Autor Thema: Anachronismen in (Teil-)historischen Settings  (Gelesen 2106 mal)

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Offline sma

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Re: Anachronismen in (Teil-)historischen Settings
« Antwort #50 am: 28.05.2026 | 15:57 »
Eben weil sich alle wieder mal nur auf Anachronismen konzentrieren.
Ja, aber in diesem Thread sollte es doch genau um diesen Aspekt gehen! Daraus einen Vorwurf zu drehen ist komisch.

Dass es keine Kindermodelle in dem Computerspiel gibt würde ich mit der Angst vor unpassenden Bildern in Social Media erklären.

Was die Sprache angeht, wäre mein Erklärungsversuch: Fühlt sich die Sprache für den Spieler normal statt als ein Fremdkörper an, kann er das besser auf den Charakter abbilden, der ja heimisch in ebendieser Zeit ist. Und persönlich würde ich noch ergänzen: Das Recherchieren von Fakten macht mir (und anderen, das wurde schon erwähnt) Spaß, während ich sehr kontrolliertes Sprechen beim Spiel als unnötig anstrengend empfände. Ich spreche ja auch nicht englisch, wenn ich Magnum in Hawaii nachspielen wollen würde.

Zitat
Es geht [in einem Film] um die Message und das ist es, was sich die Besucher merken.
Dein Punkt, dass die, die wollen, sich ja auch gerne tiefer mit der Materie beschäftigen können, die anderen es aber nicht müssen und auch nicht von ersteren "belästigt" werden sollen, funktioniert IMHO nur, wenn du erkennen kannst, dass es zwischen Filmwirklichkeit und Authentizität gemäß aktueller Forschung überhaupt einen Unterschied gibt. Ansonsten glaubst du ja, dass du mit dem Schauen des Films nicht nur die intendierte Message mehr oder weniger subtil ins Hirn gedrückt bekommen hast, sondern auch ein Bild der Historie, die du dann für "echt" hältst und dich freust, wieder mal was gelernt (oder bestätigt) bekommen zu haben.

Offline Maarzan

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Re: Anachronismen in (Teil-)historischen Settings
« Antwort #51 am: 28.05.2026 | 16:13 »
Ich denke hier wird deutlich über das übliche Ziel hinausgeschossen.
Die große Menge der Leute wird sich alleine aus Unkenntnis nicht für die korrekte Gürtelschnalle interessieren, wollen aber, daß das Spielgefühl doch möglichst dem ähnlich sieht, was sie für authentisch halten.

Am Ende haben wir denke ich vier Gruppen:
- Leuten, denen dieser grobe Anstrich schon reicht, den aber auch nicht missen wollen.
- Leute, die gerne mit (mehr) Details spielen würden, aber eben als Laien auch nur mit Wasser kochen, aber umgekehrt idR auch lernwillig sind.
- Leute, die generell moppern wollen.
- Leute, denen der grobe Anstrich schon nicht passt und die mit dem Hinweis, daß der Anstrich nie perfekt ist und auch nie sein wird die Lizenz zum beliebigen Verändern suchen.
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Offline KWÜTEG GRÄÜWÖLF

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Re: Anachronismen in (Teil-)historischen Settings
« Antwort #52 am: 28.05.2026 | 16:33 »
Ich plädiere daher für eine ganz andere Herangehensweise, nämlich die der Betonung des Fremdhaften: die Welt der Antike, die Welt des Mittelalters, die Welt der Vorgeschichte könnte man auch so darstellen, dass sie den Spielern eben nicht vertraut vorkommt - man spielt also nicht einfach Touristen in Ritterrüstung. Stattdessen würde ich das Fremde, das Ungewohnte betonen - also so Sachen wie die tiefe Religiosität, die Verbindung zwischen Magie und Religion in Antike und solche Sachen. Wenn ich dagegen zu sehr auf der materiellen Kultur rumreite, dann droht mMn wieder die Gleichsetzung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Wenn ich aber auf die Unterschiede in der nicht-materiellen Welt abhebe, dann kann ich den Spielern eine ganz andere Art der Erfahrung bieten.

Das ist in meinen Augen absolut den Nagel auf den Kopf getroffen. Das wirklich faszinierende an Geschichte ist ja, wie ANDERS so vieles sein kann, was man sich gar nicht vorstellen kann. Fängt ja schon damit an, dass unsere gewohnte Nordung von Landkarten eine rein willkürliche jüngere Norm ist.

Aber was Anderes: ich würde jetzt nicht unbedingt die kleinen M.A.-No-name-Historiker, die nicht die großen Platzhirsche in der Zunft sind, kleinreden wollen. Darunter gibt es viele sehr fachkundige und gut erklärende Leute, die halt nicht in der Akademikerarena Karriere machen konnten. Und auch die namhaften Koryphäen sind nicht unangreifbar. Ich habe bei Reinhard Schneider Mittelalterliche Geschichte studiert, und der Mann (der immerhin den Oldenburg-Geschichts-Grundriß zum Frankenreich geschrieben hat) hatte kein Problem damit, auch die Erkenntnisse von Studis anzunehmen, und zuzugeben, dass er in Thema XY nicht s drin ist. Das mochte ich sehr an ihm, er hatte auch uns kleinen Lichtern durchaus zugestanden, unsere Standpunkte in Kolloquien ernst zu nehmen.

