Also wie gesagt, spannendes Thema.
Ich schließe mich einerseits den Vorrednern aus der geschichtswissenschaftlichen / historischen Ecke an. Andererseits möchte ich gerne noch meine eigenen Gedanken dazu ergänzen. Ich habe mich nämlich in meiner Diss ausführlich mit dem Thema Authentizität beschäftigt und halte es weiterhin für ein superspannendes Thema.
Mal ganz abgesehen von den wichtigen Sachen, die hier schon hinsichtlich Konstruktivismus und so weiter gesagt wurden, muss man differenzieren, um was es beim Spiel in historischen Settings überhaut geht. Ich würde sagen, die Beurteilung dreht sich meist weniger um die Faktenbasis oder um die Plausibilität der Geschichten, sondern es geht meist um die Authentizät. Also alle wollen das Gefühl haben, dass es authentisch ist. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Ich habe z.B. im Rahmen meiner Tätigkeit im Museum die Entwicklung eines Videospiels für Schulen betreut. Und da sind meine Archäologenkollegen aus den anderen Römermuseen total ausgerastet. Da wurde jeder kleine Fleck im Artwork totanalysiert. Das liegt größtenteils daran, dass es in der Wissenschaft eine unglaubliche Spezialsierung gibt, von der die meisten Leute nicht einmal die leiseste Ahnung haben. Die Normalos hören Geschichte und Archäologie und denken an die Pyramiden, Wikinger und Ritterburgen. Aber die Provinzialrömer rasten dann total aus, wenn in einem Bild hinten links vom Künstler schlankerhand ein Krug reingemalt wurde oder wenn der Künstler dem Soldaten einen gelben Verschluss an den Mantel malt und alle ticken aus "WTF!!!!???!!! Eine Scheibenfibel im 2. JH?!?!?! Gehts noch!?!?!" Und ich muss ihnen dann verklickern, dass der Künstler noch nie im Leben von kaiserzeitlichen Fibeln gehört hat und wahrscheinlich nicht mal weiß, was eine Fibel ist.
Wir reden also von total verschiedenen Standpunkten. Auf der einen Seite sind die interessierten Laien und auf der anderen Seite sind die "Studierten", von denen aber niemand Experte für alles sein kann. Es gibt wahrscheinlich überhaupt keine Rollenspielgruppe, wo wirklich vier bis fünf Experten für ein Thema miteinanderzocken, das dann auch bespielt wird. Zumindest kenne ich niemanden. Und gerade je höher die Leute in der Wissenschaftshierarchie sind, desto weniger sind die Nerds, die Rollenspiele zocken.
Auf der theoretischen Ebene ist dann auch nochmal wichtig, den Begriff Authentizität zu dekonstruieren. Wenn bei Videospielen oder in geringerem Maße auch bei Rollenspielen von Authentizität oder von mir aus auch "historischer Korrektheit" die Rede ist, dann geht es fast ausschließlich um die Darstellung von materieller Kultur. Also z.B. bei Kingdom Come Deliverance 1 haben die Entwickler mega rumgelabert, wie authentisch das alles ist, weil sie irgendwelche Kirchtürme in Tschechien mit LiDar gescannt haben oder da kommt irgendsoein Hema-Typ und erklärt fancy Schwertkampftechniken und die Rüstungen sind vielleicht nach einem Original aus irgendeinem Museum. Aber das ist halt nur das oberflächliche Level. Denn beim Intro wacht man dann wie so ein Junggeselle bei Mami und Papi daheim mit Kater auf vom letzten Sauftrip mit den Jungens. Dann erstmal schön Frühstück und dann wieder saufen mit den Buben. Und auch im weiteren Spiel schön durch die nette Landschaft reiten, dazwischen ein paar paarungsbereite Damen durchnudeln und es sich im Badehaus gut gehen lassen. Wenn ein "Pfaffe" vorkommt, dann ist das natürlich alles superironisch und natürlich säuft man dann mit dem Pfarrer und nudelt mit ihm noch zwei Tussis durch. YOLO Mittelalterstyle! Was total außen vor ist: es gibt keine Kinder im Spiel (krass unauthentisch), kein Mensch im Mittelalter hätte sich so verhalten aus tausend Gründen (plus: niemand redet dort altes Tschechisch oder altes Deutsch im Spiel) und die Religion, die das Leben der Menschen total bestimmt hat (im positiven Sinne eben auch) und die z.T. zu radikalen Lebenswandeln geführt hat (eben in dieser Zeit mit Jan Hus, der ja auch kurz in der besoffenen Predigt vorkommt). Es ist eben total anachronistisch in authentischem Gewand. Trotzdem werden die meisten Leute zustimmen, dass das Spiel ein "authentisches" Mittelalterfeeling vermittelt. Genauso wie jemand bei Schloss Neuschwanstein denken kann, dass schaut typisch mittelalterlich aus oder Game of Thrones ist Mittelalter usw.
