Ich kann damit eigentlich erst mal nichts anfangen. Ich vermute, dass das eine Idee ist, die sich auf Dauer auch totläuft: "Und schon wieder eine Figur, die mit einem goldenen Bauchnabel geboren wurde..."
Dabei habe ich nichts dagegen, wenn Spielfiguren etwas Besonderes sind und in ihrer Umgebung etwas herausragen. Bei Midgard war es so, dass für die Spielfiguren alle Basiseigenschaften zweimal gewürfelt wurden: Abenteurer hatten also statistisch einen Durchschnitt von 66%, Normalos einen von 50%. Außerdem konnte man komplett zu mies ausgewürfelte Figuren noch mal würfeln.
Unabhängig davon, ob man ein Kauf- oder ein Auswürfelsystem bevorzugt, fand ich die Begründung gut: Wer auf Abenteuer auszieht, der bringt eben von Hause aus ein höheres Potential mit. Wer unterm Durchschnitt liegt, der traut sich das eher nicht. Und Gummipunkte wie Göttliche Gnade oder Schicksalsgunst hat man sich durch besondere Aktionen oder durch große Erfahrung im Spiel erworben. Dass auch mächtige NSFs nicht unbedingt Schicksalsgunst zu haben brauchen, ist zwar irgendwie "unfair". Aber im Spiel bringt es schon mal mehr Spaß, wenn ein Gegner durch Pech einen Kampf verliert, als wenn eine Spielfigur wegen Würfelpech das Zeitliche segnet. Das kann ich verstehen.
Bei 7töter - so weit ich das verstanden habe und so weit man das bislang wissen kann - haben die Spielfiguren zwar schon eine besondere Gabe und Herkunft, aber wenn ich das richtig sehe, dann ist das bedingt durch eine gewisse Spielweltlogik und nicht durch eine schnöde Regelmechanik. Irgendwie - ich hoffe, das stimmt so - bekommen sie dazu einen Zugang zu den Taschenuniversen, die den Normalos in der Regel verborgen bleiben. Das ergibt einen Sinn, denn wenn alle hin und her wechseln könnten, dann wären diese Taschenuniversen kein Geheimnis, sondern einfach Orte, die man über eine Art Teleporter erreichen würde, als würde man einen Bus nehmen und bei der nächsten Haltestelle aussteigen. Es wären keine zauberhaften Orte mehr, sondern einfach normale Orte, die dann auch im regen Austausch mit der normalen Welt stünden. Damit wäre die Idee verschenkt.
Ähnlich ist es wahrscheinlich bei Vaesen: Nur die Spielfiguren und wahrscheinlich ein paar handverlesene NSF können all die Feenwesen und Geister sehen. Die Normalos nicht. Könnte das jeder, dann spielte man in Skandinavien des 19. Jahhunderts mit etwas anderen Biobüchern und ohne eine unsichtbare, geheime Welt. Der Plot wäre geschrottet.
Bei Superheldenspielen wäre es ähnlich: Ohne besondere Fertigkeiten gibt es keine Superhelden. Das Genre wäre nicht spielbar.
Bei all dem gehe ich mit.
Aber irgendein Erwählungsmist, nur um einen Bennie zu bekommen oder um das Langschwert um 1 besser zu beherrschen? Das ist mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Das braucht kein Mensch. Und sollte man so ein System über lange, lange Zeit in verschiedenen Kampagnen und mit verschiedenen Figuren spielen, dann wird es in meinen Augen grotesk, wenn immer wieder neue von Göttern oder dem Schicksal oder dem Glück erwählte Figuren auftauchen. Wer's braucht, kann es machen. Aber ich finde den Charme eher pubertär.
Und er grenzt doch auch das Charakterspiel und das Kampagnendesign ein: Jetzt bin ich von einer Gottheit zu höherem berufen und spiele aber einen Lebemann mit eher niederen Gelüsten. Das beißt sich doch. Ich bin vom Schicksal auserwählt, aber erst mal muss ich eine Provinzräuberbande vertreiben, die ein Kuhkaff bedroht. Komisch, nicht?
Ich finde, eine Erwählung muss man sich erspielen oder das Abenteuer / die Kampagne muss das mitbringen. Und dann muss ich halt den Ring nach Mordor tragen, statt Kartoffeln anzubauen. Aber das sollten SL und die Spieler aushandeln und nicht das Regelsystem vorgeben. Zumindest nicht, wenn es damit keine tiefergehende Geschichte erklärt, sondern nur ein paar lahme Boni verteilen will.