Aber klar, gerade in Blogs und YT-Channels findet man viele Leute, die es sehr genießen, den tiefgründigen Superexperten darzustellen. Dazu muss man aber auch sagen: es würde ja nichts schaden, wenn die Koryphäen der Geschichtswissenschaft dieses Feld nicht den Amateuren überlassen, und selber auch in solchen Channels aktiv zu werden (das gibt es durchaus auch).
« Letzte Änderung: 28.05.2026 | 16:49 von KWÜTEG GRÄÜWÖLF »
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Offline D. M_Athair

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Re: Anachronismen in (Teil-)historischen Settings
« Antwort #53 am: 31.05.2026 | 18:40 »
Mal queerbet kommentiert:

Und gerade je höher die Leute in der Wissenschaftshierarchie sind, desto weniger sind die Nerds, die Rollenspiele zocken.
Weiß nicht, ob ich das so schreiben würde.

Ich weiß von einigen Leuten, die ne Professur hatten oder haben und in RSP-Kram involviert sind.
Lutz Reimers (100Questen), Mark Galeotti (Tradetalk, TRIPOD/Heroquest), Martin Buinicki (Gaming Honors LLC, Goodman Games),
... und ich weiß von einigen PD & Profs, dass sie TTRPG spielen.


Was es außerdem fast gar nicht gibt, ist ein gescheites Römer RPG. Alles, was ich da kenne, ist entweder total over the top, eingeengt auf Rom oder ultra schlecht recherchiert.
Also Roxane Bicker, die im im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (München) arbeitet ... ist Chefredakteurin für das deutschsprachige Lex Arcana.
Und Eternal Rome (d20, Mythic Vistas) wurde vom Graeme Davis (Archäologie BA) geschrieben. The Glory of Rome (AD&D 2nd) von David Pulver (Geschichte BA). Das einfach als Hinweise, dass Du Dich da wohl an die eigene Zunft wenden müsstest, wenn Du mega unzufrieden bist.  ;)


Die vormoderne Welt war aber komplett anders und wäre für uns in etwa so weit von unserem modernen Denken entfernt wie eine Fantasy-Welt.
Voll. Die "moderne Denke", das was viele als "gesunden Menschenverstand" ansehen würden, fußt an vielen Stellen auf den Ideen und Konventionen des 19.Jh. 
Das wird besonders in der sozial- und ideengeschichtlichen Analyse (über)deutlich.
Weswegen ... Gaslicht, 20er & Co. ... auch verhältnismäßig gut spielbar sind. (Obwohl auch da fehlende Alltagserfahrungen mit den Zeiten einer Runde das Genick brechen kann. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ne liebe Mitspielerin in Cthulhu [20er] gar nicht damit klar kam, dass Telefone nicht überall verfügbar sind ... und wie sie so unbeabsichtigt die Runde zum Kentern gebracht hat.  :o)

Der Rekurs auf Konzepte des 19.Jh. ... ist Kontext von Rollenspiel und bzgl. "Authentizität" aber mMn kein großes Problem.
Auch weil viele Autor*innen wissenschaftliche Bezüge haben und die Ambiguitäten kennen. Im gesellschaftlichen und politischen Diskurs sieht das ganz anders aus. (Konservative ... könnten deswegen z.B. den Kirchenvätern [vgl. Gregor v. Nyssa] ohne Schwierigkeiten "postmodern neo-Marxism" vorwerfen.)

Ich vermute (!) dass die Mint Abteilung da wirklich etwas resilenter ist, einfach weil so viel Schwachfug in den Trival-Medien enthalten ist.
Ehrlich gesagt halte ich die Vermutung insbesondere deswegen für richtig, weil Mint-Themen - mehr oder weniger - eher situativ im Spiel sind. Soziale (und historische) Dimensionen ... sind demgegenüber ja ... "total".


Anyway: Am Ende geht es bei Anachronismen im Rollenspiel (das gilt auch für SF) letztlich um epistemologische Fragen und wie man die am Spieltisch gut und sinnig verhandelt, um genug "Plausibilität" für alle rauszubekommen. Wobei Epistemologie mMn ganz generell ein Problem von und in Rollenspielen ist. (Mehr möchte ich dazu jetzt nicht schreiben, weil die Analyse der epistemologischen Dimensionen ... vornehmlich ein Theorie-Thema ist bei dem man auch "historische Korrektheit vs Genrekonventionen" ... und Spielerwartungen mitbehandeln müsste.)
« Letzte Änderung: 31.05.2026 | 18:50 von D. M_Athair »
"Man kann Taten verurteilen, aber KEINE Menschen." - Vegard "Ihsahn" Sverre Tveitan