Autor Thema: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?  (Gelesen 3393 mal)

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Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« am: 18.06.2026 | 08:40 »
Wie findet ihr es, wenn Charaktere im Rollenspiel per Werkseinstellung "vom Schicksal erwählt" sind?

Ich habe schon folgende Argumente dafür gehört:
Allerlei Arten von Gummipunkten erfahren dadurch eine diegetische Erklärung (Beispiel Splittermond und die Mondsplitter)
Der Umstand, dass es immer wieder die Charaktere sind, die in Großes verwickelt werden, erklärt sich dadurch.
Es ist halt cool, was Besonderes zu sein!

Ich persönlich mag den Chosen-Trope gar nicht. Er vermittelt mir das Gefühl, dass die Charaktere (auf diegetischer Ebene) "cheaten", um Großes zu erreichen, dass sie mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen sind (und wahrscheinlich dann gleichzeitig über die Bürde von so viel Verantwortung jammern). Aber he, ich kann auch Harry Potter nicht leiden! Ich will nicht abstreiten, dass sich aus dem Topos mehr machen lässt, aber für mich ist er erstmal ein harter Abturner.

Meine Haltung zu den Pro-Argumenten ist:
Ich will sowieso keine diegetischen Gummipunkte! Das durchbricht für mich die vierte Wand. Gummipunkte sind ein Regelwerkzeug, in der Fiktion haben sie nix verloren.
Es bedarf für mich auch keine Erklärung dafür, dass die Charaktere immer wieder in Großes verwickelt werden. Andersrum wird ein Schuh draus: Wir spielen eben die Leute, die entgegen aller Wahrscheinlichkeit immer wieder der Ruf zum Abenteuer ereilt und die so drauf sind, dass sie ihm auch folgen. Das ist unwahrscheinlich, aber unwahrscheinliche Dinge passieren selbst in unserer Welt alle Nase lang. Dafür braucht es keine Schicksalsmächte, die irgendjemanden erküren. Ich frage mich genausowenig, warum wir gerade diese Leute spielen, wie ich mich in der Wirklichkeit frage, warum ich gerade ich bin, obwohl es so viele andere Menschen gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ich bin, liegt bei 100%. Die Wahrscheinlichkeit, dass den Charakteren in der Rollenspielrunde genau das passiert, was ihnen passiert, liegt bei 100% - ganz einfach.
Und: Es ist überhaupt nicht cool, von höheren Mächten zu was Besonderem erklärt zu werden (Nimm das, Harry!). Viel cooler ist es, einfach trotzdem zu rocken, oder auch nicht zu rocken, aber jedenfalls sein Ding zu machen. (Rock on, Sam Gamgee!)

Wer mag gegenreden? Wer mag zustimmen? Wer findet, dass die "Argumente" für mein Geschmacksurteil an der Sache vorbeigehen?
« Letzte Änderung: 18.06.2026 | 08:43 von Swanosaurus »
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #1 am: 18.06.2026 | 09:09 »
Also erstmal: Du hast ja schon deine feste Meinung und auch schlüssig dargelegt, wo die herkommt -  also warum noch diskutieren?

Außerdem kann ich mich da auch ganz gut mit identifizieren. Der Außerwählten-Topos ist für mich ein Red Flag bei Klappentexten von SciFi- und Fantasybüchern. Damit dünnt man das Feld in einer Standard-Buchhandlung (leider!) schon ganz gut aus  ::)
Den ehrlichweise ist das allzu oft nur faule Schreibe.

Im Rollenspiel sehe ich das aber einen Tick anders. Denn schlussendlich will ich in den meisten Settings eben keinen Normalo spielen - denn das hieße ja, dass ich entweder einfach nur ein ereignisloses Leben nachspielen würde oder bei der ersten tatsächlichen Gefahr entweder umkomme oder von Anderen (Helden...?  8]) gerettet werde. Laaaangweilig!

