulösen? Und wenn wir ein anderes Wort dafür nähmen, gäbe es da unter Unterpunkt j nicht wahrscheinlich auch eine Sonderbedeutung, die dann in ihrem Kontext was ganz anderes aussagt?