In der Konsumtheorie gibt es eine perfekte Differenzierung, die ich auch übernommen hab. Bezug nehmen auf Charles Sanders Peirce kann man sagen, dass es nicht darauf ankommt, ob etwas in "echt" authentisch ist oder nicht, weil es eben (ganz salopp und verkürzt gesagt), immer im Auge des Betrachters liegt. Authentizität kann einerseits begründet sein in einer faktischen Beziehung zum Dargestellten, also z.B. auf Basis von Quellen oder wenn etwas in die Zeit, die dargestellt werden soll, datiert werden kann (mit welchen Mitteln auch immer). Authentizität kann aber auch begründet werden durch eine Nähe zum Authentischen. Also z.B. schaut das Luxor-Hotel aus wie eine Pyramide oder HarnMaster tut so, als sei das ein glaubhaftes Mittelaltersetting - das ist dann eine "ikonische Authentizität". Und genau diese Form von Authentizität würde ich im Rollenspiel anstreben, gemischt mit einer Prise von "faktischer Authentizität" (bei Peirce heißt das "indexikalisch") - also wenn alle sich einigen, sie wollen im 13. Jh. Ars Magica zocken, dann finden die Spieler es sicher geil, wenn der Spielleiter echte Quellen zur Vorbereitung nutzt. Aber zugleich ist das ganze Metaspiel von Ars Magica krass unauthentisch und daher sollte man sich nicht einschränken lassen von den Quellen.
Ich würde übrigens empfehlen nicht zu sehr auf das zu gehen, was ich bei Kingdom Come Deliverance beschrieben habe. Also nicht rumreiten darauf, welche Tunika jetzt der Bauersmann trägt und ob seine Wadenbinden bis nach oben gehen oder nur bis zu den Knien. Das ist einfach krass Wurst und kann sich eh kein Mensch vorstellen, der diesen Wahnsinn nicht studiert hat. Stattdessen würde ich probieren, bei den Spielern Alteritätserfahrungen zu erzeugen, also Aha-Erlebnisse mit Sachen, die sie nicht wussten, die sich aber durch die Quellen belegen lassen. Tiffany wurde schon genannt. Aber da gibt es ja noch viel mehr. Also geht mal ruhig bei der Recherche in die Tiefe und nutzt die Sprache der Zeit. Sprecht nicht vom Ritter oder so, weil sowas war gar nicht so wichtig. Sprecht in Ars Magica vom Villicus und von den Ministerialen. Sprecht vom Stifts-Thaiding des Bischofs. Wenn ihr an der römischen Donaugrenze Cthulhu spielt, dann könnt ihr einen aramäischen Bogenschützen aus der Nähe von Damaskus einbauen, weil solche Leute gab es wirklich. D.h., Anachronismus hin oder her. Ich kann unabhängig davon Abenteuerideen gewinnen, wenn ich die Quellen und die Sekundärliteratur nicht immer nutze, um zu überprüfen, was es nicht gab, sondern um stattdessen nach Sachen zu suchen, von denen man gar nicht wusste, dass es die gab und die Ideen für Abenteuer liefern.