Dementsprechend kann ich das hier:
Andersrum wird ein Schuh draus: Wir spielen eben die Leute, die entgegen aller Wahrscheinlichkeit immer wieder der Ruf zum Abenteuer ereilt und die so drauf sind, dass sie ihm auch folgen. Das ist unwahrscheinlich, aber unwahrscheinliche Dinge passieren selbst in unserer Welt alle Nase lang.

nur unterschreiben. Interessanterweise lehne ich aber trotzdem Meta-Mechaniken wie Gummipunkte, Flashback-Szenen oder Ähnliches nicht ab, deute sie aber ganz anders: Nämlich als notwendige Werkzeuge um die "Schicksalslinie" eben so zu verändern, dass wir genau die unerwartete, unwahrscheinliche erleben in der die Normalo in den ersten Gefahren NICHT umkommt und NICHT gerettet wird - sondern sich gegen alle Wahrscheinlichkeiten erfolgreich zur Wehr setzt und daraus wächst!

Eine Ausnahme lasse ich aber gelten: Wenn das Setting explizit die Rolle der SC mit HELDEN verbindet, dann gestehe ich auch einen innerweltlichen Außerwähltenstatus zu. Sei es nun die typischen DSA-Helden oder eben solche Figuren wie bei AGON. Wenn es Absicht ist und keine faule Ausrede kann ich damit leben.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #2 am: 18.06.2026 | 09:09 »
Mit Tischrollenspiel verbinde ich Freiheit. (Zwangs-)Auserwählung ist eine Vorgabe, die sich m.E. damit beißt.

Für Auserwählte braucht es außerdem idR jemanden, der, die oder das die Auswahl vornimmt. Also eine ordnende Entität im Hintergrund, die sich interessiert und kümmert. Das ist ein Stück Weltdesign, das mich nicht so sehr anspricht.

Ich mag es, die Würfel zu nehmen, wie sie fallen. Mit Gummipunkten halte ich bestenfalls einen wackeligen Burgfrieden; insofern möchte ich möglichst wenig Spotlight für die Dinger und deshalb auch bitte keine ingame Erklärung dafür.

Auserwählung ist für mich also tendenziell eher ein Flop.

Offline Holothuroid

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #3 am: 18.06.2026 | 09:12 »
Zitat
Es bedarf für mich auch keine Erklärung dafür, dass die Charaktere immer wieder in Großes verwickelt werden.

Immer wieder? Auserwählte sind doch üblicher Weise zu genau einer Sache auserwählt.

Und ich finde das super. Gerne auch mit all dem dazugehörigen. The Unchosen One (jemand muss den Job machen, weil der Auserwählte ne Flachpfeife ist), Prophecy Chess (verschiedene Leute wollen die Prophezeiung zu ihren Bedingungen war machen).

Kommt mir eher so vor als würden jene Spiele das nicht richtig und mit allem und scharf machen.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #4 am: 18.06.2026 | 09:15 »
Also erstmal: Du hast ja schon deine feste Meinung und auch schlüssig dargelegt, wo die herkommt -  also warum noch diskutieren?


Nur aus Spaß daran und aus Neugier auf andere Sichtweisen.



Dementsprechend kann ich das hier:
nur unterschreiben. Interessanterweise lehne ich aber trotzdem Meta-Mechaniken wie Gummipunkte, Flashback-Szenen oder Ähnliches nicht ab, deute sie aber ganz anders: Nämlich als notwendige Werkzeuge um die "Schicksalslinie" eben so zu verändern, dass wir genau die unerwartete, unwahrscheinliche erleben in der die Normalo in den ersten Gefahren NICHT umkommt und NICHT gerettet wird - sondern sich gegen alle Wahrscheinlichkeiten erfolgreich zur Wehr setzt und daraus wächst!


Genauso sehe ich es auch - mit Meta-Mechaniken komme ich sehr gut zurecht; nur lasse ich sie eben lieber auf der Metaebene verbleiben.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #5 am: 18.06.2026 | 09:19 »
Immer wieder? Auserwählte sind doch üblicher Weise zu genau einer Sache auserwählt.

Und ich finde das super. Gerne auch mit all dem dazugehörigen. The Unchosen One (jemand muss den Job machen, weil der Auserwählte ne Flachpfeife ist), Prophecy Chess (verschiedene Leute wollen die Prophezeiung zu ihren Bedingungen war machen).

Kommt mir eher so vor als würden jene Spiele das nicht richtig und mit allem und scharf machen.

Das fällt dann für mich unter "ich will nicht abstreiten, dass sich mit dem Konzept auch Interessantes anfangen lässt" - ja, "Unchosen One" und "Prophecy Chess" holen die Metaebene zwar auch ein bisschen rein (nach Pratchettscher Narrative-Causality-Manier), aber wenn das thematisch fokussiert wird, klingt das super.

Aber einfach nur "für etwas Großes bestimmt sein", nee, das finde ich eher murks. Und das taucht für mein Gefühl im Rollenspiel doch recht oft auf.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #6 am: 18.06.2026 | 09:19 »
Kommt mir eher so vor als würden jene Spiele das nicht richtig und mit allem und scharf machen.

Ich würde sagen: Wenn du das richtig machst, dann spielst du das Chosen-Genre, wenn man so will (die von dir genanten Klischees les ich zum ersten Mal, tbh. Scheint aber ja ein Ding zu sein). Ich schätze, Swanosaurus meint "Auserwählt" eben gerade als einfache Lösung, warum SC zBsp deutlich mächter wie NSC sind.
Savage Worlds schrammt da meiner Ansicht nach mit der Aufteilung von SC-Wildcards und Statisten knapp dran vorbei, indem auch wichtige Antagonist·innen Wildcard sind  8)
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #7 am: 18.06.2026 | 09:22 »
Savage Worlds schrammt da meiner Ansicht nach mit der Aufteilung von SC-Wildcards und Statisten knapp dran vorbei, indem auch wichtige Antagonist·innen Wildcard sind  8)

Wobei das bei Savage Worlds ja von den Regeln her auch nichts diegetisches hat, oder? Die Wild Cards sind Wild Cards wie jede beliebige von Harrison Ford gespielte Rolle in einem Fantasy-, SF- oder Pulp-Franchise: Sie kommen halt irgendwie immer mit den wildesten Sachen durch, aber nicht, weil sie auserwählt sind, sondern weil sie einfallsreich sind und öfters mal in entscheidenden Momenten Glück haben.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #8 am: 18.06.2026 | 09:25 »
Ich bin ja ein Fan von "schmiede dein eigenes Schicksal". Wenn nachträglich die Poeten eine "Bestimmung" in die Saga dichten, muss vorher ja keine da gewesen sein.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #9 am: 18.06.2026 | 09:32 »
Mal anders gefragt: Welche Rollenspiele gibt es denn, die den Chose-Trope überhaupt bedienen?  :think:
Ich hab jetzt DSA und AGON gedropt, aber so bei Standard-Fantasy fällt mir sonst keines ein, dass das explizit so erwähnt.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #10 am: 18.06.2026 | 09:35 »
Mal anders gefragt: Welche Rollenspiele gibt es denn, die den Chose-Trope überhaupt bedienen?  :think:
Ich hab jetzt DSA und AGON gedropt, aber so bei Standard-Fantasy fällt mir sonst keines ein, dass das explizit so erwähnt.

Wie gesagt Splittermond (sehr soft, aber gerade deshalb nervt es mich ein bisschen ...).
Beim neuen 7töter scheint das auch angedacht.
Midgard6 geht anscheinend mit den Schicksalsmünzen in die Richtung (diegetische Gummipunkte, die nur besondere Leute bekommen).

Die drei waren für mich jetzt der Anlass (lustigerweise alles Spiele, die mir im weitesten Sinne Midgard-Adjacent erscheinen).
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #11 am: 18.06.2026 | 09:42 »
Mal anders gefragt: Welche Rollenspiele gibt es denn, die den Chose-Trope überhaupt bedienen?  :think:

Let's Go To Magic School - haste kommen sehen - hat ein Playbook mit dem Prompt:

Zitat
There is a prophecy. Say why it might fit you. Say who it might also fit. If you get more involved, mark Inspiration. Take +1 to get away from it.
Let's Go To Magic School - Wenn man einen Zauberschulroman liest (und davon gibt's viele), lernt man mit den Charakteren über die Welt und die Magie. In diesem PbtA-Spiel, spielt ihr um herauszufinden, wie es mit Welt und Magie steht.

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #12 am: 18.06.2026 | 09:48 »
Let's Go To Magic School - haste kommen sehen - hat ein Playbook mit dem Prompt:

Ich glaube, Orko hat es ganz gut damit getroffen - da habe ich mich eingangs nicht klar ausgedrückt. Wenn das wirklich ein zentrales Trope ist und was interessantes damit gemacht wird, kann das schon auch cool sein, gerade, wenn ein bisschen subversiv damit umgegangen wird (was im Rollenspiel fast zwangsläufig passieren dürfte, sobald das Erwähltsein ein bisschen konkreter wird und die Dinge dann eventuell gerade eben nicht so laufen wie von der Prophezeiung vorgesehen).

Was mich eher stört, ist ein diffuses "Vom Schicksal auserwählt, große Taten zu vollbringen". Das sehe ich ähnlich wie Raven: Im Nachhinein können die Leute gerne finden, dass jemand vom Schicksal auserwählt war. Aber das innerhalb der Spielwelt zum objektivieren missfällt mir.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #13 am: 18.06.2026 | 10:21 »
Freilich. Lauwarm ist doof. Bei so ziemlich allem.

Von einer Weltenbau-Perspektive stellen sich natürlich folgende Fragen. Leute sind "Vom Schicksal auserwählt, große Taten zu vollbringen". Kann man herausfinden, welche Leute das sind? Gibts da nen Geiger-Zählen? Dann werden Personen mit Einfluss versuchen diese Leute entweder zu rekrutieren oder aus dem Weg zu räumen. Im Grunde das selbe Muster wie bei angeborener Magie.

Wenn es Kenntnis über die Sache gibt, aber keine klaren Hinweise, wer dazu zählt, dann gibts nen Markt. Eso-Influencer lieben das. Sind Sie ein Auserwählter?
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Wenn es in der Welt existiert, werden Leute darauf reagieren. Mir scheint es eher so, als würden die Beispiele, die du bringst, das gerade nicht tun.
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Offline Namo

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #14 am: 18.06.2026 | 10:28 »
Chosen Ones ist genau mein Ding und ich liebe das und das ist auch seit jeher ein wiederkehrendes Element. Für mich quasi der Urknall des Heldenspiels. So, damit ist schon mal klar, dass ich von der ganz anderen Seite des Blattes wie Swanosaurus komme.

Letzten Endes ist das einfach meine Prägung durch die Medien und dem Material mit dem ich mich seit jeher als Kind/Jugendlicher/Erwachsener beschäftigt habe. Klar kann es den Held wider Willen geben. Aber ich mag Prophezeiungen, Vorhersehung, Menschen die zu gottgleichen Titanen werden und sich über den 0815 Menschen erheben. Genau das ist doch am Ende auch die Mechanik vieler klassischer Rollenspiele. DnD Stufe 20 ich schaue auf dich  ~;D

Jetzt muss ich aber auch dazu sagen, dass ich eben sehr lange Kampagnen spiele und daher letzten Endes auch entsprechend an den dort aufgebauten Themen hängen bleibe. Ich muss und würde das nicht in jeder Runde haben wollen. Immer nur Auserwählt ist wie die Marvelformel - am Ende muss es eine gewaltige Schlacht geben und die Welt muss gerettet werden. Das wird auch irgendwann langweilig. Und Langeweile wollen wir im Rollenspiel sicher nicht.

Ein Auserwählter zu sein bedeutet für mich aber nicht Unsterblichkeit. Dadurch nimmt man den Abenteuern ja auch die Gefahr. Ein Auserwählter muss sein Schicksal auch erfüllen - und das gelingt nicht jedem. Natürlich nutzen wir "Gummipunkte" bei unserem System - ob Auserwählt oder nicht. Aber gerade von diesem Status her lassen sich Schicksalspunkte (ein viel schönerer und passenderer Begriff) ja dann auch viel besser erklären. Die Auserwählten können ihr Schicksal besser bestimmen und in die Hand nehmen wie normale Sterbliche - aber sie sind eben auch keine Götter. Denn normalerweise ist es eine solche Wesenheit die diese Punkte auch nur verleihen kann. Und natürlich gibt es dann auch Antagonisten die Auserwählte ihres Gottes sein können. "Der Böse ist der Held seiner eigenen Geschichte!". In der aktuellen Kampagne hat meine Runde die Schicksalsbegegnung mit einem Artefakt des Sonnengottes gehabt, durch das in ihnen etwas geweckt wurde. Seither haben sie Zugriff auf Schicksalspunkte. Diese werden immer dann vergeben, wenn sie ihr Schicksal berühren oder Handlungen vollziehen, die damit zu tun haben.

Da schreibe ich von Göttern, Schicksal etc. Ja, da sind wir halt einfach in meiner Definition von einer epischen Kampagne - quasi der Marvelformel angekommen. Ich finde es schön für die Spieler, wenn sie am Ende eben dann auch mal richtig auf die Kacke hauen können - und das umgekehrt aber nicht genauso jeder Gegner machen kann. Das ist eine Heldenreise im wahrsten Sinne die man da spielt. Und solange die Spieler eben genau das mögen, einfach raus aus ihrem langweiligen Leben und einfach mal einen übergroßen Helden spielen, der sich auch nicht mit Alltagsproblemen herum schlagen muss, dann ist das doch perfekt.

Und umgekehrt kann ich als Spielleiter dadurch eben auch mit den unmöglichsten Szenarien und Bedrohungen ankommen. Da kann dann eben alles verwurstet werden. Weltuntergang, Götter, Ebenenreisen und was weiß ich nicht alles. Komplett over the top. Und durch die Spielmechanik der Schicksalspunkte sind die Chance eben da, dass die Charaktere solche Begegnungen eben auch mal überleben können. Sie sind eine Resource, die einmalige Patzer oder Fehler ausgleichen kann - aber eben niemals dafür sorgen wird, dass man einfach unachtsam durch die Weltgeschichte stiefeln kann, weil ich bin ja Superman. Ich begreife die einfach auch als Balancemittel auf Spielerseite, wenn ich als SL vielleicht auch mal in der Begegnungsbalance einen Fehler mache - oder die Würfel einfach zu wild fallen. Und da es eine knappe Resource ist (bei unserem System, anders wie bei SW), überlegen die Spieler sich deren Einsatz immer recht gut.

Und mit der Auserwählten Thematik, kann man eben auch all die Goodies unterbringen die damit zusammenhängen. Prophezeiungen hängen eben an jeder Ecke dann. Das Schicksal liegt vor ihnen. Unheilschwanger. Aber was bedeutet das für den einzelnen Charakter? Die Spieler können ja genau das entscheiden und bespielen. Ob sie das überhaupt annehmen wollen. Oder auch ob der Charakter diese Verantwortung annimmt. Daraus ergeben sich doch auch immer schöne Szenen. Wird das Schicksal vieler über das weniger gestellt? Meistens geht es bei den Schicksalshelden ja auch darum die Menscheit whatever zu retten. Dafür muss er aber vielleicht seine Familie/Liebe aufgeben. Solche Themenfelder mag ich dabei auch sehr gerne bespielen.

Offline Swanosaurus

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #15 am: 18.06.2026 | 10:31 »

Wenn es in der Welt existiert, werden Leute darauf reagieren. Mir scheint es eher so, als würden die Beispiele, die du bringst, das gerade nicht tun.

Ja, genau. Der Erwählten-Topos kann spannende Geschichten triggern (die ich dann auch als fewshot gerne goutiere). Aber in meiner All-Puprose-Fantasywelt kann ich wenig mit ihm anfangen, schon gar nicht, wenn er nur dazu dient, innerhalb des Settings Regelelemente zu erklären, die dort gar keiner Erklärung bedürfen.

Übrigens eine der Sachen, die mich auch immer an Earthdawn gestört haben. Sicher, irgendwie ist es genial, Charakterklassen und -level in die Fiktion reinzuholen, um eventuelle Dissonanzen zwischen Regel- und Weltebene aufzulösen. Trotzdem empfinde ich das eher so, als würde eine Figur sich im Film den Kopf am eingeblendeten Titel stoßen. Kann man machen, ist aber eine Entscheidung, die ganz klar sagt, dass das Erzählte mit den Erzähltechniken verschwimmt und die Geschichte damit ein Stück weit zur Parodie macht.
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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #16 am: 18.06.2026 | 10:44 »
Earthdawn fand ich immer recht Geschmackvoll. Du steist ja einen Rang auch nur auf, wenn du in der Spielwelt gewisse Voraussetzungen erreichst. Deshalb erinnert mich das neue Cosmere-Spiel so daran. Das will auch, dass du deinen Spren findest und bezirzst.

Eine gutes LitRPG-RPG habe ich tatsächlich noch nicht gefunden. Da würde für mich genau das umgekehrte gelten und insofern sehe ich was du meinst. Ein solches Spiel müsste natürlich das System, von dem die Figuren in der Welt wissen, von dem trennen, was wir am Spieltisch tun, weil der Punkt an so einem typischen LitRPG ja gerade ist, dass die Figuren im Laufe der Handlung - und das heißt wir mit ihnen - herausfinden, wie das System funktioniert. Als Spielende dürfen wir davon also zu Spielbeginn nicht all zu viel wissen.
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Offline Maarzan

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #17 am: 18.06.2026 | 11:06 »
Ich werde bei diesem "Erwählten" meme auch sehr schnell sehr vorsichtig. Mir erscheint es als der schnelle faule Weg zum Ruhm.
Storytellertraumatisiert und auf der Suche nach einer kuscheligen Selbsthilferunde ...

Offline Irian

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #18 am: 18.06.2026 | 11:31 »
Hm, wenn man sich überlegt, was Regeln so abbilden könnten...

a) Gewöhnliche Leute, die gewöhnliche Dinge tun.
b) Gewöhnliche Leute, die außergewöhnliche Dinge tun und dabei, ganz realistisch, mit überaus großer Wahrscheinlichkeit draufgehen.
c) Gewöhnliche Leute, die außergewöhnliche Dinge tun und dies entgegen der realistischen Wahrscheinlichkeit meist sogar überleben.
d) Außergewöhnliche Leute, die außergewöhnliche Dinge tun und dies erwartungsgemäß meist sogar überleben. (aka "chosen ones")

Wo genau ist der Unterschied zwischen c) und d)? Doch nur die rein innerweltliche Erklärung. Ob jemand nun durch das Schicksal auserwählt ist eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit zu haben oder durch die Tatsache, dass es halt ein SC ist, gibt sich nun pragmatischerweise auch ned soviel, oder?

"Neeeein, du bist nichts besonderes, gar nicht vom Schicksal auserwählt, nur irgendso ein Typ, der gerade drölfzig Goons mit einem Löffel besiegt hat und sich nun in Heimarbeit den Pfahl aus der Brust operiert. Aber ganz normal halt, nicht irgendwie besonders."
Hinweis: Nein, ich will dir nicht verbieten, X, Y oder Z in deinem Rollenspiel zu tun. Nein, ich habe dich keinen Rassisten genannt. Ja, du darfst X, Y oder Z auch weiterhin tun (außer es ist illegal, dann ist es aber auch nicht mein Problem). Wenn du denkst, es gibt eine einflussreiche oder auch nur mäßig große Gruppe hier im Forum oder in der dt. Szene, die dir dein Rollenspiel verbieten will, liegst du sehr wahrscheinlich falsch, insb. weil es idR keinen interessiert, was du so tust.

Offline Zed

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #19 am: 18.06.2026 | 11:36 »
Ich musste viel über die Ausgangsfrage nachdenken, bis ich verstanden habe, wie es in meiner Langzeitkampagne läuft.

Spontan habe ich eine Distanz zu der Idee der Auserwählten. Weil es dramaturgisch insgesamt weniger offen ist und insbesondere, weil es speziell in die Freiheit der Charakterentwicklung eingreift

Auf der anderen Seite will ich, dass die Figuren die Chance haben, außergewöhnlich zu sein. Darum gebe ich allen Spielenden viele Möglichkeit, außergewöhnlich zu werden: Exceptionalism anstatt „The Chosen Ones“

Mit Außergewöhnlichkeit ist nicht „Supermächtigkeit“ gemeint. Außergewöhnlichkeit kommt von einzigartigen Erfahrungen; ansonsten unbekanntem Geheimwissen, das die SCs erlangen; von Begegnungen, Freundschaften und Feindschaften, die niemand sonst so hat.

Was die Spielenden aus ihren Außergewöhnlichkeiten machen, liegt ganz in ihren Händen - ohne Vorherbestimmtheit, die bei Auserwählten mitschwingt.

Offline Eleazar

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #20 am: 18.06.2026 | 11:40 »
Ich kann damit eigentlich erst mal nichts anfangen. Ich vermute, dass das eine Idee ist, die sich auf Dauer auch totläuft: "Und schon wieder eine Figur, die mit einem goldenen Bauchnabel geboren wurde..."

Dabei habe ich nichts dagegen, wenn Spielfiguren etwas Besonderes sind und in ihrer Umgebung etwas herausragen. Bei Midgard war es so, dass für die Spielfiguren alle Basiseigenschaften zweimal gewürfelt wurden: Abenteurer hatten also statistisch einen Durchschnitt von 66%, Normalos einen von 50%. Außerdem konnte man komplett zu mies ausgewürfelte Figuren noch mal würfeln.

Unabhängig davon, ob man ein Kauf- oder ein Auswürfelsystem bevorzugt, fand ich die Begründung gut: Wer auf Abenteuer auszieht, der bringt eben von Hause aus ein höheres Potential mit. Wer unterm Durchschnitt liegt, der traut sich das eher nicht. Und Gummipunkte wie Göttliche Gnade oder Schicksalsgunst hat man sich durch besondere Aktionen oder durch große Erfahrung im Spiel erworben. Dass auch mächtige NSFs nicht unbedingt Schicksalsgunst zu haben brauchen, ist zwar irgendwie "unfair". Aber im Spiel bringt es schon mal mehr Spaß, wenn ein Gegner durch Pech einen Kampf verliert, als wenn eine Spielfigur wegen Würfelpech das Zeitliche segnet. Das kann ich verstehen.

Bei 7töter - so weit ich das verstanden habe und so weit man das bislang wissen kann - haben die Spielfiguren zwar schon eine besondere Gabe und Herkunft, aber wenn ich das richtig sehe, dann ist das bedingt durch eine gewisse Spielweltlogik und nicht durch eine schnöde Regelmechanik. Irgendwie - ich hoffe, das stimmt so - bekommen sie dazu einen Zugang zu den Taschenuniversen, die den Normalos in der Regel verborgen bleiben. Das ergibt einen Sinn, denn wenn alle hin und her wechseln könnten, dann wären diese Taschenuniversen kein Geheimnis, sondern einfach Orte, die man über eine Art Teleporter erreichen würde, als würde man einen Bus nehmen und bei der nächsten Haltestelle aussteigen. Es wären keine zauberhaften Orte mehr, sondern einfach normale Orte, die dann auch im regen Austausch mit der normalen Welt stünden. Damit wäre die Idee verschenkt.

Ähnlich ist es wahrscheinlich bei Vaesen: Nur die Spielfiguren und wahrscheinlich ein paar handverlesene NSF können all die Feenwesen und Geister sehen. Die Normalos nicht. Könnte das jeder, dann spielte man in Skandinavien des 19. Jahhunderts mit etwas anderen Biobüchern und ohne eine unsichtbare, geheime Welt. Der Plot wäre geschrottet.

Bei Superheldenspielen wäre es ähnlich: Ohne besondere Fertigkeiten gibt es keine Superhelden. Das Genre wäre nicht spielbar.

Bei all dem gehe ich mit.

Aber irgendein Erwählungsmist, nur um einen Bennie zu bekommen oder um das Langschwert um 1 besser zu beherrschen? Das ist mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Das braucht kein Mensch. Und sollte man so ein System über lange, lange Zeit in verschiedenen Kampagnen und mit verschiedenen Figuren spielen, dann wird es in meinen Augen grotesk, wenn immer wieder neue von Göttern oder dem Schicksal oder dem Glück erwählte Figuren auftauchen. Wer's braucht, kann es machen. Aber ich finde den Charme eher pubertär.

Und er grenzt doch auch das Charakterspiel und das Kampagnendesign ein: Jetzt bin ich von einer Gottheit zu höherem berufen und spiele aber einen Lebemann mit eher niederen Gelüsten. Das beißt sich doch. Ich bin vom Schicksal auserwählt, aber erst mal muss ich eine Provinzräuberbande vertreiben, die ein Kuhkaff bedroht. Komisch, nicht?

Ich finde, eine Erwählung muss man sich erspielen oder das Abenteuer / die Kampagne muss das mitbringen. Und dann muss ich halt den Ring nach Mordor tragen, statt Kartoffeln anzubauen. Aber das sollten SL und die Spieler aushandeln und nicht das Regelsystem vorgeben. Zumindest nicht, wenn es damit keine tiefergehende Geschichte erklärt, sondern nur ein paar lahme Boni verteilen will.

Offline Swanosaurus

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #21 am: 18.06.2026 | 11:40 »
c) Gewöhnliche Leute, die außergewöhnliche Dinge tun und dies entgegen der realistischen Wahrscheinlichkeit meist sogar überleben.
d) Außergewöhnliche Leute, die außergewöhnliche Dinge tun und dies erwartungsgemäß meist sogar überleben. (aka "chosen ones")

Wo genau ist der Unterschied zwischen c) und d)? Doch nur die rein innerweltliche Erklärung. Ob jemand nun durch das Schicksal auserwählt ist eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit zu haben oder durch die Tatsache, dass es halt ein SC ist, gibt sich nun pragmatischerweise auch ned soviel, oder?


Nee, eben. Deshalb verstehe ich ja nicht, wozu es Erwählte braucht. Wobei "außergewöhnliche Leute" jetzt auch keine Erwählten für mich sind - natürlich sind die Helden von Abenteuergeschichten meistens allein schon insofern außergewöhnlich, dass sie sich auf Abenteuer einlassen, und wenn sie es öfters tun und mit Glück überleben, werden sie ja wohl auch ein bisschen Übung im Übeleben bekommen. D) sind für mich also keine Chosen Ones. Chosen Ones sind sie dann, wenn das Überleben nicht dem (auf der Metaebene gerne durch die Regeln gezinkten) Zufall und den Fähigkeiten und Vorteilen, die sie sich angeeignet haben, geschuldet ist, sondern dem Willen einer höheren Macht, die sie für irgendeine bestimmte Rolle (oder auch nur dafür, besonders(TM) zu sein) ausersehen hat.

Wenn das dann zum Beispiel zur Erklärung von Gummipunkten herangezogen wird, dann ist das für mich nur noch einen kleinen Schritt entfernt davon, Hit Points in Gramm abgesäbeltes Fleisch umzurechnen.
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Meine Veröffentlichungen:
Season of the Snail für Troika!: https://www.drivethrurpg.com/de/product/524068/season-of-the-snail
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Offline Quaint

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #22 am: 18.06.2026 | 11:40 »
Hab keine besondere Meinung dazu. Manchmal hab ich einzelne Charaktere oder die Gruppe als Außerwählte agieren lassen, aber natürlich nicht in jeder Kampagne. Blieb mir jetzt nicht als aussergewöhnlich gut oder schlecht in Erinnerung. Hatte es auch schon, dass ich andeutete jemand könnte Auserwählt sein und derjenige hat das quasi abgelehnt. Auch fine.
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Offline unicum

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #23 am: 18.06.2026 | 11:53 »
"Auserwählt" hat für mich auch etwas von "Fremdbestimmt."


Offline Ludovico

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Re: Vom Schicksal erwählt - Top oder Flop?
« Antwort #24 am: 18.06.2026 | 11:55 »
Aus meiner Sicht ist es Flop.
Ich mag schon Computerspiele nicht, bei denen der Charakter so etwas wie "Der Auserwählte" ist.
Bei Superhelden ist es ähnlich, wenn sie schon so geboren sind.

Ich mag Charaktere, die normale Leute sind, die in eine außergewöhnliche Situation kommen und damit umgehen und dabei über sich selbst hinauswachsen müssen.